In der Tötung - Gedanken über das Unrecht 10.01.2018 Gedanken

Ein Bericht von:
Nina Schöllhorn
Tierärztin

Uns allen wird unbehaglich bei dem Gedanken. Man schiebt die Vorstellung möglichst weit weg. Doch sie existieren tatsächlich, diese Orte. Plötzlich finde ich mich an einem solchen Ort wieder. Ich habe diese Schauplätze in der Vergangenheit besucht und wollte es eigentlich nicht mehr tun. Ganz einfach, weil die Eindrücke, die man mitnimmt, nie mehr verblassen.
Es ist die Möglichkeit, Leben zu retten, die mich magisch doch wieder hierher zieht.

Er schüttelt den Kopf. In diesem Moment füllen sich bei uns beiden die Augen mit Tränen. Dies ist der schlimmste Moment der ganzen letzten Wochen. Zu spät. Unwiderruflich. Ich bin zu spät. Nina Schöllhorn

Stille. Stille ist das, was am meisten auffällt. Wer ein Tierheim oder ähnliches besucht, weiß, dass es dort niemals still ist. Doch hier blicke ich in stumme ausdruckslose Gesichter. Nichts rührt sich. Die Angst, die in diesen Hallen wohnt, ergreift mich sofort. Sie scheinen eingefroren. Schauen mich mit großen, aufgerissenen Augen an. Oder noch schlimmer, sie weichen meinem Blick aus und drängen ihren Kopf in die hinterste Ecke. Doch noch etwas steht in ihren Augen: Die Fassungslosigkeit darüber, was ihnen angetan wurde. Als ob sie plötzlich das wahre Gesicht der Menschen gesehen haben.
Für sie bin ich zunächst Teil dieser Maschinerie, Teil dieser Furcht einflößenden Menschen.
Ich spreche mit freundlichen Worten zu ihnen, lasse meinen Körper ihre Sprache sprechen. Und plötzlich hellen sich einige Gesichter auf. Zaghaft beginnen einige Schwänze zu wedeln, der ein oder andere kommt zögernd ans Gitter. Und dann drängen sich immer mehr gegen die Stäbe, Pfoten und Nasen strecken sich mir entgegen, sie winseln.

In Momenten wie diesen bricht die ganze Ungerechtigkeit dieser Welt über mir zusammen. Was haben diese Wesen verbrochen, dass ihnen dies angetan wird? Was ist los mit uns Menschen, dass dies möglich ist? Wo bleibt Gerechtigkeit?
Ich stehe diesen Unschuldigen gegenüber und kann mich nur entschuldigen. Ich kann ihnen nur immer wieder sagen, wie sehr es mir leid tut. Ich habe die Möglichkeit, einige mit mir zu nehmen. Einige glückliche mit hinaus in die Freiheit zu nehmen. Und die anderen? Auswählen innerhalb von Minuten, nach rationalen Gesichtspunkten. Zu groß, zu alt, zu schüchtern, zu grauenvoll ist dies, und dennoch notwendig.
Inmitten dieses Szenarios trifft mich ein Augenpaar. Es ist ein menschliches. Ein Augenpaar, welches ich vermutlich nie wieder vergessen werde. Es ist einer der Arbeiter, der eine Chance für „seine“ Hunde sieht. Sein Gesicht drückt deutlich aus, welch große Hoffnung er in meinen Besuch legt. Er möchte mir immer noch mehr Hunde zeigen um ihnen die Chance zu geben, gerettet zu werden. Ich möchte sie aber lieber gar nicht alle sehen, denn je mehr ich sehe, desto mehr muss ich ablehnen. Doch ich will seine Hoffnung nicht zerstören. Also blicke ich in immer noch mehr Gesichter. Wir sprechen keine gemeinsame Sprache, doch kommunizieren wir über Blicke. Ein einziges englisches Wort beherrscht er. Besonders freundliche Hunde bezeichnet er mit „friend“. „Friend“ - ich kann mich nur schämen. Ja, sie sind unsere Freunde.
Und was tun wir ihnen an!

Der Mensch, die Krone der Schöpfung, nimmt sich das Recht heraus zu entscheiden, dass für überflüssig befundenes Leben einfach vernichtet werden darf. Allein diese Tatsache reicht mir aus, um weit Abstand nehmen zu wollen von dieser Menschheit. Ich will nicht Teil davon sein und bin doch dazu gezwungen. Wer entscheidet, was überflüssig ist? Es sind nicht nur Hunde, auch in vielen anderen Bereichen entledigt man sich überflüssiger Tiere. Es waren auch nicht immer nur Tiere - dieser Vergleich drängt sich mir immer wieder auf.
Mich beschäftigen noch Tage später die Blicke des Arbeiters, und ich spüre das dringende Bedürfnis etwas Menschlichkeit an diesen Ort zu bringen. Ein Hund lag ihm besonders am Herzen, er hatte ihn mir immer und immer wieder gezeigt. Doch aus rationalen Gesichtspunkten konnte ich mich nicht für diesen Hund entscheiden. Ich mache mich also wieder auf den Weg um diesen Hund zu mir zu nehmen. Als ich vor dem Zwinger stehe ist er leer. Verzweifelt laufe ich zu dem Arbeiter und frage nach dem Hund. Er schüttelt den Kopf. In diesem Moment füllen sich bei uns beiden die Augen mit Tränen. Dies ist der schlimmste Moment der ganzen letzten Wochen.
Zu spät. Unwiderruflich. Ich bin zu spät.

Verzweifelt will ich davon laufen, doch er hält mich am Arm. Er bittet mich ihm zu folgen und zeigt auf einen Hund und meint: „friend“. Seine Augen blicken hoffnungsvoll und zum letzten Mal erfülle ich diese Hoffnung. Ich presse diesen Hund an mich, ohne nach irgendwelchen rationalen Gesichtspunkten zu fragen. Ich halte dieses Leben in meinen Armen, das ich genau in diesem Moment retten kann. Und ich lasse nicht mehr los. Alle Hunde, die ich in dieser Zeit unter unseren Schutz stellen konnte, haben sich als wundervolle Geschöpfe entpuppt. Sie sind freundlich, offen und völlig unkomplizierte Wegbegleiter. Sie werden tolle Familienmitglieder werden. Sie alle wären einfach verschwunden und die Welt hätte es nicht gemerkt. Sie haben schnell verziehen. Überraschend schnell.
In Gedanken an die, die zurückgeblieben sind.
Nina Schöllhorn


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