Wahre Schönheit kommt von innen 07.02.2015 Tierschicksal

Ein Bericht von:
Dr. Melanie Stehle
Tierärztin

Lesen sie hier die Vorgeschichte von Prometheas

Dr. Melanie Stehle erzählt:
Wenn das Schicksal anders entschieden hätte, würden die Leute auf der Straße heute wahrscheinlich sagen: "Mann, was ist das für ein hübscher Kerl! Hat der schöne Augen." Nun aber drehen sich die meisten Menschen weg oder sprechen mich an und fragen: "Was ist dem denn zugestoßen?"

Ich bin dann dem Moment so nah, als wäre es vor fünf Minuten gewesen. Als hätte man Prometheas gerade eben erst in den Raum getragen, in dem meine Kollegin Antonia und ich, gemeinsam mit ganz vielen Helfern, seit Tagen in Nordgriechenland - Xanthi - eine Kastrationskampagne leite. Ich sehe ihn vor mir, höre die unglaubliche Geschichte, bin erschüttert. Säure oder etwas ähnlich Grausames hat man ihm über den Körper geschüttet. Ohren und Schwanz wurden abgeschnitten. Vor uns ein Klumpen Kruste, der nicht sterben will. Ich habe eine Hündin in Narkose auf meinem OP-Tisch, die von mir operiert werden muss. So lausche ich den Worten der Helfer und des griechischen Kollegen. Fetzen wie "einschläfern" oder "leben lassen" dringen an mein Ohr. Klare Gedanken kann ich nicht finden. Immer wieder hämmert es durch meinen Kopf: "welcher Mensch ist zu so etwas fähig?"

Dann bin ich mit der OP fertig und Prometheas ist nicht mehr da. Ein Kollege aus Xanthi wird ihn bei sich aufnehmen und behandeln. Die Bilder von diesem armen Kerl aber bleiben. Sie haben sich ähnlich bei mir eingebrannt, wie die Säure auf seiner Haut. Aber nicht nur bei mir ist dieser Schrecken hängengeblieben. 163.000 Mal wird seine Geschichte bei Facebook weitergereicht. Prometheas wird in diesen Tagen ein Held. Ein trauriger Held!

Wir arbeiten ohne Pause. Prometheas sehe ich in diesen Tagen nicht wieder. Aber Fotos werden rumgereicht und zeigen, dass die Krusten von unserem netten Kollegen bereits in Narkose abgelöst wurden, damit Prometheas überhaupt erst einmal Wasser und später auch Futter zu sich nehmen könnte. Ob er sein Augenlicht behalten wird oder ob die Augen überhaupt zu retten sind, weiß zu diesem Zeitpunkt noch niemand.

Wochen später stehe ich in München am Flughafen. Unser tragischer Held wurde von Sofia Becic, die das Projekt in Xanthi ins Leben gerufen hat, persönlich von dort abgeholt. Zwar ereigneten sich in diesen Tagen mal wieder Ausreisetragödien an griechischen Flughäfen, wer aber Sofia kennt, weiß, dass dies für sie kein Hinderungsgrund ist. Sie hat sein Leben gerettet und niemand wird daran etwas ändern. Auch nicht der deutsche Zöllner der meint: "Ein Hund in solch einem Zustand sollte doch besser nicht reisen." "Halte Du Deine Gesetze fest und lass uns unsere Arbeit machen", denken die meisten von uns im Kollektiv, während ich meinen alten (neuen) Patienten in den Arm nehme. Ab jetzt kümmere ich mich um das, was noch zu tun ist.

Schon in dieser Nacht schleicht Prometheas nicht nur in mein Schlafzimmer, sondern endgültig in mein Herz. Auch wenn ich mich in Griechenland nicht richtig um ihn kümmern konnte, so blieb er mir trotz der großen Entfernung von mindestens zweitausend Kilometern ganz nah. Und auch in den nächsten Tagen entzückt dieser Hund mich rundum. Er hat keinen seelischen Schaden zurückbehalten. Er geht verspielt und zärtlich mit meinem Sohn um, geht ohne Leine mit mir spazieren und tobt über unseren Hof, als würde er hier schon ewig wohnen. Den Termin bei einem Kollegen, der sich auf Augen spezialisiert hat, nimmt Prometheas so dermaßen gelassen hin, als wären die beiden alte Freunde. Sein, noch mit einem großen Defekt belasteten, rechtes Auge, und den Vernarbungen der Bindehaut auf dem linken Auge, werden wir kommenden Donnerstag auf den Pelz rücken.

