Kreta - die Rückkehr zur Normalität

Ein Bericht von Thomas Busch, Tierarzt und 1. Vorsitzender

Tag eins, zwei und drei. Von 25.

Es ist 2:30 Uhr als wir Sulzemoos verlassen. Vereinzelte Nachtschwärmer oder Urlauber, die dem Verkehrschaos am Wochenende ausweichen wollen, teilen sich mit uns die Autobahn. Um 12:00 Uhr müssen wir in Ancona sein, was auch gelingt. Allerdings hat der Hafen wegen Corona ein System zum Einchecken geschaffen, welches selbst von den Mitarbeitern nur schwer verstanden wird. Zuerst muss man sich auf dem Weg zum Schalter in eine Schlange einreihen, die bereits ziemlich lang ist. Der dickliche, kleine Aufpasser trägt brav eine Uniform und ist wahrscheinlich ein Professor der Virologie. Zumindest plustert er sich so auf, achtet auf den korrekten Abstand zwischen den Wartenden und auch auf die Passgenauigkeit der Masken. In 20 minütigen Abständen werden immer zehn Menschen (und keiner mehr!) in eine weitere Schlange gelassen, die sich quer durch die Halle erstreckt. So geht es immer weiter in Richtung Schalter, an dem sich trotz uniformiertem Professor, immer wieder Menschen vordrängeln, ohne dass es jemanden zu stören scheint, dass die Fähre um 13:30 Uhr ablegt. Es stört auch niemanden, dass die Reisenden, die draußen in der Schlange stehen, unmittelbar neben den auf den Bus wartenden - natürlich ohne Maske - in oft laute Gespräche vertieft sind. Das Aufgabenfeld des Professors scheint räumlich begrenzt zu sein. Dass jeder denselben Kugelschreiber nutzt, um die Gesundheitsbescheinigung auszufüllen, ist ebenfalls unwichtig… Um 13:40 Uhr stehe ich vor dem Schalter, um einzuchecken, begleitet von den beruhigenden Worten, dass die Fähre wartet. Das tut sie auch, aber leider nur bis 13:41 Uhr. Das, was wir sehen, als wir am Hafen sind, ist die Laderampe, die gerade eingeklappt wird und LKW-Fahrer, die kurz davor sind, einen Mord zu begehen. Es nützt nichts, die Fähre ist weg, aber wir erfahren, dass um 16:30 Uhr eine weitere nach Patras ablegt. Nun versucht der Professor mich erneut in die Endlosschleife einzureihen, was ihm aber nicht gelingt. Ich habe Schaum vor dem Mund (was wer wegen des Mundschutzes nicht sehen kann), fluche auf Deutsch aber ziemlich laut und ich bin mir sicher, dass er jedes einzelne Wort versteht. Auf jeden Fall darf ich direkt zum Schalter und kann auch ohne Probleme umbuchen.
Der Rest der Fahrt verläuft ohne weitere Verzögerungen und zwei Tage später erreichen wir um 6:00 Uhr Heraklion.
Um keine Panik zu verbreiten, die Menschen an Bord verhalten sich im Großen und Ganzen sehr vernünftig, halten Abstand wo es geht und tragen auch durchweg einen Mundschutz. Das Personal ist bemüht und an den Grenzen haben wir keinerlei Probleme, weil wir sämtliche Bescheinigungen parat haben und vorzeigen können. Ob die ergriffenen Maßnahmen uns allerdings wirklich vor sooo einer aggressiven Pandemie schützen können, muss jeder für sich selbst beantworten.
Wir verlassen den Hafen von Patras in Richtung Athen und genießen die Sonne, das Meer und die Berge im Hintergrund. Es ist schön, wieder hier zu sein.
Das Einzige, was unangenehm auffällt, sind die Straßenränder. Die letzten Male, als ich mit dem Auto nach Kreta reiste (ich schätze, dies hier ist meine achtzigste Fahrt) waren die Ränder im Winter mit Schnee oder im Frühjahr mit Grünklee bedeckt, der alles überwuchert. Jetzt, mitten im August, ist alles verdorrt und Schnee… (bei 30 Grad?). Demnach ist überall der Plastikmist zu erkennen und ich frage mich frustriert, warum ein pfleglicher Umgang mit der Natur so schwer umsetzbar ist? Wann lernen wir Menschen es endlich, dass außer uns diesen Dreck kein anderer wegräumt und wir auch keine zweite Erde in der Reservekammer haben. Aber immerhin verschont uns das Tierelend, welches lediglich als grauer Schäferhund an einer Bushaltestelle pennt oder als zwei Siamkatzen auf einer Verkehrsinsel. Allerdings mit Futternapf, der die Frage nicht endgültig beantwortet, was diese beiden Katzen auf einer Verkehrsinsel zu suchen haben?
Flüchtlinge, die noch vor Kurzem zu Hunderten den Hafen belagerten, um sich heimlich auf einen LKW zu schmuggeln und um so Europa zu erreichen, sehen wir keine. Der Hafen ist umgebaut worden und gleicht eher Fort Knox, mit seinen Mauern und dem Stacheldraht. Nur zwei bettelnde Zigeunerkinder erinnern ein bisschen an diese Zeit.
Aber als wir am Ende von 2500 Kilometern endlich auf Kreta angekommen sind, öffnet sich wie von Geisterhand das Tor unseres NLR und wir sind im Paradies. 22 Jahre reise ich nun schon nach Kreta und habe eine Minute nach der Ankunft angefangen zu arbeiten und erst wieder aufgehört, als ich mich beeilen musste, die Fähre oder das Flugzeug für die Heimreise rechtzeitig zu erwischen. Jetzt nehme ich Melanie in den Arm und wir beide sind entzückt von der Schönheit unserer kleinen Oase. Christina und Andi haben hier alles im Griff. Die Hundehäuser erstrahlen mit gefliesten Wänden, das Futterlager, welches durch Georges letzte Tour ziemlich aufgefüllt wurde, ist aufgeräumt und das Lager in unserem Haus ist von Andi komplett renoviert worden. Der Garten fasziniert durch ein grünes Lichtspiel und jeder Stein, jeder Baum, jeder Strauch und jede Blühte reiht sich in ein Ensemble ein, welches dem ganzen einen Reiz verleiht, wie ich ihn zuvor in einer Tierstation nur selten gespürt habe.
Es sind im Moment zwar nur wenige Patienten einquartiert aber als Christina uns begrüßt, dauert es nur eine halbe Minute und schon sind wir mittendrin im Tierschutz. Die einzelnen Notaufnahmen stellen wir Euch in den nächsten Tagen vor, heute wird erst einmal das Auto leergeräumt und die wundervolle, friedliche Atmosphäre genossen, die unser NLR ausstrahlt. Andi gesellt sich dazu und ob er es will oder nicht, er muss sich anhören, wie glücklich ich bin, ihn als Mädchen für alles an unserer Seite zu wissen. Diese Meinung vertritt übrigens jeder unserer Mitarbeiter!
Aber wir sind nicht hergekommen um rumzusäuseln, sondern um wichtige Dinge zu klären und Entscheidungen zu treffen. Melanie wird Antonia ablösen, die nach der Corona-Krise als Erste wieder auf Kreta kastrierte. Und sie wird sich mit Julia Ricken treffen, um gemeinsam mit ihr zu operieren.
Wir möchten möglichst viele Partner besuchen, um zu erfahren, wie hart es sie in der Krisenzeit erwischt hat und wie der Förderverein Hilfe leisten kann. Hilfe, die Sie uns anvertrauen. Des Weiteren möchten wir die allgemeine Situation auf Kreta abschätzen, denn nur so lässt sich eine Zukunftsplanung aufstellen. Wenn das in diesen Zeiten überhaupt möglich ist. Und ich möchte unseren Hausbesitzer treffen, um zu hören, ob ein Verkauf oder zumindest eine weitere Mietverlängerung möglich wäre. Melanie wird vom Ost nach West und wieder zurückfahren, um zu kastrieren was geht.
Liebe Grüße, wir melden uns später wieder,
Melanie und Thomas

