Gimli - eine Baustelle auf vier Beinen

Ein Bericht von Sara Kohl, Pflegestelle

Manchmal gibt es im Tierschutz Tiere, die einfach berühren – Gimli ist eines davon. Aber erstmal von Anfang an.
Irgendwie starten die Geschichten immer ähnlich. Nina ist in Rumänien unterwegs und erhält einen Hilferuf. Ein Hund mit chronischem Husten, die Behandlungsmöglichkeiten in Rumänien sind erschöpft. Eine WhatsApp piept an meinem Handy „ Du, ich hab das was. Das ist alt, hat ziemlich kaputte Beine und einen ganz schlimmen Husten. Der rumänische Winter und die Kälte, tun ihm gar nicht gut. Ist aber nicht immer so ganz freundlich“ Dann kommt ein Bild und ein Video. Meine Antwort: „schick ihn“.

Erst dann frage ich nach der Geschichte von dem kleinen Kerl. Scarface wurde vor knapp drei Jahren von einem rumänischen Tierschützer aus der Tötung gerettet. Nina sah ihn dort und dachte „oh mein Gott“. Die Vorderbeine komplett krumm und mit Fehlstellungen, die Bänder und Sehnen völlig überdehnt, Ellenbogen und Schulter kugeln regelmäßig aus und gleich wieder ein. Ein schrecklicher Senkrücken kommt dazu. Wie soll dieser Hund jemals halbwegs laufen können, ohne von furchtbaren Schmerzen geplagt zu sein? Zudem war Scarface äußert misstrauisch. Wer ihn anfasste wurde gebissen. Aber wer kann’s ihm verdenken? Sein Körper ist übersäht mit kleineren Narben. Ihm fehlt ein halbes Ohr und seine Stirn ist gezeichnet durch eine alte Verletzung, vermutlich durch einen Schlag auf den Kopf. Daher auch sein Name.  Was Scarface vor der Tötung für ein Leben geführt hat weiß keiner, aber es war ein sehr hartes Leben, welches seinen Charakter geprägt hat und viele Narben auf Körper und Seele hinterlassen hat. Trotz allem hat der rumänische Tierschützer ihm eine Chance gegeben und Scarface hat sie genutzt. Denn als Nina um Hilfe gebeten wurde, konnte sie es kaum fassen, dass dieser kleine Kerl solange durchgehalten hat und noch immer läuft. Deswegen sollte so ein blöder Husten ihm das Leben nicht noch weiter erschweren und er die Chance bekommen, in Deutschland behandelt zu werden.

Allerdings musste eine neuer Name her, denn „Scarface“, wie er in Rumänien genannt wird, geht gar nicht. Es muss ein starker Name sein, für einen verschrobenen Kerl, der weiß was er will. Und was passt da besser, als Gimli, der grimmige Kampfzwerg aus Herr der Ringe.

Hier angekommen zeigt der kleine Kerl gleich, was man unter „nicht immer so freundlich“ verstehen kann. Angucken – nicht erlaubt, anfassen - gleich zweimal nicht erlaubt. Also mit Trick 17 ein Geschirr und eine Hundeleine dran und ihn einfach in Ruhe lassen. Er wird schon kommen, wenn er will und merkt, dass ich gar nicht so doof bin. So wars e dann auch ein paar Tage später und die erste Annäherung erfolgte. Den Maulkorb aufzuziehen klappte dann auch schnell und somit stand einem Tierarztbesuch nichts im Wege. Der war dringend nötig, denn sein Husten war wirklich schlimm. Tag und Nacht quälten den armen Kerl die Attacken. Er wurde komplett auf den Kopf gestellt. Röntgen, Blutkontrolle, Herzultraschall, Hals begutachten und Zahnsanierung. Unsere schlimmen Befürchtungen haben sich zum Glück nicht bewahrheitet. Eine Verkalkung der Bronchien führt zu einer chronischen Bronchitis. Diese lässt sich mit Cortison recht gut behandeln. Innerhalb kurzer Zeit wird der Husten besser und der kleine Gimli zeigt, was für ein lustiges liebes Kerlchen er ist und das auch er bereit ist, trotz seiner Vergangenheit, sich mir zu öffnen. Ein super Schmuser, immer Quatsch im Kopf und ein absoluter Spieli-Junkie. Kein Spielzeug ist vor ihm sicher. Alles wird rumgetragen, zerfetzt und leider auch gefressen.

