Von Tieren und Menschen - Rumänien Oktober 2019

Ein Bericht von Violeta Dueñas Loza, Tierärztin und Gregor Uhl, Hufschmied

Es ist wieder soweit, wir fahren aufgeregt und etwas angespannt los nach Rumänien!
Und das, obwohl in den letzten Wochen all unsere Pläne über den Haufen geworfen worden waren. Unsere Ansprechpartnerin und Übersetzerin in Cernavoda (dort waren wir 2018 im Einsatz) war überraschenderweise (und leider ohne Nachfolgerin) im Mutterschutz und folglich konnten wir keinen zweiten Einsatz mit „Save the Dogs“ vor Ort durchführen.
Unser geplantes Einsatzfahrzeug wurde kurzfristig nach Griechenland verlegt. Zudem hatte sich eine große Menge an Sachspenden im Laufe des Jahres in unserem Lager angesammelt. Wohl sortiert und inventarisiert zwar, aber dennoch stand ausser Frage - diese Mittel mussten eingesetzt werden. Alle Beteiligten hatten bereits unbezahlten Urlaub genehmigt bekommen. Somit stand fest, das ganze Projekt abzusagen, war keine Option. Über unsere tierärztliche Kollegin und Rumänienexpertin Nina Schöllhorn finden wir einen neuen Einsatzort im Großraum von Sigishoara sowie einen engagierten Tierschützer und Koordinator vor Ort. Unser Hufschmied Gregor stellt sein privates Arbeitsauto zur Verfügung. Jana, unser Organisationstalent im Hintergrund, besorgt uns auf die Schnelle zwei Palettenplätze in einem LKW für die Sachspenden. Alle Probleme beseitigt? Klar, machen wir ja immer so!

 

 

