Kreta - Tagebuch Pfingsten 2019 20.06.2019 Gedanken

Ein Bericht von:
Thomas Busch
Tierarzt und Vorstand

Sonntag. Abflugtag.

Haben Sie Lust, mit nach Kreta zu kommen? Wollen Sie uns begleiten? Dann müssen Sie aber früh aufstehen. Um 7:35 Uhr geht der Flieger. Eine Dienstreise im Touristenbomber. Die Sonne schläft noch, als wir uns aus dem Haus schleichen. Machen wir Krach, wecken wir sämtliche Hunde auf, die inzwischen in der Nachbarschaft ein neues Leben begonnen haben. Ihr altes endete auf Kreta.

Zwei Touristen haben sich gemeldet, sie haben verletzte Tiere gesehen. Wir sollen kommen. Die geschickten Bilder sehen in der Tat schlimm aus und wir versuchen auch dort zu helfen, was bis zum Abend in beiden Fällen gelingt. Aber an alle Urlauber, die diese Zeilen hier lesen: wir können nicht überall helfen. Und wir kommen auch nicht, nachdem Sie abgereist sind, um das Tier zu suchen, in das Sie ihr Herz verloren haben. Unsere Tage sind vom ersten Hahnenschrei bis oft nach Mitternacht vollgepackt mir Arbeit. Haben Sie bitte Verständnis dafür.Thomas Busch

Nathan wurde heute Nacht von Gregor Uhl abgeholt. Fast hätte seine Anwesenheit unsere Reise gesprengt, denn es will ihn einfach niemand haben. (Nathan, nicht Gregor. Der ist vermittelt.) Dabei ist er zu einem richtigen Schatz geworden (beide). Gregor sprang in letzter Minute ein und kümmert sich um ihn, bis wir zurück sind. Melanie und mich zieht es dahin, wo die Not herrscht. Dort, wo die Hundebetten nicht existieren, die Kaustangen aus altem Holz bestehen und die Futternäpfe immer leer sind. Dorthin, wo die Touristen im Stundentakt Welpen finden und meinen, wir könnten ihnen helfen. Dorthin, wo eine Lösung gefunden werden muss, zwischen den Tierschützern, der Gemeinde, den lokalen Tierärzten und uns. Dorthin, wo im NLR Andi jede Unterstützung gebrauchen kann. Dorthin, wo die Arbeit nie endet.

11 Tage sind reserviert. Am gedeckten Tisch. Am gedeckten OP-Tisch. Melanie löst Antonia ab. Antonia hatte nach kurzer Pause Melanie abgelöst und anschließend ist wieder eine Kastrationspause. Unsere Mitgliederversammlung am Bodensee folgt. Alle Tierärzte und Helfer werden dort sein um Ihnen von den einzelnen Einsätzen hautnah zu berichten. Auch unser Freund und Kollege Dr. Herwig Zach wird über die Kapverden einen Vortrag halten. Zwischen Landung und der Versammlung haben wir einen Tag frei, den wir nutzen werden, um uns in der Schweiz mit dem Vorstand einer Stiftung zu treffen. Wann ich mich auf die Versammlung vorbereite? Ich habe, ehrlich gesagt, keine Ahnung. Aber so ist es ja immer. Die Stimmung ist trotz früher Stunde im Flugzeug toll. Der Kampf um die Handgepäckslücke oberhalb der Sitzreihen ist klassisch, ebenfalls wie das dichte Gedränge am Kofferband nach der Landung. Warum in Gottes Namen kann nicht jeder einen Schritt zurück machen und es wäre Platz genug, um beim Herunterheben der Koffer nicht sämtliche Kniescheiben der Mitreisenden zu demolieren? Ich werde es nie verstehen und bedauere insgeheim, dass wir keine Koffer dabei haben. Die Billigfluglinien, die um diese Jahreszeit Wucherlinien heißen müssten, verlangen ja sogar Geld für ein ordinäres Glas Wasser. Da bleiben die Koffer halt zuhause und wir schicken sie mit dem nächsten LKW-Transport mit. Das ist günstiger. So sitzen wir eingepresst in Sitzreihen und freuen uns auf Antonia. Ich habe sie lange nicht mehr gesehen, schließlich sind unsere Arbeitsplätze mehrere tausend Kilometer auseinander. Auch auf Andi freue ich mich und ich bin mir sicher, unsere Begrüßung beginnt mit einem „Hm“.

„Was ist heute für ein Tag?“, frage ich mindestens drei Mal Melanie. Es ist eben noch früh und ich bin schon 130 km gefahren. „Pfingstsonntag! Am Flughafen, auf Kreta und auch heute Abend noch“, antwortet sie ein bisschen gestresst.

Dann wird morgen in Rethymno operiert. Das wird spannend, denn bei unserem letzten Aufenthalt lernten wir ein junges Tierärzteehepaar kennen, die in Rethymno eine kleine Praxis eröffnet haben. Bei jeder Augenenukleation, was zum Verständnis nichts anderes heißt als „Auge muss raus“, gab es postoperative Probleme. Sie machten Fehler. Aber anstatt dem griechischen Stolz die Treue zu schwören, fragten sie bei uns nach, ob wir ihnen zeigen könnten, wie es lege artis gemacht wird. Und bei dieser gemeinsamen Arbeit entwickelte sich Sympathie. Diese Art des Zusammenfindens zwischen uns und einheimischen Kollegen passierte, verteilt über die Insel, in den letzten Monaten öfters. Eine großartige Entwicklung ohne feindschaftliches Konkurrenzdenken. Dem jungen Pärchen aus Rethymno haben wir angeboten, uns, kommenden Montag, bei der Kastrationsaktion zu begleiten und wir hoffen, dass sie mit dabei sind.

Dem Bürgermeister hatte ich einen netten Brief geschrieben, in dem ich die Zahlen der bereits unfruchtbar gemachten Tiere erwähne und mich für die nette Zusammenarbeit bedanke. Er hat sogar geantwortet und wenn wir einen Abend Zeit finden, treffen wir uns zu einem Kaffee. Und was sagt meine Sitznachbarin während des Fluges? Sie freut sich auch schon auf den Strand und das herrliche Wetter. Ich überlege kurz. Hat Kreta Strände…?