Ein Tag auf Kreta

Es ist ein OP-Raum. Oder ein Schafstall. Manche nennen es auch Tierheim.
Antonia war zuletzt dort und hat die Kastrationsaktion abgebrochen. Es war nur noch ekelhaft in diesem Dreck zu arbeiten. Und jedes Tier war durch die Zecken so leer gesaugt, dass eine Narkose ein großes Risiko gewesen wäre.
Wir drehen eine Runde und lernen den Arbeiter kennen, der sich netterweise um die Tiere kümmert. Er kommt 3x die Woche. Und wer kommt die anderen Tage? Er zuckt die Schultern. „Nicht mal Wasser?“, frage ich. Erneutes Schulterzucken. Im Schatten sind 33 Grad.
In dem, von uns bisher genutzten OP-Raum stinkt es nach Ratten. Ihre Hinterlassenschaften sind hinter der Tür eines weiteren kleinen Raumes zu finden, der eh vollgepackt ist mit Müll. Wir haben schon überall operiert, aber Antonia hat völlig recht. Das hier geht gar nicht.
Ich untersuche die Tiere. Die Trauben von Zecken sind nicht mehr zu finden. Einen braunen Rüden kenne ich noch von früher. Er humpelt extrem, weil seine Beine völlig verbogen sind. Ein dunkelbraunes Weibchen fällt mir auf. Unter ihr hängt ein kindskopfgroßer Tumor. „Wer operiert dieses Tier?“, möchte ich wissen und mir werden die Zusammenhänge erklärt. So richtig verstehe ich es zwar nicht, einfach aus dem Grund, weil es nicht zu verstehen ist. Später höre ich, dass sie bei einem Tierarzt in Chania operiert worden ist.
Ich bestehe auf einen Termin mit dem Bürgermeister des Bezirkes Kalyves, der aber heute nicht da ist. Ebenso möchte ich mit dem Tierarzt sprechen. Auch er ist nicht da. Aber nächste Woche… Dieses „Tierheim“ ist wichtig für uns, denn hier operierten wir in den letzten vier Jahren über 1500 Straßentiere. Offensichtlich fühlte sich während der Coronazeit niemand mehr verantwortlich für dieses Gelände und es gammelte still vor sich hin. Da wir den Raum aber brauchen, da es sonst keine Alternative gibt, und wir auch nicht zugucken, wie die Hunde ebenfalls vergammeln, muss ich dringend mit dem Bürgermeister sprechen.
Unser NLR ist mit nur einem Hund, der aus diesem Tierheim kam und blutleer war, besetzt. Wie leicht wäre es für uns, diese 23 Tiere aufzunehmen. Vielleicht nicht alle auf einmal, aber Woche für Woche fünf oder sechs und der Drops wäre gelutscht. Aber das NLR ist für Notfälle. Außerdem soll unser Team kastrieren und da bleibt für so etwas keine Zeit. Schweren Herzens gehen wir.

Dann besuchen wir ein weiteres „Tierheim“ ganz in der Nähe. Es wurde bereits vor einiger Zeit von der Gemeinde gesperrt und verboten, da es privat und damit eigentlich illegal errichtet war. Wie fast die meisten in Griechenland, aber in diesem speziellen Fall war die Entscheidung, es zu schließen, goldrichtig. Auch ein Tierhaltungsverbot wurde ausgesprochen. Eine Engländerin hielt dort Hunde (mehrere Hundert), die durchweg in einem katastrophalen Zustand waren. Eine Zeit lang halfen wir auch ihr, aber wer gesunde Hunde von der Straße einsammelt und wir sie drei Wochen später als Skelette vorgestellt bekommen, weil sie an Parvovirose oder Staupe erkrankt sind, die in ihrem Tierheim wüten, muss irgendwann ohne uns klarkommen. So schlimm eine solche Entscheidung auch ist!
Jetzt bellt es hier wieder aus jeder Ecke. Ich schätze die Zahl der Hunde auf um die 70. Was zum Teufel ist hier los? Wann hören diese Sammler endlich mal auf? Über den Gesundheitszustand des Bestandes kann ich nichts sagen, denke mir aber meinen Teil und weiß von zuverlässiger Quelle, dass die Hunde voll mit Flöhen und Zecken sind. Kein Wunder, bei dem Gasbewuchs.
Auch bei der Vermittlung dieser Tiere könnten wir helfen. Aber wo soll das enden? Diese hier und die 23 von eben und schon wären wir bei 100 und unsere Kastrationen würden aufgrund von Zeitmangel nachlassen. Nein! Noch schwereren Herzens brechen wir auf.

Allen Tierschützern, die meinen Weg in den nächsten drei Wochen kreuzen, stelle ich die gleichen Fragen. Ich möchte wissen, wie sich die Population der Straßentiere entwickelt hat und ob sie selbst durch Corona in eine kritische Situation geraten sind. Das Netz ist voll von Horrornachrichten und ob das alles stimmt, möchte ich aus erster Hand erfahren.