Es ist wieder soweit, wir fahren los, diesmal mit vielen Erwartungen und Hoffnungen, Plänen und Wünschen auch von unseren vielen miteifernden Unterstützern. Lieben Dank!
Die lange Anreise vergeht schnell, das Klirren der Hufeisen und das Scheppern der Hufnägel in den Schubladen gehört nach einer Stunde zur normalen Geräuschkulisse unseres treuen Silberpfeils (so wurde der silberne Vito kurzerhand getauft), der uns die nächsten zwei Wochen über jeden, noch so fahruntauglichen Feldweg zu unseren Zielen bringt, mitunter auch mitten durch den Wald auf nur drei Rädern...
Angekommen in Rumänien treffen wir auch Nina Schöllhorn, die bereits in den Startlöchern für den nächsten Einsatz steht - nur einige Genehmigungspapiere trennen sie noch von der Arbeit.
Wir lernen Gabriel kennen, unseren Organisator und Koordinator, ohne den wir dieses Projekt niemals hätten stemmen können. Mit seiner liebenswerten und aufmerksamen Art ermöglichte er uns einen tiefen Einblick in die unterschiedlichen sozialen Schichten. Unser großer Dank gebührt ihm und den Freiwilligen, die übersetzten und uns auch sonst in jeder Hinsicht unterstützten!
Unseren ersten Einsatz haben wir in Boiu, einem kleinen Dörfchen unweit von Sighisoara. Die meisten Dörfer, in denen wir in den nächsten Tagen arbeiten werden, gehören zur Gemeinde Albesti, die uns schriftlich zu diesem Projekt eingeladen hat. Das auf den ersten Blick idyllische Dorfleben offenbart leider allenthalben auch die harte Realität: Armut, oft gar Mittellosigkeit, Kettenhunde und überall die Arbeitspferde, deretwegen wir angereist sind.
Hier liegt der eigentliche Kern dieses Einsatzes: Arbeitspferde zu beschlagen und dabei den Besitzern und anderen interessierten Personen aus der dörflichen Gemeinschaft Tipps und Hilfestellungen geben, wie sie das Leben der Pferde und den selbst durchgeführten Hufbeschlag verbessern können. Wie sie aber noch lesen werden, mussten wir uns auch um ganz andere Herausforderungen kümmern...
Wir bauen auf, die ersten Pferde kommen und mit einem Schlag landen wir  in der rumänischen Realität.
Hufeisen, die mehrere Zentimeter zu eng oder sogar in der Mitte gebrochen sind und nur noch halb auf dem Huf hängen.
Vollkommen überwachsene Hufeisen, die monatelang nicht abgenommen wurden.
Hufnägel, die im Bereich der Sohle in die durchbluteten und schmerzempfindlichen Teile des Hufes eingeschlagen wurden.
Riesige eitrige Abszesse durch eben diese Vernagelungen.
Pferde, die deutlich lahm gehen und trotzdem arbeiten müssen und ihre Kutsche ziehen.
Zudem wird auch klar, bei dieser Tätigkeit zum Wohle der Tiere werden wir Schwierigkeiten mit dem Alkoholkonsum mancher Tierbesitzer haben. Was tun, wenn jemand, kaum fähig zu gehen, lauthals grölend erklärt, wie toll er dem ängstlichen, zu Panikattacken neigenden Pferd die Hufe auf die unphysiologische Höhe seiner Brust aufheben - vielmehr hochreissen - kann?
Wir stellen die ersten Regeln auf. Keine Betrunkenen und keine Zigaretten am Pferd. Die Dorfbewohner sind auf unserer Seite, auch sie sind genervt von dem angetrunkenen älteren Herrn.
Nach einer halben Stunde holt sein erster Sohn ihn mit dem Auto ab. Versucht es zumindest. Das Einsteigen dauert wieder eine halbe Stunde, da auch der Sohn nicht nüchtern ist. Wir atmen auf und arbeiten weiter. Aber nichts da, nach einer Stunde ist der ältere Herr wieder da. Aufdringlicher als zuvor und voller fehlplatziertem Arbeitseifer. Sein anderer Sohn (auch dieser nicht nüchtern) streitet mit ihm, beide fallen über unser Werkzeug und kugeln sich am Boden, fast schon unter den Hinterhufen des Pferdes. Dann versucht der zweite Sohn den Vater neben dem Pferd an den Pfosten zu binden und hängt selbst im Anbindeseil des Pferdes. Alle Besucher feuern an oder beraten jeweils lautstark. Das mag jetzt skurril nach Situationskomik klingen, aber in diesen Momenten schauen wir uns nur ratlos an. Solche menschliche Tragik begegnet einem selten und wir sind traurig, dass diese Familie  auf einer solchen Kommunikationsebene angekommen ist. Verurteilen wollen wir sie nicht, wer weiss, welche Probleme sie bedrücken, welche Ausweglosigkeit den Versuch der Flucht in den Alkohol befeuert?
Wir arbeiten täglich mit Höchsteifer, picken uns diejenigen, die interessiert erscheinen heraus und lassen sie einfache Arbeitsschritte verrichten um herauszufinden, wie der Kenntnis- und Fertigkeitsstand ist. Zwischen fünf und sieben Pferde werden pro Tag beschlagen, dabei kontinuierlich erklärt, korrigiert und gefachsimpelt. Wir sind nicht hier, um möglichst schnell selbst zu Arbeiten, sondern um möglichst viel Wissen an andere weiterzugeben.
Erstaunlich viele Menschen wissen nicht, welch komplexes Wunderwerk ein Huf ist und wieviele Knochen, Bänder, Sehnen und feine Lederhäute sich in der Hornkapsel verbergen. Dank des Smartphones kann man schnell im Internet Bilder suchen und so auch die anatomischen Strukturen kurz erklären.
Eines muss man ganz klar sagen: diese Menschen sind keine Tierquäler, die meisten gehen ruhig und liebevoll mit ihren Pferden um und sind enorm interessiert. Aus der Not heraus wird der Hufbeschlag oft selbst durchgeführt und durch fehlendes Wissen entstehen einfach grobe Fehler. Hufschmiede sind in Rumänien deutlich rarer noch als in Deutschland - und das bei der Anzahl an Pferden...
Leider kann man den Hufbeschlag nicht an einem Nachmittag lernen - nicht umsonst ist es in Deutschland eine 2.5jährige Ausbildung, die viel theoretisches und praktisches Wissen vermittelt. Wir versuchen daher, vorhandene Fehler als Anlass zu nehmen um Verbesserungen zu erläutern. Und das klappt auch erstaunlich gut.
Unser Übersetzer lernt schnell unsere Arbeitsweise kennen und erklärt eifrig die einzelnen Arbeitsschritte. Zwei interessierte Männer dieses Dorfes arbeiten und lernen mit uns die nächsten drei Tage.
Die Tzigani

