Olina sucht ein Zuhause

Wie lässt sich ein ängstlicher Hund am besten an den Menschen gewöhnen? Natürlich mit viel Zeit und Geduld. Doch hier auf Kreta fehlt uns oft die Zeit, sich intensiv mit charakterlich auffälligen Tieren zu beschäftigen. Viel zu sehr sind wir mit dem Kastrieren beschäftigt, und das ist auch gut so! Trotzdem hat Olina zu uns gefunden.

Und wer schon einmal den Weg zu uns findet, der hat es auch verdient, zu einem normalen Hund werden zu dürfen.
Im NLR kehrt langsam Ruhe ein. Vor wenigen Tagen endete unsere erfolgreiche Kastrationsaktion mit Melanie, Thomas, Christina und mir, und so machten sich die anderen drei auf den Weg nach Hause. Ich bleibe alleine zurück, bis Antonia von Rhodos kommt und die nächsten Aktionen starten.

Im NLR ist immer viel zu tun, aber da mein nächster Bericht auch noch aussteht und ich diesen seit Tagen vor mir herschiebe, ist genau jetzt der richtige Zeitpunkt dafür. Den Bericht für Thomas fertig machen und gleichzeitig Olina ein wenig von meiner Freundlichkeit zu überzeugen. Der Plan scheint für mich perfekt. Ich mache mich also bewaffnet mit einer Decke auf den Weg zu unseren Zwingern.
Schon finde ich mich auf einem unserer Zwingerboden sitzend wieder.

Tara und Lio. Zwei aufgeweckte Junghunde, die sich mit Olina ihren Zwinger teilen sind sofort hellauf begeistert von meiner Idee. Schwanzwedelnd sitzen sie nach wenigen Sekunden bereits neben mir und versuchen mir alles an Liebe zu geben, was sie haben. Olina hingegen scheint weniger überzeugt von meiner Idee. Mit riesig aufgerissenen Augen sitzt sie mir gegenüber. Zu starr vor Angst, um sich auch nur einen Millimeter zu bewegen.
Es fällt mir schwer, mich auf meinen Bericht zu konzentrieren. Immer wieder muss ich zu ihr hinüberblicken. Noch immer hat sie sich keinen Millimeter aus ihrer Ecke bewegt. Sie fixiert mich, als würde sie damit rechnen, dass ich jeden Moment aufspringen würde, um ihr etwas anzutun. Was für Angst sie fühlen muss und was sie zu solch einer Angst wohl getrieben hat. All diese Fragen kreisen mir im Kopf herum. Doch beantworten wir sie mir leider niemand.
Ich sitze bereits seit einiger Zeit auf dem Boden. Langsam beginne ich meinen Hintern zu spüren, der mir mitteilt, dass es deutlich bequemere Orte für einen Bericht gegeben hätte. Doch ich ignoriere ihn. Was sein muss, muss schließlich sein. Tara und Lio haben indessen das Interesse an mir verloren und sich in ihre Hundekörbe zurückgezogen, um ein wenig zu dösen. Ihre tiefe Entspannung scheint auf Olina überzuspringen. Endlich hat auch sie sich in ihrer Ecke hingelegt und sogar die Augen geschlossen. Ich bin sprachlos. Nie hätte ich gedacht, dass das so schnell gehen würde.

Eine halbe Stunde später wage ich einen Schritt weiter. Ich verlagere meinen Sitzplatz direkt neben Olina. Sofort verfällt sie wieder in ihre Angststarre. Vorsichtig und ruhig streichle ich sie und spreche mit ihr. Ich spüre, wie ihr Herz rast und jede Faser in ihrem Körper angespannt ist. Ich gebe ihr das Versprechen, "Ab jetzt wird alles besser". Sie wird nie wieder in einem dunklen Zwinger eingesperrt sein. Sie wird auch nie wieder Angst haben müssen.
Denn übernommen haben wir sie erst vor wenigen Tagen aus genau so einem Zwinger. In diesem war es so dunkel, dass ich Olina anfangs schlicht und ergreifend nicht gesehen habe. Da saß sie also in der dunkelsten Ecke, die der Zwinger zu bieten hatte, übersät mit unzähligen Zecken am ganzen Körper. So bleiben konnte sie nicht, denn die massige Anzahl an Zecken war bereits dabei, sie leer zu saugen. So kam sie mit Tara, Lio und einen weiteren Hund zu uns, um sich nach ihren Menschen umzusehen.
Wer hat die Zeit und Geduld einer wunderschönen, mittelgroßen Hündin die schönen Seiten des Lebens zu zeigen?
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Michelle