Kreta

Der Blick durch den Sucher

Ein Bericht von Christine Heinemann, Fotografin

Gerade gelandet am Flughafen von Heraklion auf Kreta bin ich ziemlich aufgeregt, was mich in den kommenden acht Tagen erwarten wird. Ich bin hergeflogen, um die Arbeit des Fördervereins Arche Noah Kreta e.V. fotografisch zu dokumentieren. Bislang habe ich nur eine vage Vorstellung davon, was auf mich zukommt und wie es sein wird, bei einer Kastrationsaktion dabei zu sein. Ich habe auch etwas Angst davor, auf vielleicht schlimm verletzte Hunde und Katzen zu treffen. Gleichzeitig möchte ich gern sehen, wie der Tierärtzepool Tieren hilft und diese Arbeit unterstützen.

Auf den Förderverein Arche Noah Kreta e.V. aufmerksam wurde ich diesen Juli, als ich mit meinem Freund im vierten Jahr hintereinander auf Kreta im Urlaub war. An unserem Ferienhaus wurden wir jedes Jahr von einer roten Katzendame begrüßt, die den Urlaub mit uns verbrachte. Wir freuten uns jedes Mal sehr auf sie, verschoben es aber von Jahr zu Jahr, sie mitzunehmen, da wir zuhause eine Einzelgängerkatze besitzen. Außerdem schien sie hier glücklich zu sein.

In diesem Jahr war aber alles anders. Die rote Katzendame war unauffindbar, so sehr wir nach ihr Ausschau hielten. Auf unserer Terrasse fanden wir stattdessen einen jungen roten Kater, ganz offensichtlich ihr kleiner Sohn, den wir „Chilli“ tauften. Er klammerte sich regelrecht mit seinen Pfötchen an uns fest, wie wir es noch nie von einer Katze erlebt hatten und wich nicht von unserer Seite.
Im Ort selbst jedoch fand sich keine einzige Katze mehr, auch die Hunde waren weg. Ich wollte unbedingt wissen, was hier vorgefallen war und wie wir Chilli irgendwie helfen konnten und schrieb den Förderverein Arche Noah Kreta e.V. an, auf den ich im Internet gestoßen war. Am gleichen Tag rief mich Gregor Uhl zurück. Ich hätte nicht damit gerechnet, so schnell eine Antwort zu erhalten und schon gar nicht, dass sich jemand extra die Mühe macht, mich anzurufen.

Gregor erklärte mir freundlich, dass sich der Verein um die medizinische Versorgung, speziell aber um die Kastrationen auf Kreta kümmert und dass in der Region Chania bisher unsere Arbeit nicht erwünscht sei. Einen Lichtblick gäbe es aber, denn nach einem Mehrheitswechsel im Stadtrat zeige sich der neue Bürgermeister gesprächsbereit. Doch in der aktuellen Situation hielt Gregor es für wahrscheinlich, dass die Tiere also nicht anderweitig untergebracht wurden, sondern eher nicht mehr lebten. Das ließ mir keine Ruhe, ich forschte im Dorf weiter und fand schließlich einen Einheimischen, der auch vermutete, dass die Tiere wahrscheinlich vergiftet worden waren.

Natürlich wollte ich den kleinen Kater nicht so einer Gefahr überlassen. Gregor beriet mich, wie ich ihn impfen und kastrieren lassen könnte, nur musste ich ihn dann doch am Urlaubsende erst einmal zurücklassen, damit die Frist für das Wirken der Tollwutimpfung gewahrt wurde.

Zurück zuhause beschäftigte ich mich intensiver mit dem Förderverein und dem integrierten Tierärztepool. Gern wollte ich auch etwas tun, doch besitze ich keine medizinischen Kenntnisse. Umso mehr freute ich mich, als ich sah, dass jemand zur fotografischen Dokumentation der Einsätze gesucht wurde. Das wollte ich unbedingt machen!
Gesagt getan, hier bin ich nun knapp vier Wochen nach meinem Urlaub erneut auf Kreta, diesmal mit meiner Fotoausrüstung im Gepäck.

Am Flughafen begrüßte mich Thomas Busch, der Vorsitzendes des Vereins damit, dass ich nicht der einzige Gast sei, der heute eingesammelt wurde, sondern stellte mir Lilli, eine schwarz-weiße Bodercolliehündin, vor. Lilli war am Flughafen allseits bekannt und wurde von verschiedenen Shopmitarbeitern gefüttert. Plötzlich war sie einige Zeit verschwunden, tauchte aber in einem besorgniserregenden Zustand wieder auf: abgemagert, apathisch und mit blau-vernebelten Augen, so dass tierliebe Urlauber den Verein informierten.
Zum Glück war das Auto groß genug, um, wie ich schnell lernen sollte, stets zusätzlichen, tierischen Gästen einen rettenden Platz zu bieten. So kam Lilli direkt mit uns mit zur Station, um dort näher untersucht und verarztet zu werden.

