Kreta 2010 01.06.2010 Tierschicksal

Dieses Jahr habe ich nur zwei Wochen für meine Arbeit auf Kreta, die Zeit wird knapp und ich befürchte sie wird wie im Flug vergehen.Gerade angekommen, finde ich mich auch schon an einem wunderschönen Strand in Pavros an der Südküste Kretas wieder, aber nur für eine kurze Abkühlung, dann geht es auch schon weiter. Durch das ganze Gerede schritt die Zeit von der Ankunft am Flughafen in Heraklion bis hin zur Autofahrt in einem rasenden Tempo voran. Mein Flug verlief problemlos, trotz des Übergepäcks und auch der Trubel am Flughafen ist fast vergessen. Alle Gepäckstücke, darunter auch ein paar Flugboxen, randvoll mit nützlichen Dingen, kommen ohne Probleme mit durch.Brigitte, die für den ganzen Informationsfluss, der während meiner Ankunft auf mich ein rieselte, verantwortlich ist, hat mich dieses Mal abgeholt. Sie hat mir auch gleich versprochen das die nächsten Tage ein wenig stressiger werden, denn Nina, unsere Tierärztin, die ebenfalls gerade auf der Insel unterwegs ist, wird auch Plakias noch einmal besuchen bevor sie die Heimreise antritt.

Natürlich gibt es keine Probleme mit der Eingewöhnung, wieso auch, ich fühle mich auf Kreta wie zu Hause. Bei einem gemeinsamen Essen mit einem Teil der Plakias-Crew bekomme ich schon einmal einen kleinen Einblick über das Geschehen der nächsten Wochen.Am darauf folgenden Morgen mache ich mich früh auf die Socken, denn ein Besuch bei Marita und der Rasselbande steht auf dem Programm. Auf der Finka angekommen empfängt mich gleich der Blick einer vertrauten Nase, Spiliou! Meine Freude steigert sich noch einmal, was schon fast unmöglich ist, denn ich warte seit meiner Ankunft auf diesen Moment. Spiliou ist ein noch ganz junger Hund, der vor 4 Monaten, nach einem Autounfall mit mehreren Knochenbrüchen im Straßengraben aufgelesen wurde. Die schweren Verletzungen machten es notwendig, dass er mehrfach in Deutschland operiert werden musste. Zufälligerweise hatte ich den Kleinen in Pflege und glücklicherweise lebt er jetzt auf dieser Finka.

Nun aber zurück zum freudigen Wiedersehen aller Zwei- und Vierbeiner auf dieser wunderbaren Finka in Plakias. Nach der ausgiebigen Begrüßung gibt es einen nahtlosen Übergang hin zum eigentlichen Vorhaben meiner Reise. Das hier der Alltag mit viel Arbeit verbunden ist, sollte mir nach wenigen Sätzen und nach einer kurzen Begehung klar sein, aber da ich mittlerweile schon zum Inventar gehöre, kenne ich das ja.Die meisten Hunde hier in der Gegend haben Besitzer, die sich aber leider nicht mit der nötigen Verantwortung um ihre Tiere kümmern. Es gibt wieder jede Menge Welpen zu versorgen, weil immer noch viele Griechen ihre eigenen Hunde nicht kastrieren lassen wollen. Ich möchte irgendwann mal hier her kommen und keine Ausläufe voller Welpen, die zum Teil sehr krank oder schwer verletzt sind, vorfinden. Oder aber, alte, ausgediente Hunde versorgen müssen, die auf einmal von ihren Besitzern nicht mehr gebraucht und sich selbst überlassen werden. Aber das ist im Moment noch ein Traum und bis der in Erfüllung geht werde ich hier herkommen und helfen.

