Max - Ein halber Hund und die Emanzipation des Herzens 27.05.2017 Gedanken

Ein Bericht von:
Dr. Melanie Stehle
Tierärztin

Ich arbeite für einen seriösen Tierschutzverein... Max war weniger seriös. Man könnte sagen, er war ziemlich verfilzt, dreckig, blutig und abgemagert. Wie jedes Schicksal, das uns erreicht, wird auch er seine Geschichte bis zu der Sekunde unseres Zusammentreffens für sich behalten. Diese typische Sekunde, in der mich zwei Glubschaugen anschauten und sich der Kloß in meinem Hals zu formen beginnt. Der Kloß der Entscheidung.

Ich nehme den kleinen Kerl zu mir, verstecke mich für einen Augenblick auf einer unserer Alukisten und drücke ihn fest an mich. Ich bin gerade Mama, Intensivmama und kann es nicht verhindern, dass die Tränen kullern. Mir ist es peinlich und ich hoffe, dass es niemand sieht. Max hält ganz still. Ich spüre sein Herz schlagen und irgendwie auch meins.Dr. Melanie Stehle

Ich will, wie alle meine Kolleginnen und Kollegen, das Elend ein für alle Mal beseitigen. Ich gebe dafür, wie wir alle, viel von mir. Von morgens bis abends. Konzentriert bis zur letzten Naht. Operationen im Minutentakt. Behandlungen im Vorbeigehen, für die man sich in Deutschland eine halbe Stunde Zeit nehmen kann. Die habe ich hier nicht. Zudem muss ich auf die Wünsche und die unterschiedlichen Charaktere der Menschen, mit denen wir arbeiten, genauso eingehen, wie auf den nächsten Vierbeiner, der Angst vor der Untersuchung hat. Ich muss den ganzen Kastrationseinsatz lang fehlerfrei funktionieren. Von meiner Verantwortung hängen Leben und Tod ab und liegen oft sehr nah nebeneinander.

Und dann gibt es dazwischen auch noch mich. Ein Mensch und keine Maschine. Müdigkeit, Trauer, der vielen hilflosen Wesen wegen, Wut und manches Mal auch Angst, im richtigen Moment zu versagen, lassen die Haut dünn werden. Genauso wie die an den Beinen von Max, der sich offensichtlich nicht mehr richtig fortbewegen kann, denn seine Haut an den Hinterbeinen ist an einigen Stellen weggerubbelt. Querschnittsgelähmt durch Wirbelsäulentrauma oder Bandscheibenvorfall; zwei Diagnosen, die ich ohne Röntgenbild nicht eindeutig differenzieren kann, aber beide sind nahezu ohne Chance auf Heilung.

Und nun halte ich dieses zarte Lebewesen auf meinen Armen. Eine Frau mit einem fünfjährigen Sohn. Exakt formuliert: Eine liebende Mutter soll eine Entscheidung treffen. Was löst dieser kleine Mann in meinem Arm bloß in mir aus? Warum guckt er mich so auffordernd und liebevoll an? Spielen mir meine Hormone einen Streich, oder leide ich an akutem Schlafmangel? Bin ich durch den anstrengenden Einsatz weich gerührt? Was zum Kuckuck vernebelt mir die Sinne und warum weichen meine Gedanken ab von der Seriosität, die unseren Verein umgibt und in der ich mich eigentlich wohl fühle?

Einschläfern. Dieses Wort dringt zu meinem Bewusstsein durch, gleichfalls wie die Worte der mich umgebenen Menschen. "Rollstuhl" höre ich in weiter Ferne. Nein, ich weiß, dass ein querschnittsgelähmter Hund in vielen Fällen keine Chance hat, jemals wieder laufen zu können. Er braucht irrsinnig viel Pflege. Hier in Griechenland werden im Sommer die Fliegen in seinen Wunden ihre Eier ablegen. Ich kenne diese Bilder. Es ist Quälerei. Ein Tier in dieser Situation zurück zu lassen ist Tierquälerei und es wird darauf hinaus laufen, dass ich ihn einschläfern muss.

Nur heute nicht. Ich kann nicht. Ich bin fertig und könnte heulen. Einfach nur heulen. Egal ob wegen Max oder wegen mir. Oder dem ganzen Leid dieser Erde. Ich habe keine Lust mehr den lieben Gott zu spielen und Entscheidungen der Endgültigkeit zu treffen. Ich kann nicht mehr, ich ergebe mich. Mein Kopf ist leer, mein Herz trifft heute die Entscheidung. Wird ja wohl auch mal zulässig sein. Ich bin mir der Konsequenz meiner Worte bewusst. Dieses Tier nicht umzubringen bedeutet, die Verantwortung für ihn zu übernehmen. Mein Kopf hat Dienstschluss, mein Herz hält Notdienst, mein Körper hat sich zu fügen.