Im New Life Resort, in dem ich die nächsten acht Tage wohnen würde, lernte ich das weitere Team, bestehend aus Tierärztin Melanie und den Tierarzthelferinnen Miriam und Michelle, kennen, die mir sogleich die dort versorgten Hunde und Katzen vorstellten. Alle Tiere waren als Notfälle hergekommen. Für Hunde und Katzen gab es Quarantäneboxen, größere Gehege mit Innen- und Außenbereichen, viel Freiraum für eine zahme Katzenpopulation, die im Garten am Haus lebte sowie eine separate wilde Katzenpopulation, die etwas mehr Distanz hielt. Entgegengehüpft kam mir ein sehr junges, verspieltes Kätzchen. Erst auf den zweiten Blick sah ich, dass ein Auge blind war. Die kleine Katze wartete darauf, kräftig genug zu werden, damit ihr verletztes Auge entfernt werden könnte. Nur auf einem Auge sehen zu können, schien sie nicht weiter zu stören, zielsicher und wild spielte sie mit einem Bällchen herum. Auch die anderen tierischen Bewohner lernte ich in den nächsten Tagen immer näher kennen, wenn wir sie morgens und abends vor den Kastrationseinsätzen in der Station versorgten.

Bevor ich auf Kreta beim Tierärztepool ankam, hatte ich mir nicht so recht vorstellen können, wie dessen Arbeit konkret aussehen würde. Jetzt war ich direkt mittendrin.

Jeder Tag startete frühmorgens mit der Versorgung der tierischen Patienten in der Station. Melanie überprüfte den Gesundheitszustand bzw. den Fortschritt der Genesung und wechselte Verbände, ich half den anderen, hungrige Mäuler zu stopfen und alles zu reinigen. Dabei wurde mir erklärt, welche Schicksalsschläge die anderen Patienten erlitten hatten. Manche Tiere waren bereits so weit genesen, dass ich oftmals nicht auf den ersten Blick erkennen konnte, was ihnen fehlte, die Befunde waren auch sehr unterschiedlich. Eine scheue Katze war von Hotelgästen mit stark verletztem Schwanz gefunden worden, der bis auf einen kleinen Stummel amputiert werden musste. Die meisten Tiere wurden nach ihrer Genesung nach Deutschland vermittelt, diese Katze wurde aber kurz vor dem Ende meines Aufenthalts wieder in ihrer Hotelanlage freigelassen, da das Hotel die weitere Fütterung übernehmen wollte.

Ich lernte Suro kennen, einen extrem freundlichen, lebendigen und zugewandten Hund. Er spielte abends lange und unermüdlich Fangen und Wettrennen mit Melanies Sohn, der ihn immer wieder auszutricksen versuchte, was der schlaue Suro aber schnell durchschaute. Zum Tierärztepool war er aus Nordgriechenland als von Hautparasiten geplagtes kleines Häufchen Elend gekommen und hatte sich in einen sehr ansehnlichen, gesunden Hund verwandelt, der nun nur noch darauf wartete, seine bereits in Deutschland auf ihn wartende, neue Familie in Kürze kennenzulernen (Seite 74).
Miriam berichtete von einer dreifarbigen Katze, die zur freilebenden, zahmen Population in der Station gehörte, dass sie einen schlimmen Autounfall gehabt und erstaunlicher Weise wieder laufen gelernt hatte. Allerdings habe sie keine Kontrolle mehr über ihre Blase, so dass man diese regelmässig ausdrücken müsse. Diese liebe Katze hat mich auch einmal fühlen lassen, ob ich die Blase ertasten kann, das Ausdrücken habe ich dann aber versierteren Händen überlassen.

Aber zurück zu den Kastrationsaktionen:
Gegen acht Uhr ist jeden Morgen die Versorgung der Tiere in der Station abgeschlossen und das Team des Tierärztepools macht sich auf den Weg zum Einsatzort. Da an unterschiedlichen Orten kastriert wird, wird das Auto mit einer Menge Equipment in vielen, teilweise sehr schweren Boxen beladen, um alles an Bord zu haben, aber auch, um auf Notfälle vorbereitet zu sein. In den ersten Tagen fanden die Kastrationen in einem kleinen, leerstehenden Gebäude statt, das eine Gemeinde dem Tierärztepool zu diesem Zwecke überlassen hatte. Begrüßt wurden wir dort von Hundegebell. Helfer, die Hunde und Katzen gefangen hatten, die sie uns zur Kastration bringen wollten, warteten bereits vor der Tür auf uns. Weitere Tiere würden im Laufe des Tages hinzukommen. Die Helfer brachten die Tiere herein, dort übernahm das Team des Tierärztepools, während die Helfer drauf warteten, die Tiere nach erfolgreicher Kastration später wieder an ihren Ursprungsort zurückzubringen.
Jedes Tier wurde eingangs untersucht, es wurde entwurmt, geimpft, die Ohren gereinigt und, wenn das Tier für operationsfähig erachtet wurde und keine vordringlicher zu behandelnden Verletzungen oder Krankheiten aufwies, alle Vorbereitungen für die Kastration getroffen.

