Intensivstation und neue Verträge 03.09.2015 Tierschicksal

Ein Bericht von:
Thomas Busch
Tierarzt und Vorstand

Für meine Verhältnisse war ich schon längere Zeit nicht mehr auf Kreta gewesen, was aber auch nicht notwendig war, denn auf unsere Teams vor Ort ist hundertprozentig Verlass. Alles läuft auf Kreta! Soweit...
Zwei Gründe allerdings forderten von Rechts wegen nun aber doch meine Anwesenheit und so strecke ich nach einer kurzen Nacht - wegen eines verspäteten Abendfluges - in einem winzigen Apartment der griechischen Morgensonne meine Arme entgegen und sauge die salzige Meerluft ein. Kaum habe ich mich ein paar Schritte bewegt sehe ich unweit des Strandes von Kalives, fast neben meiner Pension, ein Liebesspiel, welches in Anbetracht meiner Anwesenheit sicherlich als extrem mutig zu bezeichnen ist. Ich gebe zu, dass meine Blicke nicht den schönen Strand scannen, hinaus aufs Meer gleiten oder die Bergmassive nach den letzten Schneeresten absuchen, sondern gern zwischen Müll und Bauruinen nach Elend Ausschau halten.

So sehe ich zwischen gammeligen Kartons und Plastikkisten einen jungen, rot-weißen Kater, angespornt durch seine Hormone, der auf flegelhafte Weise eine junge Katze, ach was sage ich, ein Katzenbaby, belästigt. Der Auslöser meiner Kamera wird die Reservatenkammer meines Fotoarchivs nicht nur mit dem unbeholfenen Spiel eines Dilettanten füllen, es zeigt auch, wie gefährlich - im weitesten Sinne - ungeschützter Sex sein kann. Die kleine Gespielin besitzt nämlich nur ein Auge und rotzt während der immer wieder scheiternden Aktversuche fleißig vor sich hin. Unser Macho lässt aber nach kurzer Zeit von ihr ab und begeht den größten Fehler seines Liebeslebens. Er läuft Gregor Uhl, der mich bei dieser Reise begleitet, direkt in die Arme...

Die kleine Einäugige ist nur mit Futter zu überreden, sich den Rest ihres in Auflösung befindlichen Auges herausnehmen zu lassen. Zudem ist sie sehr dünn und alles was dieses junge Ding garantiert nicht braucht, ist eine Trächtigkeit. Mit dieser - eigentlich - amüsanten Einführung hätte der Übergang zu dem Ziel unserer Reise nicht passender beginnen können. Außerdem gibt es noch etwas Lustiges zu berichten, was mich selber ein bisschen dümmlich aussehen lässt, aber ein Hellseher bin ich leider nicht. Als wir die Einäugige auf dem OP-Tisch haben, zeigt sich, dass das mit der Trächtigkeit schwer geworden wäre. Es ist ein Kater... Das Ziel unserer Reise ist die Optimierung der Unterbringung von schwer verletzten Tieren. Eben denen, von denen ich Ines zur Begrüßung ein Einäugiges in den Arm drücke.

Wie Sie wissen ist uns die dauerhafte Bereitstellung eines Tierärzteteams auf Kreta eine Herzensangelegenheit. In Anbetracht der vier Orte unserer legalen Kastrationsaktionen auch fast nicht anders lösbar. Wie Sie auch wissen - und anhand der kleinen Katze, die gerade eine riesige Portion Futter verschlingt, bestens demonstrierbar - begleiten uns Notfälle fast täglich. Alle Tierschützer der Insel wissen, an wen sie sich wenden müssen, wenn es eilt, viele Touristen rufen bei uns mit der Bitte an, dem verletzten Tier zu helfen und selbst die vier Gemeinden, mit denen wir zusammenarbeiten, freuen sich, wenn sie nicht mit den Problemen der aufwendigen Operationen alleine gelassen werden. Sagte ich gerade schon wieder "vier Gemeinden"? Ups, da kommt dann wohl noch was...
Aber der Reihe nach.

Freida und Colin, ein englisches Pärchen, welches ihren Lebensabend auf Kreta verbringen wollte, zog es aus persönlichen Gründen zurück in ihr Heimatland. Somit suchte ein wunderschön gelegenes Areal mit riesigem Freiraum für jegliche Art von Vierbeinern einen neuen Hausmeister, Dosenöffner, Verbandwechsler oder - nennen Sie uns wie Sie möchten. Ein herrlicher Gedanke, unsere Intensivpatienten nicht mehr in den engen Flugboxen durch die Gegend kutschieren zu müssen, sondern ihnen bis zu ihrer Genesung frische Luft, Sonne und vor allem Platz anbieten zu können. Die Formalitäten waren mit Freida schnell erledigt und wir versprachen ihr, uns mit aller Fürsorge um ihr Gelände und die wenigen Altinsassen zu kümmern.

Viele Tiere werden wir aber nicht aufnehmen, nur die schwer Verletzten und Kranken. Da sind wir uns alle einig!