Als ich mich bei Marita routinemäßig durch die Ausläufe arbeite, fällt mir weiter hinten ein verletzter Welpe auf. Er liegt alleine in seinem Auslauf und wartet auf eine Pflegestelle in Deutschland. Ich erinnere mich daran, dass Brigitte ihn bei meiner Ankunft erwähnt hat. Der Welpe läuft auf drei Beinen, es ist eine Hündin, ca. 3-4 Monate, die “Kleine“ ist für ihr Alter schon recht groß, was die Suche nach einer geeigneten Pflegestelle nicht einfacher macht. Sie ist sehr ruhig und schaut mich traurig an, sie hat starke Schmerzen und das schon eine ganze Weile. Als ich in ihre Augen sehe ist er da, dieser gefährliche, treue Blick, der mir nicht mehr aus dem Kopf geht. Glauben Sie mir, ich bin ganz sicher nicht auf der Suche nach einem Tier, ehrlich gesagt hoffe ich, dass es mir dieses Mal nicht wieder passiert, dass ich jede freie Minute an ein Tier denken muss, das sich unaufhaltsam in mein Herz schleicht. Ich möchte den Kopf frei habe für die viele Arbeit hier! Aber es kommt wieder unaufhaltsam auf mich zu, auf einmal steht bzw. liegt es vor mir und trifft mich mitten ins Herz und das schon am 2ten Tag. Da die Hündin noch im Wachstum ist, muss auf jeden Fall verhindert werden, dass sich weitere Schäden entwickeln. Sie muss sie so schnell wie möglich fliegen, ich werde mich darum kümmern.

Marita kann Hilfe auf ihrem Hof sehr gut gebrauchen, ich werde die nächsten zwei Wochen morgens und abends die Runde auf dem Hof übernehmen. Außerdem werde ich die sehr zeitaufwändigen Flughafentouren und die Betreuung der Flugpaten übernehmen und natürlich auch Tierarztfahrten. Den Rest meiner Zeit verbringe ich mit dem eigentlichen Grund meines Daseins, den Ketten- und Stallhunden in der Region Plakias und Umgebung. Ich werde alte, bekannte Hunde wieder sehen, aber auch einige vermissen und viele neue Hunde aufnehmen. Die Griechen haben nämlich die Angewohnheit ständig Hunde umzuhängen, auszutauschen oder weiter zu reichen. Einige ältere Hunde, wie Bine, sind verstorben und einige wenige haben das große Los gezogen, sie leben jetzt in einer Familie. Über zwei Erlebnisse möchte ich jetzt schon kurz berichten, die anderen Neuigkeiten können Sie demnächst auf der neu gestalteten Kettenhund – Patenschaftseite lesen.

Die Tour zum schlimmsten Liegeplatz mit 13 Kettenhunden liegt vor mir. Genau genommen gibt es drei große Ställe die keinen guten Ruf haben, die Arbeit dort ist endlos, alles ist extrem verdreckt, es stinkt, fast alle Tiere sind in einem sehr schlechtem Zustand um nicht zu sagen verwahrlost, vom seelischen Zustand will ich gar nicht erst sprechen.Diese Tour mache ich nicht alleine, für mich ist es der schlimmste Platz, man weiß nie was einen dort erwartet. Mr. Bones hat dort gelebt und jetzt ist er verschwunden, genau wie viele andere seiner Leidensgenossen an diesem Stall. Diejenigen die meine Patenschaftseite schon einmal angeklickt haben, kennen die Hunde von dem fiesesten Kettenhund-Besitzer in der Region. Ich kann nicht verstehen warum der Besitzer an so einem Platz so viele Hunde hält, er schafft es nicht einmal Wassereimer hinzustellen, geschweige denn sie zu füllen. Allein das Säubern und Füttern dauert eine Ewigkeit, dann noch die anstehenden Behandlungen, wenn ich alleine wäre, würde ich gut auf drei Stunden kommen bis ich wieder im Auto sitze. Was soll´s, ich habe mir vorgenommen mich nicht aufzuregen, die Tiere sollen sich freuen wenn ich komme. Also ran an die Arbeit!

