Aller Anfang ist: Die Kastration

Ein Bericht von Valentina Schuster

Wann genau mir die Idee kam, durch Kastrationen Tierschutz betreiben zu wollen, weiß ich schon gar nicht mehr genau, vielleicht im 5. Semester? Jedenfalls fing es in Spanien an, bei Anna, einer Tierärztin, die sich auch auf die Kastrationen spezialisiert hat und die mich chirurgisch fit machte, bevor ich auch nur eine einzige Sprechstunde gehalten hatte oder wusste, wie man eine Entwurmung dosiert. Es war eine harte Schule bei ihr, aber es haben sich aller Schweiß und Frust gelohnt und noch heute habe ich immer wieder ihre Stimme im Ohr, „Wenn du den Tieren helfen willst, musst du kastrieren“, immer leicht hysterisch und mit russischem Akzent, und „immer weitermachen!“

 

Anna arbeitet schon ihr halbes Leben lang konsequent gegen das Leid der Tiere und bietet in ihrer Kastrationsklinik in Spanien Praktika für Veterinärmediziner an. Sie vermittelt dabei, dass die langfristige Lösung der Tierschutzprobleme vieler Länder in der Kontrolle der Hunde- und Katzenpopulationen liegt. Der Grundstein hierfür sind Tierärzte, die Kastrationen nicht nur anbieten und sicher beherrschen, sondern auch im großen Stil durchführen und ihre Vorteile für das Einzeltier, aber auch im Gesamtzusammenhang der Tierschutzproblematik kundtun. Diese Tierärzte auszubilden ist eines ihrer Ziele und ein großartiger Beitrag, wie ich finde.

Seit meinem Uniabschluss hat mich nun Anna‘s Motto, das auch zu meinem wurde, in verschiedene Länder der Welt begleitet und die Fähigkeiten, die ich mir bei ihr aneignen konnte, öffneten mir die Türen zu unterschiedlichen Projekten und Organisationen.
Was für eine Zeit! Die Welt bereisen, statt am Schreibtisch zu sitzen, Tiere sehen, untersuchen, behandeln, anstatt Skripte und Altfragen auswendig zu lernen, Krankheiten begreifen statt Buchseiten herunterzubeten, sich konfrontieren mit Problemen und Freuden einer ganz anderen Welt. Kastrationen standen immer an der Tagesordnung, mal in größerem und mal in kleinerem Umfang, von Station zu Station verschieden, aber immer als gemeinsamer Nenner, immer als Fundament für sinnvolle und ethisch korrekte Arbeit.

Kontakte wurden geknüpft, Freundschaften entstanden, Kontakte wurden weitergegeben, so ging es von Europa nach Asien, wieder zurück und dann nach Afrika.
Ab ins kalte Wasser!
Eine gute Auslandskrankenversicherung braucht man, eine Visakarte und ein umfangreiches Nachschlagewerk, dann kann die Reise auch schon losgehen. Die Frage ist bloß, wohin?
Es ist gar nicht so leicht, bei der Masse an internationalen Tierschutzorganisationen und Projekten etwas zu finden, das zu einem passt, besinnt man sich aber auf seine Grundsätze findet man auch Gleichgesinnte und es ist faszinierend zu sehen, wohin einen das überall bringen kann.
Natürlich hatte mich der Gedanke an die fachliche Herausforderung anfangs auch nervös gemacht, denn der Großteil meiner universitären Ausbildung war, sagen wir mal, eher theoretisch. Aber ich hatte großes Glück: von all den Tierärzten, mit denen ich in dieser Zeit zusammenarbeiten durfte, aus Russland, Spanien, Nepal, Neuseeland, Frankreich, England, Rumänien, der Slovakei und Deutschland, habe ich mehr gelernt als von den Professoren in der Uni. Sie alle haben ihr Wissen mit mir geteilt und mir diesen oder jenen Kniff beigebracht. Vom ersten Tag an musste ich lernen, zu improvisieren und ohne fließendes Wasser, dafür aber mit Stromausfällen, Kommunikationsproblemen oder Präparaten aus der Humanmedizin zurecht zu kommen und die Geduld nicht zu verlieren beim tausendsten Versuch, einen Patientenbesitzer von dieser oder jener Behandlung zu überzeugen.
Ich bin sehr dankbar dafür, so viele verschiedene Herangehensweisen und Ansätze gelernt zu haben und hoffe, dass sich die Menschen, die sich den Tierschutz zur Mission gemacht haben, immer gegenseitig unterstützen und austauschen werden. Von mehr Wissen, Fähigkeiten, Mitteln und Manpower profitieren letztendlich doch immer die Tiere und darum geht es uns ja schließlich allen. Den Kampf gegen das Leiden der Tiere, gegen Vernachlässigung, Krankheiten, und Gewalt kann kein Tierarzt und keine NGO alleine gewinnen. Um die Vielzahl der Probleme anzupacken, die es im Tierschutz generell und im jeweiligen Land speziell gibt, werden viele Hände und die unterschiedlichsten Fähigkeiten gebraucht.
Jeder kann etwas beitragen und sollte das auch.

