Wir glätten den Weg. 05.11.2017 Gedanken

Ein Bericht von:
Thomas Busch
Tierarzt und Vorstand

Die Tierschützer von Chania warten aufgeregt im Foyer des Rathauses der Stadt im Westen der Insel. Fast alle sind gekommen. Die Nervosität ist spürbar und die Gesichter sind ernst. Wir treten dem Kreis der Wartenden bei und lassen uns erklären, was in den nächsten Stunden passieren wird.

Fragmente von Informationen trudelten in den letzten Tagen an unser Ohr, aber aufgrund von sprachlichen Barrieren und eines Themas, welches ein medizinisches und juristisches Wissen verlangt, hörten wir nur Halbwahrheiten, Vermutungen, Spekulationen über die zukünftigen Kastrationsaktionen. Fakt ist, dass die Verantwortlichen der Gemeinde die letzte Kastrationsaktion im Oktober in Chania absagt hatten. Weshalb bleibt uns bis zum Schluss unklar. Ein Veto der Veterinärbehörde soll es bewirkt haben.

Bei der gleich stattfindenden Gemeinderatssitzung wird nun über den Punkt "Kastrationsaktionen" verhandelt werden. Wir haben die Nummer 17. Aktuell wird der 2. Fall behandelt. Die Zeit verbringen wir mit unserer Dolmetscherin in einem Bistro um die Ecke. Nach ewigem Warten betreten wir den Gemeindesaal. Zuschauer können in den hinteren Reihen Platz nehmen, die Ratsdamen und -herren sitzen in einem großen Rechteck um eine leere Fläche herum. Am Kopf der Bürgermeister und der Ratspräsident. Wir verstehen so gut wie nichts, aber kaum setzt die Dolmetscherin an, um uns die Bräuche und Umgangsformen zu erklären, erklingt Jubel und Applaus. Die kommenden Kastrationsaktionen sind wieder genehmigt.

So schnell geht das? Wir hatten uns auf anstrengende Diskussionen eingestellt. Auf anstrengende und lange Diskussionen! Jetzt sprechen einzelne Gemeindemitglieder. "Man sollte den ehrenamtlichen Tierärzten und Helfern danken", sagt eine ältere Dame. Ein Herr in ähnlichem Alter ergänzt: "Wir (die Gemeinde) sollten endlich aufhören zu reden, sondern endlich handeln!" Wieder ein anderen Mann spricht von dem Erkennen, dass Tiere gleiches fühlen wie wir Menschen und er fordert einen humanen Umgang mit den Straßentieren. Um uns herum nicken die Tierschützer. Ihre Mienen haben sich aufgehellt. Sie erscheinen extrem glücklich. Ganz im Gegenteil zu letzter Woche. Da flossen sogar Tränen, als wir wegen der Absage unsere Kisten packten und nicht ein einziges Tier kastrieren durften. Es war uns untersagt worden.

Ich schreibe ihnen diese Zeilen, weil ich es wichtig finde zu zeigen, welche Prozesse und Bemühungen im Hintergrund der Kastrationsaktionen laufen. Immer wieder gibt es Komplikationen, da ein Kompromiss gefunden werden muss zwischen den Gesetzen (die meiner Meinung nach zu einem Teil Auflagen verlangen, die praxisfern sind. Zum Beispiel Leishmaniose-Tests oder das Chippen der Straßentiere als alleinige Kennzeichnung), den Gemeinden und der Tierärzteschaft. Ich möchte betonen, dass ich beide Seiten verstehen kann, dass ich auch bereit bin, auf alle Seiten einzugehen. Ich verlange aber, dass bei allen Kompromissen das Tierwohl an erster Stelle steht und nicht die gefüllten Kassen derer, die meinen, sich daran bereichern zu können. Selbstverständlich obliegt die Verantwortung der Straßentiere der Gemeinde und selbstverständlich sollen die ortsansässigen Tierärzte für ihre Arbeit entlohnt werden. Es muss aber auch klar sein, dass in einer Zeit der Krise, in der Menschen in absoluter Armut leben und die Gemeindetöpfe selbst für humane Aufgaben leer sind, ein Tierschutzverein, der seine Dienst komplett kostenlos anbietet - ja sogar Bereitschaft signalisiert, die lokalen Tierärzte mit ins Boot zu holen - an seiner wertvollen und nachhaltigen Arbeit nicht gehindert werden sollte. Alle Gemeindemitglieder stehen bei dieser Sitzung hinter dieser Ansicht. Auch der Bürgermeister, der die Sitzung nach unserem Fall wegen eines anderen Termins verlassen musste, lässt es sich nicht nehmen, Dr. Melanie Stehle und mir die Hand zu reichen und sich für unser Engagement zu bedanken.

Niemand von uns möchte Probleme kreieren. Wir arbeiten lösungsorientiert und sind sicher, dass wir mit einer zur Zusammenarbeit bereiten Tierärzteschaft ein gutes Verhältnis aufbauen können. Viele einheimische Kollegen, mit denen wir bereits gemeinsame Kastrationsaktionen, nicht nur auf Kreta, durchführten, sind dieser Meinung. Ich freue mich auf die kommende Kastrationsaktion nächste Woche in Chania und wünsche Nina Schöllhorn und allen Tierschützern gutes Gelingen. Vielen Dank, dass Ihr heute alle gekommen seid.
Thomas Busch

P.S.: Nina, es kann sein, dass Du während der Aktion erneut von der Tierärztekammer besucht wirst und sie versuchen werden, irgendein Haar in der Suppe zu finden. Lass Dich aber nicht unterkriegen, die gesamte Gemeinde steht hinter dir. Und hunderte Tierfreunde. Unser Verein sowieso. Die Steine, die sie dir eventuell in den Weg legen, sind Steinchen. Erinnere Dich, was wir bisher schon alles durchlebt haben. Wenn nicht du, wer dann? Gehe nicht, wohin der Weg führen mag. Sondern dorthin, wo kein Weg ist und hinterlasse eine Spur...


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