Schweden - Einsatz in Norrtäljes 04.03.2018 Gedanken

Ein Bericht von:
Silvia Nabe
Tierärztin

„Ja, gibt es denn Strassenhunde in Schweden?“ tönte eine verwunderte Stimme aus der Leitung, nachdem ich vorsichtig anfragte, ob der Tierärztepool eine seiner fleischgewordenen Operationsmaschinen an uns ausleihen könnte.
Nein, die gibt es tatsächlich nicht - aber trotzdem wünschte ich mir sehnlichst eine erfahrene Kollegin herbei, die mich bei meinem Projekt unterstützen würde.

Eine der Hauptbeschäftigungen der Tierärzte hier ist es nämlich, Gesäugetumore, gerne auch ganze tumorbefallene Gesäugeleisten, zu entfernen, akute Gebärmuttervereiterungen zu operieren, Hormonpräparate zu verschreiben um die Scheinträchtigkeiten zu verhindern und dann doch noch die uralten Hündinnen zu kastrieren, deren Diabetes oder andere Erkrankungen sich auf Grund hormoneller Imbalanzen nicht ordentlich behandeln lassen.Silvia Nabe

Aber vielleicht sollte ich erstmal von vorne anfangen: Vor fünf Jahren bin ich gemeinsam mit meinem Mann aufgrund seines Jobwechsels von England nach Schweden gezogen. Nach mehreren Babypausen und Sprachkursen wollte ich unbedingt meinem Beruf als Tierärztin wieder nachgehen. Also hospitierte ich zunächst in verschiedenen Kliniken - und mir fielen im Vergleich zu England und Deutschland drei große Unterschiede auf:

Da musste ich erst einmal ganz schön schlucken! Der dritte Punkt hat ja durchaus seine Berechtigung, denn multiresistente Keime sind eine der grossen Herausforderung der Medizin am Beginn des 21. Jahrhunderts und sie haben ihre Ursachen ganz überwiegend in einer falschen Anwendung antibiotisch wirksamer Medikamente. Doch die ersten beiden Punkte machten mir ganz schön zu schaffen.

Eine der Hauptbeschäftigungen der Tierärzte hier ist es nämlich, Gesäugetumore, gerne auch ganze tumorbefallene Gesäugeleisten, zu entfernen, akute Gebärmuttervereiterungen zu operieren, Hormonpräparate zu verschreiben um die Scheinträchtigkeiten zu verhindern und dann doch noch die uralten Hündinnen zu kastrieren, deren Diabetes oder andere Erkrankungen sich auf Grund hormoneller Imbalanzen nicht ordentlich behandeln lassen.

Ständige Ultraschallkontrollen der Gebärmutter bei jedem Fieber oder bei anderen Unwohlsein ist natürlich unerläßlich, will man ja sicher gehen dass diese nicht mit eitriger Flüssigkeit gefüllt sind. Was das den Tierhalter kostet... Die meisten Hunde sind in Schweden krankenversichert, daher argumentieren die Tierbesitzer, dass im Falle eines Falles die Versicherung ja einspringt - dennoch bleiben sie auf 25% der Behandlungskosten sitzen, was bei einer akuten Gebärmuttervereiterung mit Nachsorge, welche im Schnitt Kosten von rund 2000€ verursacht, nicht gerade unerheblich ist.

Zwei Gründe halten jedoch den Otto-Normal-Hundehalter davon ab, den beschriebenen Problemen durch Kastration vorzubeugen:

Wir reden hier von gut und gerne 800 - 900€ bei einer größeren Hündin!
Dagegen hält sich hartnäckig die verbreitete Ansicht, dass alle kastrierten Hunde fett, depressiv und inkontinent werden - ach ja, und das Fell sich scheußlich verändert. Zudem ist man hier extrem auf Rassehunde fixiert. Sehr beliebt sind zum Beispiel die Nackthunde, die in dicke Mäntelchen gehüllt, dem schwedischen Winter trotzen müssen...
Die gesunden und robusten Mischlingshunde sind hier nicht so weit verbreitet - machen sie etwa zu wenig her?

Sicherlich macht das laute Schnaufen und Röcheln der ebenfalls sehr beliebten Bulldogge mit ihrem durch die Zuchtauslese vollkommen missgebildeten oberen Respirationstrakts allein akustisch mehr Eindruck. Kampagnen gegen Qualzuchten, wie sie die deutsche Tierärzteschaft initiiert, findet man hier nicht. Vom Import von Straßenhunden wird leider auch abgeraten, sie gelten generell als verstört und krankheitsverseucht - hektisch um sich schnappende Minirassen mit wackeligen Kniescheiben sind dagegen gefragt!

