Es kommt der Tag... 19.05.2012 Tierschicksal

Ein Bericht von:
Ines Leeuw
Tierärztin

ein Bericht von Tierärztin Ines Leeuw
Es kommt der Tag, an dem alles wieder gut wird! Der LKW hat nichts gemerkt. Der LKW-Fahrer auch nicht. Lediglich die Reifen spürten kurzfristig etwas Weiches unter sich, zuerst die vorderen, dann die hinteren.Es kommt der Tag, an dem alles wieder gut wird!Der LKW hat nichts gemerkt. Der LKW-Fahrer auch nicht. Es hat nicht gewackelt und auch keinen "Rums" gegeben. Keine Beule an der schönen Blechhaut und auch das teure Plastik hat nichts abbekommen. Der Lack glänzt wie eh und je. Lediglich die Reifen spürten kurzfristig etwas Weiches unter sich, zuerst die vorderen, dann die hinteren. Der LKW-Fahrer fuhr weiter – unterstellen wir ihm mal, dass ihm nichts Sonderbares aufgefallen ist.

Mir dagegen schon. Ich beginne mit der Untersuchung. Wie ein Detektiv versuche ich den Unfallhergang zu rekonstruieren. Niemand hat etwas von der Aufklärung, lediglich ich, weil es mich interessiert. Und trotz aller erstellten Diagnosen bleibt der Hergang spekulativ.Kavalla ist mir mit VIER (!) gebrochenen Beinen gebracht worden. Diese Diagnose hätte jeder der anwesenden Tierschützer auch stellen können, denn an ein Laufen ist bei diesem Tier nicht mehr zu denken. Sie liegt ganz still vor mir – lediglich ihr Schwänzchen wedelt. Immerhin EIN gutes Zeichen, denn dann scheint die Wirbelsäule unbeschadet zu sein. Alle Beine sind auf etwa der gleichen Höhe gebrochen, eines der Vorderbeine ist an der Bruchstelle am Ellenbogen offen. Es knirscht und knackt bei meiner Untersuchung und die Ferntherapie eines in Deutschland ansässigen Vereines – per Telefon dazugeschaltet – lautet: Einschläfern. Mal wieder ein Grund sich aufzuregen, denn dass sich Laien und dann auch noch von mehreren Tausend Kilometern Entfernung in irgendetwas einmischen, von dem sie keine Ahnung haben, erlebe ich nicht zum ersten Mal. Lediglich die Kostenübernahme wäre ein Grund, der Euthanasie zuzustimmen. "Aber wenn alle zusammenlegen...", denke ich und blicke dabei unbeabsichtigt in die Augen der jungen Hündin. Ein Fehler, den ich sonst immer tunlichst versuche zu vermeiden, aber nun treffen sich zwei Blicke, die ein und dasselbe Ziel signalisieren. Leben! Sie ist einfach nur zauberhaft, jung, süß und weit davon entfernt, ihre Tragik auch nur ansatzweise zu verstehen. Lediglich Schmerzen wird sie haben, obwohl ihr Schock sie vielleicht noch ein bisschen schützt. Ab jetzt übernimmt das Schmerzmittel diese Aufgabe. Aber alles an ihr zeigt eindeutig einen uneingeschränkten Willen, leben zu wollen. Und noch einer spürt diesen Wunsch, das zarte Wesen nicht sterben zu lassen, nicht wegen ein paar gebrochener Beiner. Ich!"Scheiß auf die Kosten", sage ich und schaue auf, als hätte ich erst jetzt bemerkt, dass ich nicht alleine bin.

Ein Aufatmen der um mich herum stehenden Tierschützer ist leise zu vernehmen, wissen in diesem Moment doch alle, dass sie soeben eine große Sorge weniger haben, ich dagegen eine mehr. Aber als meine Worte per Telefon Thomas erreichen, sehe ich förmlich ein Lächeln über sein Gesicht huschen. Er hat gegen mich sowieso keine Chance."Im medizinischen Bereich bin ich der Chef" ,sagt er doch immer, also bitte..."Sie wird gegen das Fahrzeug gelaufen sein, wurde hochgeschleudert, und geriet in Seitenlage wahrscheinlich unter eines der Hinterräder. Ähnlich einer tonnenschweren Walze, die gnadenlos alles niederwalzt, was sich ihr in den Weg stellt, hat der Reifen ganze Arbeit geleistet", rekonstruiere ich murmelnd den Unfallhergang. "Das wird nicht einfach..."Kavalla ist jung, vielleicht vier oder fünf Monate alt und die Art, wie sie mit mir umgeht, ist unbeschreiblich. Es muss wehtun, meine vorsichtige Untersuchung über sich ergehen zu lassen, aber kein Anzeichen - absolut keines – von unerträglichen Schmerzen. Stattdessen leckt sie meine Hände.Was für ein süßes Geschöpf ist hier auf unsere Erde gesandt worden, auf einen Teil, der mit ihr nicht das Geringste anzufangen weiß. Ich schon.Entgegen der Therapievorschläge aus Deutschland leite ich den Operationsmarathon ein. "Wer hat Flugpaten nach Nürnberg oder München?" , höre ich mich in die Tierschutzrunde fragen und bekomme tatsächlich eine positive Antwort. Morgen Mittag...Hier in diesem Stall traue ich mich an eine Operation der Knochen nicht heran. Außerdem ist der Bruch am Ellenbogen kompliziert und da ist mir die Kompetenz eines Spezialisten lieber. "Also Uwe, hast Du Zeit und Lust?" Er hat... Leider habe ich die Rechnung ohne den freundlichen Flughafenars... gemacht, der doch tatsächlich meint, dass der Hund ohne rechtzeitige Anmeldung – selbst mit 44 gebrochenen Beinen – nicht fliegen darf. Von einem Notfall scheint er noch nie etwas gehört zu haben. Ich koche vor Wut!Unsere gesamte Arbeit ist damit zunichte gemacht worden. Ich hatte die Kleine eingepackt wie ein aus Glas bestehendes Weihnachtsgeschenk. An allen vier Beinen trug sie dicke Verbände. Schmerzmittel und eine Beruhigung hätten Kavalla die Reise erträglich werden lassen. Aber nein, Kavalla ist wieder bei mir. Die 100km zum Flughafen – umsonst.Also werden alle Fahrketten, Unterbringungsmöglichkeiten, Abholer inklusive Dr. Uwe Dlouhy informiert, dass der Wind, den ich zuvor gemacht hatte, an der Uniformschabe hängengeblieben ist.

