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Kapverden - Feuer und Flamme auf Fogo

Ein Bericht von Valentina Schuster | Tierärztin

Pflanzen gegossen, Heizung runtergedreht, Medikamente und bestelltes OP-Material eingepackt…
Die Checkliste ist abgehakt und so geht es für mich Mitte März wieder ab auf die Kapverden, um die Bons Amigos bei einer Kastrationskampagne zu unterstützen. Für mich überwiegt wie immer die Vorfreude und ich kann es kaum erwarten, aus dem deutschen Alltagstrott auszubrechen, um Kopf, Herz und Hände zum Wohle der Hunde und Katzen auf diesem so fernen Inselstaat einzusetzen.

Es steht eine dreiwöchige Kampagne auf der Insel Fogo an, deren Name von dem dortigen immer-mal-wieder aktiven Vulkan kommt. Fogo ist eine etwa achtstündige Bootsreise von Praia entfernt und die viertgrößte Insel der Kapverden, auf der es für Kleintiere leider keine nennenswerte tiermedizinische Versorgung gibt. Im August 2021 waren die Bons Amigos dort bereits im Einsatz, um die Tiere zu kastrieren und nötige Behandlungen durchzuführen.

Die Kampagne sei intensiv gewesen, berichtet mir Gilson, und anstrengend, da bei der Bevölkerung noch viel Vorarbeit hinsichtlich der Sinnhaftigkeit von Straßentierkastrationen zur Populationskontrolle geleistet werden musste. Die Situation der Tiere muss sehr differenziert betrachtet werden, denn unter der Bevölkerung werden von Akzeptanz bis zu Eradikationsversuchen mit Rattengift alle Facetten bedient. Wie eigentlich überall auf den Kapverden gibt es hier zum einen Streunertiere, die sich vor allem von den örtlichen Müllreservoirs ernähren, zum anderen im Haus oder Hof gehaltene Tiere, teils sogar importiere Rassehunde. Im Kontrast dazu stehen die streunenden Community-Dogs, die offiziell zwar keinen Besitzer, aber innerhalb einer Nachbarschaft ihre festen Futterquellen haben und oftmals ganz rührend umsorgt werden. Die Leute fühlen sich mal mehr, mal weniger verantwortlich für diese Hunde und haben mal mehr, mal weniger starre Ansichten über deren Leben. Um unser Ziel langfristig und nachhaltig zu verfolgen, muss also immer viel und gute Überzeugungsarbeit geleistet werden, um nicht nur das “OK” für die Kastration zu bekommen, sondern auch generelle Aufmerksamkeit auf die Straßentierproblematik zu lenken. Glücklicherweise werden es Gilson und der Rest des Teams aber nicht leid, die Notwendigkeit dieses Eingriffs zu erklären, auch nicht beim hunderttausendsten Mal.

Zahlen und Daten gibt es zu den Hunde- und Katzenpopulationen nur durch die vorhergegangene Kampagne und so wissen wir nun, dass der Durchschnittshund auf Fogo etwa 12kg schwer ist, eher von Flöhen und weniger von Zecken befallen ist, dass das Durchschnittsalter nicht sehr hoch ist (bei Adulten etwa 3 Jahre) und dass eine durch Schleimhautkontakt übertragbare Tumorart bei einigen Tieren vorkommt, die man mit einem entsprechenden Medikament behandeln kann.
Das alles muss bedacht werden, wenn es an die Planung einer Kastrationskampagne geht, die Monate im Voraus mit ellenlangen Bestelllisten für Medikamente und Verbrauchsmaterialien beginnt. Am Ende kommen dann drei vollgepackte Koffer, zwei Transportboxen und fünf Kartons plus Sperrgepäck (eine große, klappbare Hundetransportbox und zwei Fangnetze) dabei heraus, denn von A- wie Autoklav bis Z- wie Zeckenzange muss alles von uns mit nach Fogo gebracht werden.
Genauso wichtig wie die Hardware ist für uns jedoch auch die Mitarbeit der örtlichen Kommunen, damit sich aus den Einsätzen ein nachhaltiger Tierschutz entwickeln kann. Der wunderbaren Arbeit von Lara ist es zu verdanken, dass sich diese und auch unabhängige Projektpartner für eine Zusammenarbeit mit uns interessieren.
Einer der Kollaborationspartner dieser Kampagne auf Fogo ist “Projeto Vitó”, eine kapverdische NGO, die sich für den Schutz der endemischen Flora und Fauna einsetzt. Eine Schnittstelle der Interessen ist die Kontrolle der Streunerkatzen in einem bestimmten Gebiet der Insel, wo der als gefährdet eingestufte Hochseevogel “Gongon” oder Kapverden-Sturmvogel in kleinen Kolonien nistet.
Die Gemeindeverwaltung, die Camara Municipal, beteiligte sich nicht nur bei unserer Unterbringung und Verpflegung, sondern stellte für jeden Ort die Nutzung eines Gebäudes für unsere Kampagne zur Verfügung und einen Pick-up plus zwei Gemeindearbeiter als Helfer bereit. Der Plan für diese Kampagne war es, in sieben Ortschaften auf Fogo zu arbeiten und bei den holprigen Straßenverhältnissen und den teils sehr abgeschieden liegenden Dörfern waren wir auf einen fahrbaren Untersatz und ortskundige Unterstützung angewiesen. Zwar war das Auto alt und rostig, Bem-vindo und Marcus dagegen waren mit ihrer Mithilfe reines Gold wert, denn sie packten mit an, kannten sich aus und hatten einen guten Draht zu den Leuten, was uns beim Einfangen der Tiere sehr zugute kam.

