Die wahren Schönheiten 02.12.2017 Gedanken

Ein Bericht von:
Thomas Busch
Tierarzt und Vorstand

Den Erfolg unserer Arbeit kann man größtenteils nicht sehen. Lassen Sie diesen Satz kurz auf sich einwirken. "Je mehr wir Tierärzte schuften, desto weniger Elend kommt auf die Welt" - hilft beim Verstehen. Aber es sind nicht nur die ungeborenen Welpen, um die es bei unserer Arbeit geht. Es geht auch um die, die bereits die Ungnade dieser Welt erfahren mussten. Sie begleiten uns seit der ersten Stunde im Tierschutz. Sie sind immer da. Am Straßenrand - angefahren und unfähig sich zu bewegen, auf dem Arm von Touristen - blutüberströmt, in Seitenlage - vergiftet. Die Spirale dreht immer wieder Elend, Schmerz und Ungerechtigkeit nach oben - hundertfach und direkt in unsere Hände. Heute beleuchten wir sie, die Humpelnden, die Blinden, die, die uns viel Arbeit machen, oft Sorgen bereiten und uns auch viel Geld kosten. Durch sie können wir unsere Arbeit sehr wohl sehen.

Max und Lizel

Zwei von ihnen liegen neben mir und kuscheln sich an mich. Sie wärmen und erinnern mich jede Sekunde daran, wie schön mein Beruf ist. Mir ist das große Glück zuteil geworden, Leben retten zu können - ich muss es nicht immer nur verhindern. Auf der einen Seite der wuschelige Max, unser Bandscheibenvorfall, dessen Einschläfern ich während eines Einsatzes nicht übers Herz brachte und was ich nicht eine Sekunde lang bereue. Fast ein Jahr lebt er nun schon bei uns und dank meiner liebenswerten Mutter haben wir immer eine Pflegestelle für ihn, wenn ich zu Einsätzen aufbreche. Trotzdem müsste Max langsam mal einen Menschen bezaubern, der auch am Tierschutztropf hängt und uns entlasten möchte. Denn, und das ist die zweite schwer Verletzte, die sich an mich kuschelt, es gibt inzwischen nicht nur Max. Lizel ist für einige Tage zu mir gezogen, denn ich wollte sie in Griechenland nicht operieren. Ihre Baustelle unter ihrem Bauch hätte mich einen ganzen Vormittag beschäftigt, so viel war an ihr kaputt, so dass ich es vorzog, in dieser Zeit lieber ihre, offensichtlich gesunden, Leidensgenossen zu kastrieren. Sie durfte nach Deutschland reisen und hier nahm ich mir die Zeit, die die Operation der Leistenbrüche benötigt. Dreieinhalb Stunden schnitt, wühlte, sortierte und nähte ich, dann waren beide Leistenbrüche geschlossen, zwei Tumore entfernt und die Kastration fertig.

Um sicher zu gehen, dass sie die nächsten Tage unter medizinischer Beobachtung ist, habe ich sie mit zu uns nach Hause genommen. Gestern und Vorgestern war sie sehr schlapp, aber heute, als hätte sie einen Schalter umgelegt, kam sie auf mich zu, wedelte und legte sich neben mich. Ich habe lächelnd ihre süße Art des Danke sagen angenommen und nutze nun meine Emotionen um auch sie vorzustellen. Die Wärmflasche neben meinem Oberschenkel ist zirka sechs Jahre alt, hat eine goldige Seele und sucht offensichtlich die Nähe zu Menschen. Mit Max an meinem anderen Bein könnten unabhängige Beobachter vermuten, die beiden kennen mich seit ihrer Geburt. Und sich auch. Jetzt hoffe ich, dass ihre Leistenbrüche auf Ewig geschlossen bleiben und sie dadurch nie wieder Einschränkungen erleiden muss. Allerdings ist mein neuer Schatten eh eingeschränkt, denn ihr Vorderbein ist vor langer Zeit gebrochen und dermaßen schief zusammengewachsen, dass eine Operation ausgeschlossen ist. Sie wird ein Krüppelchen bleiben, kompensiert dies aber mit einer zauberhaften Art. Viel mehr kann ich zu ihr nicht sagen, dafür ist unsere Zeit zu kurz, denn morgen gebe ich sie an den Verein ACE - Tiere in Not e.V. zurück, der sich um den Rest der Vermittlung kümmern wird. Dann stehe ich mal wieder angelehnt an meine Haustür und versuche nicht die Tatsache zu verfluchen, dass ich nicht alle bei mir einziehen lassen kann. Deshalb schreibe ich diese Zeilen, denn ich möchte nicht glauben, dass ich die Einzige bin, die eine starke Verbindung zu Tieren fühlt, die nicht der Werbung entsprechen. Perfektes Aussehen brauche ich nicht, Schönheit definiere ich anders. Diese Schönheit ist mehr Wert als eine glanzvolle Optik.