Die Tzigani stellen in Rumänien oft die ärmste Bevölkerungsschicht. Aber zuerst ein kurzer Exkurs zum Begriff „Tzigani“: In Deutschland wird das Wort Zigeuner mittlerweile als Diffamierung gesehen. Sinti und Roma ist ein weitverbreiteter Begriff, um diese Bevölkerungsgruppe zu beschreiben. Da die meisten Tzigani sich eher einer Familie oder einem Stamm zugehörig fühlen als einer homogenen tziganen Bevölkerungsgruppe, benennen sie sich selbst eher nach dem Stammesnamen, der meist synonym mit einer Berufsbezeichnung ist. So sind z.B. die Calderar traditionell Kupferschmiede etc.
Tzigani ist ein Überbegriff, mit dem sich diese Menschen selbst bezeichnen und den wir hier ohne zu diskriminieren verwenden wollen.
Die Tzigani leben oft unter unmenschlichen Bedingungen, in halblegalen Siedlungen, meist ausserhalb der Dörfer. Kein Strom, kein Wasser, einfachste Bedingungen. Unser Übersetzer sagte einmal: “Schau, die Tzigani zeigen uns wie man ausserhalb des Systems leben kann. Die machen‘s einfach.“ Ganz so einfach ist es jedoch nicht. Starker Diskriminierung ausgesetzt, schotten sich die Tziganen ab und bilden eigene Siedlungen. Kinderarmut gehört zum täglichen Bild, die meisten Familien halten sich mit Tagelöhnerjobs über Wasser und kämpfen täglich um‘s Überleben. Kaum vorzustellen, dass direkt vor unserer Haustür Menschen ohne fließendes Trinkwasser, ohne Kanalisation oder Sickergrube leben müssen.
Der „Bärenmann“

Abends sind wir mit einem langjährigen Freund in einer gemütlichen Kneipe in Targu Mures verabredet. Als praktizierender Tierarzt und passionierter Wildtierschützer berichtet er von der traurigen Realität der rumänischen Politik. Was tun, wenn Wilderer zwei komplette Bären in ihrer Tiefkühltruhe lagern, das GPS Senderhalsband auf ihrem Küchentisch liegt, die DNA Proben des Fleisches eindeutig beweisen, dass diese Bären einst von ihm besendert wurden, die Polizei kommt und all das dokumentiert - und einfach nichts passiert?
Ähnlich ist die Situation mit den Hunden. Das rumänische Gesetz gibt vor, dass nur mit Sondergenehmigung (zur Zucht) ein Privathund unkastriert bleiben darf, und sonst alle anderen mittels Transponder gechipt und kastriert werden müssen. Aber wieder fehlt das ausführende Staatsorgan, das die Einhaltung bzw. Durchführung des Tierschutzes überwacht.
Ein anderes Problem ist vor allem in heutiger Zeit die Berichterstattung in den sozialen Medien. Kaum jemand interessiert sich für die echten Hintergründe der, zum Teil tödlichen, Bärenattacken. Dass Wilderer Bärenjunge fangen um sie zu verkaufen und dabei von der Bärenmutter, die diese beschützen möchte, getötet werden ist jedoch auch ein Teil der Wahrheit. In den Medien erscheint jedoch lediglich eine negative Schlagzeile, dass ein aggressiver Bär einen Menschen getötet hat. Wieviel Mühe und Überzeugungsarbeit im Internet wäre nötig, wieviel Spenden könnte Öffentlichkeitsarbeit für sein Projekt bringen? Unser Freund erzählt den ganzen Abend von seinen Erfahrungen und Bärenschutzprojekten. So werden die Bärenwaisen ohne menschlichen Kontakt mittels Drohne gefüttert und durch ein sehr effektives Auswilderungsprogramm an ein Leben in freier Wildbahn gewöhnt. Der Erfolg seiner Arbeit ist nicht zu messen. Niemand weiß genau, wieviele Bären hier noch leben. Welche Lebensräume und Reviere sie haben. Und so lustig und nüchtern seine Erzählungen sind, so hoffnungslos sein Lebenswerk ob der Widerstände in der Gesellschaft gegenüber potentiell gefährlichen wilden Tieren erscheinen mag, bewundern wir seine in sich ruhende Kraft und Gelassenheit. Er lacht und streicht über seinen Bart, während er von einem halb narkotisierten Bären erzählt, der ihn verfolgt oder von den sieben noch lebenden Saker-Falkenpaaren die es in Rumänien noch gibt.
Bei uns würde man...

