Nathan sucht ein Zuhause

Ich glaube, ich tat ihm Unrecht.
Er kam aber auch zu einem schlechten Zeitpunkt. Das heißt, er kam eigentlich gar nicht, sondern er stolperte zu uns. Genauer gesagt, zu dem Team, welches gerade auf dem Rückweg von Agios Nikolaos war und dort sehr erfolgreich kastriert hatte. Es waren Natalie, Christina und Melanie, die in der Taverne am Strand eine Toilette aufsuchten. Letztere (Melanie, nicht die Toilette) rief mich an und wollte von mir hören, was sie mit einem alten Opi (Hundeopi natürlich) machen sollte, der verwahrlost am Strand herumlief. Hierzu werden Verben verwendet, die den Zustand dieses Tieres noch jämmerlicher erscheinen lassen, als es ist. Ich kenne diese Tricks schon. Zudem stand ich mit Andi im NLR knietief im Dreck und versuchte, die Sturmschäden, die Kreta verwüstet hatten, zu beseitigen. Ich hatte schlechte Laune.

Wir versuchten gleichfalls, die Station möglichst leer zu bekommen, da demnächst leider niemand hier sein würde, um die Tiere zu versorgen. Außer Andi, aber dazu habe ich mich bereits geäußert. Demnach wäre ein Hund das letzte, was wir bräuchten. Ich hatte noch schlechtere Laune.

Sollte ich aber den Wunsch ablehnen, einem Tier in Not zu helfen? Hierzu muss man wissen, dass Melanie einen Tag später nach Deutschland fliegen würde und ich drei Tage später. Letzte Chance für den Opi wäre nach erfolgter Impfung nur noch Christina´s Rückflug um ihn mitzubringen und Andi nicht zu überlasten. Und wo sollte er in Deutschland hin? Melanie war nur kurz zuhause, um gleich darauf nach Nordgriechenland zu fliegen. Christina nimmt wegen ihrer eigenen Tiere keine Pflegehunde auf und ich hatte, verstreut über Deutschland, Termine ohne Ende. Und keine Pflegestelle in Sicht oder frei? Die Laune wurde nicht besser.

Was also tun? Mein "nein" formulierte ich freundlich in ein "entscheidet ihr" und mir hätte klar sein müssen, dass damit alle Bedenken förmlich nie existiert hatten. Opi kam also und ich war erstaunt, wie gut er aussah. Nun scheiden sich seit gefühlten tausend Jahren die Geister, was ein Notfall ist und was nicht, aber Nathan, wie er bereits auf der Heimfahrt genannt wurde, sah eigentlich ganz gut aus. Ok, seine sechs Baustellen fielen mir nicht sofort auf, aber ich bekam sie natürlich, sozusagen als normative Kraft des Faktischen, im Detail aufgezählt. Da gab es verschiedene Tumore, die ich bei genauerem Hinsehen dann auch erkannte. Ein tränendes Auge gleichfalls wie die Ohrenentzündungen, die bei einem Basset-/Brackemix obligatorisch sind. Dünn war er auch.

Und nun?
Eine OP gleich nach der Ankunft fällt weg. Also warten bis er geimpft ist und dann mit Christina nach Deutschland. "Kannst Du ihn nehmen?", wurde ich von drei super charmant dreinblickenden Augenpaaren gefragt. "Ich operiere ihn auch, wenn ich von Nordgriechenland zurückkomme, dann verursacht er nicht einmal Extrakosten", sagte Melanie.
Was soll Mann in diesem Falle tun? Von Andi kam nur ein "Hm".

Auf der Rückfahrt von Berlin nach Holstein holte ich ihn bei Christina ab, obwohl ich absolut keine Zeit für einen Hund hatte. Somit lag Nathan in der Box bis wir zuhause waren.
Mit einer großen Dose Futter wollte ich auf unsere neue Freundschaft anstoßen und als Dank biss Nathan mir ein blutendes Stück Haut aus meiner Hand. Na toll, alles was diesen Hund angeht bereitet mir keine gute Laune. Das stand fest. Leider liess es meine Zeit in den nächsten Tagen und bis zu Melanies Ankunft auch nicht zu, mich eingehend mit Nathan zu beschäftigen, aber wir kamen uns in winzigen Schritten näher. Ich akzeptierte, dass er sein Futter verteidigte, nicht mehr so richtig gut zu sehen scheint und das Hören wohl auch nicht so richtig gut funktioniert. Er hingegen akzeptierte es, von mir angeleint zu werden ohne zu knurren, den Futternapf entgegenzunehmen und seine Geschäfte zum größten Teil im Freien zu verrichten. Grrr.

Und dann kam die OP. Welche Träume er in den zwei Stunden erlebte, wissen wir nicht, aber schon nach dem ersten Spaziergang war er wie ausgewechselt. Nathan spielte mit mir, er fing an zu joggen (was mit seinen Ohren eher an Kunstflug erinnert) und er forderte Streicheleinheiten ein, als wäre nie etwas gewesen. Mittlerweile habe ich mir ein bisschen Zeit geklaut und mit ihm verbracht. Er will schmusen und entschuldigt sich permanent für unseren schlechten Start. Ich habe mich auch entschuldigt und nun sind wir quitt. Er schläft brav in seinem Körbchen, erledigt alle "Feinheiten" draußen und wedelt ohne Ende, wenn er den Futternapf sieht, den ich ihm dann auch bis zur völligen Entleerung nicht mehr wegnehme.

Wir beide, da bin ich mir sicher, könnten beste Freunde werden, aber mein Terminkalender lässt den Besitz eines eigenen Tieres nicht zu. Demnach suche ich dringend eine Pflegestelle oder Endstelle, die sich Zeit für ihn nehmen kann. Die sich über gemeinsame Spaziergänge mit ihm freut. An der Leine läuft er höchst vorbildlich ohne zu ziehen oder beim Spazieren ohne Leine wartet er stets brav, bis man wieder auf einer Ebene ist. Er ist definitiv ein toller Hund, alles andere wäre gelogen. Aufgrund seines starken Futterneides wäre ein Haushalt mit kleinen Kindern sicherlich ungünstig. Wer aber einen goldigen, minimal eigenwilligen Opi haben möchte, der mit seinen riesigen Ohren auch sehr lustig sein kann, darf sich gerne bei mir melden.