Ich nehme den kleinen Kerl zu mir, verstecke mich für einen Augenblick auf einer unserer Alukisten und drücke ihn fest an mich. Ich bin gerade Mama, Intensivmama und kann es nicht verhindern, dass die Tränen kullern. Mir ist es peinlich und ich hoffe, dass es niemand sieht. Max hält ganz still. Ich spüre sein Herz schlagen und irgendwie auch meins.

Dann stehe ich auf und höre mich sagen: Max ist ab sofort mein Pflegehund! Die Erleichterung der im Raum befindlichen Helfer ist spürbar. Max hatte sie alle in Nullkommanix verzaubert. Und ich habe eine Entscheidung getroffen, die mich glücklich macht. Für heute. Das Morgen ist mir egal. Dann aber schaltet sich mein Kopf wieder ins sentimentale Geschehen ein und stellt die Frage, was passiert, wenn seine Blase ihren Dienst versagt und er zudem auch noch kotinkontinent ist?

Ich habe weiche Knie, als ich mich nach kurzer Pause wieder an den OP-Tisch stelle. Den restlichen Tag arbeite ich im Automatik-Modus.

Das alles ist nun schon vier Monate her. Max ist weder kot- noch urininkontinent. Zwar muss seine Blase ausgedrückt werden, aber das ist kein Problem. Max hat es geschafft, dass ich meine Entscheidung nicht ein einiges Mal bereut habe

.

Er hat selbst Thomas in seinen Bann gezogen. So sehr, dass der Vorsitzende eines seriösen Vereins kurze Zeit später das Internet nach Hunderollis durchforstet. Max ist wie alle Tiere, die unsere Wohnung für einen kompletten Neustart nutzten, ein eigener Charakter. Er hat seinen Lebensmut in keiner Weise verloren. Er hat zugenommen, die Zeiten, als er versuchte dem Hungertod an der Mülltonne, an der er gefunden wurde zu entkommen, sind vorbei. Er beschwert sich nie, außer wenn er in seiner Kiste warten muss bis er nach einem Spaziergang wieder trocken ist. Er fegt durch unsere Wohnung, dass ich ihn und meinen Sohn Samuel oft bremsen muss, es nicht zu übertreiben. Überhaupt hätte ich nie gedacht, wie feinfühlig beide miteinander umgehen. Sie sind ein Herz und eine Seele, völlig unvoreingenommen, unbelastet und jeglicher kritischer Stellungnahmen frei. Wenn Samuel nicht bei mir ist, läuft Max zwischen Kinderzimmer und Schlafzimmer hin und her und ist offensichtlich auf der Suche nach seinem Freund. Ist Samuel zuhause, schläft Max immer bei ihm im Zimmer.

Wir haben zeitnah einen Rolli aus dem Internet gekauft, der aber nicht angepasst war und eigentlich nicht zu gebrauchen ist. In 14 Tagen wird sein Maßgerät fertig sein, ein Rolli deutscher Ingenieurskunst. Immer wieder frage ich mich, ob sein Leben artgerecht ist. Das ist für mich das wichtigste Argument bei der Frage der Euthanasie. Ich ziehe andere Menschen zu Rate, denn ich habe Angst, voreingenommen zu sein.

Aber alle, die Max kennengelernt haben, sind der Meinung, dass er ein extrem lustiger und lebensfroher kleiner Kerl ist. Nun bin ich Mama eines fünfjährigen Sohnes und eines behinderten Hundes. Die Kraft, die mir Max raubte, als ich weinend auf der Alukiste während des Einsatzes saß und sein Herz wie wild schlagen spürte, hat er mir in der kurzen Zeit, die wir uns nun schon kennen, hundertfach zurückgegeben. Er und Samuel gehen so zauberhaft miteinander um, dass ich mich frage, warum ich auch nur eine einzige Sekunde zweifelte.
Mein Sohn und ich reden oft darüber, dass wir vielen Tieren helfen möchten. Diejenigen, die eine ganz intensive Betreuung wie Max brauchen, geben wir zwar nicht leichten Herzens wieder ab, aber wir suchen Plätze für sie, wo wir sie jederzeit besuchen können.

Wir sind viel zu häufig im Ausland, als dass wir dauerhaft unsere Pflegehunde behalten können. Ich weiß, dass ich mit aller Macht unsere Wohnung frei halten muss für den nächsten Notfall. Und der kommt, das ist so sicher wie das Amen in der Kirche. Ich weiß auch, dass ich meine Entscheidung niemand anders aufbürden werde. Und natürlich arbeite ich weiterhin für einen seriösen Tierschutzverein.

Wenn sich für Max niemand interessiert, bleibt er bei Thomas, Samuel und mir. Wir werden es hinbekommen und gemeinsam die Welt erkunden. Meine beiden Zwerge mit der Unschuld von Kindern und einem Lebensoptimismus, an dem sich Erwachsene gerne ein Beispiel nehmen können. Gibt es aber unter all den Menschen, die unsere Artikel und damit unsere Arbeit verfolgen, jemanden, der uns helfen möchte und Max zu sich nehmen würde, so mag er sich bitte bei mir melden.
Ihre Melanie Stehle


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