Hier im Bezirk Kalyves sind um die 60 Prozent der Katzen durch den Tierärztepool kastriert. Das ist ein schöner Erfolg, zumal die Region sehr groß ist. Die Welpenflut ist existent, aber zu handhaben. So schlimm wie früher ist es nicht mehr. Straßenhunde sind auch nur noch wenige unterwegs.
Das fällt mir übrigens überall auf Kreta auf. In vielen Regionen sind Hunde nur noch schwer zu finden. Natürlich sind die Kastrationen mit ausschlaggebend, aber es hat an vielen Stellen auch eine Veränderung in der Einstellung der jungen Generation gegeben. Viele Menschen schaffen sich einen Hund an und führen ihn an der Leine spazieren und gehen verantwortungsvoll mit ihm um. Die Tierärzte, die sich auf Kleintiere spezialisiert haben, sind viele geworden und sie sind fachlich wesentlich besser, als noch vor 20 Jahren. Und ihre Praxen werden gut besucht. Die Aufklärung zeigt Wirkung und an diesem Zustand haben alle Tierschützer der gesamten Insel unermüdlich gearbeitet. Ein wahnsinniger Erfolg zumal ich die damaligen Bilder noch deutlich vor Augen habe, als an jeder Ecke und jedem Straßenabschnitt Rudel von Hunden dahinvegetierten. Natürlich ist noch nicht alles rosig und natürlich gibt es noch reichlich Elend, aber das Positive verdient mehr als Erwähnung.

Ein Tag im Süden - Plakias

Wer die gigantische Schlucht kurz vor dem Finikas-Tal schon einmal durchfahren hat, kennt die wunderschöne Aussicht am Ende der steinernen Berge, die wie buckelige Riesen das Tal vor der restlichen Welt zu beschützen scheinen. Jedes Mal erkenne ich die Winzigkeit von uns Menschen an dieser beeindruckenden Stelle, jedoch schmunzel ich gleichzeitig über unsere Größe. Denn was in diesem Tal an Hunden und Katzen herumläuft, ist Brigitte Scheichel von APAL bestens bekannt. Unkastrierte Tiere findet man so gut wie nicht mehr. Brigitte und ihr Team haben alles unter Kontrolle. So sehr, dass sich ihre Arbeit inzwischen auch über das Tal hinaus herumgesprochen hat. Es würde mich nicht wundern, wenn sie irgendwann einen Hund vom Festland der afrikanischen Nordküste zur Kastration bringt und mir erklärt, dass Ägypten ja gar nicht sooo weit weg ist. Sie hat bisher mit Dr. Julia Ricken kastriert und das auch in der Coronazeit. Demnach ist ihre Situation, was die Warteliste der Kastrationen angeht, recht kurz. Da unsere beiden Vereine sehr eng miteinander zusammenarbeiten, gibt es „mein“ und „dein“ im Umgang mit den Kastrationen eigentlich nicht. Trotzdem versucht Brigitte (und das ist auch gut so) eine Station in Plakias zu errichten, die ähnlich unserem NLR ist. Sie ist dabei auf der Zielgeraden, wird davon aber selber berichten.
Uns verbinden eine Menge Dinge, vor allem aber eins: Die Kastrationen sind das Wichtigste im Tierschutz! Dem hat sich alles andere unterzuordnen. Brigitte ist für mich der lebende Beweis, dass man ein tolles Tierschutzkonzept verfolgen kann, ohne massenhaft Hunde einzusperren um zuzusehen, wie sie verkommen. Brigitte nimmt zwar auch Tiere auf, aber nur in einem überschaubaren Rahmen. Sie arbeitet rund um die Uhr, hat aber noch nie den Überblick verloren und alles, was sie macht, hat Hand und Fuß.
Als ich das erste Dorf auf dem Wege zu ihr passiere, sehe ich zwei Katzen an einer Mülltonne. Ich kann nicht anders, bremse und suche sie, die Kerbe. Bingo! Wer entspannt Urlaub auf Kreta machen möchte, und Spaß an Suchspielen hat, darf in Plakias gerne mitspielen.
Bei Brigitte kumulierten sich in der Coronazeit Tiere. Das war schrecklich, aber als die ersten Flüge wieder losgingen, flog sie in einer Herkulesaktion sehr viele Tiere aus. Seitdem ist wieder Ruhe eingekehrt bei einer Frau, für die dieses Wort eigentlich nicht existiert.

Ein neuer Tag beginnt

Hektisches Treiben im NLR. Morgen in aller Frühe ist Aufbruch von einem Teil des Teams in Richtung Sitia und Ierapetra. Da diese Städte sehr weit weg sind, lohnt es sich nicht, zurückzukommen. Es ist einfacher, dort zu nächtigen. Insgesamt sind sechs Tage eingeplant.
Bis dahin muss das Equipment zusammengestellt und der Wagen gepackt sein.
Ich selber komme am Ende der Tage nach Sitia nach. Zuvor möchte ich mich noch mit Tierschützern aus Rethymno treffen und habe auch im NLR noch einiges auf dem Zettel. Außerdem hat sich unser Vermieter angekündigt, da ich mit ihm unbedingt reden möchte. Und in der Tat, er ist auf jeden Fall daran interessiert, uns als Mieter auch über die anfänglich ausgehandelten zehn Jahre hinaus zu behalten und über einen Verkauf erbittet er sich Bedenkzeit. Wir wissen, dass er sehr an dem Gelände hängt, da sein Vater es mit erbaut hat und darüber/dort wohl verstorben ist. Ich halte ihn für einen sehr ehrenwerten Mann, kann natürlich nicht in den Kopf schauen, glaube aber, dass wir beide sehr fair miteinander umgehen werden. Bisher hat es auf jeden Fall wunderbar geklappt und er ist absolut begeistert, was wir aus diesem, lange verlassenen, Gelände gemacht haben.

Ich breche zwei Tage später auf und folge dem Kastrationsteam nach Sitia.
Ray, eine unserer guten Seelen in Sitia möchte in seinen wohl verdienten Ruhestand (vom Tierschutz) einkehren und ich möchte an der kleinen Abschiedszeremonie teilnehmen. Auf Ray und auf Bob, die beiden Engländer, hat die Arche seit fast einem Jahrzehnt als treue Helfer zurückgreifen können. Als wir uns bei ihm für die tolle Hilfe bedanken, mischt sich seine Frau ein und sagt, dass nicht er uns und den Tieren geholfen hat, sondern wir seinem Leben nach seinem Schlaganfall wieder einen Sinn gegeben haben. Rührende Worte von rührenden Menschen.
Und noch eine Nachricht macht die Fahrt in den Osten zu einem Highlight; in Sitia gibt es keine Straßenhunde mehr. Na ja, fast keine, aber die wenigen, die durch die Straßen ziehen, sind bekannt und kastriert. Despina hat eine wundervolle Arbeit vollbracht, erinnern wir uns doch bitte noch an die Hilferufe aus einer Zeit, in der mitten in der Stadt über 100 Hunde auf einem ehemaligen Sportplatz dahinvegetierten. Zusammen mit den Kastrationen, einer tollen Aufklärungsarbeit und einer wahnsinnigen Vermittlung ist ein kleines Wunder geschehen. Selbst der bissige Tierarzt, der einst Antonia auflauerte und sie inklusive OP-Raum mit 3 Polizisten, einem Anwalt und dem Amtsveterinär durchsuchte und vieles zur Anzeige brachte, hat es nicht geschafft, uns aufzuhalten.
Vielleicht macht auch er mal die Augen auf und vergleicht die heutige Zeit mit der vor fünf Jahren. Wenn er denn sehen kann…

