Mehr als "nur" kastriert 30.03.2014 Tierschicksal

Ein Bericht von:
Sandra Sagmeister
Tiermedizinstudentin

Mein Lieblingsfach während meines Tiermedizinstudiums an der Uni war immer das Fach Tierschutz.In ; der ersten Vorlesung im ersten Semester hörte ich dort einen Satz, der mich schwer beeindruckte: Der Tierarzt ist der berufene Schützer der Tiere. Wow! Ich fühlte mich sogleich um 10 cm größer, schwebte auf Wolke sieben durch einige Semester und bewarb mich enthusiastisch um ein Praktikum beim Tierärztepool. Doch was ich dort erleben durfte und musste, holte mich unsanft auf den Boden der Tatsachen zurück. ; Ich lernte, dass es mehr braucht als nur einen weißen Kittel, um ein Held zu sein. Und genau solche lernte ich während meines zweiten Praktikums beim Tierärztepool kennen.Warum kann gerade ein Tierarzt so viel für den Tierschutz bewirken? Das Bewahren vor körperlichen und psychischen Schäden; die Bereitstellung von Nahrung und Wasser; ein liebevolles Zuhause; das Alles bedeutet Tierschutz. Das Alles leisten die Partner der Arche Noah Kreta. Der Schwerpunkt der Tierschutzarbeit des Tierärztepools liegt in einer umfassenden medizinischen Versorgung, die nur ein Tierarzt leisten kann.

Während meines Aufenthalts kastrierten die Tierärzte jeden Tag bis zu 50 Hunde und Katzen. Diese unvorstellbar hohe Zahl wird dadurch ermöglicht, dass jeder Handgriff während der OP bis ins kleinste Detail perfektioniert wurde. Eine Kastration geht deshalb in rasantem Tempo von statten und dauert nur wenige Minuten bei einer minimal invasiven Technik! Doch die medizinische Versorgung ging weit über die Kastration hinaus. Während der Narkose erhielt jedes Tier einen intensiven Check-up. Es begann bei simplen Dingen wie Ohren putzen und Krallen schneiden (Wer schon einmal einen eingewachsenen Zehennagel hatte, weiß wie schmerzhaft dies sein kann!). Daraufhin folgte die Kontrolle auf und Behandlung gegen Parasiten. Würmer, Ohrmilben, Zecken und Flöhe können nicht nur lästig sein und das Tier durch ständigen Juckreiz stark belasten. Einige Plagegeister übertragen gefährliche Krankheiten, die nur durch eine Parasitenbehandlung und –-prophylaxe verhindert werden können. Neben diesen Behandlungen, die jedes einzelne Tier zusätzlich zur Kastration erhielt, kamen tagtäglich mehrere Notfällen zu uns.Eines Tages waren es besonders viele solcher Patienten, deren Schicksal mich berührte und deren Geschichten ich im Folgenden kurz erzählen möchte:Der stattliche Kater mit einem großen Abszess am Hals. Wahrscheinlich hatte er mit einem Artgenossen gekämpft und die Bisswunde hatte sich infiziert. Der Abszess wurde gespalten und die Wunde sorgfältig gereinigt, das Tier antibiotisch und mit Schmerzmitteln versorgt. Durch die Kastration wird der Kater in Zukunft ein ruhiges Leben ohne gefährliche Rangordnungskämpfe genießen können.

Die alte weiße Hündin, deren Körper von einem schweren Leben gezeichnet war. Unter Eiter stehende Zähne und eine hochgradige Ohrentzündung machten der alten Dame das Leben zur Hölle. Die betroffenen Zähne wurden gezogen und die Ohren gereinigt. Ein riesiger Mammatumor hing am Bauch der Hündin und reichte fast bis auf den Boden. Dies birgt die Gefahr, dass der Tumor aufbricht und sich schmerzhaft entzündet. Da die Hündin noch mehrere kleinere Knötchen hatte, wurde die gesamte Milchleiste entfernt. Mammatumoren sind bei Hündinnen meist gutartig und entstehen durch den Hormoneinfluss während der Läufigkeit. Da die Tumore vollständig entfernt werden konnten und die Hündin nun kastriert ist, bestehen daher gute Chancen für einen schönen Lebensabend. Selbstverständlich wurde auch diese Hündin mit Schmerzmitteln versorgt, tierliebe Menschen vor Ort werden die Behandlung der Ohren fortsetzen.

Der schwarz-weiße Kater, dessen Zähne im gesamten rechten Unterkiefer bis auf die Wurzeln frei lagen. Das Zahnfleisch war feuerrot und blutig. Der Kieferknochen hatte sich aufgrund der Entzündung zurückgebildet und bot den Zähnen keinen Halt mehr. Die Tierärztin vermutete ursächlich ein Trauma wie nach einen Schlag oder Autounfall. Sie entfernte die schmerzenden Zähne, sodass sich das Zahnfleisch beruhigen und heilen kann. Der tapfere Streuner bekam Antibiotikum gegen die Infektion und Schmerzmittel.

