Schweden - Zweiter Einsatz in Norrtäljes 29.01.2019 Gedanken

Ein Bericht von:
Silvia Nabe
Tierärztin

Bereits der zweite Einsatz führt Dr. Melanie Stehle in ein schwedisches Tierheim. Ganz andere Schwerpunkte und Probleme erwarten sie hier, aber es ist der Tierschutzgedanke, der viele Menschen dazu bringt, zusammen für ein gemeinsames Ziel zu kämpfen.

Hier bedarf es eines echten Profis, der nicht beim Anblick einer adipösen (zu fetten) Bordeaux-Dogge den Mut verliert, kein Problem mit Injektionsnarkosen hat und keinen Nervenzusammenbruch bei eventuellen Komplikationen bekommt. Menschen wie Melanie, die wie am Fließband operieren können, findet man zu Kriegszeiten im Lazarett oder eben beim Tierärztepool. Wer erklärt sich sonst bereit, ohne Pausen stundenlang zu operieren, sich auf einer Stelle die Beine in den Bauch zu stehen, die verhornten Finger mit Tape umwickelt, das Hirn auf Hochspannung geschaltet?Silvia Nabe

Tupfer, Abdecktücher, Kanülen...
Während ich die Checkliste das xte Mal durchgehe, steigt die Vorfreude und Aufregung auf unseren besonderen VIP-Gast: Dr. Melanie Stehle vom Tierärztepool.
Bereits zum zweiten Mal konnten wir sie jetzt nach Schweden locken, um neben einigen dringenden Operationen an Katzen vor allem Hunde zu kastrieren: Tiere von Besitzern mit finanziellen Einschränkungen.
Die extrem hohen Tierarztkosten für eine Kastration einer gesunden Hündin, die nicht von der Versicherung übernommen werden, schrecken viele Hundehalter in Schweden ab, ihre Tiere kastrieren zu lassen.

Mangelnde Aufklärung von Seiten der Tierärzte über Vor- und Nachteile einer Kastration im Welpenalter tragen ebenso dazu bei. Das Thema scheint mit einem Tabu behaftet. Ob es daran liegt, dass sich an den bei unkastrierten weiblichen Tieren zuverlässig auftretenden Gebärmuttervereiterungen und Gesäugetumoren viel Geld verdienen lässt? Ganz zu schweigen von den vielen Ultraschalluntersuchungen, die notwendig werden, wenn eine Hündin Fieber oder Ausfluss hat?

Die Versicherungen zahlen zwar Vieles, doch ist die Selbstbeteiligung sehr hoch. Wer blickt schon als Laie wirklich durch, was sich wie rechnet? Viele Tierbesitzer wissen noch nicht einmal, dass die Versicherungen 10% Rabatt auf die monatliche Versicherungsprämie geben, sobald ihre Hündin kastriert wird.

Dennoch haben sich auch diesmal wieder viele Interessenten gefunden, die ihre Hunde zu einem bezahlbaren Preis kastrieren lassen wollen. Sie haben die Nase voll von Scheinschwangerschaften, Gesäugeentzündungen oder der Sorge vor unerwünschtem Nachwuchs. Endlich ist es soweit: Wieder einmal wird das Katzentierheim mit circa 80 Samtpfötchen in eine Hundeklinik verwandelt. Über 60 Operationen innerhalb von drei Tagen erwarten Melanie, eine Zahl, bei der die eher gemächlich arbeitenden schwedischen Kollegen in Ohnmacht fallen würden.

Hier bedarf es eines echten Profis, der nicht beim Anblick einer adipösen (zu fetten) Bordeaux-Dogge den Mut verliert, kein Problem mit Injektionsnarkosen hat und keinen Nervenzusammenbruch bei eventuellen Komplikationen bekommt. Menschen wie Melanie, die wie am Fließband operieren können, findet man zu Kriegszeiten im Lazarett oder eben beim Tierärztepool. Wer erklärt sich sonst bereit, ohne Pausen stundenlang zu operieren, sich auf einer Stelle die Beine in den Bauch zu stehen, die verhornten Finger mit Tape umwickelt, das Hirn auf Hochspannung geschaltet?