Aber ich bin mit dem Problem der verletzten Tiere wahrlich nicht alleine unterwegs. Und genau deshalb fährt Thomas heute zu unserer Helferin Sabrina, ebenfalls ein Mensch mit dem Blick für die wahre Schönheit. Sabrina teilt das gleiche Schicksal. Sie kann nicht "nein" sagen und ihr großes Herz öffnet jeder schwer verletzten Seele die Tür. Egal ob fast verhungert aus einem Tierheim von Kreta, egal ob mit offenem Knochen, egal ob herzkrank oder behindert, Sabrina nimmt sie alle. Aber unser Verein darf nicht zuschauen, wie Sabrina kaum noch für andere Dinge Zeit hat. Sabrina brauchen wir an der Front, sie ist mit ihrer Art nicht zu ersetzen und demnach dürfen wir es nicht zulassen, dass sich die Schützlinge bei ihr kumulieren. Ihr da draußen, schaut doch mal ob bei Euch nicht ein Plätzchen frei ist. Für medizinische Probleme, die unsere Zwerge begleiten, stehen wir selbstverständlich an Eurer Seite. Die, die unseren Verein kennen und ein Krüppelchen zu sich genommen haben, wissen diese Zusage sehr zu schätzen. Wir verschweigen nichts und begleiten die Tiere über all die Jahre.
Eure Melanie Stehle

Kimo

Sabrina öffnet mir die Tür und eine tosende Begrüßung schallt mir entgegen. Ich erkenne sie sofort alle wieder: Kimo aus einem kretischen Tierheim. Sein Knochen ragte damals aus seinem Bein heraus. Das andere Bein war auch gebrochen, aber nicht offen. Die eine Seite bekam eine Platte eingesetzt, die andere einen Fixateur extern. Wochenlange Verbandswechsel haben dazu geführt, dass Sabrina aus ihm einen Hund gemacht hat, der nun über die Wiese fegt, als sei nie etwas gewesen. Ich sehe noch genau die SMS vor mir, mit der Nina um Hilfe bat und uns die Ausweglosigkeit des Tieres erzählte. Es waren insgesamt drei Tiere, die schwer verletzt waren. Wir holten sie zu uns und übernahmen damit die Verantwortung gleichfalls wie die OP-Kosten.

Antonia flog mit ihnen zur OP nach Flensburg in die Klinik von Dr. Ulrich Wölk, dessen gute Arbeit ich jetzt schwanzwedelnd vor mir sehe. "Warum ist der noch bei Dir?", schaue ich Sabrina fragend an und begrüße nun auch sie. Sabrina zuckt mit den Schultern. "Er ist treu und sehr anhänglich. Manchmal will er "Chef" spielen, aber das kriege ich mit meinem Rudel hin, also bekommen andere Menschen das auch geregelt. Außerdem wollen die meisten  doch eh nur einen Hund, also bitte. Kleinkinder braucht er nicht um glücklich zu sein, aber Katzen sind kein Problem", sagt Sabrina und als Beweis tritt "K" unter Kimos Bauch hervor. "K" ist nur die eine Hälfte, denn es gibt noch ein "K". Also der Zusammengehörigkeit wegen: "K&K". Zwei Schätze auf Samtpfoten. Geboren im Mai 2015 und von da wegen eines blöden, untherapierten Katzenschnupfens blind. Zwischen den Hunden könnte man sie auch für Hunde halten, aber nein, es sind wirklich Katzen. "K" bekommt täglich Tabletten, da wir Epilepsie vermuten. Sie macht hin und wieder kreisförmige, miauende Bewegungen. "Alles kein Problem", meint Sabrina und klingt dabei wie eine erfahrene Tierarzthelferin. Was sie definitiv ist, aber um den beiden gerecht zu werden, reichen normale Katzenkenntnisse. Wer die rotweißen Tiger sieht, versteht auch, dass Sabrina sie zusammen vermitteln möchte und sie nur in ein Haus mit eingezäuntem Garten abgibt. Sicherlich hohe Anforderungen, aber Sabrina hängt an ihren Tieren und will nur das Beste für sie.

