Tanya 24.08.2016 Gedanken

Ein Bericht von:
Tanya Kyoseva
Tierärztin

Tanya Kyoseva ist in Bulgarien aufgewachsen und hat in München Tiermedizin studiert. Nach ihrer Bewerbung beim Tierärztepool trafen sich Dr. Melanie Stehle und Thomas Busch zu einem Vorstellungsgespräch mit der Kollegin in München. Daraufhin fand der erste "Kennenlern-Einsatz" Anfang August auf Kreta statt.
Tanya Kyoseva wird ab Oktober 2016 mit ihrer Einarbeitung beim Tierärztepool beginnen.

Kreta 01.08. - 10.08.2016

Der erste Arbeitstag fand in Chania statt. Wir operierten in der Tierarztpraxis eines jungen Tierarztes. Auf den ersten Blick sah die Praxis aus wie ein Geschäft für Tierbedarf. Viel Futter und Tierzubehör. Das erinnerte mich an den Spruch eines guten Freundes, auch Tierarzt: "In den süd- und osteuropäischen Ländern finanziert sich die Tiermedizin leider hauptsächlich durch Verkauf und nicht durch Dienstleistungen."

Mir erscheint, als gäbe es nur sehr wenige Tierärzte, die chirurgisch wirklich etwas können. Woher soll man es auch lernen, entlassen die Universitäten doch überwiegend akademische Theoretiker. Selbst wenn die Kastrationen, die die Tierärzte des Tierärztepools ausführen, einfach aussehen, werden die meisten griechischen Kollegen da nicht mithalten können und auch für viele deutsche Kollegen ist das Tempo und die Souveränität, mit der der Tierärztepool arbeitet, nicht vorstellbar.
Mich würde aber auch folgende Frage interessieren: Selbst wenn die Mehrheit der Tierärzte das chirurgische Können hätte, wäre sie dann bereit, etwas an der schrecklichen Lage auf den Straßen Griechenlands zu ändern oder würde sie nur ihre eigene Tasche durch private Operationen etc. füllen?

Diese sieben Tage auf Kreta haben mir eine neue Welt gezeigt, mich zugleich aber auch an eine alte erinnert, denn in so einer ähnlichen Welt bin ich aufgewachsen. In einer Welt, in der man unerwünschte Katzenbabys in einen Sack packt und sie in einem Fluss ertränkt und in der man erwachsene Hunde in den Müllcontainer schmeißt, aus dem sie nicht mehr herauskommen. Ich verstehe diese Welt nicht und ich möchte sie auch nicht verstehen. Ich möchte einfach nur das tun, was in meiner Macht steht um dieses Leiden zu verhindern, selbst wenn es nur ein kleiner Teil ist.Tanya Kyoseva

Ich fange meinen Bericht mit diesem Thema an, weil der Kern der Straßentier- Problematik auf Kreta, in ganz Griechenland und in den meisten osteuropäischen Ländern, meiner Meinung nach, die Menschen sind. Diese gleichgültigen, empathielosen Menschen, die kleine Welpen in die Mülltonne schmeißen, diese Menschen, die kleine Katzen anfahren ohne sich auch nur einen Moment darum zu kümmern, diese Menschen, die den EIGENEN Hund, mit dem sie gerade noch geschmust haben, einfach auf der Hauptstraße liegen lassen, nachdem er überfahren wurde. Ich habe es selbst gesehen und den toten Körper an den Straßenrand getragen. Die Besitzerin hatte sich schon umgedreht und war gegangen. Ist das der Schock, die Angst oder der Gedanke: "Ich kann eh nix mehr machen, da wird sich schon einer drum kümmern." Ich weiß es nicht, aber selbst jetzt, wo ich diesen Bericht schreibe, habe ich Tränen in den Augen. Ich bin wütend und traurig. Traurig über diese Gleichgültigkeit. Wütend auf die Unmenschlichkeit. Ich kann es nicht verstehen. Ich sehe nur die vielen Tiere leiden - viieeel zu viel Leid und Schmerz.