Meine Hauptaufgabe bestand darin, alles fotografisch zu dokumentieren. Nebenher begann ich, ein wenig bei den um eine Kastration herum anfallenden Aufgaben zu unterstützen. So lernte ich, einer betäubten Katze die Ohren sauber zu machen oder wie man einen sedierten Hund am besten anfasst, um ihn zum OP-Tisch zu tragen und Vieles mehr. Oft habe ich Katzen unterstützt und gereinigt, die nach ihrer Kastration einzeln zum Aufwachen in ihren Boxen lagen und sich im bewusstlosen Zustand übergeben mussten, und dabei geprüft, dass sie sich nicht verschlucken oder im schlimmsten Fall ersticken.
Bei manchen der verletzten Tiere fragte ich mich, wie lange dieses Tier schon immense Schmerzen aushalten musste, bevor es jemand zum Tierärztepool brachte.

Neben gebrochenen Beinen und Zahnoperationen war es leider auch häufig notwendig, dass Melanie Hunden und Katzen ein Auge entfernte, das oftmals nicht mehr zu retten war und manchmal kaum mehr wie ein Auge aussah. Mir war nicht klar, dass ein Auge richtiggehend auslaufen kann – das muss alles sicherlich sehr weh tun.

An meinem ersten Tag wurde uns eine weiße Katze gebracht, die sehr ruhig, eher apathisch in ihrer Box saß. Sie hatte ein völlig zerfleddertes Ohr. Ich nahm an, dass  es ihr vielleicht ein Hund abgebissen hätte. Das war es aber nicht, Melanies Diagnose lautete Krebs, die genaue medizinische Bezeichnung habe ich mir nicht gemerkt. Es ist wohl häufig so, dass gerade die weissen Katzen in der vollen Sonne öfters an Hautkrebs erkrankten. In ihrem Fall waren nur noch wenige Fetzen vom Ohr übrig. Melanie zeigte mir, dass auch der unter dem Ohr liegende Bereich stark angeschwollen war, eine dicke Beule voller Krebs. Ich nahm an, dass der Katze sicher nicht mehr zu helfen sei und Melanie sie daher sicherlich einschläfern würde.

Melanie aber meinte, der Tierärztepool wolle jedem Tier eine Chance geben. Das hat mich sehr froh gemacht, ich fand es toll. Michelle reinigte das Ohr und rief mich herbei, um mir zu zeigen, dass es im Ohr bereits von Maden krabbelte. Sie reinigte alles gründlich und Melanie operierte, schnitt das Ohr ab, entfernte ebenso den darunterliegenden Tumor und nähte alles zu.
Zwischenzeitlich hatte die Helferin, die diese Katze, die wir „Einohrkatze“ tauften, eingefangen hatte, Infos über sie eingeholt: Niemand wartete auf ihre Rückkehr und sie wurde für nicht sonderlich zutraulich gehalten.
Umso erstaunter waren wir kurz nach der OP. Nachdem sie vom Tropf getrennt wurde und wieder anfing, vorsichtig aufzustehen, machte die Einohrkatze ihre ersten Schritte in Richtung Miriam. Sie kroch auf ihren Schoß und bat darum, gestreichelt zu werden. Wie sich herausstellte, war diese Katze sogar ausgesprochen lieb und erholte sich zusehends.

Durch die Kastration werden sie es nun besser haben, aber ich fragte mich, ob es nicht besser wäre, die Tiere in ein Tierheim zu bringen als wieder zurück zu ihrem Fundort.
Wenig später bekam ich meine Antwort, als das Team in einem Tierheim für Hunde operierte. Hier hatten die Hunde viel Sonne, wenig Schatten und kaum Rückzugsmöglichkeiten. Sie wurden in größeren Gruppen gehalten, manche schienen sich dabei gut zu vertragen, andere nicht so sehr. Ich habe mich gefragt, ob diese Hunde jemals einen Weg aus diesem Heim hinausfinden werden. Sie sind augenscheinlich versorgt, bekommen Futter und Wasser, sind vor Gefahren, wie vor Autounfällen geschützt. Nur findet jemand, der einen Hund adoptieren will, den Weg in ein solches Tierheim? Wie ist es für einen Hund, mit zahlreichen anderen Hunden ohne ruhige Bereiche eingesperrt zu sein? Verlieren nicht die Hunde, die weitestgehend unter sich bleiben, den Bezug zum Menschen, so dass ihre Vermittelbarkeit noch weiter sinkt?