Eben dieser ist an den Vordergliedmaßen noch ein bisschen mottenartig, aber das wird auch so bleiben. Narben von unten nach oben sollen ruhig jeden daran erinnern, zu was die Krönung der Schöpfung so alles im Stande ist. Ich werde auf jeden Fall nicht müde werden, seine Geschichte zu erzählen, wenn ich angesprochen werde. Aber auch wenn ich nicht angesprochen werde! Nun möchte ich zum Schluss nicht sentimental klingen und weiß, dass all diese Gedanken Unfug sind, aber irgendwie ist mir in Prometheas der Hund ganz nah, den wir in Xanthi "Großvater" tauften und der an unserem letzten Arbeitstag für immer die Augen schloss. In ihm sah ich einen Schutzengel und genau dieser wurde nun in der Gestalt eines wunderschönen, pechschwarzen Hundes zu uns geschickt. Alle die aufgrund seiner Fotos anderer Meinung sind, hatten nie die Gelegenheit, in sein reines Innere zu schauen. Ich werde alles in meiner Kraft stehende tun und die letzten Hürden gemeinsam mit Prometheas nehmen. Und dann suchen wir eine neue Familie für ihn. Die beste auf der ganzen Welt!

"Großvater" war einer von drei 14jährigen Straßenhunden, die seit vielen Jahren als Dreiergespann durch die Innenstadt von Xanthi zogen. Jeder kannte sie, wie sie mit ihren Seniorengesichtern durch die Straßen wackelten. Auch wir begegneten ihnen und mussten schmunzeln. Doch "Großvater" machte der Kälteeinbruch zu schaffen - man fand ihn eines Tages geschwächt auf der Straße auf. Der Krisenrat beschloss, dass er die letzten Tage seines Lebens in Wärme und Geborgenheit auf einer kuscheligen Decke in der Praxis verbringen sollte. Wir hatten ihn einige Tage bei uns und Alexia, eine griechische Helferin, umsorgte ihn liebevoll. Ich frage mich, wie viele gute und schlechte Erlebnisse "Großvater" und seine zwei Freunde in ihrem Hundeleben wohl schon wiederfahren sind. Wie viel Leid sie beobachten mussten, wenn ihre Freunde Giftköder fraßen und jämmerlich daran starben. Oder sie an Krankheiten litten, ohne dass sich jemand ihrer angenommen hatte. Wie viel Intelligenz und Wahrnehmung gestehen wir unseren Hunden zu? Sah Großvater, dass wir hunderten seiner Freunde und Verwandten halfen und wir ihnen eine bessere, sichere Zukunft geben wollten? Wir wissen es nicht. Er schloss während des letzten Operationspatienten für immer seine Augen - wie ein Schutzengel, dessen Dienste nicht mehr gebraucht wurden.
Ihre Dr. Melanie Stehle

Prometheas ist ein wundervolles Beispiel für eine gelungene Zusammenarbeit. Zuerst kümmerte sich Sofia Becic von "Griechische Fellnasen e.V." in Zusammenarbeit mit einem griechischen Kollegen, Dr. George Angelopoulos - bei dem wir uns an dieser Stelle auch herzlich bedanken möchten - um seine Genesung. Seit Sonntag übernimmt Dr. Melanie Stehle seine weitere Behandlung und wird versuchen, mit einem Augenspezialisten aus München, Dr. Jens Fritsche, sein Augenlicht zu retten. Falls Sie, liebe Leser, den Wunsch verspüren, uns, Prometheas oder den unendlich vielen anderen Hunden und Katzen in Xanthi zu helfen, ist es egal, auf welches Konto Sie spenden. Alles kommt hundertprozentig da an, wo Sie und wir es uns wünschen. Schreiben Sie bei Spenden an den Förderverein Arche Noah Kreta e.V. aber bitte das Kennwort "Xanthi" auf Ihre Überweisung.


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