Weiter geht es noch in dieser Nacht nach Ierapetra, ungefähr 1,5 h von Sitia entfernt. Der umgebaute Bürotrakt des alten Schlachthofes dient als OP und hier regelte einst ein Vizebürgermeister unsere Arbeit und hieß uns willkommen. Leider ist er nicht mehr in der Position, aber auch die Gemeinde von Ierapetra hat den Wert unserer Arbeit erkannt. Somit wartet auf das Team viel Arbeit. Mich bedrückt dieser Schlachthof, zumal das Gebäude an jeder Ecke erkennen lässt, was hier einst passierte. Vielleicht stellen Menschen in 100 Jahren Gedenksteine auf, im Moment ist er aber noch zu was anderem zu gebrauchen. Hunde sind nun die Insassen, werden zwar nicht geschlachtet, aber ob das Leben lebenswert ist? Aus meinen Gedanken reißt mich ein braungebrannter Grieche, klopft mir freundschaftlich auf die Schulter und freut sich offensichtlich über unsere Anwesenheit. Viele kennen ihn, den berühmten Takis mit seinem bekannten „Takis-Shelter“. Wir wechseln ein paar Worte und ich höre aufmerksam zu, wie gut es ihm inzwischen geht. Ich gebe zu, ich bin bis zu diesem Moment noch skeptisch, aber als er mich zu seinem Tierheim einlädt, verschlägt es mir die Sprache. Und das passiert selten!
Als ich ihn vor fünf oder sechs Jahren kennenlernte, hauste er in einem Container hinter der Müllkippe von Ierapetra mit ungefähr 100 Hunden und 20 Katzen. Die Straße war durch den Regen zu einer Schlammpiste geworden und er riet uns, den Wagen unten stehenzulassen. Die Tiere hatten es soweit gut bei ihm, aber durch meine Erfahrung attestierte ich ihm eine zerstörte Zukunft, ein Leben im Dreck, irgendwann 500 Hunde und ein Zustand kurz vor der Kapitulation.
Für diese damaligen Gedanken möchte ich mich nun aufrichtig entschuldigen. Was Takis mit seinem neuen Tierheim und den vielen, vielen Fans um ihn herum, geschaffen hat, sucht in Griechenland seinesgleichen. Lediglich das Tierheim im Norden von A.C.E. - Tiere in Not e.V. kann mithalten, ansonsten kein einziges. Den ganzen Hang hat er gekauft, die einst schlammige Zufahrtsstraße betonieren lassen und ein Haus gebaut, welches über den einzelnen Gehegen thront. Natursteinmauern, heller Kies, Edelstahlzäune, Blumen und Pflanzen trennen die Gehege in einer Harmonie voneinander, dass man sich gar nicht wie in einem Tierheim fühlt. Überall Hunde, die aber durch die Bank einen entspannten Eindruck machen. Das Geld bekommt er zusammen, weil er eine tolle Internetpräsenz bietet und die Leute erkennen, dass er das Geld nicht für sich nutzt, sondern für „seine“ Tiere. Einen Beweis liefert er sofort. Mit einer Spendenaktion zu Ehren eines verstorbenen Hundes, hat er eine mittlere fünfstellige Summe zusammengetragen und ist mit diesem Geld schnurstracks zu den ortsansässigen Tierärzten gegangen und hat ihnen erklärt, dass sie ab jetzt jedes Tier, gerade auch die von Besitzern, kastrieren können. Er bezahlt die Rechnung. Wie geil ist das denn??!!!
Eine ähnliche Idee hatte ich bereits auch schon einmal, hatte sie aber verworfen, da mir die Kontrolle zu kompliziert war und sich Fragen aufstellten, auf die ich keine Antwort fand. Nun aber bin ich inspiriert, stelle Fragen über Fragen und bedanke (und entschuldige mich insgeheim) bei einem Mann, dessen Arbeit mich völlig überzeugt hat.
Die anderen Tierschützer von Ierapetra teilen meine Einschätzung und überhaupt habe ich das Gefühl, dass in dieser Gegend gut zusammen und nicht gegeneinander gearbeitet wird.
Karen und Wolfgang, zwei Tierschützer, die ich auch schon einige Jahre kenne, laden mich ein, ihre Station zu besuchen. Auch hier freut mich das Engagement eines Ehepaares, die Deutschland verlassen hatten, um im Ruhestand auf Kreta ihren wohlverdienten Lebensabend zu genießen. Dass sie heute mehr arbeiten, als in ihrem Berufsleben, bereuen die beiden in keiner Weise. So wie ich sie kenne und kennengelernt habe, sind sie zu jeder Hilfe bereit, kümmern sich vorwiegend um Welpen (auch um Flaschenwelpen – jeder, der bereits einen Wurf mit der Flasche großgezogen hat, weiß, was das bedeutet) und vermitteln diese. Die Anlage ist schön gepflegt, nur um ihr Privathaus herum wären kleinere Gehege, ähnlich unserer Katzenausläufe, eine Erleichterung für die beiden, denn die heranwachsenden Welpen leben bis jetzt im Haus. Haben Sie schonmal einen Wurf heranwachsender Welpen im Haus gehalten? Soweit ich richtig gezählt habe, sind es momentan drei Würfe. Ich sage ihnen die Finanzierung der Gehege zu.
Soweit ich es einschätzen kann, ist die Situation durch Corona in Ierapetra auch nicht entglitten. Es wird mir berichtet, dass es vielleicht noch 300 Straßentiere gibt, die aber zu einem großen Teil bereits kastriert sind. Früher sollen es um die 3000 gewesen sein. Wir können uns noch gut an diese Zeiten erinnern...
Lediglich die einzelnen, dunklen Stallungen des Schlachthofes gehen mir nicht aus dem Sinn. Dort sind unter anderem Junghunde eingesperrt, die zwar auch mal raus dürfen, die aber kaum eine Chance haben, im fortgeschrittenen Alter vermittelt zu werden. Jetzt, wo sie noch kein sind, wäre es möglich. Und mitten in diesem Gewusel ein kleiner dicker Hund, der durch sein mopsiges Aussehen nicht gerade einem Modellkörper entspricht, der aber sichtlich genervt ist, von den Halbstarken. Aber ins NLR kommen nur Notfälle und das hier sind keine, oder?
Ich stelle am Abend genau das zur Diskussion und zwei Minuten später sind fünf Tiere ausgesucht. Der mopsartige Opa ist auch mit dabei. Ich fahre mit den neuen Gästen ins NLR zurück, während das Team noch einen Kastrationstag anhängt. Ich habe die ersten Zwerge nach dem Bad noch nicht trockengerubbelt, um ihnen den Schlachthofmief abzuwaschen, da kommt die Nachricht hinterher, ob nicht noch zwei… Na klar, die sind ja alle schnell vermittelt, aber was ist mit den 23 aus Kalyves? Außer den nassen Fellbündeln in meiner Hand sehe ich im Moment nirgendwo Gerechtigkeit.

