Schuldgefühle 27.08.2012 Tierschicksal

Er sitzt da, als hätte er nichts zu bereuen. Einer alten Marionette gleich, ausgestopft, aber ohne Vergangenheit. Eine Marionette, deren Fäden abgeschnitten sind, die in sich zerfallen ist und regungslos auf der großen Bühne liegt. Wie tot. Die einstige Arroganz ist aus ihrem Gesicht gewichen. Der gleichgültige Staat sitzt wie zu einer Statue erstarrt auf der Anklagebank. Ihm wird Mord vorgeworfen. Massenmord!Dann kommt Irma. Sie trägt ein hellblaues Band um ihren Hals. Ihre lange Mähne glänzt in der Sonne. Ein Wirbel liegt eingebettet in ihrem Haar, gleich hinter dem blauen Bändchen. Zumindest hält man es für einen Wirbel. Man möchte sie ständig ansehen, sie wirkt lebensfroh. Und lebendig.

Dann schüttelt Irma ihre Mähne. Das Fell weht auf die andere Seite von ihrem Hals und man erkennt, dass der Wirbel kein Wirbel ist, sondern eine 20 Zentimeter lange Narbe. Sie zieht sich in kleinen Bögen von ihrem rechten Ohr hinab bis zu ihrem linken Schulterblatt.„Danke“, sagt der Staatsanwalt.„Ich hab noch was“, sagt Irma und hebt ihre vernarbte linke Pfote. „Und die in meinem Gesicht sehen Sie ja selber.“„Ich sehe nichts“, sagt der Staatsanwalt.„Ich habe mich ja auch gebürstet“, entgegnet Irma und strahlt ihn an. Der Wirbel tanzt. „Gut retuschiert“, antwortet der Staatsanwalt. Alle lachen. Dann hebt Irma ihren Kopf – und man sieht das Einschussloch in ihrem Kieferknochen. Auf der anderen Seite kam die Kugel wieder heraus. Hält Irma den Kopf nach unten, sieht die Stelle aus wie ein Wirbel.Dreimal hat der Staat auf sie geschossen. Das heißt, nicht er, die Marionette, sondern die, die nie verfolgt wurden. Die machen konnten, was sie wollten. Die grölten und sich rühmten, mal wieder getroffen zu haben, während Irma sich vor Schmerzen wand.

Als Irma dem verlogenen Staat vor einer Woche bereits zuvor im Gerichtssaal begegnete, war vieles plötzlich ganz unwichtig – ganz weit weg und doch so nah. Irma würdigte ihn keines Blickes und als sie sprach, drehten sich auch die einstigen Mörder von ihm weg. Allein – eine harte Strafe für einen Staat.Wenn es jemanden gibt, der dem Staat zeigt, wie armselig er ist, dann ist es Irma.„Als sie mich in den Hals trafen, dachte ich, dass das nicht so schlimm sei. Bei dem Schuss in meinen Kiefer dachte ich, das ist jetzt ernster. Und als ich das Gegröle und ihre Siegeschöre hörte und mein eigenes Blut auf meiner angeschwollenen Zunge schmeckte, dachte ich, das bringt dich um.“ Sie spricht freundlich, sachlich. In diesen Prozesstagen sagen die Zeugen aus, dass Irma nur überlebt hat, weil man sie im ersten Moment für tot hielt. Und die Zeugen treten vor Gericht auf mit einer Stärke, einer Tapferkeit, einer Ruhe, der der Angeklagte nicht gewachsen ist. Er sitzt da hinter seiner Fassade aus Gleichgültigkeit, als wäre er innerlich abgestorben.

Die Zeugen aber leben. Und sie berichten. Sie schmücken nichts aus. Sie übertreiben nichts – es gibt auch nichts, was man übertreiben könnte. Dreimal ist Irma getroffen worden, bleibt für wenige Sekunden still liegen, doch dann rennt sie los. Ihr Mäulchen füllt sich mit Blut, sie stolpert. „Mein Kiefer baumelte lose an mir herab“, sagt sie. „Ich versuchte, das Blut zu stillen, aber wie mit zerfetzten Pfoten?“ Es war kein Lauf, es war ein Taumeln. „Ich bin getroffen, ich sterbe!“In den mannshohen Büschen stehen Freunde. Sie haben die Schießerei beobachtet. Auch sie haben Angst, getroffen zu werden. Sie haben sich hinter einem Felsen versteckt und greifen nach Irma, als diese an ihnen vorbeitaumelt. Einer drückt sofort die Hand auf die klaffende Wunde an ihrem Hals, der andere stützt den lose baumelnden Kiefer. Sie reißen ihre T-Shirts in Streifen und machen ihr Druckverbände. Sie sagen, sie darf nicht aufgeben, sie darf nicht sterben. Ab jetzt wird alles besser.Nichts wird besser. Im Gerichtssaal schaut der Staat Irma nicht an, er schaut ins Leere. Wenn er Irma anschauen würde, könnte er erkennen, wie abgrundtief er gescheitert ist. Da steht eine junge Hündin, die durch ihr Schicksal stark geworden ist. Natürlich verfolgt sie dieses Schicksal bis tief in die Nacht. Dann kann sie nicht schlafen, aber sie lebt. Und sie will leben!„Ich habe wieder Mut gewonnen, mehr als ich jemals hatte“, sagt sie. Sie lacht. Sie freut sich auf die Zukunft. Der Wirbel, der kein Wirbel ist, tanzt. Der Saal ist verzaubert. Hier steht eine Überlebende, die den Hass weglacht. Du hast eine überdurchschnittlich positive Lebenseinstellung“, sagt der Staatsanwalt und lächelt. Der Verteidiger, der den Staat gewissenhaft vertritt, nickt Irma anerkennend zu und sagt mit nicht mehr ganz so fester Stimme: „Einfühlsame Worte!“In diesem Gerichtsverfahren wird sich ein Wechsel ankündigen. Viele Zeugen haben geweint. Sie beweinten die Toten. Nun kommen sie zu Wort und man hört ihnen zu. Sie, die Überlebenden fassen Mut. Mut, den Irma ihnen einhauchte. Es ist wie ein Aufatmen.