Wir haben alles dabei für einen Rundumschlag, Medikamente zur Parasitenbehandlung, Ohrreiniger, Wundsalbe Desinfektionsmittel, reichlich Futter und Wasser, neue Halsbänder, lange Laufketten, große Wasserkanister und Bausteine zu Befestigung der Trinkeimer. Brigitte kommt kurz nach mir auf den Hof gefahren, dicht gefolgt vom Pick-up des griechischen Besitzers, dem wohl gerade einfällt, dass er seine Hunde ja auch mal besuchen könnte. Aber seine Hände will er sich jetzt nicht schmutzig machen, wozu hat man ehrenamtliches Personal, das auch noch super tierlieb ist und nichts anderes zu tun zu haben scheint. Er bräuchte auch noch Parasitenmittel für drei andere Hunde die am Haus leben, ach und wo er schon mal da ist, Eimer hat er auch keine mehr. Brigitte bleibt trotzdem ruhig, denn sie hat ein Attentat auf ihn vor. Eine Hündin die an einer rostigen Tonne hängt ist uns schon beim letzten Mal aufgefallen, sie passt rein gar nicht hier her. Natürlich passt keiner dieser Hunde an so einen Ort, aber wir können sie nicht alle freisprechen. Nur wenn wir mitbekommen das ein Hund im Verhalten so sehr auffällt und er für ein Leben an der Kette absolut nicht geeignet ist, versuchen wir ihn freizusprechen bevor er gebrochen ist. Leider gibt es zu viele davon!

Heute ist ein guter Tag für unser Vorhaben, wir haben alle seine Wünsche erfüllt und Brigitte versucht ihr Glück. Da ich leider kein Wort griechisch verstehe, arbeite ich fleißig weiter. Von dem Palaver bekomme ich nicht viel mit, aber ich merke, dass er mich ständig beäugt. Endlich kommt Brigitte und teilt mir mit, er würde den Hund nur mir geben, sonst niemandem. Bingo! Seine Bedingung, der Hund soll auch bei mir leben. Kein Problem! Ich lache freundlich und sage natürlich “NEE“ , das heißt im griechischen “JA“ ! Überglücklich binde ich MEINE Hündin los und bringe sie zu meinem Auto. Sie darf natürlich vorne auf dem Beifahrer Sitz sitzen und glauben Sie mir, die Hündin sieht genauso glücklich aus wie Brigitte und ich.

Auf den anderen dieser drei Plätze habe ich den Hof weniger glücklich verlassen und nicht nur ich bin nach diesem Erlebnis fassungslos. Dieses Mal sind Brigitte und ich mit einem sehr engagierten Urlauber-Ehepaar, das ihre Hilfe angeboten hat, unterwegs. Als wir das Gelände erreichen, erwartet uns viel Arbeit und ein kleiner, süßer Welpe. Wir sind überrascht wie gut die kleine Hündin aussieht, sie kommt sofort freudig, wedelnd auf uns zugelaufen, sie ist gut genährt und trägt ein schönes Halsband. Toll, haben wir gedacht! ;Doch es gibt noch einen Welpen auf dem Hof, Alex hat ihn zufällig im Schuppen entdeckt, weil er verbotenerweise, die Tür geöffnet hat. Wir hören plötzlich ein herzzerreißendes Geschrei und sind sehr erschrocken als Alex mit einem Welpen, der panische Angst hat, aus dem Schuppen gelaufen kommt. Vor lauter Angst hat sich der Welpe komplett auf dem Arm von Alex entleert. Nicht nur Alex war heil froh als der kleine Kerl auf dem Arm von Martina landete, - endlich war Ruhe! - Der kleine Rüde zitterte am ganzen Körper, gleichzeitig leckte er fiepender weise, wie wild Martinas Hals und Kinn ab. Er ist unverkennbar der Bruder von der kleinen Hündin die draußen lebt. Der Rüde ist klapperdürr und trägt kein Halsband!

Die Herzlosigkeit der Griechen kennt keine Grenzen, der Rüde bringt seinem Herrn wohl kein Nutzen, er ist einfach nur lästig und wird deshalb wohl auch schlecht behandelt. Die Hündin hingegen wird ihm wahrscheinlich bald als Gebärmaschine dienen. Warum er diesen Rüden überhaupt hat, bleibt offen. Auf jeden Fall durfte der Kleine sich erst mal richtig satt essen! Martina und Alex möchten den Kleinen so gerne mitnehmen, aber Brigitte hält das für keine gute Idee, zumindest im Moment nicht. Brigitte hat den Griechen, dem der Hof gehört bemerkt, er steht weiter unten auf dem Feld und beobachtet uns. Wir hätten den Schuppen nicht betreten dürfen, also müssen wir jetzt schön brav sein. Sie hat uns gesagt, dass sie zu einem späteren Zeitpunkt mit dem Griechen sprechen wird. Brigitte kann auf langjährige Erfahrungen zurückgreifen, da kann man ihr wirklich vertrauen. Wenn das einer schafft, dann Brigitte!

