Sixpack ohne Training 05.05.2015 Tierschicksal

Ein Bericht von:
Ines Leeuw
Tierärztin

Hektik war angesagt. Es war der letzte Tag vor dem Abflug nach Deutschland.
Wir arbeiteten in der Klinik in Rethymnon und hatten noch einiges zu tun. Die Schlange der draußen auf die Kastration wartenden Tiere wollte einfach nicht kleiner werden. Außerdem mussten wir noch die Hunde für den morgigen Flug abholen und vorbereiten. Die Koffer waren ungepackt und unsere Stationstiere warteten zuhause auf ihre Abendbehandlungen. Die stumpfen Scherköpfe wollte ich noch zusammensuchen und mit nach Deutschland nehmen, die frischen Blutproben zu Untersuchungszwecken zentrifugieren und die letzten Anweisungen für meine Vertretung aufschreiben.

Nach der Arbeit in der Klinik in Rethymnon fuhren meine Kollegin Dr. Marga Keyl, unsere Pflegehunde Labradorre, Shoshoni, Salto und ich in aller Eile zu Freida, einer Pflegestelle auf Kreta, um meine Hunde abzuholen, die morgen mit mir nach Deutschland reisen wollten. Die Hunde waren noch nicht ganz abreisebereit. Das Wetter dafür umso einladender und schön wie seit langem nicht mehr und so nutzten wir die Gelegenheit, unseren eigenen Pflegehunden noch kurz einen Spaziergang in traumhafter Umgebung zu gönnen.

Als wir in die Nähe einer kleinen Kapelle kamen, liefen schreiend vier Katzenkinder auf uns zu. Angstfrei stürmten die Zwerge aus der Hecke. Wir schauten uns um. Weit und breit nichts, außer Hecke. Keine Katzenmama, kein Mensch. Nichts, außer vier offensichtlich hungrigen Zwergen. Marga musste sie in Rekordzeit einsammeln, da unser dicker Pflegehund Labradorre Katzen zum Fressen gern hat. Auf die Schnelle wurde aus Margas Jacke ein Katzenkorb gebastelt.
Als wir noch darüber diskutierten, ob die leibliche Mutter die Zwerge hierher gebracht haben könnte (denn Hoffnung stirbt ja bekanntlich zuletzt), hörten wir ein weiteres Katzenbaby lauthals seine Einsamkeit kundtun. Zirka 20 Meter weiter saß das Wurfgeschwisterchen in dieser mindestens eineinhalb Meter hohen Hecke. Marga sorgte geschwind für die Familienzusammenführung und sah dabei aus wie eine Pilzsammlerin.

Vor drei Tagen, als wir zuletzt hier waren, gab es die kleine Katzenfamilie jedenfalls nicht. Es war also offensichtlich, dass die Wollknäuel von Menschenhand an diesen eigentlich schönen Flecken Erde gebracht worden waren. Frustriert, dass die Bevölkerung immer noch so auf den ungewollten Nachwuchs reagiert, setzten wir unseren Spaziergang fort. Nach weiteren fünfzig Metern wurden wir erneut überfallen. Katzenkind Nummer sechs fand den Weg in Margas Katzenpilzkorb in Jackenform.
Die Unbesonnenheit und Furchtlosigkeit der kleinen, nicht mal 4 Wochen alten Katzenbabys hätte sie mit Sicherheit das Leben gekostet, wenn andere Zeitgenossen oder gefräßige Vierbeiner hier vorbeigekommen wären. Zudem waren sie noch zu klein, um sich selbst um Nahrung zu kümmern. Und ein Hungertod ist auch nicht die angenehmste Art zu sterben. Wir waren sprachlos und hingen vielen wirren Gedanken nach. Warum immer und immer wieder? Warum war die Katzenmutter nicht zu uns in die Klinik gebracht worden? Waren wir trotz vollgepackter 12-Stunden Tage immer noch zu langsam? Dabei geben wir jeden Tag Vollgas, um genau das hier Miauende in unserem Jackenkorb zu verhindern. Es gibt einfach keinen effektiveren Weg, den ungewollten Nachwuchs zu verhindern, als die KASTRATION!!! Warum kann man nicht diesen Schritt gehen, anstatt unschuldige Geschöpfe sich ihrer Selbst zu überlassen? Da macht es auch keinen Unterschied, die Babys in der Nähe einer Kapelle auszusetzen. Die Gefahr, der Hunger und der Durst sind in Gottesnähe nicht weniger als an anderer Stelle.

Immer wieder fragen wir uns, was in solchen Menschen vor sich geht? Wie abgebrüht und gefühllos und verantwortungslos muss man sein? Ostern steht vor der Tür und in den griechischen Dörfern wird aufgeräumt - dazu gehört offensichtlich auch das Aussetzen von Tieren. Das größte und heiligste Fest in der griechischen Kirche wird beschmutzt durch die Scheinheiligkeit vieler Menschen, die offensichtlich den Kirchgang einmal im Jahr mit Nächstenliebe verwechseln. Wir waren jedenfalls nicht wirklich begeistert, Zuwachs in sechsfacher Form zu bekommen. Obwohl die Bande schon recht süß anzuschauen war... Doch sobald ungewollte Lebewesen den Weg in unsere Hände finden, übernehmen wir die Verantwortung. Gestern, heute und morgen. Uns interessiert keine Farbe, kein Geschlecht, kein Alter. Wir sind gebunden an unseren Eid. Jeder hat eine Chance verdient.

So wurden die sechs kleinen Geister in Margas Kapuze zu unserem Auto getragen. Freida, die inzwischen die Hunde vorbereitet hatte, erzählte uns, dass die Kapelle ein beliebter Ort für das Aussetzen von Tieren zu sein scheint. Bisher hatte sie schon über 20 Welpen von dort aufgenommen.
Unsere Glaubensfrage ist eher in Richtung Wissenschaft ausgerichtet, aber in solchen Katzenbaby-Momenten, die ausgerechnet uns ständig über den Weg laufen, wandern die Gedanken doch schon mal zu der Frage, ob es eine höhere Macht gibt, die uns leitet.
"Blödsinn", resümieren wir auf der Heimfahrt. "Lass es uns sportlich nehmen", boxt Marga mich in die Seite. Wer schafft es schon außer uns, innerhalb von wenigen Minuten ein wunderschönes Sixpack zu bekommen? Ganz ohne Bauchtraining!

Ein Glück für unsere Sechs, schlaflose Nächte für uns. Ganz ohne Training geht es eben doch nicht...

Und auf Sie, liebe Leser können wir bei unserem "Sport" auch nicht verzichten. Als erstes benötigen wir natürlich wieder einmal Spenden, damit unser Verein überhaupt diese Hilfe leisten kann, aber wenn unsere Zwerge das richtige Alter erreicht haben, geimpft und für die Ausreise fertig gemacht sind, ja dann brauchen wir Menschen, die unsere begonnene ?erste Hilfe? die nächsten 10- 15 Jahre fortsetzen!
Ihre Dr. Marga Keyl und Ines Leeuw


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