Antonia holt uns ab. Es ist schön, sie wiederzusehen. Die Abstände und die Entfernungen zwischen uns sind oftmals einfach zu lang. Aber was sollen wir tun? Sie guckt nach den ersten Sätzen beschämt zu Boden und beginnt mit ihrer Beichte. In ihr, eigentlich perfektes Deutsch baut sie immer mal wieder Wörter oder Sätze ein, die einem jegliche Basis entziehen, böse zu sein. „Ich habe den Vito gekratzt. Aber schon Braunol und ein Pflaster auf die Wunde getan.“

Übersetzt: unser alter Mercedes-Bus hat eine Delle mehr. Er ist inzwischen ein Rund-um-sorglos-Paket geworden, denn es gibt keine Seite die noch ursprünglich aussieht. Jeder unserer, oftmals jüngeren Fahrer(innen) hat ihn bereits nach seiner/ihrer Vorstellung ummoduliert. Mich stört es wenig, denn solange die Insassen heil bleiben ist Blech ersetzbar. Außerdem ist er uralt und darf ein paar Falten tragen. Ich weiß nur, dass neuere Autos erst einmal in Deutschland ihren Dienst tun, bevor sie zum „Kratzen“ nach Kreta dürfen. Und nachdem sie gebeichtet hat werden Vierräder durch Vierbeiner ersetzt. Melanie und ich bekommen, so scheint es zumindest, über JEDES Tier auf Kreta einen Gesundheitsbericht. Da gibt es die alte Katze aus Plakias, die noch lebt. Über die Nierenwerte von Ralle, dem Schäferhund aus Sitia wird fachlich diskutiert und selbstverständlich informiert. Ich bin von der riesigen Festplatte fasziniert, die meine Kolleginnen besitzen. Es scheint so, als wäre jeder Patient, egal wie lange seine Behandlung her ist, im Gehirn gespeichert. Auf ewig. Ich, der sich seit längerer Zeit mehr um die Organisation der Arche kümmert, als um die Patientenakten höre mit einem Ohr zu und schaue gleichzeitig aus dem Fenster und freue mich über die Schönheit der Insel. Ein Teil gefällt mir besonders, nämlich der, den ich sehe, als wir vor dem großen Tor halten. NLR steht dort auf einem Schild und ich fühle mich heimisch. Andi ist nicht da, unsere „Hm-Begrüßung“ muss bis morgen warten, aber seine Handschrift ist deutlich zu erkennen. Es ist noch nicht lange her, da sah ich bei jeder Ankunft die Arbeit, wie sie mich förmlich ansprang. Seitdem Andi mithilft, scheint es so, als könnte ich mich auch um andere Dinge kümmern. Zum Beispiel die Zeit finden, um Sie, liebe Tierfreunde, mitzunehmen.

Miriam und Jemima, zwei Praktikantinnen, haben ein kleines Essen vorbereitet und anschließend fährt ein Teil der Crew an den Strand. Ich muss da nicht mit (auch wenn es meiner Allgemeinbildung gut täte – ja, Kreta hat Strände!) denn ich bin alt und seit 3:00 Uhr auf den Beinen. Stattdessen drehe ich eine erneute Runde durch unsere Station und begrüße die Tiere, die sich hier erholen. Viele sind es nicht und das ist auch gut so. Ich betone es gerne nochmal, das NLR ist kein Tierheim, sondern ein Platz, an dem sich schwer verletzte Tiere von ihren Leiden erholen dürfen.

Montag. Pfingstmontag, wie ich mir gemerkt habe.

Strand, Sonne Mehr.
Gestern klangen meine Zeilen wie eine Urlaubsreise. Stimmt's?
Aber das war gestern.

Heute beginnt der erste Arbeitstag am Mehr. Um 6:00 Uhr erklingen die ersten Beschwerden, dass der Küchenservice endlich aufstehen soll, direkt unter unserem Fenster. „Miau“ und „Wuff“ wechseln sich ab und an ein Weiterschlafen ist nicht zu denken. Miriam und Jemima höre ich mit den Futterschüsseln rascheln und weiß, dass die Klagen gleich verstummen. Den Vito, den „gekratzten“ haben wir gestern Abend beladen. Boxen, Quetschkästen, Fallen, Kisten, Sterilisator, Lampen trägt er brav nach Rethymno. Dort warten ab 9:00 Uhr die ersten Tiere. Schnell ein kleines Frühstück und das Team bricht auf. Ich bleibe im NLR, bekomme noch ein paar Anweisungen und verspreche, später nachzukommen. Zuerst aber möchte ich noch diese Zeilen an Sie richten, dann eine Runde mit Suro (unserem Hundepatienten) und anschließend mit Andi über die Station gehen und alles drumherum bereden. Also kehrt Ruhe ein als der alte Diesel langsam durch das Tor verschwindet.

Eine halbe Stunde Fahrt liegt vor den vier Frauen. Die Gemeindeklinik von Rethymno befindet sich in einem kleinen Dorf, etwas außerhalb der Stadt. Melanie bat die Gemeinde, die Wände neu zu streichen, denn die Feuchtigkeit des Winters hat die alte Farbe abblättern lassen. Und wenn Farbe von oben auf einen OP-Tisch fällt, ist das doof. Ebenso müsste der Vorplatz gemäht werden. Dornen und Stacheln in Hundefellen brauchen wir nicht. Ihrem Wunsch wurde Folge geleistet. Aber davon erfahre ich erst gegen Mittag, zuvor bespreche ich mit Andi gefühlte 10.000 Dinge. Alle wichtigen Bauarbeiten im NLR sind erledigt. Außer zwei Sachen. Das eine ist das Fliesen der Hundezimmer und der Ausläufe. Aber das verlegen wir in den Juli. Das andere ist die Garage. Sie ist riesig und ein Segen für unser Lagerproblem. Dort befinden sich unzählige Flugboxen, ca. 20 blaue Fässer, die absolut dicht sind und so als Lager für Trockenfutter dienen. Fünf Paletten Dosenfutter warten auch noch auf ihre Verteilung. Andi hat im hinteren Bereich eine Werkstatt eingerichtet, in der er wahrscheinlich auch eine Mondrakete bauen könnte. Und dann steht an der rechten Wand noch ein Regal aus stabilem Eisen, welches Malte Machat (Sie erinnern sich an unseren Elektriker, der bei dem Umbau des Hundehäuser unverzichtbar war) einst besorgte. Dort ist alles, was der Tierschutz so braucht (oder auch nicht braucht) eingelagert. Zum Beispiel Reste alter Flugboxen, die als Reserve immer mal einspringen müssen. Katzenfallen, Netze, Quetschboxen und eine Menge Kleinkram von dem ich mich frage, wie all das Zeug hier her gekommen ist.

