Leif 18.03.2017 Gedanken

Ein Bericht von:
Nina Schöllhorn
Tierärztin

Ein lebenslustiger, unbedarfter Junghund springt mit einem Lachen im Gesicht über die Straße. Er ahnt nicht, welche Gefahren überall lauern und folgt ohne zu zögern unbekümmert seinem Hundefreund...

Ein Knall, ein dumpfer Aufprall und es wird dunkel um ihn. Als er wieder zu sich kommt ist da nichts als Schmerz und Kälte. Er versucht sich zu bewegen, doch zwei seiner Beine gehorchen ihm nicht mehr und der durch jede Bewegung entstehende Schmerz ist kaum auszuhalten. Er schmeckt Blut und fühlt lose Zähne in seinem Mund. Sein Kopf dröhnt und auch aus einer Verletzung am Kopf tropft Blut. Es bleibt ihm nichts anderes als liegen zu bleiben. Und irgendwann ist da nur noch Kälte. Eine derart eisige Kälte, dass sie alle Schmerzen und letztlich jedes aufkommende Hungergefühl betäubt. Nina Schöllhorn

So liegt der kleine Hundejunge am Straßenrand, mitten im tiefsten rumänischen Winter und wartet. Er verliert jedes Gefühl für Zeit, weiß nicht, wie oft es schon hell und wieder dunkel geworden ist. Schnee fällt auf ihn. Autos rasen an ihm vorbei, unzählige. Keiner schenkt ihm Beachtung und der kleine, immer fröhliche Hund macht die Erfahrung, dass leider nicht immer alles gut ist in dieser Welt. Er fühlt sich einsam, verlassen und spürt deutlich, wie ihm die Kräfte schwinden.
Er wartet lange. Ganze drei Tage wartet er.

Plötzlich quietschen Bremsen, ein Auto nähert sich langsam und eine Frau steht mit fassungslosem Blick vor ihm. Was mag in ihr vorgegangen sein, als sie im Vorbeifahren plötzlich inne hielt und sich erinnerte, dass sie diesen Hund schon drei Tage zuvor dort liegen sehen hatte? Sie war sich damals sicher gewesen, dass er bereits tot war. Doch jetzt lag er in einer etwas anderen Position. Und eine leise Ahnung kam in ihr hoch, die sie dazu bewegte doch besser nachzusehen.

Sie bringt das erschöpfte, eiskalte Bündel Hund ins örtliche Tierheim, wo sofort Erste Hilfe geleistet wird. Er spürt Wärme, Zuneigung und schenkt den Menschen dort sofort vollstes Vertrauen. Die nächsten Tage verbringt er damit zu schlafen und Kräfte zu sammeln. Man kümmert sich rührend um ihn, es gibt bestes Futter und man hilft ihm auf, um seine Geschäfte zu verrichten.

Und dann kam der Tag, an dem ich durch die Tür kam und in diese Augen blickte. Es war wieder einer der Momente, in denen ich aus heiterem Himmel mit einem Tier konfrontiert werde und sofort klar ist, dass mich dieses ab jetzt eine Weile begleiten wird. Seine Probleme werden zu meinen und es muss eine Lösung gefunden werden. Mit sorgenvollem Blick betrachte ich seine Beine und die dazugehörigen Röntgenbilder und greife zum Telefon um mir eine Expertenmeinung einzuholen. Die Antwort von Dr. Uwe Dlouhy ist kurz: "Auf meinen Op-Tisch und zwar pronto!" Meine Befürchtung bewahrheitet sich, es gilt keine Zeit zu verlieren, denn es ist bereits einige Zeit vergangen seit dem Unfall. Pronto sagt sich so einfach aus der Entfernung...
Da liegt er mir zu Füssen und schaut mich mit freundlichen, aber durchdringenden Augen an. Er vertraut mir, legt sein Leben in meine Hände. Ich versuche dem Blick auszuweichen, winde mich, denn ich weiß wie ernst die Lage ist. Doch dann halte ich dem Blick stand und höre mich sagen: "Ich verspreche Dir, alles wird gut. Du wirst laufen. Wir schaffen das gemeinsam. Irgendwie."

Wenige Tage später betrete ich das Wartezimmer von Uwe und spüre deutlich den Stein, der mir vom Herzen fällt. Alles wird gut...
Uwes Blick auf die Röntgenbilder verheißt nichts Gutes, doch er hat schon öfter kleine Wunder vollbracht und so übergebe ich ihm meinen Patienten voller Vertrauen.

Der erste Schritt von vielen ist geschafft um aus Leif wieder den lebenslustigen Hund von damals zu machen.

Zwei Monate später bekomme ich Besuch von einem jungen, sehr lebenslustigen Hund. Er ist ein bisschen erwachsener geworden, doch kein bisschen vernünftiger. Er hat nur Blödsinn im Kopf und hört nicht auf zu lachen. Am anderen Ende der Leine ist sein junges Frauchen, das genauso strahlt wie er. Er läuft, er springt und würde am liebsten über die Wiese toben, doch noch muss er sich etwas beherrschen, bis alles gut verheilt ist. Leif hat es geschafft. Wir alle haben es geschafft. Wie viele Hände auch diesmal wieder beteiligt daran waren ein Hundeleben um 180° zu wenden? Unzählige.
Doch die entscheidende war jene Frau, die nicht wie hunderte anderer die Augen schloß und aufs Gas drückte, sondern die inne hielt und einem Hund das Leben rettete. Und nicht nur das: Sie machte einem jungen Mädchen eine große Freude, das damals noch nicht ahnte, dass sie bald wieder einen Hundefreund an ihrer Seite haben würde.


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