Mila - ein Bote aus einer anderen Welt 26.06.2018 Gedanken

Ein Bericht von:
Antonia Xatzidiakou
Tierärztin

Ich versuche, ihrem Blick auszuweichen. Sie gibt trotzdem nicht auf. Sie nutzt alles, was sie hat, um meine Aufmerksamkeit zu gewinnen. Miauen, Schnurren, Pfoten durchs Gitter drücken, auf den Bauch legen. Sie gewinnt. Alles, was sie will ist alles, was sie vermisst hat. Nahe bei jemandem zu sein, geliebt zu werden, gesehen zu werden, gebraucht und vermisst zu werden.

Damit irgendwann jedes Leben seine Möglichkeiten nutzen kann. Geliebt und gebraucht, gestreichelt und geschmust, gefüttert und auch vermisst zu werden. Damit es endlich kein Leid mehr wie dieses gibt. Komm gut an, kleine Mila. Vermisst wirst du bestimmt.Antonia Xatzidiakou

Alles, was sie bis jetzt hatte, ist sich selbst und ihr Wille zu Leben. Neben einer Schnellstrasse war dieser Wille leider nicht genug, um sie vor der Gefahr zu schützen. In einer Sekunde wurde sie durch ein Auto permanent geschädigt. In einer Sekunde wurde die Hälfte ihres Körpers unwiederruflich verletzt und sie war gelähmt. In einer Sekunde hat sie alles verloren, was sie an Potential hatte.

Wäre sie ein Mensch, gäbe es Menschen, die ihre Hilfe anbieten würden und sie auf ihrem Weg begleiten würden. Es gäbe einen Notarzt, der mit Blaulicht käme und sie in ein Krankenhaus brächte. Die Krankenkasse käme für alle Kosten auf. Sie wäre nicht allein.

Sie ist aber nur ein kleines namensloses Kätzchen, das überhaupt niemanden hat. Sie ist nur ein Kätzchen, das den Weg zu uns zu spät gefunden hat. Wir müssen sie versorgen. Wir müssen ihre Menschen werden. Wir müssen nochmal unser Herz in tausende kleine Teile zerbrechen wie immer, denn wir wissen, dass ihre Zeit mit uns nur ganz kurz sein wird. In diesen drei Tagen werden wir alle versuchen, ihr komprimiert die Liebe zu bieten, für die sie jetzt keine Zeit mehr hat. Wir versuchen, ihr die ganze Welt zu sein - denn sie wird so vieles nicht mehr erleben können.

Jeder Einzelne von uns versucht, ein Argument zu finden. Sie hat Schmerzen, sie hat keine Lebensqualität, sie wird zukünftig permanent Gesundheitsprobleme haben, kein Mensch übernimmt lebenslang so einen Patienten. Wir wissen, dass alles stimmt, trotzdem ist die Wut enorm. Ein Leben ist verloren worden, nur weil dieses Leben unerwünscht war. Unerwünscht, doch sie war da. Vielleicht musste sie auf diese Welt kommen, um uns allen ein weiteres Mal zu zeigen, dass wir weiter kastrieren sollen. Müssen!

Damit irgendwann jedes Leben seine Möglichkeiten nutzen kann. Geliebt und gebraucht, gestreichelt und geschmust, gefüttert und auch vermisst zu werden. Damit es endlich kein Leid mehr wie dieses gibt. Komm gut an, kleine Mila. Vermisst wirst du bestimmt.
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