Wirklich??? Aber wer entscheidet über wen? Ab wann ist eine Aufnahme lebensrettend? Wann kann ein Tier wieder an seinen angestammten Platz zurück? Können wir eine mehrwöchige Therapie verantworten, wenn unsere Patienten im Anschluss erneut dem Risiko ausgesetzt sind, zu sterben? Wer behandelt über Wochen einen Patienten, um ihn anschließend an einer x-beliebigen Mülltonne wieder seinem ungewissen Schicksal zu überlassen? "Wer?" frage ich in die Runde und kenne die Antwort.

Sie, meine lieben Tierfreunde sind die Antwort auf unsere geretteten Tierschicksale. Sie, die uns immer wieder mit Ihren Worten, Taten und Spenden geholfen haben. Sie, die als Pflegestellen fungieren, Sie, die das Netz nach einem neuen Familienmitglied absuchen. Sie, die uns nach der Adoption die süßesten Fotos schicken von einem bildhübschen Tier, welches wir als "fast tot" angeliefert bekamen. Sie erfüllen damit unsere Herzen mit unendlich schönen Gefühlen und einem wirklichen Sinn unserer Bemühungen.

In welcher Frequenz diese "fast Toten" den Weg zu uns finden, sehen Sie an den letzten Geschichten von Gregor.

Und das innerhalb von zwei Tagen...

Das Wochenende rauscht dahin. Und mit ihm die langsame Genesung unserer Patienten. Wir sind für sie da, weil wir es können und weil wir nun auch noch eine wunderschöne Unterkunft gefunden haben.
Montagabend fliegen wir zurück, also bliebt nur noch der Montagmorgen, um in den äußeren Westen von Kreta zu fahren. Westlich von Chania liegt eine, nicht gerade kleine Gemeinde. Während die Stadt Chania seit Jahren um die Kastrationsprogramme herumeiert und auch sonst relativ wenig soliden Tierschutz vorzeigen kann, ist der Bezirk an ihrer westlichen Seite um einiges weiter. Hier unterschreiben wir den vierten Vertrag auf Kreta, unsere Kastrationsaktionen auf völlig legale Weise auszudehnen. Wir treffen auf sehr fortschrittliche Gedanken und einen Bürgermeister, der ganz bestimmt in der jetzigen Zeit andere Sorgen hat, trotzdem aber mit unserer Unterstützung etwas für die Streuner verbessern möchte. Sobald der erste Einsatz stattgefunden hat, informieren wie Sie über den Stand der Dinge, denn bis dahin müssen noch einige Bedingungen geklärt und eventuell geändert werden.

Optimistisch verlassen wir das Gemeindehaus und eilen zum Flughafen. Drei Tage Kreta. Die Zeit verflog. Tausend Dinge fast gleichzeitig erledigt. Weder Gregor noch ich bemerkten den Schlafmangel, die Hektik, die Hitze. Selbst das Tierelend flog an uns vorbei. Es war zu viel. Kaum Zeit für ein Einzelschicksal. Da was Humpelndes, da ein Darmverschluss, hier ein Abgemagerter, dort was Blindes. In einer Tour!

Nun stehen wir am Flughafen und haben Ena und Kanena im Handgepäck. Der Handgepäckskontrolleur bittet mich mit der Katze in einen extra Raum, in dem ich sie aus der Flugtasche nehmen kann, damit er die Tasche - inhaltslos - röntgen kann. In diesem Augenblick laufen die drei letzten Tage wie ein Film in Zeitraffer vor mir ab. Eigentlich auch die letzten drei Wochen, die letzten drei Monate, ja, auch die letzten drei Jahre. Eigentlich die ganze Zeit die ich nun schon im Tierschutz tätig bin. Da stehe ich vor einer blinden Katze und fühle mich müde. Sie schaut mich an. Dieser leere Blick beschämt mich. Sie hat die Probleme, sie wird nie wieder einen Sonnenuntergang sehen können, dieses kleine Tier in meinen Händen hat Angst, weil es nicht weiß, was als nächstes mit ihm passiert. Sein Herz rast. Und ich jammere, weil ich gerade mal drei Tage Stress hatte? Oder drei Wochen, Monate, Jahre? Nichts ist so ehrlich, so tapfer, so heldenhaft, wie diese hübsche Katze in meinen Armen.

Ich drücke sie, bevor ich sie wieder in ihre - bombenfreie - Tasche zurücksetze kurz an mich. Sie ist der eigentliche Held, der wir Tierschützer gern sein würden. Sie ist die Sehende, deren Augen wir vermissen. Sie ist in einer großen Flut der Tropfen, den wir brauchen, um nicht zu verdursten.
Diese wenigen Sekunden, mit einer kleinen Katze auf dem Arm in einem Flughafenraum, reichen aus, um mich wieder zu motivieren, den Sinn meiner Arbeit zu spüren. Nicht immer nur das Große sehend, sondern immer wieder das einzelne "Darum"!
Motiviert eifern Gregor und ich während des Rückfluges um die besten Fotos und schreiben von Heraklion nach München die schönsten Geschichten. Die Reise hat uns sehr viel Freude bereitet. Bleiben auch Sie bei uns, es lohnt sich. Immer.


Ihr Thomas Busch Mehr Geschichten von dieser Reise:

Salt and Pepper

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Maila


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