Ich kam lange aus dem stummen Kopfschütteln nicht heraus, bis ich anfing, ein Katzentierheim zu betreuen und in meiner Chefin - der Betreiberin - eine Gleichgesinnte fand.
Nun hatte ich es allerdings ausschließlich mit Samptpfötchen zu tun, für die ich einmal die Woche nach Norrtälje fuhr, um die Neuzugänge zu untersuchen und zu kastrieren.

Nach einer Weile überzeugte ich meine Chefin Cecilia, auch für Privattiere kostengünstige Kastrationen anzubieten, bzw. sogar manche Fä(e)lle gänzlich umsonst zu kastrieren.
Der Vorteil hier in Schweden ist, dass man sich, im Gegensatz zu Deutschland, nach keiner Gebührenordnung richten muss, d.h. man darf so viel oder - in unserem Fall wichtiger - wenig verlangen wie man möchte.

Der Andrang für diese Kastrationstage für Katzen von außen war enorm. Einmal die Woche kastriere ich seither an einem halben Tag zwischen 20-25 Tiere, die gleichzeitig gechippt und tätowiert werden.
Es zeigte sich deutlich, dass es auch im reichen Schweden genügend Leute gibt, deren Budget klein ist, und die daher mit der Kastration so lange abwarten, bis der erste Wurf da ist.
Nie zuvor hatte ich so viele alte Tiere kastriert, der Rekord war eine 18-jährige Hündin!
Um die nervige Rolligkeit zu unterdrücken, geben viele Besitzer über Jahre hinweg die äußerst billige „P-Pille“. Die Tierärzte teilen diese wie Bonbons aus, man braucht das Tier nicht zu sehen, um das gefährliche Hormonpräparat zu verschreiben, das dafür bekannt ist, Gesäugetumore zu begünstigen.

Angesicht dieser Tatsachen kam mir die Idee, das Kastrationsprojekt auch für Hunde auszuweiten, und Cecilia, die erstaunlicherweise selbst zwei unkastrierte Hündinnen hatte, war schnell davon zu begeistern.

Da ich mich aber nach drei Babypausen zu unsicher fühlte, um diesen Service anzubieten, brauchte ich einen erfahrenen Chirurgen, der imstande sein müsste, wie am Fließband zu kastrieren und sich auch von eher einfachen Gegebenheiten (keine Inhalationsnarkose, keine schicken Klinikräume) nicht abschrecken ließe. Wer passte dafür besser als eine Ärztin des Tierärztepools?

Zum Glück erhielt ich von Thomas eine Zusage, und da wir das Projekt erstmal vorsichtig antesten wollten, setzten wir nur 3 Tage dafür an. Eine temporäre Zulassung und Arbeitsgenehmigung erhielt Melanie nach einer Email mit drei Anhängen innerhalb von 48 Stunden - die einfache und effektive Bürokratie ist in Schweden einfach unschlagbar!

Die Nachricht, dass in Norrtäljes Katzenheim nun auch Hunde kastriert werden, verbreitete sich auf der Facebook-Seite des Tierheims in rasendem Tempo.
Da wir weder das Personal für die Einzelbetreuung nach der Narkose noch über ausreichend Platz für alle Hunde vor Ort haben, machten wir die Anwesenheit der Tierbesitzer vor und nach der Operation zur Bedingung.

Natürlich kamen auch diverse Zweifel von Seiten der Besitzer, vor allem was die Narkose anging, und natürlich machten sich auch Stimmen mit den üblichen Vorurteile der fetten, depressiven, inkontinenten Hündin breit.
Und dann kamen die Anmeldungen: vom 2kg leichten Chihuahua bis zur 63 kg schweren Doggendame war alles dabei. Insgesamt 35 Tiere sollten es werden, und mit großer Spannung erwarteten wir Melanies Ankunft!

Praktischerweise wohnt Cecilia direkt neben ihrem Tierheim und konnte Melanie bei sich zu Hause unterbringen. Als ich am ersten OP-Tag morgens eintrudelte, gab es bereits keinen Parkplatz mehr!
Aus dem sonst so ruhigen Tierheim bellte und hechelte es in jeder Ecke, Cecilia und Melanie waren bereits voll in Aktion, auf dem Boden erwachte gerade ein riesiger Rottweiler, während Melanie mit Nummer 2 zu Gange war - und das in einem schwindelerregenden Tempo.
Während sie aus einem winzigen Schnittchen von nicht einmal 2cm Länge das Gewünschte - Gebärmutter und Eierstöcke - zum Vorschein brachte, behielt sie zeitgleich die Narkose des Tieres mit ihrem dritte Auge genau im Blick! Hatte sie den Eindruck, dass ein Tier einen schwachen Kreislauf hatte, schalteten ihre Hände in den 5. Spezialgang hoch: auf uns wirkte das so, als wenn ein Film vorgespult wird!