Zwei große Probleme gibt es aber mit unserer Garage. Erstens hat sie kein Tor. Das bedeutet, dass der Wind ungehindert hineinbläst. Leider bringt dieser auch eine Menge Staub mit und so sehen alle Sachen braungrau aus. Zweitens ist die Zufahrt abschüssig und sorgte dafür, dass die winterlichen Wassermassen die Garage fluteten. Zwar stehen die wichtigsten Dinge erhöht auf Paletten, aber wer möchte den Rhein durch sein Futterlager fließen sehen? Und der letzte Winter war der härteste, den Kreta seit langem über sich ergehen lassen musste. Die Videos, die mir bei dem Regenwetter, welches die halbe Insel verwüstet, geschickt wurden, waren nicht witzig! So muss der Ablauf vor der Garage tiefer gelegt werden und wir überlegen, ob wir ein Tor einbauen lassen. Vielleicht machen wir es auch selber, denn auf diese Art ist fast alles auf dem Gelände entstanden und hat damit lediglich das Material gekostet. Und mit Andi als handwerkliche Wunderwaffe könnte es gelingen.

Inzwischen ist es 11:00 Uhr. Ich wollte doch zur Gemeindeklinik. Schnell lade ich das Auto voll mit Futter, das immer wieder gerne genommen wird, packe die Müllsäcke oben drauf und starte durch. Der Müll wird nicht am Haus abgeholt, so wie in Deutschland, sondern man bringt ihn zu den überall herumstehenden Containern, die wiederum täglich geleert werden. Oder auch nicht. Dann stapelt sich der Dreck daneben und ringsherum und wen wundert es da, dass die freilebenden Tiere hier ausreichend Nahrung finden? Beste Voraussetzung für eine gesunde Population??!!

Damit die aber nicht größer wird, ist im OP bereits der Alltag im vollen Gang. Das Team unserer vier Frauen ist aufgestockt durch die Helfer und Tierfreunde, die bereits seit gestern Nacht im Gebüsch lagen, um die Tiere einzufangen, die heute operiert werden sollen. Ich darf mich an dieser Stelle ausführlich dafür bedanken. Ich mag es, all diese Menschen wiederzutreffen. Im Laufe von über 20 Jahren verbindet uns dann doch der Tierschutz mit einem unsichtbaren Band der Treue. Wir als Tierärztepool möchten so etwas wie ein Neutrum sein. Leider, und dieses Phänomen nervt mich seit meinen ersten Schritten im Tierschutz, gibt es immer wieder Meinungsverschiedenheiten und Streit der einzelnen Tierschützer untereinander. Aber wir möchten uns da nicht einmischen und auch nicht positionieren, denn wir sind letztendlich für die Streuner da. So will ich die einzelnen Geschichten, wer wem was wann angetan hat gar nicht hören, sondern freue mich über viele und volle Boxen. Es wuselt in den zwei kleinen Räumen. Ruhe strahlen nur die beiden sich gegenüber stehenden OP-Tische aus, denn hier zeigen Melanie und Antonia ihr Können. Zwei super schnelle Chirurginnen brauchen zwei wirklich top ausgebildete Assistenten. Und obwohl Miriam und Jemima ihr Bestes geben, entstehen immer mal wieder Lücken auf dem OP-Tisch. Sie sind eben noch nicht sooo lange dabei. Und für mich gibt für mich nichts Sinnloseres, als einen leeren OP-Tisch, auch wenn es nur für wenige Minuten ist. Und es zeigt mal wieder, wie wichtig fest angestellte und ausgebildete Helfer (und natürlich auch Tierärzte) sind. Aber Miriam und Jemima werden sich in den nächsten Tagen noch steigern, davon werde ich eindrucksvoll überzeugt. Jemima ist Tierarzthelferin in einer Praxis in Berlin und man merkt, dass sie gut ist. Aber eine Tierarztpraxis ist in keiner Weise mit der Arbeit beim Tierärztepool zu vergleichen. Bei uns braucht man sich zum Beispiel nicht überlegen, was man in der Pause machen möchte… Nein ernsthaft, hier zaubert niemand, aber die einzelnen Handgriffe wollen erlernt werden und müssen ineinandergreifen, damit nichts ins Stocken gerät. Ansonsten ist die hohe Anzahl an Operationen nicht zu leisten. Das erfordert Übung, Übung, Übung.

Das Futter ist verteilt, ich habe mir einen Überblick verschafft, meine Wünsche geäußert und fahre zurück zur Station. Gegen Abend werden die Frauen zurück sein, bis dahin möchte ich in der Garage ein Stück weiter kommen.

Dienstag. Pfingstdienstag? Gibt es den? Ich traue mich nicht zu fragen.

Gleiches Spiel wie gestern 6:00 Uhr Miau und Wuff. Aufstehen. Der Hahn des Nachbarn gibt auch noch seinen Senf dazu. Gott sei Dank bin ich ein Frühaufsteher! Füttern, Gassi, Auto beladen. Andi kommt. Die Frauen fahren. Jetzt ist es 8:00 Uhr.

Eine Tierschützerin kommt um sich Futter abzuholen. Bei den weniger werdenden Stapeln in unserer Garage bin ich einerseits glücklich, denn sie stehen Andi und mir im Wege, andererseits wird man nervöser, wenn kein Nachschub in Sicht ist. Gott sei Dank meldete sich Georgo, unser griechischer LKW-Fahrer vorgestern und kündigte sein Erscheinen in Hamburg an. Dort stehen noch ca. 8-10 Tonnen und wenn alles gut läuft, sind die in einer Woche in unserer sauberen und aufgeräumten Garage auf Kreta. Leider kann ich beim Einladen nicht helfen, was in Hamburg nicht schlimm ist. Dort stehen die Futterdosen ordentlich gestapelt auf Paletten und die Arbeiter im Lager sind sehr hilfsbereit und haben auch entsprechende Hubwagen. Allerdings ist das in Melanies Garage bei München anders. Dort muss Georgo ebenfalls vorbeifahren um die Boxen, die schon länger auf die Reise nach Kreta warten, einzuladen. Und das ist in sofern blöd, als dass dort kein Hubwagen existiert und der Weg bis zur Hauptstraßen (ca. 80 m) nur zu Fuss zu meistern ist. Sind wir da, stelle ich alles an die Straße, wenn Georgo sich ankündigt, nur jetzt bin ich auf Kreta und kann mich nicht teilen. Also rufe ich die Nachbarschaft und Gregor Uhl an, dass sie sich bitte in Bereitschaft versetzen. Doppelt blöd daran ist, dass Georgo nie genau weiß, wann er kommt und man wirklich die Tage seiner vermutlichen Ankunft Gewehr bei Fuss stehen muss. Rund um die Uhr.

