Unter Wasser

Griechenland August 2019

Vier Wochen liegen hinter mir. Vier Wochen, in denen ich 600 Operationen durchgeführt habe. 400 weibliche Tiere mal unsere theoretischen 10 Welpen, die dadurch nicht auf diese Welt kommen, macht 4000 Mal ungewolltes Leid verhindert. Eigentlich könnte ich zufrieden sein.

Aber all das zählt nur bedingt. Es macht mich fertig zu wissen, wie vielen wir nicht helfen konnten. Die, die in einem unerträglich schlecht geführten Tierheim hausen. Die, die wir nicht retten konnten und die in meinen Armen eingeschlafen sind. Die, die wir im Vorbeifahren gesehen haben und ich weiß, dass auch sie irgendwann im Graben liegen. Schwer verletzt und leidend.

Thomas meint, ich soll mich über das freuen, was geschafft ist und mich nicht von dem runterziehen lassen, was liegengeblieben ist, aber das ist gar nicht so einfach.

Mitten drin im Einsatz sind solche Gedanken weit weg. Dann muss ich funktionieren und habe keine zusätzlichen Energien. Zuhause, nach dem Einsatz, ist der Akku leer, der Schlafmangel zollt seinen Tribut und die nicht verarbeiteten Bilder tauchen wieder auf. Wieder und wieder.

Die kleine weiße Hündin, die in einem dieser „Tierheime“ saß und uns ihr kaputtes Vorderbeinchen hinhielt. Überall Dreck und Hoffnungslosigkeit. Von nun an soll sie es besser haben. Sie kommt umgehend in den Nachsorgebereich und bekommt dort neben der Wundversorgung alles, was für eine verwahrlost aussehende Hundedame von Nöten ist: ein Bad, eine Entfernung der Zottel und der Tränenspuren. Sie wird von einem Tierschutzverein übernommen und soll von nun an ein besseres Leben haben. Ihre schlechten Zähne sollten aber zuvor noch gereinigt werden und man brachte sie zu einem Kollegen. Aus der Narkose erwachte sie nicht mehr. Als ich diese Nachricht erhielt, zog es mir die Füße unter dem Boden weg. Wie konnte das passieren? Wo war die Gerechtigkeit? Sie hatte es fast geschafft.

Nach meinem Einsatz in Nordgriechenland flog ich sofort weiter nach Kreta. Was für eine Wohltat dort alles zu haben, was man braucht, um Tiere ordentlich zu pflegen und sie wieder gesund zu machen. Wie sehr genieße ich die Ordnung, die Sauberkeit! Das NLR ist ein kleines Paradies! Für Mensch und Tier.

Ich sehe Suro wieder, den kleinen Kerl, den wir bei unserem Nordgriechenlandeinsatz im Mai in unsere Obhut nahmen. Er hätte dort keine Chance gehabt. Nun begrüßt uns ein völlig lebensfroher Hund. Wir toben, wir spielen, wir rennen um die Baumstämme und während meine Sohn und vor allem Miriam sich immer mehr in ihn verlieben, zeigt er, was für ein toller Hund er ist. Ab jetzt darf er ins Haus und schläft brav und wohlerzogen neben Miriams Bett. Er wäre, wenn wir ihn nicht zu uns geholt hätten, einfach untergegangen. Und niemand hätte von seinem Leid erfahren. Niemand!

Kreta. Unsere Partner. Und wieder spule ich mein Programm runter. Jeden Tag früh aufstehen, die Tiere versorgen und dann ab zum Einsatzort. Da wir leider immer noch unter den Nachwirkungen der Nichtzulassung meiner Kolleginnen leiden, platzen unsere Partner aus allen Nähten mit unkastrierten Tieren. Auch wenn wir jetzt einen Schritt weiter sind, stehen nicht von heute auf morgen unzählige Tierärzte bereit, die uns helfen und unterstützen können. So werde ich bis auf vier Tage, diesen Monat komplett durcharbeiten. Jeden Tag mindestens 11 Stunden auf einem Fleck vor dem OP-Tisch. Aber es ist nicht nur das. Viele Besucher haben sich angekündigt. Einige Kollegen möchten sehen, wie wir arbeiten. Sowohl aus Deutschland, als auch von Griechenland. Eine Schauspielerin möchte uns ihre Stimme verleihen, eine Tierarzthelferin hat sich beworben und wenn alles passt, möchten wir sie fest anstellen. Thomas jagt in dieser Zeit von einem offiziellen Treffen zum nächsten und natürlich bin ich abends neugierig, mit welchem Ergebnis er nach Hause kommt. Zweimal operiere ich in der Praxis von griechischen Kollegen, was mich zwar sehr freut, dass das Eis immer mehr schmilzt, aber entspannt bin ich bei so etwas nun auch nicht. Vergessen Sie bitte nicht, dass ich 600 Mal die Verantwortung übernommen habe, dass das Leben, welches ich in Narkose lege, auch wieder aufwacht. Klar, ist das mein Job, möge der eine oder andere sagen, aber jedes Einzelne hat die volle Aufmerksamkeit und Wachsamkeit verdient.

Jetzt liege ich in meiner Badewanne und möchte mich erholen. Eine Stunde gegen vier Wochen. Warmes Wasser, um das viele Blut zu vergessen, duftendes Shampoo gegen den Gestank des besagten Tierheimes. Ich kriege den Kopf aber nicht frei. Ich sehe sie wieder und wieder vor mir, die, die den Kampf gegen Parvoviren trotz intensiver Behandlung nach Tagen dennoch verlieren, die, die mit Krämpfen am Boden liegen, weil sie nicht gegen Staupe schutzgeimpft wurden. Die, denen wir aus dieser Situation heraushelfen wollten und schwersten Herzens kapitulieren mussten. Ich tauche meinen Kopf unter Wasser, aber das nützt nichts. Ich trockne mich ab und setze mich an den PC. Vielleicht hilft es, wenn ich von meinen Eindrücken berichte. Zumindest wird es helfen, wenn ich Sie mitnehme, Ihnen erzähle, was sich 1,5 Flugstunden von unserer Heimat oftmals abspielt. Vielleicht schaffen wir es gemeinsam mit den notwendigen finanziellen Mitteln, den durch Kastration nicht geborenen Welpen dieses grauenvolle Sterben zu ersparen und den bereits Geborenen ein Leben in Würde zu gewähren!

Dann bin ich bereit, mich erneut auf den Weg zu machen. Auf den Weg zu denen, die in Tierheimen hausen oder denen, deren Leben wir durch unserer Handeln zu einem Besseren verändern können. Denn genau dafür bin ich Tierärztin geworden.

Danke an alle, die meinen Weg in diesen Wochen begleiteten. Jeder einzelne von Euch gibt mir unendlich viel Kraft und trotz der oft ausweglos erscheinenden Lage, ward ihr mein Rückgrad. Danke!
Eure
Melanie