Die Besitzer, denen wir im Nachbarraum Kaffee und Gebäck anboten, freuten sich mit jedem herausgeschleppten Hundebündel, die anfängliche Anspannung, die sicherlich auch mit leichten Mißtrauen gepaart war, wich mit jeder Stunde. Sobald das eigene Tier wohlbehalten zurückkam, veränderte sich der Gesichtsausdruck sichtlich: die Dankbarkeit war groß!
Viele erzählten, dass sie ihr Tier schon lange kastrieren lassen wollten, es aber schlichtweg nicht erschwinglich war. Einige der Besitzer waren körperlich behindert, krankgeschrieben oder hatten sehr kleine Pensionen - wenig Geld, aber viel Zeit für ihre Tiere, die ihnen ein Licht im Alltag sind.

Die Anwesenheit der Tierbesitzer ermöglichte eine deutlich ruhigere Atmosphäre als in mancher Tierklinik. Oft sind die Tiere vor der Operation allein in ihrem Käfig hochgradig gestresst, reagieren manchmal sogar aggressiv, wenn man sie wieder herausholen möchte.
Insbesondere die Aufwachphase war hier auffallend ruhig, so manches Herrchen und Frauchen legten sich schlicht auf den Fußboden neben ihren erwachenden Hund, und waren froh, dem Patienten Trost und Nähe geben zu können. Manch einer blieb fast den ganzen Tag und genoss sichtlich den Austausch mit anderen Tierbesitzern.

Eine Besitzerin erschien mit drei Hündinnen, zwei waren jung, die dritte allerdings schon zehn Jahre alt. Zusätzlich hatte sie ein leichtes Herzgeräusch, war aber sonst topfit. Wir sprachen über das Narkoserisiko versus dem Risiko einer Gebärmuttervereiterung. Die Wahrscheinlichkeit, dass eine ältere Hündin eine in der Fachsprache Pyometra genannte Gebärmuttervereiterung entwickelt, liegt bei ca. 25% (Egenvall A, Hagman R, Bonnett B et al. Breed risk of pyometra in insured dogs in Sweden. J Vet Intern Med 2001; 15 (6): 530–538). Die Besitzerin sprach sich dann doch für die OP aus. Ihr Mut wurde belohnt: die Hündin hatte bereits eine Gebärmuttervereiterung und zusätzlich auch noch einen Leistenbruch, den Melanie im Anschluß operierte.

Noch zweimal hatten wir so eine Überraschung bei älteren Hündinnen. Die Kastration bewahrte sie somit vor Schlimmerem, nämlich akut klinisch zu erkranken, wodurch das OP-Risiko und die Komplikationen nach dem Eingriff extrem steigen. Schließlich sterben immerhin 10% aller Hündinnen trotz intensivmedizinischer und chirurgischer Nachbehandlung an den Folgen einer Pyometra.

Nachdem alle Hunde operiert waren, kamen in Folge noch einige Katzen des Tierheims an die Reihe: Cecilia hatte kürzlich drei Katzenjungen übernommen, die ohne Augen geboren wurden, und die die Hobbyzüchterin “entsorgen“ lassen wollte. Eine Bekannte empfahl ihr jedoch, die erst vier Monate alten Jungen hier abzugeben.

Die Kleinen brauchten allerdings alle eine vollständige Entfernung des Augapfelrestes und der Tränendrüsen, da die leeren Augenhöhlen immer ein wenig tränten. So wurden insgesamt nochmal 6 Katzenaugenreste entfernt, sowie bei einem weiteren Tier ein Entropium des Augenlides durch eine Lidkorrektur behoben.

Es wurden zweieinhalb lange Tage für Melanie, die die eingeplante Mittagspause auf ein Minimum reduzierte, um allen gerecht zu werden.

Für mich war das Projekt ein äußerst spannendes Erlebnis. Eigentlich wollte ich schon seit langem die Arbeit des Tierärztepools vor Ort verfolgen, aber da ich durch meine drei kleinen Kinder nicht einfach nach Kreta oder Rhodos reisen kann, musste der Berg zum Propheten kommen!

Die Aktion war unter dem Strich absolut positiv: Wir konnten viele Besitzer aufklären, ich genoss den fachlichen Austausch und den Tieren bleibt eine zukünftige Erkrankung der Geschlechtsorgane erspart.

Und noch eine Sache erkannte ich als ich die „fleischgewordene Operationsmaschine“ zum Flughafen brachte, die mit einer sich anbahnenden Grippe am nächsten Tag zum nächsten Einsatz nach Griechenland fliegen würde, einzig und allein um das stille Leid der Tiere zu lindern: Manche Engel haben keine Flügel, sondern kommen einfach mit einem ganz normalen Flugzeug...


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