Ein Tag, versunken in Gedanken

Takis hat mich angestochen. Je länger ich über seine Idee mit den Kastrationen von Besitzertieren bei griechischen Kollegen nachdenke, desto heller leuchtet die Lampe. Es ist für neue Kretabesucher vielleicht nicht vergleichbar, aber die älteren Kretafans können sich sicherlich noch an die Zeiten der Hunderudel in jeder Straße erinnern. Diese gibt es nicht mehr.  Trotzdem werden immer wieder Welpen in Kartons gefunden. Aber keine Straßenhündin legt ihre Welpen in einem Karton vor irgendeine Haustür. Wo kommen diese Welpen also her? Richtig, von Tieren unverantwortlicher Besitzer. Oder von verarmten Besitzern, was ich in diesen Zeiten auch gerne glauben mag.
Fakt ist, dass wir Privattiere nicht kastrieren dürfen und das ist auch richtig so. Das ist die Aufgabe der ortsansässigen Tierärzte, womit diese schließlich einen Teil ihres Geldes verdienen. Was wäre wohl in Deutschland los, wenn Privattiere plötzlich von einer Konkurrenz aus fremden Ländern operiert werden würden?
Und die Gemeinden? Sie sind einsichtiger geworden und bezahlen mittlerweile auch einen Obolus für den Tierschutz. Allerdings reicht das Geld vorne und hinten nicht und egal mit welchem Bürgermeister ich mich treffe, sie alle sind froh und dankbar für unsere Hilfe.
Und noch ein wichtiger Punkt durchkreuzt meine Gedanken. Die Genehmigungsverfahren für neue deutsche Tierärzte, die in Griechenland arbeiten wollen, dauern immer noch endlos lange. Demnach ist es für mich und Melanie, die die Terminplanung aller Einsätze koordiniert, extrem schwierig, Kreta über das gesamte Jahr abzudecken. Und immer noch rufen die Tierschützer, kaum haben wir eine Stadt verlassen, wann wir das nächste Mal wieder da sind.
Und was passiert mit dem Notfall, der gefunden wird, wenn wir gerade abgereist sind?
Andis „Hm“ hilft mir auch nicht weiter.

Ein Tag in Rethymno – immer noch gedankenversunken

Eine komplette Erstattung der Kosten für die Kastration von Privattieren, so wie Takis das in Ierapetra jedem Einwohner ermöglicht, ist in einer Stadt, die dreimal so groß und von zig keinen Dörfern umgeben ist, für uns nicht finanzierbar. Aber wir haben in den letzten Jahren doch  Reserven angelegt. Keine riesige Summe aber für den Notfall. Ist die Coronazeit nun ein Notfall oder nicht? In gewisser Weise schon. Zumindest sind viele Griechen in bedenkliche Situationen gerutscht, die eine Kastration ihres Tieres unter Garantie nicht mehr zulässt.

In meinem Kopf wird die Idee konkreter:

Notgroschen für schlechte Zeiten

Der Förderverein Arche Noah Kreta e.V. stellt den Tierschützern und Tierärzten von Rethymno 50.000,- für Kastrationen zur Verfügung.

Warum vollzieht der Verein diesen Schritt?
1. Die Zusammenarbeit zwischen dem Förderverein Arche Noah Kreta e.V., der Stadtverwaltung, den Tierschützern und den lokalen Tierärzten hat sich seit Jahren kontinuierlich verbessert.
2. Der Förderverein Arche Noah Kreta e.V. möchte mit dieser Summe beweisen, dass er den lokalen Tierärzten in der eh schon schwierigen Zeit kein Geld wegnimmt, sondern dass das Gegenteil der Fall ist.
3. Es ist dem Förderverein Arche Noah Kreta e.V. rechtlich nur erlaubt, herrenlose Straßentiere zu kastrieren. Privattiere, und das ist völlig legitim, sollen von den lokalen Tierärzten operiert werden. Da die Krise in Griechenland viele Menschen an den finanziellen Abgrund getrieben hat, werden weniger Privattiere kastriert. Wir möchten den Zustand ins Gegenteil verkehren.
4. Der Förderverein Arche Noah Kreta e.V. ist mit seinem Personal für die Arbeit in den anderen Städten/Gemeindepraxen mehr als ausgelastet. Und da nicht nur die Straßentiere für neue Straßentiere sorgen, sondern ebenfalls die Privattiere, auf die wir keinen Zugriff haben, ist dieser Schritt konsequent.
5. Wir arbeiten in den Gemeindepraxen immer nur wenige Tage im Monat. Aber nicht nur dann werden Tiere trächtig, sondern auch während unserer Abwesenheit. Damit die Welpen nicht geboren werden, erhalten Tierschützer somit die Gelegenheit, die Welpenflut weiterhin im Vorfeld einzudämmen.

Wie wird das Projekt umgesetzt?
Privatleute oder Tierschützer dürfen den Tierarzt ihres Vertrauens mit ihren Tieren aufsuchen. Nach vorheriger telefonischer Anmeldung bei uns wird dort ein Formular ausgefüllt und vom Tierarzt und dem Bringer des Tieres unterschrieben. Ein Foto inklusive Chipnummer wird beigelegt. Die Rechnungen werden in monatlichen Abständen vom Förderverein Arche Noah Kreta e.V. beglichen. Eine Kastration ist an das Chippen des Tieres gebunden.

Gibt es bereits ähnliche Vorhaben?
Der Tierschützer „Takis“ aus Ierapetra (im Südosten der Insel) hat eine ähnliche Summe den Tierärzten seiner Region zur Verfügung gestellt. Er spricht von einem riesigen Erfolg. Niemand ist plötzlich mehr gegen ihn...

Woher kommt das Geld?
Wir nehmen die finanzielle Zusage aus unseren angesparten Rücklagen. Rücklagen dienen als Notgroschen für schlechte Zeiten und Krisen. Wenn wir nicht jetzt eine Krise haben, wann dann? Wir hoffen, dass dieser Schritt von unseren Mitgliedern und Spendern gutgeheißen und mitgetragen wird.