Uns fällt es sehr schwer den Kleinen dort zurückzulassen, wir bringen ihn wieder in den Schuppen und verlassen nach getaner Arbeit schweren Herzens den Hof. Ein kleiner Junge kommt zu Marita auf die Finka und erzählt ihr von seinem Welpen, der einen Autounfall hatte und nach Deutschland soll, weil er dort operiert werden muss. Der Welpe gehört seinem Vater und der möchte den Hund gerne wieder haben, wenn er gesund ist. Brigitte hat ihm klar gemacht, wenn der Welpe nach Deutschland geht kommt er nicht wieder zurück. Jetzt will der Junge die kleine Hündin noch einmal besuchen und sich von ihr verabschieden. Marita weiß von wem er spricht und bringt ihn zu unserem Riesenbaby. Die Freude der “kleinen Hündin“ über den Besuch des Jungen ist groß, dass hat mich doch sehr überrascht. Der Junge hat uns verraten, dass er mit der Hündin gespielt hat und dass sie ihm immer hinterher gelaufen ist. Dabei ist sie dann auch angefahren und ein Stück mit geschliffen worden.

Seit einer Woche versuche ich verzweifelt eine Pflegestelle für mein Riesenbaby zu finden, aber da wir uns mitten in den Sommerferien befinden ist es doch schwieriger als ich gedacht habe. Hinzu kommt, dass meine Lumi, so habe ich sie genannt, in der Nähe von Ines, also im Norden von Deutschland ein Pflegeplatz sucht. Die Pflegestelle muss sehr zuverlässig sein, denn es werden mehrere Arztbesuche anstehen. Durch die Schmerzen hat Lumi eine schiefe Körperhaltung und auf Grund der langen Wartezeit ist eine Pfote mittlerweile durchtrittig. Das verletzte Bein ist kürzer, sie muss wegen der verkürzten Muskeln nach der OP auf jeden Fall ein paar Wochen zur Physiotherapie. Das alles lässt mir keine Ruhe und die Zeit läuft mir davon, das Beste ist Lumi kommt zu mir. Endlich, Lumi zum Glück, wir haben einen Flugpaten! Um diese Zeit ist es immer eng mit den Plätzen im Flieger, netterweise ist Michaela bereit einen Hund auszutauschen. Nochmal ein dickes Dankeschön!

Für mich sind auch die letzten Tage auf Kreta mit Terminen verplant, drei Flughafenfahrten und zwei größere Kettenhundtouren. Wir haben in 14 Tagen fünf Flughafentouren gefahren und so 13 Hunde und 3 Katzen per Flugpaten nach Deutschland geschickt. Außerdem habe ich in der Zeit über 60 Kettenhunde betreut, von denen 39 Hunde neu in unserem Patenschaftsprojekt aufgenommen wurden. Allerdings musste ich auch einige Hunde aus unserem Projekt streichen! Außerdem kamen noch unvorhergesehene Einsätze dazu, wie z.B. Tierarzttouren. Ich habe drei Fahrten übernommen, die auch immer viel Zeit in Anspruch nehmen.Ich hätte gut noch eine Woche gebrauchen können und wahrscheinlich hätte ich dann auch noch gesagt, drei Wochen reichen nicht.

Trotz alledem glaube ich in der kurzen Zeit eine Menge für die Tiere getan zu haben und auch den Tierschützern vor Ort war ich sicher eine Hilfe, die alle dort gebrauchen können.Den Tieren helfen kann eigentlich jeder, es gibt genug Möglichkeiten, nicht nur vor Ort!
Ihre Carina


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