Diese Sucht wurde ihm dann auch vor kurzem zum Verhängnis. Er hatte Teile seines Kauseils gefuttert und die Fäden haben sich in Magen-Darm verhängt, so dass er notoperiert werden musste. Natürlich Samstag Nacht im Notdienst, wie soll‘s auch anders sein. Dank der Arche, war es keine Frage. Der Kleine bekommt trotz seiner Vorerkrankungen eine Chance. Die OP hat er gut überstanden, aber leider musste er schwer mit Komplikationen kämpfen. Fast fünf Wochen ein einziges Auf und Ab. Aber der kleine „Kampfzwerg“ hat seinen Namen zurecht. Er kämpft und zeigt es uns allen. Heute ist er wieder top fit.

Kurz nachdem es ihm wieder gut ging kam der nächste Schock. Gimli lief dreibeinig. Wenn man schon zwei Vorderbeine komplett kaputt hat, außerdem ein Hinterbein mit schlecht verheiltem Bruch und das einzige Bein, das bisher nichts hatte, nicht mehr belastet wird, denkt man schon - das war´s jetzt. Niederschmetternde Diagnose – Kreuzbandriss. Eine OP ist keine Option, daher heißt es jetzt Schmerzmittel und Physio. Und wieder zeigt Gimli – er ist ein Kämpfer. Nach zwei Tagen Schmerzmittel, läuft er wieder auf vier Beinen. Mit der Physio versuchen wir zu erhalten, was es zu erhalten gibt und hoffen, dass der kleine Mann noch viel Kraft hat, gegen alle Widrigkeiten zu kämpfen und sein neues Leben in vollen Zügen zu genießen.

Denn eins ist sicher – egal ob der Kleine vor mir steht und mich anmeckert, sich an mich ranschmeißt und gekuschelt werden will, als kleiner Schisshase ganz nah kommt, wenn‘s ein Gewitter gibt, er über die Wiesen hoppelt, um dabei zu sein, das Strahlen anfängt, wenn er ein Spielzeug sieht oder er einfach nur da ist - er zaubert mir stets ein Lächeln in‘s Gesicht. Ich hab den Zwerg verdammt gern und bin froh, dass er jetzt ein besseres Leben führen kann. Er hat es so verdient, seine Vergangenheit hinter sich zu lassen und den „Luxus“ eines Lebens in Deutschland auszunutzen. So kann man vielleicht ein kleines bisschen wieder wett machen, was er bisher erleben musste.

Wenn man Gimlis Geschichte bisher gelesen hat, kann man sich vorstellen, dass da einiges an Kosten aufgelaufen ist. Und Gimli ist ja nicht das einzige Notfellchen, welches seinen Weg zu uns findet. Daher haben wir uns hier am Bodensee schon vor einigen Jahren Gedanken gemacht, wie man es schafft, die Kosten wieder reinzubekommen. Seitdem gehen wir mehrmals im Jahr auf verschiedene Veranstaltungen und machen dort Flohmarktstände, mit Dingen, die wir gespendet bekommen, die wir aber nicht in Rumänien oder Griechenland verwenden können. Oder auch mit Sachen, die extra für uns hergestellt werden, wie Marmeladen, Hundekeksen etc. Zudem verkauft die liebe Karin online über Facebook und ebay-Kleinanzeigen. Einmal im Jahr findet ein Straßenfest bei uns im Dorf statt, bei dem wir eine große Tombola machen. Und dieses Jahr zum dritten Mal, als Highlight zum Jahresabschluss, findet ein schöner weihnachtlicher Hofflohmarkt bei mir Zuhause statt.

So gelingt es uns immer wieder, die Kosten für die diversen Notfellchen zu decken und die Arche an der Stelle zu entlasten. Denn deren Hauptaufgabe ist es, durch Kastrationen Leid zu verhindern und dafür sollen auch die Spendengelder verwendet werden.
Danke an alle, die uns hier immer fleißig durch Spenden, Mithilfe und Käufe unterstützen. Unsere Notfellchen danken es euch – denn ihr seid ein großer Teil ihrer Chance auf ein neues Leben.

Eure Sara