Kreta März 2017 09.04.2017 New Life Resort

Ein Bericht von:
Dr. Melanie Stehle
Tierärztin

Ihnen werden meine Gedanken nach dem zu Ostern erscheinenden "Im Einsatz" bekannt vorkommen, aber sehr viele Tierärzte aus unserem Team waren Anfang des Jahres auf Kreta. Lassen Sie mich bitte diese turbulenten Wochen mit meinen eigenen Worten zusammenfassen.

Ein neuer Zeitabschnitt sollte auf Kreta beginnen. Es ist Februar 2017 und wir planten erstmalig, zwei Kastrationsteams für einen Monat auf Kreta zu stationieren. Hoch motiviert und voller Vorfreude organisierten wir Wochen zuvor, dass genügend Material und Zubehör zur Verfügung stehen würde, denn es dürfen an keiner Stelle Engpässe entstehen. Nina ist mit ihrem Team für die verschiedenen Kastrationskliniken im Osten der Insel zuständig. Antonia, Marga und ich für den Westen und unsere Station, das New Life Resort. Gleichzeitig wird Marga mit Christina und ihrer Freundin Lesslie zu einem einwöchigen Einsatz nach Thessaloniki fliegen. Auch Tanya, unsere neue Kollegin, ist mit vor Ort und wir möchten sie weiter in die Kunst der Chirurgie einweisen.

Nina´s Nachricht elektrisierte mich wie ein Blitzschlag. Wir kennen uns schon seit vielen Jahren und anhand ihrer ersten zwei Worte wusste ich um den Ernst der Lage. Vier. Sie hatte vier gefunden. Gleich vier auf einmal. Vier schwer verletzte Tiere, deren Knochen gebrochen sind und bei einem sogar herausragen. Dr. Melanie Stehle

Es sind viele Namen, die ich hier aufzähle, aber unser Team ist ja schließlich im Laufe der Jahre auch gewachsen. Außerdem weiß ich, dass viele von Ihnen "Stammleser" sind und regelmäßig unsere Veröffentlichungen verfolgen. Also gehe ich davon aus, dass Sie im Bilde sind. Noch bis kurz vor meiner Abreise kreisten meine Gedanken ausschließlich um die Kastrationen, die wir auf Kreta immer weiter vorantreiben wollen und in diesen Wochen zu bewerkstelligen hatten. Kastrationen sind nach wie vor unser Schwerpunkt, davon möchten wir nicht abweichen. Unter keinen Umständen!

Doch mit Betreten unserer Station musste ich erkennen, dass sich unsere Zeitgewichtung und die Schwerpunkte in den kommenden Wochen anders gestalten werden. Wenn viele Teams im Einsatz sind und dahin schauen, wo sonst kaum einer seine Nase reinsteckt, dann ist es nur eine logische Konsequenz, dass wir was finden, was unsere und Ihre Hilfe benötigt. Innerhalb kürzester Zeit brannten unsere Telefone und von überall her schallte es an mein Ohr: Notfälle, Notfälle und noch einmal Notfälle. Sie alle haben komplizierte Verletzungen und werden Zeit brauchen, um gesund zu werden. Erst nach Ihrer Heilung beginnt der Prozess der Vermittlung. Für jedes einzelne Tier ein langer Weg der Betreuung und Versorgung bis zur glücklichen Übergabe an eine liebevolle Familie. Dazwischen 2500 Kilometer.

Dieser Aufgabenbereich der Arche ist zweifelsohne sehr wichtig, denn die verletzten Tiere brauchen unsere Hilfe. Punkt. Dennoch merken wir, dass wir mit der Doppelbelastung einer großen Tierstation UND den langen Kastrationstagen an unsere physischen Grenzen stoßen. Jeder von uns merkt das in seinen Knochen, auch wenn wir es uns niemals zugestehen werden.

Thomas' Bericht "Ich will sie, ich will sie nicht" im kommenden "Im Einsatz" beschreibt haargenau unseren Spagat zwischen einer notwendigen, aber arbeitsreichen Auffangstation und den ebenfalls extrem wichtigen Kastrationsaktionen. Meine Blicke schweiften durch die Zwinger unserer Station. Nichts war mehr frei, die meisten bereits doppelt und dreifach belegt. Ninas erster Einsatzort war eine Gemeinde, in welcher wir bisher erst einmal operieren konnten. Hier weiß man noch nicht so ganz genau, wie man mit verletzten Tieren umgehen soll. Sie werden aber trotzdem eingesammelt und mangels Geld nicht weiterversorgt. Thomas hatte Schaum vor dem Mund, als er hinfuhr, um verzweifelt eine Lösung zu finden.
Nina´s Nachricht elektrisierte mich wie ein Blitzschlag. Wir kennen uns schon seit vielen Jahren und anhand ihrer ersten zwei Worte wusste ich um den Ernst der Lage.

Vier. Sie hatte vier gefunden. Gleich vier auf einmal. Vier schwer verletzte Tiere, deren Knochen gebrochen sind und bei einem sogar herausragen. Ich war im New Life Resort, Thomas auf dem Weg zu Nina und Nina inmitten der Front. Wir telefonierten ständig miteinander. Thomas rechnete. Es werden 4000,- weg sein. Locker. Aber was ist die Alternative? Einschläfern und so tun, als ob nichts gewesen wäre? Pech für den, der sich anfahren lässt. Was darf ein Leben kosten? Darüber haben sich schon Philosophen den Kopf zerbrochen.
Auch meine Gedanken kreisten, denn sollte Thomas die vier mitbringen - und ich war mir sicher, dass er das tun wird! - wusste ich nicht wohin mit ihnen. Auf Anhieb sah ich keinen einzigen freien Platz.

"Natürlich bringt er sie mit!" verankerte sich in meinem Kopf, während ich verzweifelt eine Lösung des Platzproblems herbeischaufelte. Später hörte ich von Nina ein erleichtertes "Dankeschön". Sie hatte an diesem Tag wie eine Wahnsinnige kastriert, um sich Luft zu schaffen und dafür zu sorgen, dass sie endlich weniger werden. Die, die angefahren werden, die, die verhungern, die, die vergiftet werden. Verzweiflung und Ratlosigkeit arbeitet sie mit ihren Händen weg. Wie seit Jahren.
Antonia war der Strohhalm. Sie erklärte sich unverzüglich bereit mit den vier (es sollten 5 werden, denn in Plakias wurde eine Katze mit gebrochenem Bein gefunden) nach Deutschland zur OP zu fliegen.

Dafür liebe ich unser Team. Gemeinsam ohne "wenn und aber" für die Bedürftigen da zu sein. Jederzeit. Die Strukturen aufgebaut zu haben, um solch eine Wahnsinnsleistung hinzubekommen. Jeder kann sich auf den anderen verlassen. Es macht mich glücklich, zu sehen, wie die Zahnräder unserer Arche ineinandergreifen und auf jeden Verlass ist. Diese fünf befanden sich nicht in Gottes Hand. An diesem Tag zumindest mischten sich weitere 20 Hände ein, von denen jede einzelne ihren Beitrag leistete. Und nicht zuletzt wagten wir diese finanziellen Belastungen deshalb, weil wir a. nicht anders können, ohne selbst kaputt zu gehen und b. weil wir Sie an unserer Seite haben. Sie sind auch eine dieser Hände!

Die Nachsorge in Deutschland habe ich nach meiner Rückkehr übernommen. Somit sparen wir Kosten. Zumindest ein bisschen. Und nebenbei kastrierten wir im Februar 1380 Tiere.
Na bitte, es geht doch.
Beides.
Erste Hilfe UND die Prävention.


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