Nicky

"Das gibt es doch nicht, sie ist ja komplett wieder hergestellt", murmele ich vor mich hin und begrüße die nächste, die sich zwischen Katzen und Hunde drängt, um mich zu begrüßen. Es ist die kleine Nicky. Sie kam in Seitenlage, nicht fähig aufzustehen. Ein Beckenbruch war offensichtlich aber irgend etwas anderes war an ihr auch nicht in Ordnung. Später stellte sich noch ein Schädelbruch heraus, der dazu führt, dass ein Geräusch bei Atmen bleiben wird. Aber mal ernsthaft, ist das ein Grund, sie nicht zu wollen? Nicky ist super, super lieb, aktiv und daher gerne auch für lange Spaziergänge zu haben. Wenn allerdings der Futternapf naht, scheint der Schädelbasisbruch noch Auswirkungen zu zeigen. Dann setzt ihr Gehirn für kurze Zeit aus und sie inhaliert geradezu den Inhalt der Schüssel. Aber wer kann ihr das übel nehmen, wenn ein Vierbeiner, der auf Kreta wahrscheinlich oft Hunger leiden musste, sein Fressen lieber im Bauch weiß, als in einem Napf?

Marty

Es ist ruhiger geworden. Die Begrüßungszeremonie ist beendet und die Tiere werden entspannter. Der eine oder andere verzieht sich auf die Kuschelkissen neben der Heizung. Auch das neue Sofa ist okkupiert und ich stelle mir mit einem Lächeln die Frage, wo Sabrina denn noch Platz findet. "Mitten drin", lacht sie und drückt Marty ein bisschen zur Seite. Wunderschön ist er geworden. Wahnsinn! Sein kompletter Rücken war damals über eine Breite von 10 cm von der Schulter bis zum Schwanz frei von Haut. Überall hatten sich Maden eingenistet, die unseren Helfern den Ekel ins Gesicht trieben. Es dauerte Wochen, bis Marty Vertrauen fasste. Er lebte lange im NLR und wurde gepflegt und geliebt. Aber irgendwann müssen die Tiere unsere Station verlassen, nicht weil wir sie leid sind, sondern weil das nächste Leid schon vor der Tür steht. Wir fanden eine Pflegestelle in Hamburg, die aber nach kurzer Zeit überraschend ins Krankenhaus musste und Marty einen neuen Platz suchte. In meiner Not fragte ich Sabrina, ob sie ihn nehmen würde und logischerweise kam ein "na klar". Deshalb fühle ich mich fast ein bisschen schuldig, dass Sabinas Sofa kaum noch Platz für sie selber frei hält. Und genau deshalb möchte ich diese Vierbeiner vorstellen, als Tiere, die einst verstoßen waren. Die zum Sterben geboren wurden. Ein Sterben auf grausamste Art. Unser Verein mit all seinen Angestellten stellt sich dem in den Weg. In den Weg, der hoffentlich nach langer Genesungszeit ein glückliches Ende findet. Nicht auf Sabrinas Sofa, sondern auf Ihrem! Marty ist ein wunderschöner Rüde geworden, anhänglich und treu. Was will man mehr? Die Bilder sprechen für sich.

Amigo

Aufmerksame Leser stellen sich nun sicherlich die Frage, wie Sabrina "ihre" Tiere betreut, wenn sie zu Einsätzen aufbricht. Dann ist die Familie gefragt, denn eigentlich ist das Thema "Tier" ein Familienunternehmen. Ihre Eltern und ihre Schwester kennen die Schützlinge genauso gut wie Sabrina. Sie erzählen mir von dem alten Amigo der eigentlich nur noch drei Wochen leben sollte. Er kommt ursprünglich von APAL aus Plakias und sollte seinen kurzen Lebensabend bei Sabrina verbringen. Aber der alte Herr denkt gar nicht ans Sterben, was man in Anbetracht der liebevollen Pflege mehr als nachvollziehen kann. Da er nachts nicht mehr komplett "dicht" ist, schläft Sabrina in ihrem Wohnzimmer auf dem Sofa und öffnet dem alten Herren die Tür, hinaus in den Garten, wenn Opa muss. Seit Neuestem befindet sich ein Wintergarten, sozusagen als Schleuse, zwischen Wohnzimmer und Garten, den ihr Papa netterweise dort hingezaubert hat. Damit nun Amigo den Weg nach draußen findet - denn er ist nahezu blind und kann nur noch hell und dunkel erkennen - leuchten ihm Teelichter, ähnlich einer Landebahn den Weg in den Garten.

