Oliver - der Wert des Lebens 18.06.2017 Gedanken

Ein Bericht von:
Janina Rhode
Tierärztin

Was ist ein Leben Wert, und was darf es kosten?
Eine ethisch sehr interessante Frage. Wie kommt man darauf, sich das zu fragen? Ist das Leben nicht das höchste Gut, das wir haben? Kann man es überhaupt in einer Summe festlegen? Was ist mehr "Wert": Ein Hund oder eine Katze? Ein junges oder ein altes Tier? Ist ein krankes Tier weniger Wert als ein gesundes oder ist es vielleicht sogar "wertlos?"

Solche Dinge habe ich mich früher nie gefragt, ich wurde sie auch nicht gefragt. Mir wurde beigebracht, dass jedes Leben kostbar, jedes Lebewesen wertvoll und jedes fühlende Wesen ein Recht auf Respekt und Achtung hat.

Nun steht man da als Mensch, der diese Tiere liebt - sonst würde man diesen Job nicht machen - und soll ihn "erlösen". Den, der nicht erlöst werden will. Den, der um sein Leben gekämpft hat. Den, der trotz aller Schmerzen und schlechter Erfahrungen freundlich mit dem Schwanz wedelt und dankbar jeden Happen nimmt!Janina Rhode

Seit ich Tierärztin bin, entscheide ich über Leben und Tod, muss Leiden und Lebensqualität abschätzen, um zu einer Entscheidung zu gelangen. Ich berate Menschen, die ihr Tier lieben und Hilfe bei dieser schweren Entscheidung brauchen, und das habe ich mir nie leicht gemacht.
Zu diesem Thema hat jeder seine eigene Meinung, richtig und falsch ist da nicht klar zu definieren. Für mich persönlich spielt die Prognose eine sehr wichtige und entscheidende Rolle. Bei einem Tier, das die Aussicht auf ein schönes Leben nach einer angemessenen Genesungszeit hat, bin ich bereit, eine Zeit der Schmerzen in Kauf zu nehmen. Ist eine Krankheit nicht zu heilen und die Lebensqualität, der Art und der individuellen Empfindung nach, nicht mehr "lebenswert", so ist meine Entscheidung - egal wie jung das Tier ist - die Erlösung.
Mit dieser Einstellung gehe ich natürlich auch an den Tierschutz heran. In den meisten Fällen sind es Fundtiere, die wir mit allen Konsequenzen übernehmen. Bei diesen möchte ich die Entscheidung über Leben und Tod nicht von den Kosten ihrer Genesung abhängig machen.

Im Auslandstierschutz ist das leider kaum möglich, zu viele Tiere haben keine Zukunft, zu viele Fundtiere sind verletzt und können so nicht weiter auf sich gestellt leben, zu viele Tiere haben Nachwuchs, der absolut keine Zukunft hat. Das ist das tägliche Brot der Tierärzte und Tierschützer im Ausland. Man kämpft gegen Windmühlen. Muss mitansehen, wie Tiere an ihrer Kette hungern und dursten. Wie gerade kastrierte Tiere vergiftet werden und Muttertiere ihre frisch geborenen Jungtiere nicht versorgen können.
Es gibt keinen Ausweg, die Tierheime sind überfüllt, ohne Chance auf eine Vermittlung sitzen die Tiere in Enge, Schmutz und Angst. Kastration und Aufklärung sind die einzigen Werkzeuge, um langfristig etwas zu ändern.

Nun nehmen wir zwischendurch einzelne "Notfelle" aus dem Auslandstierschutz bei uns auf und nicht selten kommt hierfür Kritik: "Haben wir nicht genug Tiere in unseren Tierheimen?", "Was das kostet, so ein Tier hierher zu holen, wie viele Tiere könnten dafür kastriert werden!", "Ist das sinnvoll?"
Das frage ich mich natürlich auch. Was ist eigentlich sinnvoller Tierschutz? Kann Tierschutz überhaupt sinnvoll sein? Und wer legt fest, was sinnvoll ist? Mit der folgenden Geschichte einer unserer Schützlinge möchte ich zum Nachdenken anregen.