Der junge Hund erzählt, wie er mit heißem Wasser übergossen wurde. Der Ältere berichtet über sein wochenlanges Dursten und Hungern in großer Hitze. Wieder andere stottern vor Angst vor erneuten Schlägen. Aber alle wirken gefasst. Alles andere als gefasst wirkt hingegen der Staat. Er sitzt nur wenige Meter entfernt von den Zeugen, die er eigentlich töten wollte. Nicht er wollte sie töten, aber es war ihm egal, wie es andere erledigten. Hauptsache keiner muckt auf, es bleibt geheim und kostet wenig Geld. Er hatte andere Sorgen. Macht, Geld, Partys. Eben das Leben genießen. Man hat ja nur das eine. Das sieht der grau-weiße Aricio mit dem kurzen Fell genauso. Er hat allerdings ein zweites geschenkt bekommen. Nun tritt er ebenfalls als Zeuge auf und wirkt ähnlich gefasst wie Irma. Seine Muskeln schimmern inzwischen wieder durch das helle Fell. Er hat viel trainiert um wieder so zu werden, wie er früher einmal war. Aricio hat über eine Stunde in einem eiskalten Wassertank überlebt. Er will, dass der Staat auf der Anklagebank genau hinhört. Er war noch kein Jahr alt, als er getroffen wurde. Ein Stein raubte ihm für kurze Zeit die Sinne, Zeit genug für seine Peiniger, ihn zu greifen und in den Wassertank zu werfen. Seine Peiniger waren umgerechnet nicht viel älter als er. Er erwachte durch das kalte Wasser. „Ich dachte, ich ertrinke“, erzählt Aricio ohne Übertreibung.

Er ist ähnlich konzentriert, wie zuvor Irma. Er rudert um sein Leben. Die Vorderbeine werden jedoch irgendwann schwach. Er schluckt Wasser, fängt an zu husten. Taucht unter und wieder auf. Unter und wieder auf. Niemand steht mehr an der rettenden, aber viel zu hohen Umrandung. Seine Peiniger haben die Lust an dem in Panik geratenden Tier verloren und sind gegangen. Wieder waren die Freunde zur rechten Zeit da, die auch Irma griffen, als sie angeschossen an ihnen vorbeitaumelte. Diesmal konnten sie Aricio aus dem Wasser ziehen und ihn wiederbeleben. Auch sie sagen in diesem Prozess aus. „Wie geht es Dir heute?“, fragt der Staatsanwalt Aricio. Es ist ein Ritual. Erst dürfen die Zeugen erzählen, was sie erlebt haben. Dann kommen die Nachfragen. Und am Schluss geht es um ihr Leben nach dem versuchten Mord. Wie es sich verändert hat. „Es ist schwierig, wieder Vertrauen zu fassen“, sagen Irma und Aricio fast gleichzeitig. „Wichtiger ist es uns aber, dass sich der Staat ändert. Dass er kontrolliert wird. Dass das (E)uropäische (U)ninteresse aufhört und dass von hier eingegriffen und nicht weggeschaut wird. Dass erkannt wird, dass wir Opfer ebenfalls eine Seele haben, Gefühle zeigen und Schmerzen empfinden können. Der neue Staat muss sich von unseren Mördern abwenden. Er muss stärkere Gesetze durchbringen und vor allem auch umsetzen. Er muss Hilfe annehmen, denn nur in der Zusammenarbeit zwischen ihm, unseren Freunden und der jungen Generation kann es eine Befreiung von der alten Schuldenlast geben.“

Schuldgefühle werden mich aber trotzdem ein Leben lang begleiten“, sagt Irma und zum ersten Mal seit diesen Prozesstagen verliert sie kurzzeitig die Fassung. Die Zuhörer richten ihren Blick auf Irma.„Schuldgefühle – weswegen?“ fragt der Staatsanwalt.Im Saal herrscht Totenstille.Irma schluckt und ihr ansteckendes Lachen wirkt wie eingefroren. Dann sagt sie leise, fast so als würde sie nur mit sich selber reden: „Ich konnte meine Kinder vor dem Kugelhagel nicht beschützen.“


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