Im Tierheim 03.08.2018 Gedanken

Ein Bericht von:
Dr. Melanie Stehle
Tierärztin

Ich fahre hin und weiß genau, wie schwer es werden wird. Nicht die Menschen, nicht die Arbeit, nicht das stundenlange am OP-Tisch stehen bereiten mir Sorgen, nein es ist die verdammte Ausweglosigkeit derer, die wir in den nächsten Stunden sehen werden.

Wir betreten ein Tierheim auf Kreta, wo wir regelmäßig Kastrationen durchführen dürfen. Thomas hat mir Fotos gezeigt, wie es vor 15 Jahren aussah. Dagegen hat sich vieles verbessert. Welch Gewinn mein griechischer Kollege ist, der sich so gut er eben kann für die Tiere einsetzt, höre ich bei meiner Ankunft. Er hat nicht gekündigt, so wie er es sich vorgenommen hatte, er wird bis zum Frühjahr verlängern. Wer sollte sich sonst um die Tiere kümmern? Um seine Tiere. Wir Tierärztinnen des Tierärztepools fahren regelmäßig ins Tierheim, um ihn zu unterstützen. Viel ist zu tun und kastriert werden kann nie genug. Wir begrüßen uns, richten kurz den OP-Raum ein und dann beginnt der Rundgang.

Zwinger an Zwinger reihen sich aneinander. In jedem einzelnen Schicksale, wie wir sie Tausendfach finden. Alleine auf Kreta gibt es mindestens sechs solcher Einrichtungen, Nina durchforstet gerade die noch viel schlimmeren Tötungsanstalten in Rumänien, Antonia versucht im Tierheim auf Rhodos die Zustände zu lindern. Nur werden die eigenen Sorgen nicht geringer mit dem Wissen, dass es an anderer Stelle vielleicht noch schlimmer ist. Ich beziehe Stellung am Kommandostand, meinem OP-Tisch-Rückzugsort. Ich will diese Bilder nicht mehr vor mir aufblitzen sehen, will nicht mehr Gott spielen, habe keine Lust mehr auf das Auswählen.Dr. Melanie Stehle

Ob er mir einige Tiere zeigen darf und schon werden meine Knie weich. Ich weiß, was kommt. Ich soll auswählen, entscheiden, wer mit darf. Wer so schwer krank ist, dass er unsere Hilfe braucht. Für schwerwiegende Operationen reicht das Budget des Tierheimes einfach nicht aus, vor allem nicht bei der Vielzahl an Tieren, die eigentlich Hilfe bräuchten. Die Qualität leidet mit der Quantität. So ist es nun mal und wir beginnen unseren Weg durch die Reihen.

Pittbulls. Viel zu viele. Sie dürfen nicht mehr auf die Straße zurück. Aber was bedeutet das? Ein Leben auf wenigen Quadratmetern. Im ewigen Lärm. Agile Tiere so verkümmern zu lassen tut mir in der Seele weh. Ich schiebe mich von Zwinger zu Zwinger. Eine alte Hundeomi weicht meinem Blick aus. Als wolle sie sagen: „nimm nicht mich, nimm einen jüngeren. Ich habe mein Leben hinter mir und keine Erwartungen mehr.

Für einen Moment bleibe ich stehen. Zu lang sind diese winzigen Momente, denn sie verbinden in ungemeiner Geschwindigkeit. Ich habe ein Herz für alte Omis und wünsche mir zu sehr, dass wenigstens die letzten Tage wunderschön werden und ich sie überzeugen kann, dass das Leben nicht nur aus Leid bestehen muss. Ein Leben lang an der Seite einer älteren Dame gelebt zu haben und nun nach ihrem Tod hier die letzten Jahre verbringen zu müssen? Neben ihr eine ebenfalls nicht mehr allzu junge Hündin. Ihr rechtes Hinterbein ist gebrochen. Mein Kollege zuckt die Schultern. Wer hat Geld, um ein gebrochenes Bein zu richten? Man ist ja schon glücklich, wenn wenigstens die notwendigsten Medikamente gekauft werden können. Ich untersuche die Dame. Irgendwie ist sie aristokratisch. Sie hält mein Ertasten aus als hätte sie schon weit schlimmere Dinge erlebt. Der Bruch ist alt, ich fühle kein Knirschen sondern Kallus, die Wundheilung eines schwachen Versuches des Knochens, später wieder einigermaßen laufen zu können. So kann das aber nicht bleiben.

Kann ich sie mitnehmen? Die Mine meines Kollegen erhellt sich. Ja, gerne, weiß er doch, dass wir bereits unzählige Tiere wieder hergerichtet haben und ihnen dadurch die Trostlosigkeit erspart haben.

Ein alter Rüde, groß und mit einem liebevollen Gesichtsausdruck zieht mich ebenfalls in seinen Bann. Seine beiden Vorderpfoten sind dermaßen durchtrittig, dass er auf seinen Handwurzelgelenken läuft. Auch er wird hier untergehen. Keine Chance auf eine Vermittlung. Wer will so einen Hund? Aber er kuschelt sich an mich, als ich seinen Zwinger betrete, dass es mir fast das Herz bricht. Er wäre ein Kandidat für unsere Station. Als Wachhund sozusagen, der zwar länger zum Tor braucht als eine Schnecke, aber er sieht so genügsam aus, dass er wahrscheinlich mit jedem Job zufrieden wäre. Nur unser Leo wird einen zweiten Rüden mit ähnlicher Aufgabe wie er sie verfolgt (aufgrund schwerer Arthrosen auch nicht schneller als die Schnecken) neben sich nicht dulden.
Was mache ich nur?

Und weiter geht es. Zwinger an Zwinger reihen sich aneinander. In jedem einzelnen Schicksale, wie wir sie Tausendfach finden. Alleine auf Kreta gibt es mindestens 6 solcher Einrichtungen, Nina durchforstet gerade die noch viel schlimmeren Tötungsanstalten in Rumänien, Antonia versucht im Tierheim auf Rhodos die Zustände zu lindern.

Nur werden die eigenen Sorgen nicht geringer mit dem Wissen, dass es an anderer Stelle vielleicht noch schlimmer ist. Ich beziehe Stellung am Kommandostand, meinem OP-Tisch-Rückzugsort. Ich will diese Bilder nicht mehr vor mir aufblitzen sehen, will nicht mehr Gott spielen, habe keine Lust mehr auf das Auswählen.

Ich möchte die Menschen erreichen, denen das Wesen eines Tieres den höchsten Stellenwert einnimmt. Ich möchte meine Omi vermitteln, und den großen Rüden mit seinen kaputten Vorderbeinen. Am liebsten auch das kleine Pittbullmädchen, das mir hinterher schaut mit einem Blick, der an mir haften bleibt. „Und was ist mit mir, warum nimmt mich keiner mit?“ Ich operiere. Betäube den Schmerz.

Mitnehmen konnte ich heute nur die Hündin mit dem alten Bruch am Hinterbein. Ich möchte ein Röntgenbild von ihr haben und werde mit versierten Knochenchirurgen besprechen, ob die Amputation wirklich der letzte Ausweg ist. Ihr Ticket nach Deutschland ist gewiss, egal ob als Dreibein oder Vierbein – ihr Wesen ist zauberhaft und sie hat es verdient, ein Leben ohne Schmerzen führen zu dürfen. Alle anderen müssen bleiben, aber in meinen Gedanken, nehme ich auch sie mit. Alle. Ich bräuchte nur ein bisschen Unterstützung. Gibt es nicht irgendwo jemanden, der genau so einem treuen Weggefährten eine Chance geben möchte?
Ihre Melanie Stehle


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