Fata - April 2017 14.04.2017 Gedanken

Ein Bericht von:
Nina Schöllhorn
Tierärztin

Sie tut ihre Aufgabe, so wie jeden Tag. Sie zieht mit den Schafen und dem Schäfer über die Felder, so wie ihr ganzes Leben schon. Es sind mehrere Hunde, die diese Aufgabe gemeinsam ausführen. Eine Einheit aus Mensch, Hunden und Schafen, so wie seit tausenden von Jahren. Das Leben ist nicht einfach und teilweise entbehrungsreich. Doch die Hündin ist zufrieden, sie lebt so, wie es ihrer Natur entspricht. Sie hat eine Aufgabe, ein Rudel und einen Menschen. Sie hat Bewegung, ist eins mit der Natur.

Nina, eine Hündin wurde angeschossen, sie ist schwer verletzt. Darf man sie bringen?

Es ging so schnell, dass sie erst begreift, dass etwas passiert ist, als sie aus ihrer Bewusstlosigkeit wieder zu sich kommt. Der Schmerz ist so groß, dass sie ihn nicht lokalisieren kann. Sie verliert wieder und wieder das Bewusstsein, doch wann immer sie zu sich kommt, sieht sie ihren Menschen vor sich. Wie im Nebel bekommt sie mit, wie sie auf einen Wagen gelegt wird und man sie zurück ins Lager bringt. Sie wird verbunden, so gut es geht und man versucht ihr zerstörtes Bein zu schienen, mit einfachsten Mitteln. Doch es geht ihr nicht gut und sie verliert mehr und mehr Blut. Ihr Mensch kümmert sich um sie, doch weiß er, dass er nicht genug tun kann. Er fühlt sich hilflos, denn er hat kein Geld um sie zu einem Tierarzt zu bringen. So vergehen einige Tage. Dann spricht sich im Dorf herum, dass die Tierärztin aus Deutschland in der Stadt ist.

Die Tür zum OP geht auf. "Nina, eine Hündin wurde angeschossen, sie ist schwer verletzt. Darf man sie bringen?" Was für eine Frage... Kurze Zeit später ist sie da. Eine große, weiße Hündin. Ihre Verletzungen sind in Lumpen gewickelt und ihre Augen sind voller Schmerz. Trotz allem ist sie ruhig, sie strahlt etwas besonderes aus, das wir in dem Moment noch nicht einordnen können. Wir legen sie in Narkose und das Ausmaß ihrer Verletzungen wird klar. Ein großes Projektil hat den Oberschenkel zerfetzt und beim Austreten den Bauch gestreift und hier ebenfalls massive Verletzungen verursacht.

Zunächst versorgen wir ihre stark blutenden Bauchverletzungen. An die Amputation des völlig zerstörten Beines ist zunächst wegen ihres geschwächten Zustandes nicht zu denken. Als sie aus der Narkose aufwacht, ist sie genauso ruhig wie davor. Doch offensichtlich geht es ihr besser, die Schmerzmittel und Antibiotika wirken. Drei Tage stabilisieren wir ihren Zustand, versuchen dem abgemagerten, stark geschwächten Körper so viel Energie einzuflößen wie nur irgendwie möglich. Sie lässt jede Behandlung über sich ergehen, auch wenn sie noch so schmerzhaft ist. Dann ist es an der Zeit die Amputation zu wagen. Die Operation ist alles andere als einfach. Es sind keinerlei normale anatomische Strukturen mehr zu erkennen, nur Knochensplitter, Blut und totes Gewebe. "So müssen sich die Ärzte im Kriegsgebieten fühlen", schießt es mir durch den Kopf, während ich Schweiß gebadet gegen die Massen an Blut ankämpfe. Nicht nur einmal fluche ich, dass doch in meinem Leben etwas nicht ganz normal sein kann, wenn man den einzigen freien Vormittag in zwei Wochen mit solch einer Tätigkeit verbringt. Zur Erklärung: Der übervolle Terminkalender gab keine andere Möglichkeit her, diese lange, außer planmäßige Operation unterzubringen.

Die Hündin übersteht die Operation erstaunlich gut. Als ich nur wenige Stunden später kurz den OP verlasse, schaut mir aus dem Aufwachraum ein großer weißer Kopf entgegen. Sie steht und sie hat ein Lachen im Gesicht. Ich habe eine Gänsehaut, lächle zurück und sage mir: "Nein, es gibt ganz sicher nichts schöneres womit man seinen freien Vormittag verbringen kann."

Sie verbringt die nächsten Tage bei uns, denn sie soll alle Zeit der Welt bekommen, sich in Ruhe zu erholen. Ich möchte sie gut im Blick haben, denn ich fürchte noch immer Komplikationen. Sie verbringt die Tage also vor dem OP und sammelt Kräfte. Sie genießt die Sonne, sucht sich stets den besten Platz auf der weichsten Decke. Keiner der anderen Hunde würde es wagen ihn ihr abspenstig zu machen. Sie strahlt Autorität aus, das spüren nicht nur die anderen Hunde. Gleichzeitig aber auch eine Güte und sehr viel Weisheit. Ihr Blick schweift oft in die Ferne und sie scheint sich zurück zu ihrer Arbeit zu sehnen, zu ihrem Leben. Doch sie weiß, dass sie die Zeit bei uns braucht um wieder zu Kräften zu kommen. Es ist ein besonderes Gefühl Zeit mit dieser Hündin zu verbringen, sie mag uns, ist dankbar, doch irgendwie immer ein wenig distanziert. Dieser Hund hat kein einfaches Leben, es wurde nicht zum ersten Mal auf sie geschossen. Sie hat bereits vor einiger Zeit auf einer Seite ihr Augenlicht dadurch verloren und auch im Bauchraum fanden wir Schrot von einer älteren Verletzung. Nun musste sie auch noch ein Bein einbüssen. Und dennoch strahlt sie eine unglaubliche Würde aus. Sie ruht in sich selbst. Ein bewundernswertes Wesen.

Langsam verstehen wir, warum ihr Mensch sie auf jeden Fall zurück haben will. Unter keinen Umständen möchte dieser auf sie verzichten, das hat er sehr deutlich gemacht, egal ob mit vier oder eben nur drei Beinen. Jeden Tag erkundigt er sich nach ihrem Befinden. Dies ist sehr ungewöhnlich und uns in Rumänien so noch selten untergekommen.

Schließlich ist es soweit, es ist Zeit für sie nach Hause zu gehen. Die Kutsche fährt vor um sie abzuholen. Sie wird aufgeladen und wir erfahren schließlich den Namen der geheimnisvollen, stolzen Hündin. Sie heißt Fata- das Mädchen. Und dann fährt sie dahin- zurück in ihr Leben.

Fata, es war uns eine Ehre Dir helfen zu dürfen.


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