Wenn man den Slogan des Fördervereins Arche Noah Kreta e.V. / Tierärztepool "Kastrationen um Leben zu retten" liest, versteht man ihn vielleicht nicht gleich.
Wie kann ich Leben retten, indem ich Tiere kastriere? Nun, das beste Beispiel dafür war eine junge Katze, die hochträchtig war. Abgemagert, hungrig und wild. Es war nicht so einfach sie zu fangen...
Wir haben spekuliert, wie viele Babys sie haben könnte. Drei, vier, fünf? Nein es waren acht Babys, acht Stück!! Diese abgemagerte Katze hätte es vielleicht irgendwie geschafft. Vielleicht auch nicht und ob alle Babys überlebt hätten, ist auch sehr fragwürdig. Und in diesem Moment ist mir ganz klar geworden, woher meine Kollegen ihre Kraft nehmen bis spät in die Nacht zu arbeiten. Mit so einer Aktion verhindert man neunfaches Leid! Und dafür lohnt es sich definitiv bis spät in die Nacht zu arbeiten. Tag für Tag!

Es ist nicht einfach meine Gefühle, die ich bei manchen Anblicken verspürt habe, in diesem Text auszudrücken. Wenn mein Helferinstinkt in mir schreit, ich aber auch ganz genau weiß, dass ich nur bis zu einer gewissen Grenze helfen kann. Diese Grenze hat der Tierärztepool verschwinden lassen. Vor meiner Reise war es für mich beeindruckend, die Berichte zu lesen, aber selber zu sehen, in welch aufopferungsvoller Art und Weise dieses Team hier arbeitet, ist nahezu unglaublich.
Im New Life Resort war ein junger schwarzer Hund, groß und hübsch, athletisch und lebensfroh. Und querschnittsgelähmt. Er heißt Phillipos. Es ist nicht einfach in so einem Fall rational zu denken.

Man muss einen Spagat zwischen Rationalität und Zuneigung schaffen.

Meine Kolleginnen können das. Aber sie machen das mit so viel Liebe, Ruhe und Verständnis, dass ich einfach nur begeistert bin. Ich selbst konnte das nicht und fühle einen entsetzlich großen Kloß in meinem Hals, weil ich weiß, dass Phillipos gehen wird. Aber ich werde mich dieser Aufgabe stellen, denn ich möchte helfen. So oder so!

Diese sieben Tage auf Kreta haben mir eine neue Welt gezeigt, mich zugleich aber auch an eine alte erinnert, denn in so einer ähnlichen Welt bin ich aufgewachsen. In einer Welt, in der man unerwünschte Katzenbabys in einen Sack packt und sie in einem Fluss ertränkt und in der man erwachsene Hunde in den Müllcontainer schmeißt, aus dem sie nicht mehr herauskommen. Ich verstehe diese Welt nicht und ich möchte sie auch nicht verstehen. Ich möchte einfach nur das tun, was in meiner Macht steht um dieses Leiden zu verhindern, selbst wenn es nur ein kleiner Teil ist.

Für mich waren diese sieben Arbeitstage auf Kreta eine schöne, schmerzhafte und lehrreiche Erfahrung. Es ist schön, das Gefühl zu haben, endlich unter Menschen zu sein, die genauso fühlen und empfinden und die Welt so sehen wie ich. Ich danke Euch allen für diese Zeit und es ist eine Ehre für mich, ein Teil dieser großartigen Sache sein zu dürfen!
Eure Tanya


mehr Tierschutzgeschichten

unsere Einsatzberichte

Spenden
Ein Bericht von:
Tanya Kyoseva
Tierärztin


Spenden

  • Spendenkonto
    Kontoinhaber:
    Förderverein Arche Noah Kreta e. V. / Tierärztepool
    Institut: Commerzbank Lübeck
    IBAN: DE02 2304 0022 0020 9239 00
    BIC: COBADEFFXXX
  • Paypal
  • Paypal-Account: paypal@archenoah-kreta.com

Weitere Geschichten

Lilli - der Hund

Touristen melden in der Hochsaison im Stundentakt Tiere, die sie gefunden haben und denen sie helfen möchten. Vielen Menschen müssen wir leider sagen, dass wir aus unterschiedlichen Gründen nicht viel tun können. Erst recht, wenn es ...


mehr lesen

Ihre Stimme

Zwei Welten treffen aufeinander. Auf der einen Seite Lilli Hollunder, Schauspielerin, glamourös, populär, attraktiv, lustig, sexy und original das, was man aus den Medien wahrnehmen kann. Auf der anderen Seite der Tierärztepool. Genau ...


mehr lesen