Der Vorstand

 

Aber wollen die lokalen Tierärzte überhaupt mit uns zusammenarbeiten? Mit einem Verein, dessen Vorsitzenden man mit seinen Kolleginnen am liebsten aufgehängt hätte? Und welche Summe bieten wir ihnen im Einzelfall an?
Mit vier von ihnen führe ich nette und ehrliche Gespräche. Wir kennen uns bereits und hier will niemand mehr irgendjemanden aufhängen. Es ist ein sehr kollegiales, fast freundschaftliches Verhältnis, weil endlich eine Generation Einzug gehalten hat, die das Tierelend auch minimieren möchte und nicht in erster Linie immer nur den Profit im Auge hat. Wir sind uns einig, dass ein Zuschuss, sozusagen als Rabatt für Tierbesitzer sicher den einen oder anderen Griechen zur Kastration seines Tieres bewegen könnte. Und wir nehmen niemandem etwas weg, im Gegenteil der Förderverein unterstützt in gewisser Weise die Arbeit der Tierärzte. Wer sollte etwas dagegen haben?
Aber bevor wir das Ding festziehen, möchte ich ALLE Tierärzte von Rethymno aufsuchen und mit ihnen sprechen. Gerlinde, sie spricht beide Sprachen fließend, hilft mir und tatsächlich, wir werden in jeder Praxis freundlich empfangen. Vielleicht waren diese persönlichen Kontakte überfällig, denn meine Sichtweise auf die Einstellung der Kollegen in Rethymno hat sich geändert und vielleicht auch die eine oder andere Meinung über unsere Arbeit.
Ich brauche noch ein paar Tage und möchte mit so vielen Menschen wie eben möglich über die Idee diskutieren, aber es zeichnet sich etwas ab, was wie folgt aussehen könnte:

Liebe Kollegen aus Rethymno!

Vielen Dank für die netten, offenen und ehrlichen Gespräche der letzten Woche. Dieses persönliche Kennenlernen war höchste Zeit und trägt hoffentlich dazu bei, entstandene Vorurteile, Missverständnisse und Argwohn abzubauen.
Sollten wir bei unseren Besuchen den einen oder anderen Kollegen nicht persönlich aufgesucht haben, so war das keine Absicht, sondern Unwissenheit. Bitte informieren Sie mich über fehlende eMail Adressen oder leiten Sie die Mail einfach an nicht aufgeführte Kollegen weiter.
Mit dem Einbezug ALLER Tierärzte möchten wir eine Transparenz auch untereinander schaffen.
 
In Anbetracht der relativ wenigen Straßenhunde, der aber trotzdem immer wieder auftauchenden Welpen, lässt sich leicht erkennen, das diese von Privatleuten ausgesetzt werden und die Tierschützer ihrer Gemeinde noch immer ernsthaft (über-) fordern.
Deshalb möchten wir die Kastrationen von Tieren im Raum Rethymno mit einer Summe von € 50.000,- fördern.
Dieses Geld ist als Rabatt zu verstehen, welcher an Privatleute weitergereicht wird, wenn sie ihr Tier zur Kastration zu Ihnen bringen.

Hündinnen unterstützen wir mit € 50,-
Rüden mit € 30,-
Katzen mit € 30,-
Kater mit € 10,-

Geht das Geld zur Neige, werden wir Sie rechtzeitig informieren.

Um diesen Schritt vor unseren Mitgliedern transparent zu gestalten ist das Prozedere Folgendes:
50 Plakate werden in Supermärkten, Tankstellen, Rathäusern, Tierarztpraxen, etc. auf die Aktion hinweisen. Die darauf erkennbare Telefonnummer muss zuvor zur Anmeldung kontaktiert werden. Dort wird der Besitzer seinen Namen, Adresse, Telefonnummer und Rasse und Geschlecht seines Tieres angeben. Anschließend sucht er, nach eigener Wahl, den Tierarzt seines Vertrauens auf. Das weitere Vorgehen bespricht die jeweilige Praxis in gewohnter Art und Weise mit den Besitzern, ebenso wie den Termin und die Nachsorge.
Wir bitten die Tierärzte, ein Foto des Tieres in Narkose inklusive des angehängten Formulars auszufüllen und uns per Mail zuzusenden. Dadurch ist uns ein Abgleich der Anmeldung und der anschließenden Kastration möglich. Sollte sich jemand spontan in Ihrer Praxis zur Kastration seines Tieres entscheiden, bitten wir Sie ebenfalls um eine vorherige Anmeldung unter der auf dem Plakat angegebenen Nummer.
Tiere, die bei uns nicht angemeldet sind, erhalten keinen Rabatt. Auch nachträgliche Anfragen sind nicht möglich.
An die Kastration schließt sich das Chippen und die Registrierung an. Besitzer, die einen Chip ablehnen, erhalten keinen Rabatt.

Der Besitzer bezahlt den praxisüblichen Preis, abzüglich unseres Rabattes bei Abholung des Tieres.
Dieser wird in einer Sammelrechnung (hier bitte die Chipnummern aufführen) zum Anfang des Folgemonates an chef@archenoah-kreta.com gesandt. Innerhalb einer Woche begleichen wir die Summe.

Ihre Preisgestaltung ist aus meinen Augen weder übertrieben noch falsch und Ihr gutes Recht, die Summe zu fordern, die Sie für richtig halten. Deshalb mischen wir uns an dieser Stelle auch nicht ein, sondern gewähren JEDEM Kollegen den Rabatt an sein Klientel weiterzureichen.

Bei den Straßentieren, gerade bei der Katzenpopulation, sehen wir das allerdings anders. Bei diesen Tieren ist Hilfe erforderlich, denn ihr Leid ist grenzenlos. Sie wissen das genauso gut wie wir und falls nicht, fragen Sie die Tierschützer ihrer Gemeinde. Empathie sollte, gerade von uns Tierärzten, bei Bedürftigen vor dem Profit stehen.
Deshalb möchten wir Einfluss nehmen auf die Preisgestaltung bei der Kastration von Straßentieren. Da es keine gesetzliche Untergrenze gibt, ist es jedem Tierarzt selbst überlassen, wie viel er für eine Kastration berechnet. Von daher finden wir es weder unkollegial noch rechtlich bedenklich, wenn einige Kollegen einen deutlich niedrigeren Preis in Rechnung stellen, als bei Privattieren. Diese Einstellung begrüßen wir ausdrücklich und beteiligen uns ebenfalls mit dem oben angeführten Rabatt, wenn insgesamt aber nicht mehr als  


€ 80,- für Hündinnen
€ 45,- für Rüden
€ 50,- für Katzen
€ 30,- für Kater

berechnet wird.

Die Differenz zu unserem Rabatt bezahlen die Tierschützer.
 
Die Einnahmen der Vorbehandlungen, bevor also ein Straßentier überhaupt erst kastriert werden darf (Chip, Tollwutimpfung, Leishmaniosetest), fließen ja bereits von der Gemeinde zu Ihren. Ich möchte erneut zum Ausdruck bringen, dass ich einen Leishmaniosetest für sinnlos erachte.

