Das B-Team 12.06.2016 Gedanken

Ein Bericht von:
Dr. Marga Keyl
Tierärztin

Der B-Wurf stellt sich vor:
Kreta. Sommer. Touristenzeit. Welpenzeit. Alle Pflegestellen der Tierschützer auf der Insel quellen über mit Welpen, die unter anderem von Touristen irgendwo im nirgendwo in Pappkartons oder Tüten gefunden wurden. Ausgesetzt, entsorgt, sich selbst zum Sterben überlassen. Keiner weiß, wohin mit all den Welpen. Uns ereilt ein Hilferuf von Gina und Tom, die im Süden der Insel einen Haufen Welpen neben einer Mülltonne gefunden haben. Neben der Mülltonne statt in der Mülltonne - sollen wir das schon als Fortschritt werten? Manche Menschen versuchen noch, ihr schlechtes Gewissen zu beruhigen. "Vielleicht findet sie ja jemand und kümmert sich darum?"
Daher sind auch einsame Kapellen ein beliebter Ort zum Entsorgen ungewollter Welpen. "Gott wird sich drum kümmern." Ich muss mich zusammenreißen, damit mir vor Wut nicht die Tränen kommen.

Denn leider sind es selten überirdische Wesen, die sich kümmern, sondern meistens doch die Tierschützer. So übernahm ich also den Karton mit acht kleinen, schwarzen Welpen. Frisch geboren und gleich entsorgt, die Nabelschnur war noch nicht abgefallen. Thomas hatte im Vorfeld mit Gina und Tom telefoniert und ihnen erklärt, dass die diensthabende Tierärztin die Winzlinge eventuell einschläfern würden. Die beiden waren sehr vernünftig und verstanden diesen Ansatz. "Besser, als neben einer Mülltonne zu vertrocknen", sagte Tom, während Thomas im Geiste schon die Stunden zählte, in denen die Tierärztinnen und Helfer des Fördervereins keinen Schlaf finden würden. Man kennt sich ja schließlich...

Es ist ein ewiger Spagat: Einerseits die Ressourcen so aufzuteilen, dass den bereits Geborenen geholfen wird, aber trotzdem die Kastrationen weiter vorangetrieben werden. Dr. Marga Keyl

Wären wir schneller gewesen und hätten die Mutterhündin kastriert, müssten wir uns jetzt die Nächte nicht um die Ohren schlagen. Es wäre eine halbe Stunde Arbeit gewesen, hätte ein paar Euro gekostet und alles wäre gut gewesen. Jetzt halten uns diese Zwerge über Wochen auf Trab, kosten viel Geld und Nerven. Hätte, würde, wenn ...

Nun sind sie aber da, die acht kleinen Bündel Elend, die zunächst nur wie ein undefinierbarer, krabbelnder Haufen aussehen. Schnell mischen wir Welpenmilch in Fläschchen an, denn die Kleinen hatten bereits die ganze Nacht und den halben Tag ohne Mutter und somit ohne Nahrung verbracht, ein extrem kritischer Zustand bei Neugeborenen. Schlaflose Nächte sollten folgen, denn auch nachts möchten die Babys regelmäßig Milch haben - und bis acht kleine Mäuler gestopft sind, geht einige Zeit ins Land. Und genau an dem Punkt verstehe ich Thomas, der es unter allen Umständen vermeiden möchte, ein Tierheim aus unserem New Life Resort zu machen. Wenn wir uns die Nächte um die Ohren schlagen, sehen wir alle nach kürzester Zeit um Jahre gealtert aus. Die Nerven liegen blank, Unruhe kehrt ein, denn es ist ja nicht so, dass wir tagsüber nichts zu tun haben. Unsere Partner, die Kliniken, die Notfälle... an jeder Stelle sollen wir helfen. Aber wie? Auch unsere Möglichkeiten sind begrenzt. Ein verdammter Kreislauf, den es nur zu durchbrechen gilt, wenn mehr Menschen an einem Strang ziehen. Mehr Tierärzte, die kastrieren, mehr Helfer, die die Station betreuen. Noch mehr Tierärzte, die auch in den anderen Ländern helfen. Dazu aber brauchen wir mehr Geld, was im Moment nicht da ist und schon verstehe ich wieder den Ansatz von Thomas. Trotzdem wimmert es in dem Karton neben mir und schon geht alles wieder von vorne los. Der Kreislauf...

Bei den Milch-Mahlzeiten schauen wir uns die Babys genauer an. Sechs Mädchen und zwei Rüden. Zwei von ihnen haben braune Beine, die eine mehr als die andere. Einige sind fast einfarbig schwarz, andere haben weiße Abzeichen an den Pfoten und an der Brust. Einige trinken immer und gierig, andere eher zögerlich und wenig. So wurden aus dem anonymen, schwarzen Haufen langsam acht kleine Persönlichkeiten. Persönlichkeiten, denen wir jedoch noch keine Namen geben wollen, denn wir wissen aus Erfahrung, dass noch viel passieren kann bis sie über den Berg sind. Die Welpen haben nie ihre Mutter zu Gesicht bekommen und hatten somit auch nicht die Chance, die wichtigen Abwehrstoffe aus der Muttermilch aufzunehmen. So starb uns ein kleines Mädchen nach 12 Tagen. Ganz plötzlich. Sie hörte auf zu trinken und wir konnten nur hilflos zuschauen. Ohne jemals das Licht der Welt erblickt zu haben, schlief sie in Rebekkas Händen ein. Am nächsten Tag begannen die anderen Welpen, ihre Augen zu öffnen.

Inzwischen ist unsere Rasselbande drei Wochen alt und möchte sich vorstellen: Bilbo und Batman sind die Jungs. Bacardi (unser kleiner Schluckspecht), Brandy, Beena, Banji und Bailey sind die Mädchen. Sie machen schon teilweise Versuche, die Milch aus der Schüssel zu trinken. Bei einigen klappt das schon ganz gut für den Anfang, bei den anderen eben noch nicht so. Wir werden weiter trainieren und anschließend gibt es ein schönes Baby-Bad.
Wenn es aus Ihren Reihen jemanden geben sollte, der sich in eines unserer Babys verliebt, so melden Sie sich bitte bei uns. Wir freuen uns über jede Form der Hilfe!


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