Für mich sind solche Menschen wahre Helden, sie sind Koryphäen auf ihrem Gebiet und dabei rein altruistisch in ihrem Handeln. Wieso finden sich solche Menschen nicht im Mittelpunkt der Presse, auf jeder Zeitschrift prangend und im Blitzlichtgewitter? Wie schön wäre es, wenn es mehr Rummel um karitative Zwecke gäbe und nicht um die vielen Selbstinszenierer, Influencer, Stars und Sternchen... Solche Menschen, die ungeachtet von Uhrzeit, persönlicher Stimmungslage oder persönlicher Bereicherung bereit sind, Hilfe zu leisten, ohne auch nur ein Dankeschön zu erwarten, verdienen in meinen Augen jeden Oskar, Stern, roten Teppich und Blitzlichtgewitter. Und jetzt soll ein solcher Star hier gleich landen! Ich rolle gedanklich den roten Teppich für sie aus, während ich am Flughafen warte, um sie abzuholen.

Kaum sind wir in Norrtälje angekommen, werden die Koffer im Tierheim ausgepackt und alles vorbereitet, denn schon am Anreisetag baten wir Melanie telefonisch darum, noch abends mit zwei Hündinnen anzufangen, um ein bisschen Arbeit vorwegzunehmen. Am nächsten Tag sollte es dann so richtig losgehen: Zahlreich erschienen die Hundebesitzer mit sehr sauberen und wohlriechenden Hunden. Cecilia, die Leiterin des Katzenheimes, hatte alle Besitzer instruiert, die OP-Kandidaten am Vortag zu waschen, und ihre vertrauten Körbchen und Decken sowie viel Zeit mitzubringen. Im Gegenzug wurden alle mit herrlichen selbstgebackenen Apfelkuchen und Kaffee bewirtet, den Cecilias Mutter gebacken hatte, um die Stimmung hochzuhalten.

Und dann ging es Schlag auf Schlag: Kaum näherte sich ein Vierbeiner dem Tierheim, wurde er voruntersucht, sediert, in Narkose gelegt und für die OP vorbereitet. Eine knappe halbe Stunde später wurde er aus dem OP-Raum herausgebracht und den Besitzern übergeben um unter deren Aufsicht aufzuwachen.

Manch einer war sehr neugierig und bat Melanie bei der OP zuschauen zu dürfen. Auch das wurde ermöglicht, und selbst als Laie konnte man verstehen, wie außergewöhnlich schnell und schonend die Tiere kastriert wurden. Riesenrassen standen diesmal auf dem Programm, allein vier Hündinnen mit einem Gewicht von über 50 kg, im Gegensatz dazu aber auch einige Zwerge mit knapp 2kg, sowie reichlich brachycephale Rassen und kryptorchide Rüden aus verkorksten Züchtungen.

Als brachycephal werden Hunde bezeichnet, die eine angezüchtete sehr kurze Schnauze haben, wie beispielsweise Möpse oder Bulldoggen. Diese Qualzucht bringt enorme Atembeschwerden und ein stark erhöhtes Narkoserisiko mit sich – und dies nur, um den Menschen mit einem dem Kindchenschema entsprechenden Äusseren optisch zu gefallen...

Erfreulicherweise befanden sich zwischen den Problemhunden auch vier anatomisch unauffällige Mischlinge aus Griechenland, Zypern und Rumänien sowie ein Husky aus Thailand, der jetzt zum Glück in einer für ihn angemesseneren Klimazone leben darf. Die Tatsache, dass die Besitzer unmittelbar nach der OP an der Seite ihrer Hunde waren, schuf eine ruhige Atmosphäre - wie viel glücklicher sind doch die Hunde, wenn sie die ihnen vertraute Person um sich wissen - im Gegensatz zu jenen, die in einer Klinik operiert werden und in einer ihnen unbekannten Umgebung erwachen.

Nach den ersten beiden erfolgreichen Tagen stellte sich leichte Euphorie über den reibungslosen Ablauf ein. Am Samstag, Melanies letztem Arbeitstag, lief auch zunächst alles rund, die Stimmung war super, das Tempo perfekt. Doch dann bahnte sich das Unglück in Form von zwei winzigen Chihuahua-Rüden an. Rüde Nummer Eins brauchte bereits drei Versuche, um einen Venenzugang in sein streichholzdünnes Beinchen zu legen. Das kostete Zeit und Nerven!