Ich fahre auch heute zur Gemeindeklinik nach Rethymno. Wieder vollgepackt mir Futter. Heute haben andere Tierschützer ihre Tiere gebracht. Manchmal ist es besser, die sich nicht liebenden Tierschutzfraktionen auf zwei verschiedene Tage zu verteilen. Aber uns ist es egal und wir planen die Aktionen eben so, wie der Kindergarten es möchte. Das Futter wird auch diesmal förmlich aus dem Auto gesogen…

Im OP ist etwas anders. Gestern Abend diskutierten wir noch lange über Verbesserungen, denn bei zwei Chirurgen und zwei Helfern ist es schon sehr wuselig. Dazwischen immer mal wieder Tierschützer, die Fragen zur Gesundheit ihrer Tiere stellen. Heute sind die Vorbereitung und die Narkose in den Vorraum verlegt und nur die schlafenden Tiere kommen in den OP. Dadurch ist dort mehr Ruhe und mehr Platz. Miriam und Jemima haben sich einen großen Tisch aufgebaut, an dem sie die Tiere vorbereiten. Außerdem sind sie ein bisschen schneller geworden und koordinieren die Abläufe besser. Beispielsweise muss der Helfer ein Auge dafür haben, wann die Operation fertig sein wird, um zuvor das nächste Tier so anzuspritzen, dass es rechtzeitig schläft. So rechtzeitig, dass es bis zur Operation rasiert ist, Augentropfen bekommen hat, einen Venenkatheter gelegt bekommt und und und. Wenn dann im eigentlichen OP die Kastration beendet ist, nimmt der Arzt das Tier vom Tisch, übergibt es dem Helfer, der im Idealfall unverzüglich das nächste Tier auf den freigewordenen Platz legt. Fließband halt. Aber nur so schaffen und bewirken wir etwas Effektives.

Zufrieden und mit einigen Fotos beladen fahre ich zurück ins NLR. Andi hat die Eisenregale von der Wand entfernt und sie quer als Abgrenzung zum hinteren Teil der Garage gestellt. Wie er die schweren Dinger alleine bewegt hat, frage ich nicht. Aber so ist er. Nicht reden, sondern machen. Die Idee finde ich prima, denn dadurch gewinnen wir mehr Stellplätze. Die Spuren, die das im Winter eingedrungene Wasser mit den Schlammmassen hinterlassen hat, beseitigen wir gemeinsam.
Gegen 21:00 Uhr kommt das Team zurück. 50 Operationen sind es heute geworden…

Ich glaube, einen Pfingstmittwoch gibt es nicht.

Wie sie merken, haben wir Feiertage abgeschafft. Den Notfällen sind die eh egal, auch der Hunger kommt pünktlich und Hund, Katze, Hahn nehmen darauf sowieso keine Rücksicht. Das morgendliche Prozedere kennen Sie bereits und schon sind die Frauen wieder verschwunden. Ich freue mich auf den heutigen Tag, denn das Tierärztepärchen aus der Stadt möchte mit uns mitarbeiten.

So klemme ich mich hinter den Rechner, um meine Gedanken und das gestern Erlebte für Sie einzutippen und höre alsbald den Kies unter Andis Autoreifen knirschen. „Ich komme gleich“, rufe ich aus dem Fenster und als Antwort kommt: „Mach Du mal Deins, ich komm schon klar.“

Lange dauert es aber nicht und die nächste Unterbrechung fährt auf den Hof. Es sind Brigitte und Gerlinde, zwei Tierfreundinnen aus der Nachbargemeinde, mit denen ich sprechen möchte. Mir spukt schon seit Langem ein gewagter Plan durch den Kopf, aber meiner Meinung nach der einzige, der mittelfristig erfolgreich sein könnte. Sie wissen, dass wir seit Jahren Probleme damit haben, die griechische Anerkennung der deutschen Approbationen zu erlangen. Dir Papiere von drei Tierärztinnen liegen in Athen bei der entsprechenden Stelle. Diese aber bewegt sich keinen Millimeter. Und das seit Jahren. Sie sollen schlichtweg überlastet sein. Man kann das glauben oder die Vermutungen aufkeimen lassen, dass dies mit einem gewissen Kalkül geschieht, um ausländische Konkurrenz fernzuhalten. Egal, was man glauben mag, das Ergebnis bleibt dasselbe. Nun könnte man wieder die EU-Kommission einschalten, einen Anwalt suchen, viel Geld bezahlen und auch wieder warten. Man kann es aber auch lassen und sich etwas Neues überlegen. Das habe ich getan und möchte meine Gedanken den beiden Tierfreundinnen mitteilen.

Der Grund, warum unser Verein sich selbst einen medizinischen Schwerpunkt geschaffen hat und diesen „Tierärztepool“ nannte, ist ganz einfach. Selbst ausgesuchte und -ausgebildete Tierärzte sind fachlich gut. Sehr gut, denn sie tun den ganzen Tag nichts anderes als zu kastrieren. Zudem sind fest angestellte Tierärzte kostengünstig. Warum? Weil sie für den Verein viele Dinge ermöglichen die sich Kollegen, die eine externe Praxis betreiben, gut bezahlen lassen. Beispiele gibt es viele. So haben wir eine eigene Apotheke, durch die wir Equipment bestellen können. Wir beziehen es also für den Einkaufspreis.

