Rhodos - Januar 2017 23.01.2017 Gedanken

Ein Bericht von:
Sara Kohl
Pflegestelle

19.1.2017
Die letzte Etappe meiner Anreise nach Rhodos ist angebrochen. Ich sitze im Flieger von Athen auf die schöne Urlaubsinsel. Bereits Tage vorher habe ich mir Gedanken gemacht, was ich man alles mitnehmen muss. Welche Boxen werden für den Rückflug benötigt? Wie stellt man das Gepäck am besten zusammen, damit man möglichst wenig Zuschläge für Übergepäck bezahlen muss.
Das alles, um dann kurz vorher nochmal umzudisponieren, weil noch Boxen für die nächsten Hunde mitmüssen, die schon sehnsüchtig in ihrem neuen Zuhause erwartet werden. Dieses Mal können sie leider noch nicht mit, weil die Fluggesellschaft nur fünf Hunde pro Person zulässt und es auf Grund der Wintermonate einfach an Flugpaten mangelt.

So gehe ich durch die Zwinger, mache Bilder, mache Notizen und streichele viele Hundeköpfe. Henny, eine Tierheimmitarbeiterin bekommt mit, was ich tue und bittet mich einige Hunde speziell anzuschauen. Weil sie schon lange dort sind oder weil sie sie gerne hat. Es ist schwierig in ihre hoffnungsvollen Augen zu schauen und zeitgleich zu denken, "Oh Gott, wo sollen die nur unterkommen?".Sara Kohl

Während der Flugzeit ist genügend Zeit, sich Gedanken zu machen, was mich diesmal erwarten wird. Ein Tierheim, übervoll mit Hunden, mit Lärm und Gestank - das weiß ich sehr wohl, denn ich war im November schon dort, um die Kastrationsaktion von flying cats und dem Tierärztepool zu unterstützen. Aber das ist mir egal. Für mich ist es dort nur ein Tag und ich kann abends wieder gehen. Für die Hunde ist es Tag aus Tag ein das Gleiche.
Ein Grund mehr, meine morgige Aufgabe sehr ernst zu nehmen. Ich habe Respekt davor, durch die Reihen zu gehen und - mit fokussiertem Blick - die Hunde nach Notfellchen und möglichen Ausreisekandidaten zu scannen. Ein Tag bleibt mir, um über 300 Hunde anzuschauen und zu entscheiden. Aber wie kann man das, wenn man in die vielen Augenpaare schaut, die einen teilweise resigniert, teilweise wütend und teilweise flehend anschauen?
Es muss gehen, denn alle kann man nicht retten, aber einige bekommen dadurch ihre Chance. So wie die alte Hundedame Jenny, die mich im November aus ihrer kalten Plastikhütte heraus angeschaut hat und ich in genau diesem Moment entschieden habe - sie muss da raus!
Und Samstag ist sie eine der Auserwählten, die mit mir zurückfliegen, in ein neues Leben, nach langer Zeit hinter Gittern. Sie wird mich ungläubig anschauen und die Welt nicht mehr verstehen. Aber ich bin sicher, es wird nicht lange dauern, bis ihre Augen strahlen werden und sie die Wärme, die weichen Bettchen und das gute Futter genießen wird.

22.1.2017
Drei Tage Reise und viele Eindrücke liegen hinter mir. Während ich schreibe, merke ich, wie die Gedanken noch auf Rhodos hängen. Dies wollte ich noch machen und - ach - das hab ich noch vergessen. Aber was ist schon ein Tag, um so viele Dinge zu erledigen, die man eigentlich tun wollte? Gar nichts, denn Tierschutz ist eigentlich - wenn man es genau nimmt - eine Lebensaufgabe, die nie endet - leider. Leider, weil es immer weiter notwendig ist, die Tiere zu schützen und ihnen unablässig Hilfe zukommen lassen zu müssen. Daher unterstütze ich aus vollem Herzen den Tierärztepool - weil hier der Kern der Sache getroffen wird, Leid gar nicht erst entstehen zu lassen - nicht das Elend in Tierheimen oder Auffangstationen zu verwalten.

Ich habe wieder viele Hunde gesehen im Tierheim. Viele, die mir schon bekannt waren, viele neue, die in den nur zwei Monaten Abwesenheit dazu gekommen sind. Unmengen an Welpen, schwarzen Hunden, Jagdhunden und großen Hunden. Ein Abteil ist fast voll mit lauter sogenannten Kampfhunderassen oder deren Mischlingen. So viele Hunde, die kaum Chancen haben, das Tierheim jemals zu verlassen. Es ist frustrierend. Trotz allem muss man sein Augenmerk auf die setzen, die eine Chance haben.

So gehe ich durch die Zwinger, mache Bilder, mache Notizen und streichele viele Hundeköpfe. Henny, eine Tierheimmitarbeiterin bekommt mit, was ich tue und bittet mich einige Hunde speziell anzuschauen. Weil sie schon lange dort sind oder weil sie sie gerne hat. Es ist schwierig in ihre hoffnungsvollen Augen zu schauen und zeitgleich zu denken, "Oh Gott, wo sollen die nur unterkommen?".

Aber immer wieder sagt man "we will try" Das Gute diesmal; es begegnen mir keine gesundheitlichen Katastrophen, bei denen man sofort handeln muss. Trotzdem sieht man, dass es viele Baustellen gibt. Jede Menge vergammelte Zähne, Hunde mit Ohrenentzündungen, schlechte Hautzustände und Hunde mit offenen Wunden und Liegeschwielen.

Nach mehreren Stunden durch die Zwinger gehen, stelle ich fest, dass ich erst die Hälfte geschafft hab. Ich falle in ein kurzes Loch der Hoffnungslosigkeit, weil mir bewußt wird, dass ich diesmal nicht schaffen werde, durch alle Zwinger zu gehen. Einen Teil werde ich nur von außen anschauen können und nur noch die Zwinger machen, in denen ich mögliche Kandidaten sehe. Traurig, aber nicht zu ändern. Daher Kopf hoch und weiter, dass ich noch so viel wie möglich schaffe.

Irgendwann ist die Zeit gekommen, die Hunde vorzubereiten, die mit mir die Reise antreten werden. Irgendwie immer ein besonderer Moment. Die liebe Jenny darf nach 7 Jahren Tierheim ihren Zwinger verlassen. Ihre Pflegerin Henny bringt sie mit Freudentränen in den Augen ins Tierheimgebäude, wo sie ihre letzte Nacht verbringen darf. Auch Kimi und Molly, dürfen im Haus übernachten und sind augenblicklich wie ausgewechselt. Als wenn sie wüssten, was ihren bevorsteht.

Dank der guten Vorarbeit von Antonia Xatzidiakou hat beim Einchecken der Hunde und dem Flug an sich alles super geklappt.
Alle Hunde sind in ihrem Pflegestellen angekommen und haben ihre erste Nacht in warmen Betten geschlafen. Die alte Jenny, hat sich gleich mal die Couch erobert und mag sie am liebsten nur zum Fressen verlassen. Wer kann es ihr verdenken. Während ich sie anschaue, wie sie schläft, wird mir warm ums Herz und ich denke "ja - genau deswegen mache ich das". Denn für mich sind es ein paar Tage Stress, Hektik und kostet ein paar Nerven. Aber für jeden einzelnen Hund, bedeutet es die Veränderung seines Lebens.


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