Aus persönlichen Befindlichkeiten, Sympathien oder Antipathien zwischen Ihnen und den Tierschützern vor Ort, möchten wir uns heraushalten.
Ebenso haben wir mit anderen Programmen von anderen Tierschutzvereinen nichts zu tun.

Gerne können wir alle gemeinsam die Gemeinde von Rethymno um einen ergänzenden Zuschuss für die Kastration von Straßentieren bitten, aber ich denke, wir kennen die Antwort.

Im Namen unseres Vorstandes danke ich Ihnen für Ihr Vertrauen

Thomas Busch

Einer der letzten Tage

120 Hunde auf einem nicht eingezäunten Gelände. Einige haben Schafe gerissen und sind wohl auch schon von wütenden Hirten erschossen worden. Alle unkastriert. Die Sammlerin: eine Psychopathin.
„Kommt mir bekannt vor“, murmle ich, als Nelly, eine Tierschützerin aus Rethymno, mich um Hilfe bittet.
Wir packen zwei Säcke Futter ins Auto und machen uns auf in die Berge. Die Dörfer, die wir durchqueren, sehen verfallen und verlassen aus. „Hier will keiner mehr wohnen“, sagt Nelly. „Alle flüchten in die Stadt, um Geld zu verdienen.“
Dann wird die Straße enger. Unser Bus quält sich mal wieder über eine Piste, die in Deutschland vielleicht eine Teststrecke für Stoßdämpfer wäre. Wir halten und warten, bis sich die Staubwolke, die wir aufwirbelten, verzogen hat. Aus dem Jeep, der uns vorausfuhr, klettert der Cousin der Psychopathin. Irgendwie sind hier ja alle miteinander verwandt, aber immerhin redet sie noch mit ihm.
Wir folgen ihm zu Fuß in Richtung Gebell. Vorsichtig sollen wir sein, denn einige der Hunde beißen. Hinter einem Zaun, der eigentlich gar nicht da ist, betreten wir ein Gelände, was sich von den Umliegenden dadurch unterscheidet, dass überall Müll herumfliegt und Futter aus dem Boden zu wachsen scheint. Die Psychopathin begrüßt uns und eigentlich sieht sie ziemlich normal aus. Eigentlich sogar ganz nett. Wir lächeln und lauschen einer Unterhaltung, von der wir natürlich kein Wort verstehen, die aber, so erfahren wir später, dazu dient, Vertrauen und Aufklärung zu schaffen. Die Dame hat Angst um ihre Tiere, denn alle halten sie für verrückt und sie hat auch Angst, dass noch mehr erschossen werden. Deshalb schläft sie seit einiger Zeit unter einem der Olivenbäume.
Zu unserer Überraschung sehen die Hunde aber gut ernährt aus. Auch Zeckentrauben, wie in einem der zuvor besuchten Tierheime, finden wir nicht. Es sind überwiegend kleinere Mischlinge und ich frage mich, welcher denn hier beißen würde?
Etwas weiter hinten befindet sich allerdings ein Rudel größerer Hunde, aber hinter einem Zaun. Die sind sehr schüchtern, kläffen wie verrückt und attackieren mich beim Abwenden von hinten. Aber der Zaun hält.
Das hier sind keine 120 Tiere, sondern gerade mal 70 und die wohl auch noch verteilt auf mehrere Grundstücke.
Wie leicht wäre es für uns, hier aufzuräumen. Sowohl den Dreck, als auch die Tiere. Das hat man mir übrigens noch nie erklären können, was Aufräumen mir arm oder reich zu tun hat? Warum muss hier überall der Müll rumfliegen? Gewohnheit? Fehlende Erziehung? Resignation?
Ein konkretes Ergebnis hat dieser Besuch nicht hervorgebracht, aber die Skepsis ist vielleicht ein bisschen verschwunden und die Dame ist einsichtig, dass sie alles braucht, nur keine, bei ihr produzierten, Welpen.

Anschließend fahren wir zu dem, sehr netten und sehr tierlieben, Präsidenten der Gemeinde, um auch mit ihm über das Problem, beziehungsweise die Lösung zu reden. Hier erfahre ich, wie kompliziert die Lage wirklich ist. Das Grundstück der Dame ist privat, die Gemeinde hat also keinen Einfluss darauf und kann natürlich auch keine Gemeindegelder dort einsetzen. Aber ein wohlhabender Ausländer, der in unmittelbarer Nähe sein Haus hat, beschwert sich über den Lärm.
Nun versucht der Präsident eine Hundehauskonstruktion zu beschaffen, die den Schall aufhalten soll. Den Alucontainer oder Halle – so genau habe ich das nicht verstanden – bekommt er von einem Unternehmen sehr günstig oder sogar umsonst, denn er möchte und kann der Dame die Hunde nicht wegnehmen und ist wahrscheinlich insgeheim auch froh, dass sich jemand um die Tiere kümmert. Allerdings dürfen sie nicht mehr frei herumlaufen, denn die Wut der Schäfer richtet sich gegen ihn, wenn wieder Schafe gerissen wurden. Einige Hunde wurden schon erschossen, was wiederum die Dame in Panik versetzt, weshalb sie bei ihren Hunden lebt uns schläft und ihrem Job als Lehrerin nicht mehr nachkommt. Verliert sie den Job, fehlt ihr das Geld, was sie unbedingt für ihre Tiere braucht und die Spirale dreht sich nach unten. Auch die von uns angebotene Kastration ist rechtlich nicht ganz einfach, aber uns fällt eine Lösung ein.

Ist das heute wirklich schon der letzte Tag? Wir sind doch eben erst angekommen…

Pelle Papandakis streckt sich in seinem Körbchen neben unserem Bett. Die ganze Nacht hat er dort brav und seelenruhig geschlafen und nicht einen einzigen Mucks von sich gegeben. Wie wir hörten, wurde er im Schlachthof, oh pardon, im Tierheim von Ierapetra abgegeben, weil seine Familie ein Kind erwartete. Sagen wir dazu besser nichts. Aber das erklärt, warum der kleine dicke Mopsartige mit dem nicht vorhandenen Modellkörper so nett und ruhig ist. Melanie und ich überlegen, ob er nicht ein Kandidat für unsere morgige Rückreise sein könnte. Da wir ihn aber mit in die Kabine nehmen wollen, müssen wir testen, ob er ein ruhiger Geselle ist oder doch irgendwelche Unarten hat. Nichts davon, Pelle ist Zucker. So darf er bis zu seiner Abreise im Haus des NLR leben, was eine große Ehre für ihn ist und ihn dort die Welpen auch nicht mehr nerven können.