Kommt ein Hund wie Nathan zu uns nach Deutschland, operiert eine unserer Kolleginnen (in diesem Fall war es Melanie) das Tier. Nathan hatte sechs Probleme, die in einer vereinsexternen Praxis zirka € 1500,- gekostet hätten. Wir machen so etwas dann selber. Lediglich das Material mussten wir kaufen, aber das ist der Rede fast nicht wert. Nun sind die ersparten Kosten aber nicht alles. Fest angestellte Ärzte arbeiten (im Gegensatz zu hin und wieder mal vorbei guckenden, ehrenamtlichen Kollegen) permanent für uns und kennen sich in allen Strukturen bestens aus. Vor allem auf ihrem Fachgebiet.

Gerade mit dieser Spezialisierung liegen sie fachlich weit vor vielen anderen Kollegen, was uns oft als Arroganz ausgelegt wird. Erst recht, wenn man in einem Land arbeitet, in dem der Begriff „Kleintierarzt“ in den Kinderschuhen steckte.

Vor 20 Jahren gab es auf Kreta kaum Tierärzte, die sich mit Hunden und Katzen beschäftigten. Fachlich gut ausgebildete Kollegen schon gar nicht. Mit diesen Kollegen war eine Zusammenarbeit ausgeschlossen, denn sowohl ihre Einstellung als auch ihr fachliches Können, waren unter aller Würde. Man drehte durch den Heimvorteil aber den Spieß um und diskreditierte meine Kolleginnen und mich auf übelste Weise. Es wurde ein dermaßen großer Schwachsinn über uns verbreitet, dass wir bis heute mit einem Ruf zu kämpfen haben, der einem Geist oder Horrorschlächter schmeicheln würde.

Aber das ist lange her. Inzwischen ist eine neue Generation herangewachsen, die gesehen und verstanden hat, wer den Karren in den Dreck gefahren hat und wodurch. Sie müssen in der Zeit der Krise das ausbaden, was die Alten versemmelt haben. Sie geben aber ihr Land nicht auf, sondern möchten es verändern. Und diese Erkenntnis möchte ich mit Brigitte und Gerlinde besprechen und überlegen, welche Konsequenzen wir daraus ziehen können. Was spricht also gegen die Einbindung griechischer Kollegen in unsere Arbeit? Eigentlich nichts, außer… Und dieses „außer“ muss definiert werden.

Ich kann mir gut vorstellen, junge, gerade fertig gewordene, griechische Tierärzte mit in unser Team aufzunehmen. Wenn sie bereit sind, die chirurgische Ausbildung bei uns zu absolvieren (Studienabgänger haben sowohl in Deutschland als auch in Griechenland so gut wie keine praktische Erfahrung. Sie betreten also nach ihrem Studium chirurgisches Neuland!), spräche da sicherlich nicht viel gegen. Würden wir ein paar neue Antonias finden, wäre ich überglücklich. Mit diesen Kollegen gäbe es keine Zulassungsprobleme, denn sie haben ja logischerweise die griechische Approbation und sie wären viel leichter in den Arbeitsalltag zu integrieren, weil sie ihr Land kennen und die Sprache beherrschen. Eine andere Idee wäre die Zusammenarbeit mit Kollegen, die sich niedergelassen haben. Hier kommen wir aber schnell zu dem oben beschriebenen Problem, dass das kostenintensiv ist. Aber nicht, wenn diese Kollegen sich gerade niedergelassen haben und ihre Praxis noch nicht brummt. Auch nicht, wenn zu viele Kollegen auf engem Raum niedergelassen sind und die Kunden deswegen ausbleiben. Vielleicht auch nicht, wenn wir im Rahmen einer ehrlichen Zusammenarbeit eine Ausbildung anbieten, mittels derer sie sich einen fachlichen Vorteil verschaffen können.

Es gibt unendlich viele Wenn und Aber, nur erscheint mir dieser Weg als der Beste. Deshalb freue ich mich auf die beiden jungen Kollegen, die ich heute treffen werde. So lösen wir mit vielen neuen Ideen die Runde auf, verabschieden uns von Andi, der „klarkommt“ und ich fahre zum dritten Mal in die Gemeindeklinik, in der gestern 50 Tiere operiert wurden. Erneut packe ich noch schnell Futter ein, denn es sind heute ja andere Tierschützer dort als gestern. Ich erklärte bereits warum. Grrr… Aber nur Melanie und Antonia sind anwesend, von den beiden Kollegen keine Spur. Ich lasse sie anrufen und höre, dass sie wegen eines Notfall nicht kommen können. Sie laden uns aber herzlichst zu einem Kaffee ein und versprechen, sich beim nächsten Mal Zeit zu nehmen. Schade, sehr schade!
Demnach setze ich mich wieder ins Auto und fahre heim. Helfen kann ich hier nicht, Melanie und Antonia haben alles im Griff. Beim Rausgehen fällt mein Blick in eine Box. Ein kleiner roter Kater sitzt dort. Still. Tapfer. Mich schockt nichts mehr und ich zücke die Kamera. Warum sollen nur wir diese Anblicke ertragen? Weil wir es müssen? Wo steht das? Er miaut. Ich antworte ihm mit dem stillen Versprechen, dass gleich alles gut sein wird und seine Schmerzen ein Ende haben. Dann verschwinde ich.

Unterwegs kommt ein Anruf aus Deutschland, dass wir 100 Paletten Futter haben könnten. Zirka 80 Tonnen. Mir wird fast schwindelig. Aber noch steht nichts fest, die Firma möchte vorab erst einmal nur wissen, ob wir Interesse hätten.
Um so wichtiger ist das Aufräumen unserer Garage. Zu Zweit sind wir schneller und es gibt einige Dinge dort, die verdammt schwer sind…
Bis zum Sonnenuntergang bin ich damit beschäftigt, die Flugboxen zu reinigen. Die, die unten auf dem Boden standen sind dreckig ohne Ende, weil in den winterlichen Fluten das Wasser Schlammmassen in sie reindrückte. Und verstaubt sind eh alle. Andi ist inzwischen nach Hause gefahren, dafür kommen meine Kolleginnen im Scheinwerferlicht auf den Hof. Abendessen in gemeinsamer Runde, Tiere versorgen und ab ins Bett.

Donnerstag.

Mit Antonia konnte ich gestern ein langes und nettes Gespräch führen. Ich habe sie zum Flughafen gebracht, was uns eine dreiviertel Stunde, abgeschirmt in einem faradayschen Käfig, Ruhe verschaffte. Ansonsten sind intensive Gespräche fast nicht möglich, da immer irgendetwas dazwischen kommt. Seit 22 Jahren arbeite ich daraufhin, dass ich mal nach Kreta komme und Ruhe und Zeit habe. Auf diesem Gebiet bin ich eine absolute Niete!