Ein stolzer Tiger-Kater, dessen rechtes Auge aufgrund einer Verletzung nur noch ein eitriger Klumpen war. Ich will mir die Schmerzen, die der kleine Kerl ertragen musste, nicht ausmalen. Das völlig funktionslose Auge wurde entfernt, die Wunde kann nun vollständig heilen. Selbstverständlich bekam auch dieser Kater Medikamente gegen seine Schmerzen.

Die weiße Perserkatze, deren Gebärmutter mit eitrigem Sekret gefüllt war. Die Katze wurde kastriert wobei die Gebärmutter samt Inhalt entfernt wurde. Wäre dieser Eingriff nicht zeitnah erfolgt, wäre sie qualvoll verendet. Eine weitere medikamentöse Behandlung war zwingend erforderlich, sodass die Katze stationär aufgenommen wurde um sich vollends erholen zu können.

Ein kleiner beiger Hund, der mit großen Schmerzen zu uns gebracht wurde. Im Wachzustand ließ er sich kaum anfassen. In Narkose stellten wir mehrere Schrotkugeln unter der Haut des Tieres fest, die über die gesamte linke Körperhälfte und den Kopf verteilt waren. Dieser kleine Kerl hatte eine folgenreiche Begegnung mit einem herzlosen Mensch hinter sich. Die Tierärztin entfernte die Geschosse und versorgte die Wunden. Schmerzmittel linderten die Qualen des armen Tieres.

Der kleine große Indiana, den ein Tierschützer verletzt zu uns brachte. Sein Unterschenkel war gebrochen. Die Tierärztin stellte durch sorgfältiges Abtasten auch ohne Röntgenbild fest, dass es sich um einen unkomplizierten Bruch handelte, bei dem die Bruchenden aneinander liegen. Ein Verband und einige Wochen Boxenruhe werden dem Knochen zur Heilung verhelfen und Indiana wird wieder herumtoben können. Selbstverständlich bekam der junge Hund eine adäquate Schmerztherapie und ließ sich während seines stationären Aufenthalts gerne liebkosen. Indiana sucht übrigens zurzeit ein neues Zuhause!

Die kleine Pinscher-Hündin, die nach einer Kastration durch einen ortsansässigen Tierarzt noch immer läufig wurde. Diese OP stellte sich als sehr schwierig heraus, da weder Gebärmutter noch Eierstöcke korrekt entfernt worden waren, es jedoch durch den voran gegangenen Eingriff zu Verklebungen mit den inneren Organen gekommen war. In mühevoller Kleinarbeit wurde diese Hündin sachgemäß kastriert und gegen die Schmerzen und Infektion behandelt. Die kleine Hündin erholte sich schnell und konnte bald entlassen werden.

Die schwarz-weiße Katze, deren Gesicht durch einen Tumor entstellt wurde. Diese Art der Tumoren entsteht bei weißen Katzen an Nase und Ohren durch starke Sonneneinstrahlung. Bei dieser Patientin hatte der Tumor Haut und Knochen der Nase zerfressen, sodass sie kaum noch Luft bekam. Da keine Chance auf Heilung bestand, entschieden wir uns schweren Herzens dazu, die Katze zu erlösen. Auch das ist Tierschutz.

Am Ende dieses kräftezerrenden Tages machten wir uns erschöpft auf den Heimweg, um dort die stationär untergebrachten Tiere zu versorgen. Im Nachbardorf kam uns ein grüner Lieferwagen entgegen. Was wir sahen als das Auto an uns vorüber fuhr, ließ uns das Blut in den Adern gefrieren. An der Anhängerkupplung war ein Strick befestigt und an dessen anderem Ende hing, durch sein Halsband stranguliert, ein großer weißer Hund. Wir hupten wie verrückt und es gelang uns, den Wagen anzuhalten. Wie in Trance sprangen wir aus dem Auto und eilten zu dem geschundenen Tier. Der Hund rang nach Luft. Und dann tat er etwas, was ich nie mehr vergessen werde: Er schaute mich aus treuen Augen an und wedelte dankbar mit dem Schwanz…

Einzig die Gewissheit, dass wir heute schon vielen Tieren helfen konnten, ließ mich diesen Anblick ertragen. Und doch weiß ich, dass es zu viele Tiere gibt, denen nicht geholfen wurde. Lassen wir ein „noch nicht“ daraus werden. Danke Ines, für Alles was Du mir beigebracht hast!


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Sandra Sagmeister
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