Denver

Als ich mich verabschiede, kommt Denver dann doch noch zu mir. Er ist eher zurückhaltend und sucht sich die Leute, mit denen er was zu tun haben will selber aus. Auch er ist schon lange bei Sabrina. Zu lange wie ich finde, denn die Vermittlung wird prozentual zu der Zeit, die alle Tiere bei Sabrina bleiben, immer schwieriger. Demnach steigen die Vermittlungskriterien auch proportional, was aber jeder nachvollziehen kann. Da Denver ein Bein fehlt sollte ein ebenerdiges Zuhause gefunden werden, was irgendwie auch logisch ist. Ja, Sabrina, keine Wohnung, am besten ein Haus mit Garten, wenn möglich mit einem ruhigen Zweithund und täglich sein Spezialfutter. Nur das beste - versteht sich, und ja Sabrina, wir verstehen Dich!

Carolina

Als ich nach der Verabschiedung schon fast im Auto sitze, kommt die Mama an meinen Wagen. Auf dem Arm zwei Katzen, die sich bei näherem Hinsehen aber nur als eine darstellen. Es sind/ist Carolina, die ich unbedingt noch sehen muss! "Sieht sie nicht schön aus?" grinst die Mama und drückt ihr einen Kuss auf die Stirn. Sie scheint ihr Schatz zu sein, zumindest trägt sie sie so. "Und die chronische Pankreatitis sieht man ihr nicht an, oder? Sabrina füttert sie mit Spezialfutter und Enzymen und sie wird bestimmt Hundert", sagt sie und verlangt  von Carolina noch ein schönes Foto. Sie ist verschmust und anhänglich und kann beim Schnurren wunderschöne Geschichten erzählen.

Diese Geschichten gehen mir während der Heimfahrt durch den Kopf. Jedes Tier ist einzigartig. Jedes Tier ist es wert, gerettet zu werden. Jedes Tier hat die Mühen unserer Tierärzte und Helfer, die schlaflosen Nächte, das Beten und Hoffen, die Infusionen, die Wärmflaschen, das Vorsichtige Umbetten tausendfach zurück gegeben.

Bilbo

Neben Sabrina haben sich natürlich auch andere Menschen als Pflegestellen bereit erklärt, uns zu helfen. Bilbo, unser dreibeiniger Schatz wartet in der Nähe von Nürnberg auf eine Vermittlung. An ihm ist auch nichts verkehrt, außer dass eben ein Bein fehlt. Na und? Sind Sie komplett?

Yari

Zwischen München und Augsburg wartet Yari auf eine Familie. Sie ist Gott sei Dank auf einer Pflegestelle, der selbst die größten Probleme nichts anhaben können, denn Yari ist ein Fall für sich. Ihre Geschichte kennen die meisten, sie kam in Seitenlage schwer vergiftet zu uns. Sie kämpfte sich zurück ins Leben, ist aber auf ihre Art "speziell".

Auch freue ich mich über die Pflegestellen in Nürnberg und in Hamburger Nähe in denen, fast wie selbstverständlich Tiere mit Knochenbrüchen nach der OP Erholung und liebevolle Betreuung finden. Euch gehört ebenfalls mein Dank!

Oft denke an die Zeit zurück, als ich auf Kreta einem kleinen Hund mit zwei gebrochenen Beinen nicht helfen konnte, weil kein Geld da war. Ich schwor mir, dass das nie wieder passieren würde. Es passierte nie wieder! Mein eiserner Wille allein hätte mein Versprechen aber nicht in Erfüllung gehen lassen können. Sie waren es, die vielen Spender, die bis heute geblieben sind um unsere Mission zu begleiteten. Ohne sie hätte ich mein Versprechen nicht halten können, liegen doch oft zwischen Beten und Hoffen einige Tausend Euro. Diese Sorge nicht auch noch mit sich rumschleppen zu müssen und immer einen Topf hinter sich zu haben, aus dem man die Operationen und die Medikamente bezahlen kann, empfinde ich als großes Geschenk.
Danke, dass wir dadurch helfende Menschen sein dürfen und keine Maschinen.
Thomas Busch


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