Melanie, Miriam und Jemima wechseln heute den Ort. Sie werden in Tsivaras kastrieren, gute 50 Minuten Fahrzeit von uns entfernt. Nun ist durch die Abreise von Antonia etwas Geschwindigkeit rausgenommen, was zumindest den beiden Praktikanten ein bisschen Verschnaufen einbringt. Ich bleibe auf der Station, werde mich weiterhin mit den Boxen beschäftigen, versuche mit Georgo auszuhandeln, wie wir mit der eventuell anstehenden Futtermenge umgehen können und zerbreche mir mit Andi das Hirn, ob wir nun das Tor unserer Garage selber bauen oder ein Rolltor bestellen.

Zwei Touristen haben sich gemeldet, sie haben verletzte Tiere gesehen. Wir sollen kommen. Die geschickten Bilder sehen in der Tat schlimm aus und wir versuchen auch dort zu helfen, was bis zum Abend in beiden Fällen gelingt. Aber an alle Urlauber, die diese Zeilen hier lesen: wir können nicht überall helfen. Und wir kommen auch nicht, nachdem Sie abgereist sind, um das Tier zu suchen, in das Sie ihr Herz verloren haben. Unsere Tage sind vom ersten Hahnenschrei bis oft nach Mitternacht vollgepackt mir Arbeit. Haben Sie bitte Verständnis dafür und kontaktieren Sie in diesem Fall besser die Tierschützer vor Ort. Wir sind oftmals mehr als hundert Kilometer weit entfernt von Ihrem Problem.

Freitag.

Eine Unterstützerin möchte sich unsere Arbeit anschauen. Ich nehme mir dafür frei, denn Melanie hat für so etwas am OP-Tisch keine Zeit. So brechen wir zu Viert auf, wieder nach Tsivaras, bauen auf und kurze Zeit später hole ich die Dame an der Autobahnbrücke ab. Wege sind in Griechenland schwer zu beschreiben und der Raum in dem wir arbeiten, liegt zudem noch sehr versteckt. Ute kommt auch nicht allein, denn sie hat einen kleinen Kater gefunden, der Durchfall hat und ein bisschen „ungepflegt“ aussieht. Die wirklich gut organisierten Helfer aus dieser Region finden nach kurzer Zeit für den Zwerg eine passende Pflegestelle und Miriam und Jemima verpassen ihm im Wellnessbereich ein neues Aussehen. Seine Kastration wird warten müssen, dafür ist er zu schwach. Aber nach dem Bad, der Entwurmung und Entflohung schläft es sich mit vollem Bauch wunderbar in den Armen von Ute. Der Sinn solcher „Führungen durch einen Arbeitsalltag bei uns“ soll niemanden überreden, Kastrationen sinnvoll zu finden. Er soll vielmehr die Augen öffnen und eine Alternative aufzeigen zum herkömmlichen und vielerorts üblichem Einsammeln der Tiere. Vielen Menschen ist dieser Einblick leider nicht gegönnt, weshalb die Erkenntnis auch nur langsam und schwer reift. Aber zu sehen, was wir in diesen Räumlichkeiten an real existierendem Elend beseitigen oder dafür sorgen, dass es erst gar nicht geboren wird, ist auf wenigen Quadratmetern spürbarer, als auf Bildern oder in Berichten. Egal wie sehr ich mir Mühe gebe, Sie mit meinen Worten mitzunehmen, ein Tag bei uns bewegt weit mehr. Vielleicht sollten wir diese Möglichkeit des „Kennenlernens vor Ort“ öfter anbieten, nur woher nehmen wir die dafür notwendige Zeit?

Ute ist aber auch völlig unkompliziert und ich biete ihr an, mit mir in ein Dorf zu fahren, in dessen Mitte wir bereits ordentlich kastriert haben. Aber ein paar Tiere bekamen wir beim letzten Mal nicht eingefangen und dies würde ich gern nachholen. Mit Erfolg. Innerhalb eines, von der Gastwirtin des Restaurants, spendierten Wassers und Reis in Weinblättern, fangen wir zwei weibliche Katzen und einen Kater. Ein weiterer dicker Kater geht leider nicht in die Falle. Ihn hätte ich gerne gefangen, weil sein rechtes Ohr herunterhängt und er sich ständig schüttelt. Ein eindeutiges Zeichen, dass da etwas nicht stimmt und weh tut.

Das Team im OP hat heute Glück. Es sind viele Kater dabei, deren Operation sehr schnell geht. Katzen sind da schon etwas aufwendiger. So verabreden wir uns gegen Abend mit Ute und ihrem hinzugekommenen Mann zum Essen und zwar genau in dem Restaurant mit den leckeren Weinblättern. Aber von dem Kater keine Spur. Stattdessen möchte Ute wissen, wie sie einer Frau helfen kann, die zig Katzen bei sich aufgenommen hat und deren Umstände alles andere als gut sind. Sie liebt ihre Tiere, aber es sind viel zu viele und krank scheinen auch einige zu sein. Ich habe hierauf keine Antwort, außer einer soliden, transparenten Arbeit, die sich um effektiven Tierschutz bemüht. Den Rest müssen Spender selber entscheiden. Als wir uns verabschieden und in unterschiedliche Richtungen aufbrechen sehen wir im Augenwinkel hinter der nächsten Kurve eine Mülltonne, in der es wuselt. Eine Katzenfamilie, respektive Mama mit drei nahezu erwachsenen Kindern. „Na, dann ist die uns bisher wohl durch die Lappen gegangen“, denken wir, während die Katzenfalle aufgestellt wird. Und wer taucht als alter Macho auf und verdrängt sowohl Kinder als auch die Frau? Unser dicker Kater mit dem herabhängenden Ohr. „Klack“ macht es und drin ist er.