"Wir warten auf neue Instruktionen", sind die tröstenden Worte einer perfekt organisierten Mithilfe aus Deutschland – leider umsonst -, für die ich mich an dieser Stelle einmal ganz herzlich bedanken möchte!!!Als die Kleine vom Flughafen zurück erneut bei mir ist, fällt die Stimmung in ein großes Loch, aber der Blick dieser jugendlichen Hündin, die mal wieder mit ihrem Schwänzchen wedelt, lässt mich nicht aufgeben.In wenigen Tagen beende ich hier meinen Einsatz und fahre mit dem Auto zurück nach Deutschland. Wenn sich bis dahin kein weiterer Flugpate gefunden hat, nehme ich sie mit.Es findet sich kein weiterer Flugpate.Drei Tage später und nach einer Tagesetappe von schlappen 945 Kilometern beginnt um 20:00 Uhr in Lauf an der Pegnitz die Operation. Uwe (Dr. Dlouhy) sieht nach einem langen Tag auch irgendwie müde aus, aber der morgige Feiertag ist seiner Familie gewidmet."Wir beginnen mit dem offenen Bruch und wenn die Zeit dann noch reicht, operieren wir gleich das andere Vorderbein mit", höre ich Uwes Planung."Geht gleich los, lenke ich ein, während Uwe ein Röntgenbild nach dem anderen macht, denn der ADAC wartet an meinem Auto. Der Nagel im Hinterreifen hat die Luft so gerade bis zur Klinik halten können, jetzt hat er aufgegeben und zischt lauthals vor sich hin. Der Pünktlichkeit zu Ehren schicke ich ein Stoßgebet in den Himmel, die Fahrt nicht vorzeitig mit einem Plattfuß oder - noch schlimmer - geplatztem Reifen beendet haben zu müssen.

Um ein Uhr nachts sind die Vorderbeine operiert. Wir sind alle hundemüde! Solche Tage haben es in sich, aber der Blick von Kavalla von vor ein paar Tagen hatte mich wach gehalten. Auch Uwe wird sie verzaubern, da bin ich mir absolut sicher.Uwe, der nach der OP noch immer aussieht wie das blühende Leben, wird Kavalla bei sich behalten und die Hinterbeine in naher Zukunft richten.Dieser Text, meine lieben Tierfreunde, wollte schon lange zu ihnen, aber meine Zeit ließ es einfach nicht zu, ihn zu schreiben. Der Vorteil der kleinen Verzögerung ist aber, dass ich Ihnen freudig berichten darf, dass Kavalla wenige Tage nach der zweiten Operation aufstehen konnte. In Kürze werden die Platten und Schrauben aus ihren Beinen entfernt und dann steht einer Vermittlung nichts mehr im Wege. Eine neue Familie gibt es bereits auch schon.Und wer von Ihnen das dringende Gefühl in sich trägt, Kavallas Operationskosten, die trotz der intensiven Pflege unseres sehr geschätzten Kollegen Dr. Dlouhy im unteren vierstelligen Bereich angesiedelt wurden, mitzutragen, der unterstreicht damit mein Motto: Jeder hat eine Chance verdient! - und meine Entscheidung, das Richtige getan zu haben. Und er beschwichtigt Thomas, der zwar nie "Nein" sagen würde (schließlich bin ich ja der Chef) der aber zu Recht anfügt, was man für dieses Geld alles kastrieren könnte. Als ich ihm die Geschichte von Kavalla so lebendig erzähle, dass er sich fühlt, als wäre er dabei gewesen, nimmt er mich in die Arme und flüstert: "1000 Mal für Dich" ein, nach dem Buch "Drachenläufer", schönster Beweis für eine tiefe Freundschaft.

1000 Mal für Dich, Kavalla! Ihre Ines Leeuw


mehr Tierschutzgeschichten

unsere Einsatzberichte

Spenden
Ein Bericht von:
Ines Leeuw
Tierärztin

Spenden

  • Spendenkonto
    Kontoinhaber:
    Förderverein Arche Noah Kreta e. V. / Tierärztepool
    Institut: Commerzbank Lübeck
    IBAN: DE02 2304 0022 0020 9239 00
    BIC: COBADEFFXXX
  • Paypal
  • Paypal-Account: paypal@archenoah-kreta.com

Weitere Geschichten

Lilli - der Hund

Touristen melden in der Hochsaison im Stundentakt Tiere, die sie gefunden haben und denen sie helfen möchten. Vielen Menschen müssen wir leider sagen, dass wir aus unterschiedlichen Gründen nicht viel tun können. Erst recht, wenn es ...


mehr lesen

Ihre Stimme

Zwei Welten treffen aufeinander. Auf der einen Seite Lilli Hollunder, Schauspielerin, glamourös, populär, attraktiv, lustig, sexy und original das, was man aus den Medien wahrnehmen kann. Auf der anderen Seite der Tierärztepool. Genau ...


mehr lesen