Während wir in unserem nächsten Einsatzort, einer alten verlassenen Kolchose, die Pferde versorgen, kommt das dort ansässige Hunderudel neugierig vorbei. Die dünnen Rippen unterstreichen den hoffnungsvollen Blick, ob wir Futter dabei haben. Der erste Welpe hat rechts eine Unterarmfraktur und hüpft freundestrahlend auf uns zu. Einem Anderen fehlt die linke Pfote, zum Glück sieht es gut verheilt aus. Illegale Bärenfallen führen sehr oft zu fatalen Amputationsverletzungen, nicht selten verbluten die Tiere. Der dritte Hund liegt apathisch da mit deutlichen Weichteilverletzungen.
Was nun?
Für einen kurzen Moment denk ich an meinen deutschen Arbeitsplatz in einer Tierklinik. Der dritte Hund würde direkt vom Klinikeingang in den Notfallbereich gebracht werden. Während die tiermedizinische Fachangestellte den Venenzugang legen und die Auszubildende die Wunden ausrasieren würden, zöge ich das Schmerzmittel und die Antibiose auf. Bevor wir den Brustkorb auf der Suche nach inneren Verletzungen röntgen würden, stablisierten wir mittels Infusion den Patienten... Und hier?
Ich rede mit unserem Übersetzer. Er spricht mit dem offiziellen Besitzer auf dessen Grundstück wir uns aufhalten. Der Mann hat 14 Kinder mit zwei Frauen. Nein, seine Hunde sind nicht gechipt und Kastration lehnt er grundsätzlich ab.
Ich mache Fotos und rufe Nina an. Unser Übersetzer diskutiert weiter, bis wir den verletzten Hund versorgen dürfen und der Besitzer einwilligt, ihm auch die nächsten Tage die Medikamente einzugeben.
Der Hund ohne Pfote trägt zwar eine Menge totes Gewicht mit seiner, in diesem Sinne nutzlosen, Gliedmaße herum, aber hat zum Glück keine akuten Schmerzen. Und unser Welpe hat das Schicksal nicht in Deutschland geboren worden zu sein, wo wir ihm mit einer Plattenosteosynthese in Kürze sein Bein anatomisch korrekt wiederherstellen könnten.
„Bei uns würde man...“, so fangen viele Sätze an, wenn wir mit Nina diskutieren und von ihren langjährigen Erfahrungen lernen. Die Fraktur ist schon etwas älter und stabiler als es auf den ersten Blick erschien. Irgendwann wird er dieses Bein wieder benutzen können.
Vielleicht schaffen wir es, das Vertrauen des Besitzers zu gewinnen und ihn bei der nächsten offiziellen Kastrationsaktion von unserem Vorhaben zu überzeugen? Aber wie will man erklären, was Leid verhindern durch Kastrieren bedeutet, wenn 14 Kinder in Armut und ohne Perspektive aufwachsen?
Der arbeitet nicht, wenn‘s ihm zu gut geht.“

An einer ein Meter langen Kette hängt er da, der kleine schwarze struppige Hund des Schäfers, jault und bellt und rennt in seinem 1,5 Meter großen Lebensraum im Kreis. Wenn er sich hinlegt, kann sein Kopf den Boden nicht berühren, weil die Kette zu kurz ist. Sein Fell hängt in langen Filzsträhnen vom Rücken herunter. Wenn man sich ihm nähert, hat er einfach nur eine wahnsinnige Angst, dass man ihn schlagen will, weicht aus und duckt sich weg. Wieder kontaktieren wir Nina.
Nina kommt. Telefoniert. Diskutiert mit uns und dem Schäfer. Macht Fotos. Und verspricht mit ihrem Blick, dass wir zurückkommen werden. Mit Futter, mit einer gut isolierten Hundehütte, mit einer langen Laufleine die wir zwischen zwei Bäume spannen wollen. Mit einer großen Wasserschüssel, die eben nicht umfallen kann.
Und wieder ist es der Besitzer, der erklärt, „der arbeitet nicht, wenn‘s ihm zu gut geht“. Was der kleine Hund überhaupt arbeiten soll, wenn er sich kaum bewegen kann, verstehen wir nicht. Dass wir seinen gefährlichen Wachhund gestreichelt haben, seinen Filz abgeschnitten haben, ihn gefüttert haben, ist ihm absolut nicht recht. Die Laufleine dürfen wir nicht installieren. Seine Kette positionieren wir neu, sodass er in die neue von uns aufgestellte Hütte gehen kann und einen zwei Meter Radius Lebensinhalt hat. Mehr geht nicht. Wir gehen. Ob der Tierbesitzer die Hütte im Winter als Brennholz nutzen wird, wissen wir nicht. Was ist schlimmer: nie gestreichelt und geliebt zu werden oder zwei Tage gestreichelt zu werden und es dann zu vermissen?
Es ist unglaublich mühsam, zeitaufwendig und frustrierend, Hunde von der Kette „wegzudiskutieren“, aber eigentlich müssten Heerscharen an Menschen in Rumänien und anderen Ländern von Tür zu Tür gehen und die Hunde „freireden“...
Unser Paradies