Samstag. Ein Tag vor Pfingsten. Hä? Die Griechen feiern dieses Fest eine Woche später. Da soll man nicht durcheinander kommen…

Die Frauen sind zum dritten Mal aufgebrochen um in Tsivaras zu operieren. Ich bin mit meinen Futterspenden keinen Schritt weiter, denn am Wochenende lässt sich bei Firmen auch nichts mehr besprechen. Georgo bereite ich vorsichtig per sms darauf vor, dass er eventuell bei seinen nächsten Fahrten eine Rückladung nach Kreta hat. Um 22:15 Uhr ruft er mich abends an, um mir zu sagen, dass auch er noch nicht entladen wurde und er erst am Sonntag nach 22:00 Uhr von Dortmund nach Hamburg aufbrechen kann. Und wieder melden sich Touristen. Wieder geht es um zwei verletzte Tiere. Ich frage Gerlinde, eine Tierschützerin in der Nachbarschaft, ob sie sich der Sache annehmen kann. Sie kann. Und abends haben wir zwei Tiere mehr in der Station. Essen bringt Gerlinde auch gleich mit. Danke dafür!

Auch wenn ich nicht mehr am OP-Tisch stehe, so sind die Reisen an die Front extrem wichtig für mich. Wie viele Vorsitzende oder Präsidenten habe ich kennengelernt, die vom weit entfernten Schreibtisch Entscheidungen treffen müssen. Ich kann das nicht. Ich möchte immer aktuell informiert sein, will wissen, welche Entwicklung in welche Richtung geht. Ich möchte spüren, wie unsere Angestellten mit den unterschiedlichsten Situationen umgehen oder wo eventuell mal ein Schuh drückt. Ich möchte, dass unsere Station gepflegt aussieht, die Tiere optimal versorgt sind. Ich möchte Pläne vor Ort mit allen gemeinsam schmieden und muss am eigenen Leib immer wieder erfahren, wie stressig die Tage sind. Nur so kann ich möglichst viele Entwicklungen in meine Entscheidungen einbeziehen und hoffe, dass ich stets die richtigen treffe. Zur Seite steht mir an jeder Stelle ein wunderbares Team, von dem jeder einzelne mir sehr viel wert ist. Auch wenn wir nicht immer einer Meinung sind und Diskussionen zum Funktionieren dazugehören, so finden wir am Ende immer einen Kompromiss. Dafür Danke ich Euch allen!

Sonntag. Pfingsten. Is klar, ne.

Gestern hat mich unsere Station mehr als gefordert. Ich wollte Andi ein bisschen entlasten, was dazu führte, dass ich keine einzige Zeile an Sie geschrieben habe. Das möchte ich heute nachholen und setze mich nach meiner Rückkehr aus Heraklion an den Schreibtisch. Es ist 6:00 Uhr. Der Tag unter unserem Fenster beginnt. Um 3:00 Uhr habe ich Jemina zum Flughafen gebracht. Auch mit ihr konnte ich erst während der Fahrt ein ruhiges Gespräch führen. Sie hat einen tollen Job gemacht und möchte bis zu ihrem Studiumsbeginn beim Tierärztepool mitarbeiten. Wir werden sehen, wie sich was entwickelt. Wie gerne würde ich einen Blick in die Glaskugel werfen können bezüglich der Arbeitsgenehmigungen unserer wartenden Tierärztinnen.

Nachdem das OP-Team, diesmal zu einer in Rethymno gelegenen Praxis aufgebrochen ist, herrscht wieder Ruhe im NLR, ein kostbares Gut. Bis 11:00 Uhr habe ich Zeit, dann fahre ich hinterher. Es gibt weitere Kollegen, die an einer Zusammenarbeit – wie auch immer die aussehen mag- mit uns interessiert sind. Diese Chance möchte ich nutzen. So betrete ich eine ordentlich eingerichtete Praxis und lerne einen netten jungen Tierarzt kennen. Ich bin erstaunt über die Vielzahl an Tierärzten, denn auf einem Quadratkilometer in Rethymno tummeln sich mindestens sieben Kollegen. Wir unterhalten uns interessiert, kommen aber, wie immer an den Punkt, an dem es schwer wird zu erklären, warum unser Schnitt so klein ist und wir nicht länger als eine Viertelstunde benötigen. Nun arbeitet Melanie in einer Praxis, ganz in der Nähe. Wir dürfen dort die Räumlichkeiten des Kollegen nutzen. Aber einen anderen Kollegen dorthin einzuladen, erscheint mir pietätlos. Also schlage ich vor, dass wir mit einem Tier „rüberkommen“ und ihm unsere Technik zeigen. Er willigt bereitwillig ein und wir verlagern für kurze Zeit den OP-Bereich. Wir halten es für wichtig, mit den Kollegen in direktem Kontakt zu stehen, damit sich das Gespenst oder das Monster „Deutsche Tierärzte“ langsam auflösen kann. Die Operation verläuft schnell und ich glaube, der Kollege hat verstanden, dass wir es können. Das war die erste Kennenlernrunde. Zur zweiten verabreden wir und bei unserem nächsten Einsatz. Gern geben wir unser Wissen weiter und freuen uns auf einen gemeinsamen OP-Austausch.

Pfingstmontag. Ich bin froh, wenn das aufhört.

Wir haben frei und können ausschlafen. Ich träume von einer Suppe mit Hahn-, Hund- und Katzenfleisch, werde aber wach und realisiere, dass das als Vegetarier eine dumme Idee ist. Obwohl…

Dann starte ich meine morgendliche Runde, überprüfe den nächtlichen Betrieb unserer automatischen Wasserberieselung, begrüße Suro, der natürlich auch schon wach ist und erblicke die Ecken auf dem Gelände, wo auch wieder was getan werden müsste. Das Unkraut ist dort am höchsten, wo die Steine liegen. „Leo“ oder „Gulliver“ steht in schwarzer Schrift darauf geschrieben. Ja, es sind schon einige bei uns alt geworden. Schön war die Zeit mit ihnen. Die Olivenbäume müssen geschnitten werden. Sie wachsen in den Himmel. Den Rasen werde ich heute mähen und die Autos könnten auch mal wieder eine Wäsche gebrauchen. So geht es jeden Morgen und man fängt an zu arbeiten und fragt sich nach 11 Tagen, wo die Zeit geblieben ist. Wir frühstücken gemeinsam und anschließend fahre ich mit Melanie zu einem weiteren Kollegen, der nichts gegen ein Gespräch mit uns hat. Er erklärt uns seinen Standpunkt, bezeichnet sich als „schwarzes Schaf“ unter seinen Kollegen und ist gerne bereit, uns zu unterstützen. Über das „wie“ finden wir keinen Konsens, denn er führt keine Operationen durch, aber wir sind trotzdem froh, dass wir unsere Interessen mal offen auf den Tisch legen konnten. Und wenn er nicht gegen unsere Arbeit ist, sind wir ja auch einen Schritt weiter. Bei diesen, durchaus wichtigen Treffen, zeigt sich für Melanie und mich, dass es unter den lokalen Kollegen auch keine Einigkeit gibt. Konkurrenzdenken existiert, gleichfalls wie wir es auch von Deutschland her kennen. Was die Kollegschaft aber untereinander auskämpft sollte doch nichts mit der Arbeit an Straßentieren oder uns zu tun haben. Und genau das versuchen wir allen Tierärzten zu erklären. So zermartern wir uns den Kopf, mit welcher Lösung wir alle glücklich werden können und endlich das voranbringen, für das eigentlich alle eintreten möchten. Für das Wohl der Straßentiere!

