Ein Unglück kommt selten allein 31.05.2015 Tierschicksal

Ein Bericht von:
Ines Leeuw
Tierärztin

In dem Augenblick, als Elmo es bereits zu uns geschafft hatte (Dr. Marga Keyl berichtete ausführlich über seine Ankunft in unserer Station Link), ereignete sich an einem Hotel in der Nähe ein Unfall.
Ein Unfall, wie er wahrscheinlich tausend Mal am Tag auf dieser Welt passiert.

Eine ausgehungerte Katze läuft auf der Suche nach Futter über eine Straße. Woher sollen diese Tiere etwas ahnen von der heranrauschenden Gefahr? Ihre Aufmerksamkeit gilt dem Finden von Nahrung. Hohe Geschwindigkeiten sind für sie genauso wenig existent wie ignorante Fahrer.

Das Letzte, was diese Katze an diesem Tag auf dieser Straße mitbekam, waren quietschende Bremsen. Mehr nicht. Ihr Bewusstsein fiel in ein schwarzes Loch. Bewegungslos lag sie auf der Straße. Das Auto fuhr einfach weiter. Die Insassen nahmen keinerlei Notiz von dem regungslosen Körper auf dem Asphalt. Damit wäre ihr Schicksal besiegelt gewesen, wenn nicht ein Touristenpärchen die tot geglaubte Katze von der Straße genommen hätte, um in dem Hotel um Hilfe für das verletzte Tier zu bitten. Schließlich atmete der Blutklumpen noch...
Nelly (unsere Tierschützerin, der wir die Gemeindepraxis von Rethymnon zu verdanken haben) wurde informiert und ab jetzt wird es langweilig, denn die Geschichten sind immer sehr ähnlich.

Da sie aber zeigen, wie wichtig die Präsenz von gut ausgebildeten Tierärzten in einem Netz von perfekt aufeinander abgestimmten Tierschützern ist, erzählen wir sie dennoch. Außerdem lässt es Einblicke in den Alltag vor Ort zu, den sich die meisten Menschen mit einem geregelten Leben nicht vorstellen können. Zu den Begriffen wie "Tierärzte", "Chirurgen", "Internisten" gesellt sich vor Ort auch IMMER eine andere Berufsbezeichnung: "Notarzt".

Dieser Begriff beinhaltet bei näherem Hinsehen mehrere Eigenschaften. Der Name deutet auf eine ständige Bereitschaft hin. Tiere werden nicht nur zwischen 9:00 Uhr morgens und 17:00 abends angefahren. Es bedeutet weiterhin auch eine Rund-um-die-Uhr-Betreuung. Alle zwei Stunden den Wecker stellen und nach dem Patienten schauen. Wenn es sein Zustand zulässt oder akut verlangt, auch eine Operation nachts um 2:00 Uhr.

Vergessen wir bitte nicht, dass die Kollegin, die gerade auf Kreta arbeitet, oftmals einen Kastrationstag von nicht selten 10 Stunden hinter sich hat.
Vergessen wir dabei aber auch bitte nicht die Ausrüstung. Ein Fahrzeug muss immer vollgetankt bereitstehen. Unser Equipment ist um ein Vielfaches erweitert um das, was wir zusätzlich zu den tagtäglichen Kastrationen brauchen. Die Vielfältigkeit der Verletzungen kennt keine Grenzen und auf alles müssen wir vorbereitet sein.
Manches Mal entscheiden Sekunden, ob wir gewinnen oder aber die andere Macht.

So freute sich unsere Kollegin Dr. Marga Keyl, dass alle anfallenden Arbeiten für den heutigen Tag erledigt waren und es nach einem frühen Feierabend aussah.
Nach der telefonischen Ankündigung und der zeitnahen Ankunft von Nelly wurden diese Pläne schnell verworfen.

Nun zum Fachlichen:
Der geschundene Katzenkörper befand sich im Schock und musste erst einmal stabilisiert werden. Das ausgemergelte Tier hatte durch den Unfall ein Auge verloren. Eben dieses hing blutunterlaufen aus der Augenhöhle. Bei näherer Betrachtung stellte Marga zusätzlich noch einen gebrochenen Unterkiefer fest. In den nächsten Stunden wurde dafür gesorgt, dass jeder Tropfen der angewärmten Infusion wieder Leben in den ausgezehrten Körper zurückbrachte. Die Frage, wie viel Schlaf Marga in dieser Nacht bekam, ersparen wir uns.