Von Fällen und Fellchen

Leider bin ich ohne nennenswert gute Kamera losgezogen und konnte die Vielzahl interessanter Fälle, die mir begegneten, nicht wirklich dokumentieren. Meinen Tiermediziner-Freunden und Kollegen erzähle ich oft ganz stolz von „dem Uterusprolaps“, „der Zwerchfellhernie“ oder „dem verschluckten Mangokern“, alles Fälle, die man in Deutschland normalerweise in eine spezialisierte Tierklinik überweisen würde.

Von „Pöttelchen“, dem Katzenbaby das zu meinem Mitbewohner wurde, oder „Sissi“, der ich nach einem schlimmen Autounfall ein Bein amputieren musste, oder „Nicki“, die fast an einer Gebärmuttervereiterung gestorben wäre oder „Paris“, „Sugar“ und „Greta“ erzähle ich seltener. Das sind Tiere, in die ich sehr viel mehr Kraft und Emotionen investiert habe und die etwas in mir angestoßen haben. Jede Form von Leben ist schützenswert und ich sehe es auch als eine Form von Entwicklungshilfe, wenn wir Menschen den Wert des Lebens näherbringen können, wenn wir über Verantwortlichkeit aufklären oder ihnen eine Antwort geben können, bei der Frage um Hilfe.
Ich glaube nicht, dass Tiere Dankbarkeit empfinden, ich glaube, dass sie alles annehmen im Hier und Jetzt und dass sie uns dankbar werden lassen, wenn wir uns die Zeit nehmen, bei ihnen zu sein.

Erfahrungen, die bleiben

Ich habe sehr viel Gutes und sehr viel Frustrierendes gesehen und erlebt, tagtäglich musste ich mein Handeln auf ethische Vertretbarkeit hin prüfen, denn jedes Lebewesen hat ein Anrecht auf Unversehrtheit. Leiden zu vermeiden ist nicht immer einfach, wenn dringend benötigte Medikamente oder Test-Kits nicht zur Verfügung stehen, wenn an Impfstoffen und Antiparasitika gespart werden muss oder es keine Vorrichtungen zum adäquaten Infektionsschutz gibt.
All das Schlechte trage ich wie in einem Kistchen verpackt mit mir herum. Mal geht der Deckel auf, dann kommt eine weitere Ungerechtigkeit hinzu, eine unüberwindbare Hürde, ein kräfteraubendes Ereignis - und dann wird der Deckel wieder zugeklappt und weitergemacht.
Zu einer guten Tierschutzorganisation gehören ein schlüssiges Konzept und tolle Menschen, die echtes Gefühl für Tiere haben, einen Sinn in dem sehen, was sie tun und Lust haben, jeden Morgen aufs Neue zur Arbeit zu gehen.

Gute Arbeit im Tierschutz kann man nicht an der Anzahl geretteter Welpen festmachen, dafür aber am Maß an Nachhaltigkeit, Kontinuität und Aufklärung, denn auch die Landesbevölkerung muss miteinbezogen werden. Und dass ein eigentlich ganz guter Tierschützer nicht gleich ein guter Arbeitgeber sein muss, auch diese Erfahrung musste ich machen.

Ich bin überzeugt von dem was ich tue, doch was mich wirklich anspornt sind die Menschen, die gute Projekte erst möglich machen, mit denen man bis in die Nacht hinein im OP steht, die immer wieder den nächsten Kastrationseinsatz planen, die die selben Ziele verfolgen und mit voller Power alles geben.
Wenn man erst einmal gesehen hat, wie viel Handlungsbedarf es auf der Welt gibt, kann man sich nur schwer wieder zurückziehen, zumindest geht es mir so. Man macht sich ja mit all seinen Erfahrungen auch zu einem wichtigen Werkzeug und leistet mit der Arbeit nicht nur einen Dienst am Tier, sondern auch an der Menschheit: gegen Verrohung, gegen durch Tiere übertragbare Krankheiten, für mehr Aufklärung, Mitgefühl und Verantwortung!
Mir macht es Spaß Tierärztin zu sein, dem Schutz der Tiere berufen und verpflichtet worden zu sein und in verschiedenen Ländern auf Gleichgesinnte zu treffen.
In der Hoffnung, dass wir alle immer wieder weitermachen,
Eure Valentina