Anschließend frühstücke ich mit Melanie in einem kleinen Strandrestaurant. Zum ersten Mal in 11 Tagen haben wir beide eine ruhige Stunde für uns. Dann machen wir uns über unser Lager her, denn wir müssen wissen, was nachbestellt werden muss. Katzenfallen zum Beispiel verdunsten auf Kreta. Kaum haben wir welche organisiert, (die sind übrigens nicht billig) verleihen wir sie an Tierschützer und unmerklich werden sie aus unserem Bestand gelöscht. So geht es mit vielen Dingen, aber wir drücken ein Auge zu, wohlwissentlich, dass Fallen überall benötigt werden und ja schließlich dafür sorgen, dass wir genug zu tun haben.

Ewig Zeit haben wir nicht, denn das Kreta-Star Hotel hat uns eingeladen, einen Infostand von 19-21:30 Uhr vor dem Restaurant aufstellen zu dürfen. Wir probieren es aus und sind erstaunt, wie viele Touristen sich für unsere Arbeit interessieren. Wir bedanken uns bei dem Hotelmanager, seiner bezaubernden Frau und auch bei den Urlaubern, mit denen wir nette und aufklärende Gespräche führen konnten.
Wann wir an unserem freien Tag im Bett liegen, verrate ich nicht.

Dienstag. Pfingsten schein endgültig vorbei zu sein.

Erst gegen Nachmittag wird operiert. Bis dahin besprechen wir die Einsatzplanung für die nächsten Wochen. Andi sitzt mit am Tisch und nickt. Er wird die Station eine Woche lang alleine versorgen, so lange, bis Christine und Antonia wieder eintrudeln. Man sieht unserem Haus an, dass sechs Menschen die letzten 11 Tage darin gelebt haben und man erkennt auch, dass sie nicht viel Zeit hatten, sich um den „kleinen“ Haushalt zu kümmern. Das holen wir haute morgen nach, denn es ist eine Frage des Anstands, dem nächsten Team keinen Drecksstall zu hinterlassen. Dann beende ich mit Andi die Aktion „Garage“, die wir weder eingeplant hatten und schon gar nicht davon ausgingen, dass das fast 10 Tage dauern würde. Aber es hat sich gelohnt, denn nun ist alles sauber, da wo es hingehört und der rechte Teil der Garage ist frei für Futter.

Georgo hat inzwischen in Hamburg die 10 Paletten geladen. Aber was ist mit den 100 Paletten? Der Morgen gestaltet sich zu einem Krimi, denn genau den, den man erreichen möchte, erreicht man nicht. So macht sich Georgo auf nach Frankfurt um bei einer befreundeten Tierschützerin weitere Paletten einzuladen. Bis dahin weiß ich nicht, ob wir die große Menge Futter nun bekommen oder nicht. Dann endlich der Anruf. Es können erstmal 45 Paletten im Süden Deutschlands eingeladen werden. Wie erleichtert bin ich und freue mich für Georgo, dass er nicht halb leer zurück nach Kreta fahren muss. Für uns bedeutet das natürlich eine größere Summe, aber dafür spenden Sie ja schließlich. Georgo wird die erste Ladung zu uns ins NLR bringen und anschließend sofort wieder zurück nach Deutschland fahren um die zweite Fuhre abzuholen. Damit haben wir dann gute 50 Tonnen Futter auf Kreta, was erst einmal reichen dürfte.

Melanie und Miriam kommen leider erst recht spät zurück. Es waren mehr Operationen, als gedacht. Aber so ist es ja immer. Dann müssen noch ein paar Laboruntersuchungen gemacht werden, das Auto muss ausgeräumt und das Equipment aufgeräumt werden. Koffer packen dauert bei uns inzwischen 10 Minuten, weil es sich eigentlich gar nicht lohnt, sie auszupacken… Es wird spät in dieser Nacht, aber unser Rückflug geht erst um 10:15 Uhr. Also müssen wir den Hahn und die Katzen und die Hunde nicht wecken…

Wo ist die Zeit geblieben? Und was haben wir erreicht? Antonia war ein paar Tage gemeinsam mit Melanie unterwegs, reiste dann aber ab. Zuvor war sie 14 Tage eher auf Kreta als wir. In diesen knapp drei Wochen sind über 500 Tiere unfruchtbar gemacht worden. Viel Leid ist verhindert worden! Zwei Tonnen Futter haben wir verteilt. Die Garage hat ein neues Gesicht bekommen und Andi wird in den nächsten Wochen ein Tor einbauen und die Abflüsse vor dem Eingang tiefer legen. Damit hoffen wir, dass nie wieder Fluten von Schlamm in sie hineinlaufen. Auf dem Grundstück gibt es immer was zu tun, dafür bietet es aber auch einen Platz zum Träumen und Erholen. Leider nur sehr selten für uns Menschen, aber ich bin mir sicher, unsere Tiere genießen es hier. Auf der einen Seite froh, nicht mehr so viel körperlich arbeiten zu müssen und sich diesbezüglich ein bisschen ausruhen zu können, andererseits auch traurig, dieses kleine Paradies zu verlassen, fährt uns Andi zum Flughafen. Die Touristen sind auch wieder da. Sie sehen erholt und braungebrannt aus.
Wie wir hören soll Kreta eine sehr schöne Insel sein. Und auch Strände haben…
Aber davon im nächsten Leben.
Ihr Thomas Busch


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Ein Bericht von:
Thomas Busch
Tierarzt und Vorstand


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