Unser heutiger Einsatzort ist ein kleines Dorf. Ein sehr kleines Dorf. Vor zweihundert Jahren lebten hier 800 Menschen, es gibt drei Kirchen (reformiert, katholisch und orthodox), jedoch ist das Dorf längst verlassen. Nurmehr rund 20 Menschen leben hier, die wenigsten davon dauerhaft.
Die Straße ist neu ausgebaut worden, auf rumänisch heißt das, man braucht keinen allradunterstützten Geländewagen, um den Feldweg zu bewältigen, sondern kann mit etwas Geduld auch mit unserem Silberpfeil die Stein/Matschpiste von ca. 8km überwinden. Wir kommen an. Drei Pferde und doppelt so viele Menschen warten bereits. Alle haben frisches, duftendes Heu vor sich liegen, die Trensen mit Gebissen sind ausgezogen, nur mit Halfter stehen sie vor ihrem Wagen und die leicht schwitzigen Rücken sind mit Wolldecken bzw. einem Pulli zugedeckt.
Mir bleibt vor Verwunderung der Mund offen stehen. Je länger man in Rumänien unterwegs ist, desto mehr gewöhnt man sich an die vielen Arbeitstiere, die immer mit Gebiss angeschirrt stehen, warten, fressen, schlafen. Aus irgendeinem Grund sind diese Menschen hier anders als so viele, die wir überall getroffen haben. Auch beim Beschlagen der Pferde achten sie auf die Tiere, schlagen von sich aus Pausen vor wenn sie merken dass die Pferde das Bein abstellen wollen und reden beruhigend auf ihre vierbeinigen Freunde ein.
Die nächsten drei Tage werden wir gastfreundlich umsorgt und man kann wie im Sprichwort sagen, dass wir als Freunde wieder gegangen sind (mit dem Versprechen natürlich, nächstes Jahr wieder zu kommen). Unser Gastgeber ist dabei, einige kleine, rustikale Appartments auszubauen und hofft durch sanften Tourismus dem 20-Seelendorf eine neue Perspektive zu geben, seine fließend deutschsprechende Frau kocht einzigartige Paprikamarmelade.
Was ich hier gelernt habe: auch Pferde können Tomaten lieben. Zumindest frisst Blacky, eines der frei umherziehenden Pferde mit Vorliebe seine BioTomaten und drückt dabei nicht wenige Stauden um (nein, diesmal war es kein Bär...) Wie auch in Deutschland ist der Absatzmarkt für regionale Bioprodukte leider gering. Die großen Supermarktkonzerne importieren zu Dumpingpreisen, da kann kein Kleinbauer mithalten. Letztendlich liegt es in unserer Hand was wir essen und wo wir einkaufen.
Überleben

Egal wieviel man schon an Leid und Elend gesehen hat, es gibt immer wieder ein neues „erstes Mal“. Mein Moment war unscheinbar, fast alltäglich. Es nieselt leicht und unter grauen Wolken fahren wir früh morgens langsam über den kleinen holprigen Weg zu unserem Einsatzort. Leicht übermüdet und frierend. Ein Straßenhund frisst an einem alten Kadaver am Straßenrand. Auch er sieht etwas müde und verfroren aus. Ich blicke ihn kurz an, er blickt kurz zurück, und frisst weiter. Mein Blick schweift nach unten zu seinem Futter. An dem Kadaver hängen Hundepfoten. Und erst nach einigen Sekunden realisiere ich, dass dieser Hund gerade einen anderen Hund auffrisst. Macht es einen Unterschied? Ein Leben ist ein Leben. Was würden wir tun, um zu überleben?
Unser Koordinator erzählt abends, dass hier im Winter Menschen erfrieren. Und damit meint er nicht einen Drogenabhängigen im Rauschzustand, sondern einen normalen, etwas älteren Menschen, der kaum Rente bekommt, nicht genügend Brennholz hat, keine Kinder, die ihn unterstützen, der bereits das hölzerne Gartentor verbrannt hat und keine Zentralheizung einschalten kann. Selten habe ich mir derart nüchtern die Frage gestellt, wie kann man das nur zulassen? Was muss passieren, damit wir wieder menschlich werden und uns gegenseitig helfen?
Die Zukunft:

Die Zukunft liegt in unseren Händen. Eine Kindergartengruppe hat uns heute Morgen besucht. Alle Kinder staunen über den weißen Rauch, der beim Aufbrennen der glühenden Eisen auf den Huf entsteht. Wir werden neugierig von vielen leuchtenden Augenpaaren beobachtet. Die Kindergärtnerin erklärt, wer wir sind und was wir hier überhaupt machen. Ich frage die Kinder nach ihren Träumen, was sie später einmal werden möchten. Und natürlich, was für Tiere sie kennen, vor was Pferde Angst haben, was Hunden weh tut. Kann man Empathie unterrichten? Tierschutz vermitteln?
Am letzten Tag ist ein kleines Mädchen zum Betteln zu uns geschickt worden. Uns sind diese Situationen ziemlich unangenehm, zumal wir auch einfach nicht ans Betteln gewöhnt sind. Nachdem klar ist, dass sie weder den Amboss noch die Hufschneidezange geschenkt bekommt, bleibt sie trotzdem und wird ganz schüchtern. Sie schaut mir schweigend zu, während ich einige Hufnägel zu Schlüsselanhängern umschmiede. Irgendwann traut sie sich den Hammer mit beiden Händen zu halten und klopft vorsichtig auf die Hufnagelspitze. Den ganzen Tag werkelt sie mit mir am Amboss herum. Sie blüht auf und wird ganz ausgelassen. Wer weiss, ob sie jemals in ihrem Leben solange die ungeteilte Aufmerksamkeit eines anderen Mernschen genießen konnte? Die Kinder treten, leider gerade in den ärmeren Gegenden, meist als Masse auf. Viele Menschen bekommen tatsächlich sehr kurz nacheinander mehrere Kinder, erzählt uns unsere Übersetzerin. Oft arbeiten die Eltern im Ausland, die Kleinen wachsen bei den Großeltern oder Tanten und Onkeln auf. Wie schön wäre es, diese Kinder zu fördern und ihnen eine Lebensperspektive zu geben.
Das Ende und das Fazit:

Zwei Wochen sind um. Zwei Wochen, die genauso und doch ganz anders waren, als wir sie uns vorstellten. Zwei Wochen mit Pferden die Doina, Stella, Bubi oder Walli heißen. Mit Menschen, die Radu, Cosmin, Costel, Adrian, Stefan, Neluz oder Alexandra heißen. Zwei Wochen in diesem Rumänien, das wir so sehr lieben und hassen, wo wir nie wieder hinfahren wollen - es aber spätestens nächstes Frühjahr wieder tun werden.
Wir hoffen, dass wir irgendetwas hinterlassen haben. Die Pferde, die wir beschlagen haben, haben die nächsten sechs oder acht Wochen gute, passende Beschläge. Dann sind die Hufe nachgewachsen und der Beschlag muss erneuert werden. Wer wird das machen? Wird es jemand machen, den wir dazu ausgebildet haben? Die Decken, Gebisse und Halfter werden so oder so lange ihren Dienst an den Tieren tun.
Die Zahlen:

In Zwei Wochen wurden rund 40 Pferde beschlagen, eine Tonne Sachspenden für Pferde (Decken, Gebisse, Halfter, ...) angepasst und abgegeben und konkret mit drei interessierten Hufbearbeitern zusammengearbeitet, von denen einer enormes Potenzial hat - ihn würden wir gerne weiter ausbilden und mit Werkzeug unterstützen.
Unsere Vision:

Da ein solches Projekt nur Sinn macht, wenn man es langfristig etabliert, stricken wir gerade an einem Konzept, wie den Menschen Zugang zu gutem Hufbeschlag gewährt werden kann, indem ein lokaler Hufbearbeiter aus- und weitergebildet und finanziert wird. Gespräche mit der Gemeinde stehen an, um einen Platz zu schaffen, an dem gearbeitet werden kann. Wir haben konkrete Pläne entwickelt und hoffen, diese umsetzen zu können. Wenn Sie unser Projekt unterstützen können und möchten, melden Sie sich! Egal ob sie eine Lagerfläche für Sachspenden haben, selbst Hufschmied sind und mitarbeiten möchten oder einfach durch ihre Spende den Fortbestand des Projekts sichern wollen!
Eure Violeta und Gregor
Kontakt: gregor@archenoah-kreta.com