Hilfe im hohen Norden 14.06.2017 Gedanken

Ein Bericht von:
Antonia Xatzidiakou
Tierärztin

"Passagiere nach Hamburg, bitte begeben sie sich zu Gate 22", tönt eine Stimme aus dem Lautsprecher. Ich eile die endlose Reihe der Gates entlang in Richtung von Schalter 22. Mein Puls beschleunigt sich, denn diese Mission ist eine wichtige. Vier Hunde und eine Katze müssen nach Deutschland, da ihnen nur dort medizinisch weitergeholfen werden kann. Fünf aus den Hunderten die jeden Tag von Autos, Menschen oder anderen Tieren verletzt werden. Fünf aus den Hunderten, die jeden Tag langsam an den Folgen ihrer Verletzungen sterben, als wären sie nie auf der Welt gewesen. Oder ein Leben lang mit einer schmerzhaften Einschränkung leben müssen, weil ihre Verletzungen nicht rechtzeitig versorgt wurden, wie es nötig gewesen wäre.

Da liegen sie alle in ihren Stationsboxen auf sauberen, weichen Handtüchern. Peanut, die mit zwei gebrochenen Beinen im Tierheim Heraklion abgegeben wurde. Kimo, der die Infektion des offenen Bruches, verursacht durch einen Autounfall, nur knapp überlebte. Elly und Penny, die ohne Hilfe zu lebenslangen Schmerzen verdammt gewesen wären. Direkt daneben liegt ein reinrassiger Labradorwelpe. Unsere einst Wertlosen, Namenlosen, direkt neben einem gezüchteten und gekauften Hund das gibt es nicht täglich. Und doch wird ihnen allen die gleiche Behandlung zuteil!Antonia Xatzidiakou

Gebrochene Beine, deformierte Pfoten, hinkende Tiere gehören zu unserem Tagesgeschäft in den Gemeindepraxen auf der Insel Kreta. Mit unseren beschränkten Möglichkeiten versuchen wir alles uns Mögliche um das Beste für diese Tiere zu tun. Manchmal jedoch ist das Ausmaß der Verletzung so groß, dass uns nichts anderes übrig bleibt, als Experten in Deutschland um Hilfe zu bitten. Es mag sich anhören, als ob wir nur das Telefon in die Hand nehmen müssten und jemanden in Deutschland anzurufen, aber die Realität stellt sich anders dar. Viel Zeit fließt in die Versorgung der Wunden bis zum Zeitpunkt der Operation, Flüge müssen gefunden, Reisepläne vom NLR bis in den OP der norddeutschen Klinik organisiert, unzählige Menschen aktiviert werden, die abholen, hinbringen, Nachsorge nach den OPs übernehmen und natürlich: All die Rechnungen, die durch dies alles entstehen, müssen bezahlt werden. "Bitte sagen sie mir alle Daten zu den Patienten", bittet mich die seriöse, ganz in weiss gekleidete Tierarzthelferin hinter dem Empfangstresen der Flensburger Tierklinik. Schnell legt sie die Patientenakte mit Namen, Alter, Anamnese und weiteren Daten an.

Nachdem ich diese Aufgabe erledigt habe, sitze ich im Wartezimmer und bin beeindruckt: Alles sieht so sauber, weiss und steril aus. Ich könnte mir gut vorstellen, dass alle Angestellten in Ohnmacht fallen würden, wenn sie einen Tag in einer normalen griechische Tierarztpraxis verbringen müssten. Meine Gedanken werden unterbrochen, als jemand auftaucht, der der Chef zu sein scheint, mir die Hand entgegenstreckt und sagt "Hallo, ich bin Uli, komm mit." Ich folge ihm in den "Backstage-Bereich" hinter den Tresen und während wir durch die Gänge gehen, fühle ich mich in eine andere Welt versetzt. Die Helferinnen laufen hin und her, jede hat ihre Aufgabe und weiss genau, was sie tut.

Wir sehen uns die ganze Klinik an und ich kann Blicke auf all die "Spielzeuge" erhaschen die wir uns auf Kreta wünschen würden: Röntgen, Ultraschall, sogar ein CT, Blutanalysegeräte. Maschinen, die so sehr helfen können, eine schnelle und richtige Diagnose zu stellen. Jeder Tierarzt würde gerne über diese diagnostischen Möglichkeiten verfügen. Aber offensichtlich klafft eine Lücke zwischen der "Tierschutztiermedizin" und der "normalen" Tiermedizin. Je länger jemand in einer der beiden Welten zugebracht hat, desto schwieriger wird es, sich in der anderen zurechtzufinden. Neben der eigentlichen Tiermedizin sitzt uns immer der Kostendruck im Nacken. Das ist immer schwierig zu akzeptieren, vor allem da wir auch noch zwischen zwei weiteren Stühlen sitzen: Auf der einen Seite der Wunsch, soviele Tiere wie irgend möglich unfruchtbar zu machen, um morgen und übermorgen nicht mehr mit dem Leiden konfrontiert zu sein, auf der anderen Seite all die Blicke der verletzten Tiere, für die wir auch täglich alles geben, was uns tiermedizinisch möglich ist. Obwohl ich gerade erst angekommen bin, darf ich direkt im OP bleiben und zusehen, wie eine Hündin kastriert wird. Kastrationen, das ist unser Gebiet, denke ich, während Uli den ersten Schnitt setzt. Wie bei einem wohlbekannten Tanz, folge ich Schritt für Schritt der Operation. Es sieht alles sehr vertraut aus, außer, dass hier viel mehr Instrumente zum Einsatz kommen. Fünf Klemmen der einen Art, fünf der anderen Art, unterschiedliche Scheren, unterschiedliche Pinzetten, grösser, kleiner. Ein beeindruckendes Instrumentarium.