Einigermaßen angespannt begann ich eine halbe Stunde später seinen Kumpanen zu vorzubereiten. Nichts! Beide Vorderbeine waren extrem schlecht katheterisierbar, es brauchte fünf Versuche, um endlich den Zugang am Hinterbein zu legen. Endlich lag auch er auf dem OP Tisch, sein bandagiertes Beinchen mit dem im Notfall lebenswichtige Zugang dick verklebt...

Nun gut, Zeit für die nächste Kandidatin, Doris, eine weiss-schwarz gefleckte englische Bulldogge, laut Besitzer ein „sportlicher Typ“. Zuversichtlich packte ich mir ihr säulenartiges Vorderbein und begann nach der Vene zu suchen...
Keine Vene war zu sehen, also erst mal ein Blindversuch dort, wo das Gefäß rein anatomisch liegen müsste. Beim zweiten Versuch kam dann auch Blut, wie schön, gleich mit Kochsalzlösung spülen – Mist, Gefäß schwillt an! Nun gut, dann eben das andere Bein, schön weit unten anfangen. Die Haut erinnerte an einen Büffel, die Venen waren im Nirgendwo verschwunden.
Ich spürte leichte Panik aufkommen und rief nach Melanie, die eine Operation an einem Chihuahua soeben beendet hatte. Und dann begann die Odyssee: Im OP Raum versuchten wir verzweifelt, einen Zugang zur Vene zu finden. Der ohnehin schon sehr geringe Sauerstoffgehalt im fensterlosen OP Raum sank, die Verzweiflung stieg weiter. Nach endlosen Minuten und Versuchen sahen wir es ein: Es ging nicht! Ohne Venenzugang ist keine sichere Operation möglich. Ein Novum für alle.

Doris Besitzer reagierte sehr verständnisvoll und wollte gleich wissen, wann wir es denn wieder versuchen könnten… Doris durfte ihre Sedierung beim Herrchen ausschlafen und unversehrter Dinge nach Hause spazieren.
Ich begann währenddessen mit unserem letzten Kandidaten, einem Golden-Retriever Rüden. Hier war ja wohl wirklich keine Überraschung zu erwarten – dachte ich, bis ich mich an die Arbeit machte, und sehr schnell aufgab... „Ein Vorderbein reserviere ich für Melanie“, dachte ich noch, nichts ist demotivierender als gleich an den sehr viel schwierigeren Hinterbeinen einen Zugang zu legen.
Der Goldie verschwand im OP, wo es die besten Lichtverhältnisse gab. Cecilia und Melanie bemühten sich um ihn. Während ich Schmerzmittelrezepte verschrieb, lauschte ich, wann denn die Schermaschine endlich rattern würde, ein Zeichen, dass der Hund in Narkose liegt und für die OP vorbereitet wird. Es blieb still, sehr lange still. Nach 20 weiteren, endlosen Minuten lag der Zugang dick festgeklebt am Hinterbein. Die letzte OP verlief sonst gut, es gab keine weiteren Vorkommnisse.

Warum ich so ausführlich darüber berichte? Um einen Eindruck zu hinterlassen, wie nervenaufreibend alleine die Vorbereitung sein kann, wie viele Tücken und Teufelchen es im Detail zu umschiffen gilt, um an das Ziel zu gelangen. Für viele Tierbesitzer ist oft nicht nachvollziehbar, wie viel Mühe dahinter steckt, wenn sie den erleichternden Satz hören: „Alles ist gut verlaufen“!
Doch, wie Melanie mir weise auf den Weg mitgab: „Am Ende wird alles gut. Wenn es nicht gut wird, ist es noch nicht zu Ende“ (Oscar Wilde). An diesen Satz muss ich nun häufig denken, wenn Geduld gefragt wird, wenn Stress aufkommt, wenn Lösungen fehlen. Weitermachen, nicht aufgeben, Kopf hoch halten!
In diesem Sinne bedanke ich mich nochmal beim Tierärztepool für das Ausleihen einer ihrer Heldinnen!
Ihre Silvia Nabe


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