Marla 04.01.2018 Gedanken

Ein Bericht von:
Dr. Melanie Stehle
Tierärztin

„Schon wieder ein toter Hund am Straßenrand! Ich ertrage es nicht mehr!“, durchströmt es meinen Kopf. Ein schwarz-weißes Fellbündel liegt regungslos am Rand der Schnellstraße. Wie viele habe ich davon schon gesehen? Am Rand des Asphalts, entsorgt wie eine Mülltüte. Überfahrene Tiere rufen seit Kindestagen eine tiefe Traurigkeit in mir hervor. Doch warum wir gerade bei dieser Hündin das Bedürfnis verspürten, nochmals umzudrehen und uns von ihrem definitiven Tod zu überzeugen, ist uns bis heute allen ein Rätsel.

Doch nach wenigen Schritten schwant mir Böses und eine Gänsehaut legt sich stillschweigend auf meine Haut. Ich ahne etwas. Etwas Schreckliches. Kurz vor Erreichen des blutenden Körpers, ich will die kleine Hündin gerade berühren, bewegt sie ihren Kopf. Leere Augen starren mich an. Augen, die ich nie wieder vergessen werde. Augen, die mich anflehen und stumm um Hilfe bitten.Dr. Melanie Stehle

„Es ist gefährlich, hier anzuhalten und auszusteigen“, rufe ich ins Wageninnere. „Bleibt bitte sitzen, ich schaue schnell nach“, und schon laufe ich zurück zu dem leblosen Körper. Doch nach wenigen Schritten schwant mir Böses und eine Gänsehaut legt sich stillschweigend auf meine Haut. Ich ahne etwas. Etwas Schreckliches. Kurz vor Erreichen des blutenden Körpers, ich will die kleine Hündin gerade berühren, bewegt sie ihren Kopf. Leere Augen starren mich an. Augen, die ich nie wieder vergessen werde. Augen, die mich anflehen und stumm um Hilfe bitten. Meine Knie sind weich und für einen Bruchteil einer Sekunde bricht Hektik in mir aus. Ich muss uns schnellstmöglich aus der Gefahrenzone dieser Schnellstraße bringen. Die Kleine befindet sich im Schock, beide Vordergliedmaßen haben offene Wunden und die Stellung der Beinchen ist alles andere als physiologisch. Aber sie lebt, wenn auch in einem kritischen Zustand.

Notversorgung am Strassenrand

Vorsichtig nehme ich sie hoch, sie winselt vor Schmerzen. Sie ist kalt, der Schock sitzt tief. Ich beginne zu funktionieren. Anweisungen an meine lieben, gleichfalls geschockten, Kollegen kommen in Kurzform, zu sehr bin ich mit der Einschätzung ihres Zustandes beschäftigt.
Wir fahren in Windeseile bis zur nächsten Querstraße und beginnen alles für die Notversorgung aus den verschiedenen Kisten zu suchen. Gott sei Dank sind wir nicht zum Spaß hier, sondern auf dem Weg zu einem Kastrationseinsatz und deshalb haben wir alles dabei, was nun Leben retten kann. Innerhalb weniger Sekunden sitzt der Venenkatheter, die Infusion läuft in Schockgeschwindigkeit. Schmerzmittel und Antibiotikum werden wie im Automatismus verabreicht. Decken sorgen für Wärme, leises gutes Zureden für Beruhigung. Sie scheint keine inneren Verletzungen davon getragen zu haben. Und wir, in unserem Krankentransport – Bus haben funktioniert, als Team, als Menschen, als Tierschützer.

Marla, so werden wir sie später nennen, liegt neben uns auf der Rücksitzbank. Die anfängliche Anspannung sackt ab. Nun merke ich, wie nicht nur bei mir das Mitgefühl für die arme kleine Maus die Oberhand gewinnt und die Emotionen ihre Wirkung entfalten. Gespräche versiegen, maximal das Rascheln eines Taschentuches durchbricht die gedankenverlorene Weiterfahrt.

Aussichtslose Situation

Wir treffen in Trikala, einer mittelgroßen Gemeinde auf dem griechischen Festland, ein. Vassiliki, eine 26-jährige Tierschützerin, die das Projekt an diesem Ort leitet und mich in den nächsten Tagen noch schwer beeindrucken wird, bringt uns direkt zu einer Tierarztpraxis, um Marla röntgen zu lassen. Außer den Vordergliedmaßen ist nichts gebrochen und auch die inneren Organe scheinen nicht verletzt zu sein. Dann bleibt „nur“ noch die Großbaustelle: ihre beiden vorderen Beinchen. Sie sind insgesamt an vier Stellen gebrochen. Welch himmelschreiende Ungerechtigkeit! Rechtzeitig vor einem elendigen Sterben am Straßenrand gerettet worden zu sein und dann vor nahezu unlösbaren Problemen zu stehen? Ich selber habe hier weder die Möglichkeiten, noch das Equipment, um Brüche zu operieren. Aber kapitulieren werden wir nicht. Keiner von uns. Auch Marla nicht, das haben wir uns beide ganz leise aber ganz fest versprochen.

Lösungen statt Problemen

Also müssen Lösungen her, Probleme hatten wir jetzt mehr als genug!
Vassiliki sieht unsere besorgten Blicke und ich frage sie, ob sie versierte Knochenchirurgen kennt. „Ja, es gibt eine gute Professorin im 20 km entfernten Ort. Ich werde sie gleich anrufen“. Ein Lächeln zaubert sie mir damit auf Gesicht und ich zwinkere Marla, die ganz ruhig neben mir liegt, heimlich zu. In den nächsten Tagen werden wir und vor allem Marla Geduld brauchen, denn das Wochenende lässt Termine nicht so schnell zu, wie wir es uns wünschen. Doch auf Vassiliki ist Verlass – sie kümmert sich um alle organisatorischen Wünsche, die wir in der nächsten Zeit an sie herantragen.

Erfolgreiche Operation

Wenige Tage später ist Marla operiert. Mehrere Operationen waren erforderlich, um die komplizierten Brüche zu versorgen. Chirurgische Höchstleistungen machten es möglich, ihre Beine zu erhalten.
Tapfer lässt mein Schatz ihre Verbände wechseln. Sie vertraut uns, sie spürt, dass wir es gut mit ihr meinen, sie toleriert unsere vorsichtigen Berührungen mit einer Art hundetypischer Dankbarkeit. Welch zutrauliche Gesten von einer jungen Hündin, die ihr verletztes Leben in unsere Hände legt. Mittlerweile sind wir zurück in Deutschland. Vassiliki und ihr Team übernahmen die weitere liebevolle Nachsorge. „Danke Vassiliki hierfür, wissen wir doch nur zu gut, dass Du Deine Kapazitäten für Deine eigenen Notfälle brauchst. Doch wir werden so schnell wie möglich Marla zu uns nach Deutschland holen. Die Pflege übernehmen, die Wunden heilen, die Seele davon überzeugen, dass das Leben auch schön sein kann.“
Und dann finden wir für unsere Marla das allerschönste Zuhause der Welt, das versprechen wir Dir.
Für Dich – kleine Marla Maus

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