Pico - auf drei Beinen in's Glück 13.06.2016 New Life Resort

Ein Bericht von:
Thomas Busch
Tierarzt und Vorstand

Der Start von Pico verlief nicht nach Plan. Kurze Zeit, nachdem die Spermien eines - von uns leider nicht kastrierten - Rüden auf der Suche nach der Eizelle einer - von uns leider nicht kastrierten - Hündin waren, ereignete sich die Katastrophe. Das Genom entschied sich für einen Erbgutfehler, dem der kleine Pico leider nicht mehr ausweichen konnte. An der Stelle, an der der Körper mit einem funktionierenden rechten Vorderbein ausgestattet werden sollte, entstanden durch einen "Verschmelzungsfehler" zwei, und dann auch noch, verkrüppelte Beinchen. Pico würde sie in seinem Leben nie funktionell einsetzen können.

Noch ahnte der Zwerg nichts von seinem Schicksal, denn er war nach der Geburt ja noch ganz klein. In dieser Zeit erwischten die Tierärzte des Fördervereins Arche Noah Kreta e.V. die Elterntiere und sorgten dafür, dass so etwas nie wieder passieren würde. Wenn man schon die gesunden Hunde auf Kreta nicht gebrauchen kann, was sollte man denn mit Verkrüppelten?

Pico wurde größer und das Problem des Erbgutstreits immer deutlicher. Wir werden ihm das störende Ding wegmachen, entschieden die Tierärzte des Fördervereins, denn so ein nicht zu gebrauchendes Körperteil behindert mehr, als das es einen Nutzen bringt. Antonia nahm sich konzentriert der Sache an und amputierte.
So wurde aus einem fünfbeinigen Hund ein dreibeiniger.

Leider schauten bei der Suche nach einer Pflegestelle auf Kreta alle Beteiligten weg, ein Zustand, der uns leider nicht selten begegnet. Da aber die Unterstützer unserer medizinischen Arbeit dafür gesorgt haben, dass es ein New Life Resort gibt, war eine Euthanasie genauso weit weg, wie Smilla, die Tochter meines Jugendfreundes. Sie saß fleißig lernend in der Schule, gedanklich aber oft davon träumend, wie es wohl wäre, wenn sie einen Freund hätte, einen Freund nur für sie, einen, mit dem man jedes Abendteuer erleben kann und der ihre geheimsten Geheimnisse hüten würde. Einen Beschützer, einen Kumpel, einen Spielkameraden.

Pico lebte sich im New Life Resort gut ein. Sein Lieblingsplatz fand er in dem Bastkorb für´s Brennholz, von dem er das Treiben auf dem Hof wundervoll überblicken konnte. Wenn seine Höhe nicht reichte um sich einen Überblick zu verschaffen, lernte er schnell, sich auf seine Hinterbeine zu setzen und in dieser Stellung alle Menschen um sich herum zu verzaubern. Pico war brav, nervte nicht, machte nichts kaputt und war sofort stubenrein. Lag er zwischen seinem Menschenrudel war die Welt für ihn so dermaßen in Ordnung, wie die Wunde an seiner rechten Körperseite.

Um im New Life Resort so schnell wie möglich Platz für den nächsten Verletzten zu machen, denn die kommen schneller als es uns lieb ist, nahm ich Pico mit nach Deutschland und stellt mich darauf ein, den Zwerg etwas länger in meiner Obhut zu haben, denn einen dreibeinigen Hund suchen die Wenigsten. Als ich meinen Freund besuchte - wir lernten uns in einem Alter kennen, in dem jetzt unsere Kinder sind - fragte er mich mehr als Scherz, weniger als ernsthafte Neugier, ob ich ihm und seiner Familie einen Welpen mitgebracht hätte.

Oh, oh, mir so eine Frage zu stellen ist gefährlich, sehr gefährlich. Was dann geschah, und wie das Leuchten in den Augen seiner Tochter funkelte, als wir sie von der Schule abholten und ihr Pico vorstellten, überlasse ich ihrer Vorstellungskraft.
Pico´s supersüßes Wesen begeistert in Windeseile jeden, egal ob alt oder jung. Und wer in das Innere dieses kleinen Hundes schaut, der erkennt keinen Krüppel, keinen dreibeinigen Hund, keinen Behinderten.
Er sieht einen Freund mit dem man jedes Abenteuer erleben kann, der die geheimsten Geheimnisse hütet, einen Beschützer, Kumpel und Spielkameraden. Und wenn die Spaziergänge dann doch mal zu lang sind, nimmt Smilla Pico auf den Arm, drückt ihn an sich und wird zur süßesten Prothese, die sich ein kleiner Hund aus Kreta nur wünschen kann.


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