Es ist 8:00 Uhr. In 11 Stunden legt unsere Fähre in Heraklion ab. Es ist noch Zeit. Die 23 Tiere von dem ersten „Tierheim“ das ich besuchte, haben mich in den ganzen drei Wochen nicht in Ruhe gelassen.
„Ich fahre nach Kalyves, will jemand mit?“ höre ich mich am Frühstückstisch sagen.
Erstaunte Blicke, Stühlerücken, hektisches Einladen der Antiparasitika, der Augen- und Ohrencremes, des Fotoapparates, der Boxen. Rekordzeit! Gespenstische Ruhe im Auto.
Ich hatte mit dem Bürgermeister alles Weitere besprochen. Er übernimmt die Sanierungsarbeiten des OP-Raumes, besorgt einen Arbeiter, der täglich nach den Tieren schaut und wird versuchen, das „Tierheim“, was ja eigentlich gar keins ist, zu schließen. Außerdem ist er mit meinem Vorschlag einverstanden, wie wir Privattiere kastrieren können, ohne die bestehenden Gesetzte zu verletzen. Mir ist da was eingefallen, was aber nur in dieser Region funktionieren kann. Auch ist er hocherfreut, als ich ihm anbiete, die Tiere nach und nach zu uns zu holen. Bis Weihnachten werden wir brauchen, aber die ersten drei nehmen wir heute schon mit. Die sechs Welpen aus Ierapetra, die dort glücklicherweise bereits geimpft und gechippt waren, sind soweit gesund und können nach Deutschland ausreisen. Pelle nehmen wir mit. Dann ist ein Zwinger leer. Michelle nickt. Sie ist bis zu Antonias Wiederkehr alleine in der Station, wird sich aber um die neuen Gäste gerne kümmern.
Mein Angebot ist aber an eine Bedingung geknüpft: Ich möchte dieses „Tierheim“ schließen und sobald auch nur ein einziges neues Tier aufgenommen wird, trete ich von meiner Zusage zurück.
Wir gehen von „Gehege“ zu Gehege, entflohen, entwumen, entzecken. Wir machen Fotos, nummerieren diese mit den passenden Chipnummern und flüstern jedem einzelnen Tier ein Versprechen ins Ohr. Aber welche nehmen wir heute mit? Dieses Auswählen ist die Hölle! Als wir uns für zwei niedliche Junghunde entschieden haben, ist noch ein Platz frei. Michelle verschwindet in einem dunklen Gang, in dem wir schon gar kein Tier mehr erwartet haben und kommt mit einer total verängstigen Hündin auf dem Arm zurück. „Sie wolle mich sogar beißen,“ meint Michelle, „aber das wird sie sicherlich nie wieder tun“.
Damit ist klar, welche drei mitkommen, zumal die Kleine übersät mit Zecken ist. Gerade als wir sie einladen, fährt ein Auto vor das Gelände. Ein Mann steigt aus, führt kurz ein Gespräch mit dem Arbeiter und verschwindet wieder. Zurück bleibt ein Hund, den der Arbeiter ins Haus führt.
„Was ist mit dem?“, frage ich und erhalte ein Schulterzucken. Was für eine blöde Frage habe ich da gerade gestellt.
So aber funktioniert das nicht! Das Tierheim muss schnell geschlossen werden und die Zwinger abgerissen werden. Erst wenn die Bevölkerung keinen Anlaufpunkt mehr hat und es ihnen nicht mehr so einfach gemacht wird, sich der Verantwortung an einem Zaun zu entledigen, wird sich etwas ändern. Das bestätigen mir sehr viele Tierschützer, unter anderem auch Takis, der meint, er hätte keine Lust mehr, der Sklave der Gesellschaft zu sein. Verstehen kann ich ihn.
Aber zurück zu diesem Hund. Der Arbeiter des Tierheimes war vom Bürgermeister noch nicht in Kenntnis gesetzt worden, dass er kein Tier mehr anzunehmen hat. Wir entschuldigen das, hoffen, dass das der letzte Hund war und fahren mit vier Tieren zurück ins NLR. Die Zurückbleibenden sind nun gegen Parasiten behandelt, gechippt und vielleicht auch geimpft. Da wir die Tiere aber nicht genau kennen oder charakterisieren können, ist für eine solide Vermittlung immer ein Aufenthalt im NLR der bessere und sichere Weg. Trotzdem stellen wir Ihnen die Tiere bildlich vor, mit einer Beschreibung die aus einer zweiminütigen Begegnung herrührt. Sollten Sie helfen wollen, das Tierheim möglichst schnell schließen zu können und an dem einen oder anderen Hund Interesse haben, melden Sie sich bitte bei mir. Vielleicht kann auch ein deutsches Tierheim helfen, dort bestehen ja oft wesentlich bessere Möglichkeiten, unbeschriebene Blätter zu lesen.

Um 20:00 Uhr gehen wir an Bord. Mit uns vier Katzen und Pelle Papandakis, der so tut, als wären wir schon seit einem gefühlten Jahrhundert seine Familie.
Die Überfahrten funktionieren ohne weitere Vorkommnisse, lediglich wissen wir in diesem Coronachaos nicht, ob wir in Italien einen negativen Test vorweisen müssen. Hinweise und Ratschläge trudeln massenhaft auf unseren Handys ein, aber genaueres weiß keiner. Uns bleibt nichts anderes übrig, als einfach loszufahren und abzuwarten. Eine Quarantäne in Italien wäre aber ziemlich blöd mit unserer Ladung.
In Italien ist nichts. Alles gut und wir starten die letzten 800 km nach Hause.

Das Kastrationsteam unter der Leitung von Melanie hat 346 Tiere operiert. Kein Rekord, aber trotzdem eine wahnsinnige Leistung angesichts des wahrscheinlich einzigen Monats im Jahr, in dem unsere ehrenamtlichen Helfer durch den Tourismus eine kleine Chance auf ein Einkommen haben und deshalb als Fänger nicht nächtelang zur Verfügung standen. Eine Leistung, die für uns schon Normalität ist, aber die müden Augen von Melanie sprechen eine andere Sprache. 346 Tiere, die Verantwortung über Leben und Tod, stundenlang bei oft über 30 Grad auf einem Fleck am OP-Tisch stehend, sind eben doch nicht ganz normal.
Aber es sind so auch Räume für gute und wichtige Gespräche geblieben, in denen wir über die Sorgen, Nöte und Ängste unserer Partner sprachen und sie teilweise auch beruhigen konnten. Es gab Raum für zukunftsweisende Ideen, für Hilfen und Verbesserungen. Und es ließ Platz für eine Arbeit, die von uns sonst eigentlich nebenbei betrieben wird; für die Rettung der Tiere, die nun einmal auf dieser Welt leben, die aber unliebsam geworden sind.
So wie Pelle Papandakis, der nach der langen Fahrt zum ersten Mal an einem deutschen Lattenzaun sein Bein hebt.

Melanie, Thomas und Samuel