Nike 09.10.2016 Gedanken

Ein Bericht von:
Thomas Busch
Tierarzt und Vorstand

"Wir suchen für einen 80 Jährigen einen Hund."

Warum bei diesem Satz in der Tiervermittlung immer wieder Hindernisse auftauchen, ist mir ein ewiges Rätsel. Wird älteren Menschen die Verantwortung aberkannt? Sieht man vor sich im Geiste schon einen Geist? Dürfen sich ältere Menschen nicht auch nach einem Tier sehnen, ihre Zuneigung verschenken und Liebe geben? Sind diese empathischen Eigenschaften nur der jüngeren Generation vorbehalten?
Ich denke nein und möchte an dieser Stelle eine Lanze brechen.

Sind wir als die Vermittler von Tieren nicht IMMER in der Pflicht, ein geeignetes Zuhause zu suchen? Ein Zuhause, in das das Tier hineinpasst? Im klassischen Fall denken wir dabei an die junge Familie, die sich gerade ein Häuschen gebaut, zwei kleine Kinder in die Welt gesetzt hat und nun einem Hund einen tollen Platz anbieten kann. Seit wie vielen Jahren vermittle ich schon Hunde? Dabei habe ich alles erlebt. Alles! Auch, dass das Idyll dieser Traumfamilie Monate später wegen Trennung platzte, wie eine Seifenblase an einem Grashalm. Der Hund war selbstverständlich das erste, im Weg stehende Opfer.

Was ist also wichtig bei der Vermittlung?
Zum einen die gute Beschreibung und Charakterisierung des Tieres. Es ist wichtig, so viele Eigenschaften wie möglich zu kennen und diese ehrlich an die neuen, eventuellen Besitzer weiterzugeben.
Dann möchte ich wissen, was für Ansprüche an den Hund oder die Katze gestellt werden und wie das Umfeld des Interessenten geformt ist. Nun ist es meine Aufgabe, diese Dinge übereinanderzulegen und zu schauen, wie groß die Schnittstellen sind.
Wenn Vieles passt, im besten Falle sogar alles, steht einer Vermittlung doch nichts im Wege?
Ganz nebenbei sollten wir nicht vergessen, dass die Tagesgestaltung eines älteren, nicht mehr berufstätigen Menschen viel mehr Zeit übrig lässt, als es in einem gehetzten Kinderhaushalt möglich ist.

Vorige Woche stand ich nun dem älteren Herren gegenüber, der für sich und seine Frau einen Hund suchte. Rüstig und sehr sympathisch sah er aus. Eigentlich suchte er einen Hund, der etwas älter sei, denn er und seine Frau seien ja auch nicht mehr die jüngsten, aber einen dreibeinigen würde er sich auch gerne angucken.
Nike wurde auf Kreta in einem Mülleimer geboren. Sie wurde mit der Flasche aufgezogen, klammerte sich zeitlebens an ihren Bruder und blieb zurückhaltend. Daran konnte auch die Pflegestelle in Deutschland nicht viel ändern, denn zwei ängstliche Tiere addieren ihre Angst. Dann geschah das, was für jeden Hundebesitzer die Hölle ist. Nike geriet in Panik, befreite sich aus der Leine und lief davon. Direkt vor ein Auto. Das Bein konnte nicht mehr gerettet werden.

Ihre Ängstlichkeit und das Klammern an ihren Bruder wurde dadurch nicht besser. So entschieden wir nach langer Überlegung, die beiden zu trennen. Nike blieb für zwei Wochen bei mir, bis eben zu dem Tag, an dem der ältere Herr vor mir stand und Nike vorwitzig ihre Nase nach seiner Hand ausstreckte. Sie wurde in der Tat nach der Trennung von ihrem Bruder zutraulich und entwickelte eine wundervolle Bindung zu mir. Sie kam, wann immer ich sie rief, wir kuschelten und bei den Spaziergängen blieb sie an meiner Seite. Kam eine vermeintliche Gefahr auf uns zu, suchte Nike Schutz bei mir.
Nun schnupperte Nike an einer fremden Hand. Soweit waren wir also schon.

Einen Tag später fuhr ich mit Nike zu ihrem neuen Zuhause. Erst einmal nur zum Anschauen. Ein gefüllter Futternapf, Leckerlies aus der Hand, die ja schon beschnuppert wurde, und ein großer Garten gefielen Nike. Aber immer noch richteten sich ihre Augen dorthin, wo ich stand. Am nächsten Tag das Gleiche, nur diesmal hatten wir den Vertrag unterschrieben. Ich hatte den Platz als ideal eingestuft, die älteren Herrschaften gefielen Nike und mir und als ich mich aus dem Haus schlich, stand Nike vor ihrem neuen Herrchen und holte sich ein Leckerli nach dem anderen aus seiner Hand. Und mit der Tochter stehe ich bis heute in Verbindung. Sie hatte über viele Jahre einen Hund von der Arche, der nun leider verstorben war. Sie wohnt mit in dem Haus ihrer Eltern und wird sich mit um Nike kümmern. Sollte Schlimmeres eintreten, ist für das Wohl des kleinen dreibeinigen Hundes gesorgt. Wer möchte an so einer Vermittlung Zweifel äußern?

Ich jedenfalls würde mir wünschen, dass mehr ältere Menschen den Mut finden, einem Tier eine Heimat zu bieten. Selbstverständlich muss für den Fall B ein Plan existieren, aber erstens sollte das möglich sein und zweitens; fragen wir bei einer Vermittlung an junge Leute auch nach einem Plan für den Fall B?


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