Die Geschichte von Oliver, griechischer Mischling, Alter unbekannt

Ich bekomme einen Anruf einer befreundeten Tierärztin des Förderverein Arche Noah Kreta e.V.. Sie berichtet mir von einem Hund, der von zwei aufmerksamen Touristen an einer Landstraße gefunden wurde. Beide Vorderbeine und mehrere Rippen sind gebrochen, er ist stark abgemagert, dabei aber absolut lieb und glücklich, nun endlich Futter, Wasser und Schmerzmittel zu bekommen. Vermutlich ist der tapfere Kerl schon eine längere Zeit mit seinen schweren Verletzungen unterwegs. Was ist nun sinnvoll? Der liebe Kerl zeigt, dass er leben möchte. Dort, wo er jetzt ist, gibt es aber keine Möglichkeit, seine Verletzungen adäquat zu behandeln und eine erfolgreiche Genesung bedarf nicht nur Zeit, Geduld und Fachkenntnis, sondern auch Geld. Die Erlösung des Tieres wäre wirtschaftlich gesehen mit Sicherheit das Beste. Nun steht man da als Mensch, der diese Tiere liebt - sonst würde man diesen Job nicht machen - und soll ihn "erlösen". Den, der nicht erlöst werden will. Den, der um sein Leben gekämpft hat. Den, der trotz aller Schmerzen und schlechter Erfahrungen freundlich mit dem Schwanz wedelt und dankbar jeden Happen nimmt!
Jeder Mensch, der diese Entscheidung - ihn nicht zu erlösen - bewertet, sollte sich in denjenigen hineinversetzen, der diese Entscheidung treffen muss und auch die Tötung des Tieres selbst durchführen muss. Ich habe vor Ort mitgearbeitet und habe gesehen, wie oft solche Entscheidungen als Tierarzt im Auslandstierschutz anstehen und ich habe sehr großes Verständnis dafür, auch mal ein "Happy End" zu brauchen.

Ich habe Oliver bei mir aufgenommen und es waren zwei harte Monate für uns beide, bis seine Brüche verheilt, seine Wunden geschlossen waren und er wieder laufen konnte. In dieser Zeit habe ich viel Kritik geerntet, was natürlich auch nicht ganz falsch war. Es kommt allerdings auf den Blickpunkt an. Wirtschaftlich ist Oliver eine gigantische "Niete", persönlich ist er aber ein "Lottogewinn".

Er hat mich beeindruckt mit seinem Lebenswillen, mit seiner guten Laune und seinem Vertrauen, dass er mir geschenkt hat! Oliver wollte nicht "erlöst" werden, er hat noch eine Menge Zeit, alles nachzuholen was er nie hatte. Er hat zwei Menschen sehr glücklich gemacht (seine neuen Besitzer), und natürlich hätte es die Welt nicht interessiert, wenn er gestorben wäre. Es hätte keinen Unterschied gemacht für diese Welt! Für Oliver, seine neuen Besitzer, für alle die ihn kennenlernen durften, alle die sein "Happy End" möglich gemacht haben und für mich, macht es sehr wohl einen Unterschied! Bei all dem Leid und der Belastung, diesen vielen harten Entscheidungen für das große Ganze, gibt es Einzelfälle, Individuen, die man retten möchte! Es ist eine Befriedigung des eigenen Bedürfnisses nach Glück und Frieden, es streichelt die Seele und lässt einen tief durchatmen, gibt Kraft für die nächsten harten Entscheidungen!
Ob es sinnvoll ist oder nicht, es ist schön und ich kann es nur jedem empfehlen. Ich freue mich, meiner Kollegin die eine oder andere Entscheidung abzunehmen, den einen oder anderen Pflegefall aufzunehmen. Denn ich bin dankbar, dass sie jeden Tag dort an der unsichtbaren Front ist und weiter gegen Windmühlen kämpft, etwas verändert.
Alle Kritiker sollten darüber nachdenken, wie viele Lebewesen sie in den letzten Monaten gerettet haben - bevor sie andere bewerten. Wir als Tierärzte tun, was wir können, und ob es sich um ein deutsches oder ein ausländisches Lebewesen handelt, ein Rassetier oder eine Strassenmischung ist mir ehrlich gesagt ziemlich egal - sie spüren alle den gleichen Schmerz und haben für mich den gleichen Wert, sind unbezahlbar.

Man sollte sogar eher darüber nachdenken, ob es ethisch vertretbar ist, ein Lebewesen zu "produzieren" wo es doch genug davon gibt! Bei Oliver bin ich oft entsetzt gefragt worden, wie man so viel Geld in ein Tier stecken kann und was man nicht alles Sinnvolles damit machen könnte!
Wenn jemand erzählt, wie viel er für den letzten Urlaub oder das neueste Handy bezahlt hat, fragt so etwas keiner - ist ein elektronisches Gerät wertvoller als ein fühlendes Lebewesen oder ist es das schlechte Gewissen, das Menschen dann das "ethische Haar in der Suppe" suchen lässt? Also: Was ist nun ein Leben Wert, und was darf es kosten?


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