Ob in einem Gebäude des Landwirtschaftsministeriums, in einem nicht genutzten Klassenzimmer oder einem Versammlungsraum des Roten Kreuzes, wir sind lange schon Profis darin, einen Raum in wenigen Minuten zu einem passablen OP-Saal umzubauen, solange es nur eine Steckdose, eine Wasserquelle und Tische gibt - den Rest haben wir eh dabei.
Die Kampagnentage ähneln sich sehr im Ablauf, angefangen vom gemeinsamen Frühstück, dem Beladen der Autos, der Fahrt zum Einsatzort, dem Aufbau in den Räumlichkeiten bis hin zum Aufräumen, erneuten Beladen des Autos, Fahrt zur Unterkunft, gemeinsamen Abendessen. Jeder im Team hat seinen Aufgabenbereich und seine Verantwortlichkeiten, auch das bleibt eigentlich konstant. Was jedoch einen Kampagnentag vom anderen unterscheidet, sind unsere Patienten, die vielen, vielen Hunde und Katzen, die uns in sehr kurzer Zeit schon vieles über ihr Leben erzählen können. Teils verängstigt mit starren Augen, teils welpig unbedarft werden sie uns vorgestellt, später dann im anästhesierten Zustand erfährt man mehr über Vernachlässigung, durch tief ins Fleisch gewachsene Halsbänder, chronische Wunden oder schon verheilte Narben; über Ignoranz, durch verfilzte Fellmatten, unter denen die Flöhe nur so wuseln und durch eingewachsene Krallen; über Schmerzen durch schlecht verheilte Knochenbrüche und Hunger.

Hin und wieder gibt es dann noch die Glücklichen, die von einem Herrchen gebracht werden, die gepflegt und wohlgenährt aussehen und sogar einen Namen haben. Die in ganz rührenden Szenen “ihren” Menschen die Straße entlang begleiten oder geduldig und entspannt mit einem Frauchen im Schatten warten. Manchmal erkennen wir einen der Hunde ein paar Tage später wieder, in der Sonne dösend oder bei abendlichen Streifzügen durch die Straßen… und dann denke ich, dass das Leben für die Tiere hier nicht immer schlecht sein muss. Jeder Hund und jede Katze verdient ein gesundes, freudvolles und schmerzfreies Leben und es liegt in der Verantwortung des Menschen, dies sicherzustellen. Unsere Kampagne auf Fogo hat neben der Populationskontrolle durch Kastrationen und medizinischen Behandlungen das Ziel, die Bevölkerung darüber aufzuklären. Ein wichtiger Ansatzpunkt hierfür ist für uns der Kontakt zu Kindern und Jugendlichen, denn sie haben oftmals die engste Bindung zu den Tieren, können Sachverhalte und Regeln spielerisch lernen und verbreiten Neuigkeiten untereinander schneller als man meinen möchte.

Der Besuch einer Schule in der Hauptstadt Sao Felipe wurde sogar vom kapverdischen Staatsfernsehen begleitet und der Bericht darüber wurde in den Nachrichten gezeigt. Das alles lässt auf einen positiven Wandel hoffen und bis dieser eintritt, bleiben wir auf jeden Fall tätig, mit viel Geduld und hochgekrämpelten Ärmeln.
In den vierzehn Tagen im Einsatz wurden in sieben verschiedenen Orten 470 Hunde und Katzen kastriert und noch einige mehr gegen Parasiten oder z.B. wegen Verletzungen behandelt. Edson hat keinen einzigen Venenkatheter fehlplatziert und hat damit einen neuen Kampagnenrekord aufgestellt. Wir konnten einige wichtige neue Kontakte zu wundervollen Tierschützern auf Fogo knüpfen, auf deren Zusammenarbeit wir uns in Zukunft schon freuen und durften einen wunderschönen Flecken Erde etwas besser kennenlernen.
Ich freue mich schon auf den nächsten Einsatz und hoffe, dass ich Euch einen kleinen Einblick in die aufregenden Tage auf Fogo geben konnte.
Eure Valentina