Am nächsten Morgen war ein bisschen Leben in das Kätzchen zurückgekehrt und Marga wagte die Narkose, um das entstellte Auge zu entfernen. An eine Korrektur des Unterkiefers war nicht zu denken, denn der Körper unseres Schützlings musste sich erst einmal von dieser Strapaze erholen. Eine Heizdecke, kuschelige Decken und viele Streicheleinheiten ließen sie aus der Narkose erwachen. Am Abend nahm sie schon ein bisschen Weichfutter zu sich. Je stabiler ihr Zustand wurde, desto destabiler wurde der von Marga. Nein - kleiner Scherz, aber die Entscheidung, wann man die nächste Narkose riskieren könne, wog schwer auf Margas Schultern.
Aber alles Herumeiern nützt nichts und wenn nicht Marga, wer denn dann?

Schnell und konzentriert arbeitete sie und konnte den Unterkiefer tatsächlich wieder in die richtige Position bringen. Unter ihren Händen schlug das Kämpferherz einen stabilen Rhythmus. Trotz aller Vorsicht wollte unsere kleine Patientin nicht so recht aus der Narkose erwachen. Sie kämpfte mit Untertemperatur und Schock. Das war alles zu viel für den dünnen Körper. Erst der Unfall, dann die Augen-Op und anschließend das Richten der Kieferfraktur. Weich auf das Heizkissen gebettet, lief Stunde um Stunde Nährflüssigkeit durch den Katheter in ihre Venen. Dazu versorgten Marga und ihre Assistentin Christina sie mit den obligatorischen Streicheleinheiten. Egal ob dreckig, zottelig, blutverschmiert oder voll mit Flöhen. Es ist unser Zeichen, unsere Hoffnung, unser Glaube. Hey, wir sind hier und kämpfen für dich. Nimm dir die Zeit, die du brauchst, aber komm wieder auf diese Welt, und wir versprechen dir eine bessere Zukunft. Wir wollen, dass du bei uns bleibst.

Zwei Tage nahm sie sich Zeit. Zwei Tage für Marga und Christina in einer schrecklichen Ungewissheit. Zwei Tage, in denen sich unsere Ausbildung der anderen Macht in den Weg stellte. Und gewann.
Von da an ging es bergauf. Sie hob den Kopf, fing an zu schnurren und zu schmusen, wollte aber nur fressen, wenn Marga ihr Gesellschaft leistete und sie sanft streichelte. Sie hat uns beim Wort genommen.

Nach diesen nervenaufreibenden Tagen und Nächten hieß es abwarten und den Heilungsverlauf genau beobachten. Sechs Wochen Päppeln und Fürsorge standen unserer kleinen Patientin bevor. Aber das Schlimmste war überstanden und wir fühlten uns zu Recht wie Sieger.
Natürlich ist sie immer noch bei uns. Aber nicht mehr als Katze, sondern als Nefeli. Mit einem eigenen Namen ist das Schicksal besiegelt, sie nicht mehr zurück auf die Straße zu setzen. Außerdem muss nach sechs Wochen der Draht aus ihrem Kiefer entfernt werden. Bis dahin kann sie noch das all-inclusive-Angebot bei uns nutzen. Schließlich gehört das ja auch zu unserem Versprechen.

Wir sind immer wieder erstaunt und fasziniert, wie ein Tier, das von der Straße kommt, uns solch grenzenloses Vertrauen entgegenbringt und sich nach kurzer Zeit verhält, als wenn es schon immer bei uns gewesen wäre. Wir können uns nicht vorstellen, Nefeli wieder in die Anonymität der Straße zurückzuschicken, wo sie erneut Futter suchend ein leichtes Opfer wäre. Sie ist so dankbar und anhänglich, dass es einem Verbrechen gleichkäme, ihr nicht ein liebevolles Zuhause zu suchen.
Wie immer benötigen wir hierfür Ihre Hilfe.
Danke, Ihr Tierärztepool-Team


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