Bei uns wird mit nur sechs unterschiedlichen Instrumenten insgesamt gearbeitet. Wir nutzen das minimale Instrumentarium, um eine Kastration durchzuführen. Ansonsten wäre der Sterilisator im Dauerbetrieb. Während Uli die Naht schließt, erscheinen ein paar Blutstropfen. "Ich brauche mehr Tupfer!" Erstaunt sehe ich den ganzen Tisch voller Tupfer, die kaum einen Blutstropfen aufweisen. Ich möchte schon den Mund aufmachen, doch dann sage ich zu mir selbst: "Das hier ist keine Gemeindeklinik auf Kreta." Hier muss nicht bis ins letzte gespart werden. Nichtsdestotrotz bin ich im Zwiespalt, wenn ich sehe, wie gemessen an unseren Möglichkeiten großzügig hier mit Material umgegangen werden kann, um das bestmögliche Ergebnis zu erzielen. Völlig erschöpft von der langen Reise und all den Erfahrungen dieses Tages falle ich in's Bett. "Ich komme nicht zurück nach Kreta, ich bleibe in Flensburg", schreibe ich Thomas als Antwort auf seine Nachfrage, wie es läuft.

Während der nächsten zwei Tage werden unsere fünf Kretaner operiert, sechs Knochen müssen gerichtet und fixiert werden um den Patienten den Weg in ein schmerzfreies Leben zu ermöglichen. Ich lerne Dr. Gudrun "Gudi" Bolln kennen. Jetzt kenne ich unsere deutschen Spezialisten im Norden persönlich. Wir beginnen mit den Röntgenaufnahmen und begeben uns dann direkt wieder in den OP. Heute kenne ich die Tanzschritte nicht. Ich weiss nicht, für was genau all diese feinen Instrumente benötigt werden. Kompliziert gebrochene Knochen operativ wiederherzustellen und für die Heilung zu fixieren, ist keine Operation, die man schnell mal eben machen kann. Meine Kollegen investieren Zeit und ihre gesamte gemeinsame Expertise, um zu retten, was unrettbar scheint. Während Gudi an Penny eine Femurkopfresektion durchführt, die ihr die Schmerzen nach ihrer Hüftluxation nehmen wird, beschreibt sie mir, was es heißt, am anderen Ufer des Flusses zu arbeiten, in einer Welt in der getan werden kann, was immer möglich ist, um verletzten und kranken Tieren zu helfen. Welch ein Glück für unsere fünf Tiere hier gelandet zu sein.

Das erste Tier ist fertig und wir wechseln die sterile Kleidung für die nächste Operation. Ein Tier nach dem anderen wird operiert und Uli und Gudi versuchen, mir soviel ihres Wissens zu vermitteln, wie in der Kürze der Zeit möglich ist. Kurz bevor ich am nächsten Tag von meinem "Privatchauffeur" Danke, Edel! abgeholt werde, besuche ich unsere Patienten noch einmal. Da liegen sie alle in ihren Stationsboxen auf sauberen, weichen Handtüchern.
Peanut, die mit zwei gebrochenen Beinen im Tierheim Heraklion abgegeben wurde. Kimo, der die Infektion des offenen Bruches, verursacht durch einen Autounfall, nur knapp überlebte. Elly und Penny, die ohne Hilfe zu lebenslangen Schmerzen verdammt gewesen wären. Direkt daneben liegt ein reinrassiger Labradorwelpe. Unsere einst Wertlosen, Namenlosen, direkt neben einem gezüchteten und gekauften Hund - das gibt es nicht täglich. Und doch wird ihnen allen die gleiche Behandlung zuteil! Ich fühle Stolz in meiner Brust, Teil einer Gruppe von Menschen zu sein, die solche Geschichten wahr werden lassen. Menschen, die Tag für Tag für all die grossen und kleinen Wunder arbeiten. Die Spender, ohne deren Unterstützung es uns nicht möglich wäre, Notfällen in dieser Art und Weise zu helfen. Die Mitarbeiter der Klinik, die unsere Straßentiere mit dem gleichen Respekt und der gleichen Hingabe behandeln wie jedes andere Tier, das ihre Schwelle überquert.
Und natürlich unsere großartigen Kollegen, die immer wieder bereit sind ihre Terminpläne über den Haufen zu werfen, um unsere Notfälle einzuschieben.
Einem im Heimatland wertlosen, schwerverletzten Tier in auswegloser Situation zu einem neuen Leben zu verhelfen ein auf den ersten Blick oft unmögliches Unterfangen. Danke, dass Sie es gemeinsam mit uns möglich machen.


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