Als ich mich dem Gitter näherte, drängte eine ausgewachsene Hundedame besonders stürmisch auf mich zu. Sie hatte zwei steife Hinterbeine auf denen sie wacklig balancierte, eins davon ganz verdreht. Als ich ihr sanft über die Nase streichelte, machte sie unter sich. Das Team vom Tierärztepool war in diesem Tierheim, um an diesem Tag herrenlose Hunde zu kastrieren, die von Helfern gebracht wurden.
Ich bat Melanie, sich diese Hündin zwischendurch einmal anzusehen. Die Hündin wurde zu uns ins Behandlungszimmer gebracht, wo sie aufmerksam alles beschnupperte. Sie konnte laufen, auch wenn die Hinterbeine sperrig wie Speere in den Boden gepiekst wurden. Nach ihrer Erkundungstour ließ sie sich erschöpft neben mich auf eine Decke fallen und von mir streicheln. Melanie stellte fest, dass die Hündin mehrere alte Brüche aufwies und es quasi ein Wunder darstellte, dass sie wieder so gut laufen gelernt hatte. Die Blase war völlig in Ordnung, Pipi hatte sie wohl nur vor Aufregung gemacht. Als ich gerade mit Fotografieren beschäftigt war und es nicht bemerkt hatte, wurde die Hündin wieder hinausgebracht, gern hätte ich mich noch länger mit ihr beschäftigt. Als wir abends alles abgebaut hatten, ging ich zu ihrem Gehege, um mich zu verabschieden. Sogleich stürmten wieder alle Hunde nach vorne. Grimmig verschaffte sich die hinten gelähmte Hündin einen Freiraum, in dem sie alle anderen wüst anknurrte, die ihr dann den Vortritt ließen, so dass sie wieder ihre Nase zu mir durchs Gitter streckte. Ich streichelte ihr erneut über die Nase, sie leckte mir über die Finger und ich wünschte mir, ich hätte sie mitnehmen können.

Die Kastrationsaktionen, bei denen von morgens bis abends durchgearbeitet wird, fand ich sehr anstrengend. Wenn die Hunde und Katzen vor der Tür stehen bzw. in Boxen warten müssen, will keiner eine Pause machen bis der letzte Patient versorgt wurde, damit er möglichst schnell seine Freiheit zurück erlangt. Das bedeutet knallharte, sehr lange Arbeitstage.
Gerade als ich als Neuling merkte, wie sehr mich die langen Kastrationstage mitnahmen, schlug Thomas vor, dass ich Gerlinde einen Tag beim Einfangen von Katzen begleiten könnte, um das Einfangen zu dokumentieren.

Wie viele Tierfreunde auch fährt Gerlinde, die aus Deutschland kommt, aber auf Kreta lebt, täglich mehrere Stellen an, an denen sich wilde Katzenkolonien angesiedelt haben oder sich herrenlose Hunde befinden, um diese zu füttern und nach ihnen zu sehen. Wenn Futterspenden beim Tierärztepool eingehen, werden diese unter den Tierfreunden aufgeteilt und für die Versorgung der herrenlosen Hunde und Katzen eingesetzt.

Gesagt, getan, Gerlinde belud ihr Auto mit einer Katzenfalle und diversen Katzentransportboxen und ich stieg hinzu. Unser erster Stopp führte uns zu einer Hotelanlage. Von Weitem sahen wir bereits einige Katzen herumlaufen. Hier würde es sicherlich leicht werden, Katzen einzufangen. Und wirklich, Gerlinde hatte die Falle noch nicht einmal mit Futter befüllt, als schon die erste Katze neugierig hineinlief und wir sie einfangen konnten. Das schien ja einfach zu sein, dachte ich.

Natürlich war es das anschließend nicht mehr. Ich lernte von Gerlinde, eine Katzenfalle aufzustellen und Nassfutter zu verteilen. Nassfutter ist das Mittel der Wahl, da es intensiv riecht und Katzen es Trockenfutter meist vorziehen. Auf das Aufbauen einer Falle folgten spannende Minuten, in denen man nur warten kann, ob die Katze sich tief genug in die Falle hineintraut, um den Mechanismus auszulösen. Ist dies erfolgt und die Katze ist gefangen, gilt es, schnell die Falle mit einem Tuch zu bedecken, damit das Tier sich beruhigt. Da die Katzenfalle sehr groß ist und für weitere Einsätze gebraucht wird, muss die Katze in eine Katzentransportbox umgesetzt werden, also in eine solche Box, wie man sie normalerweise als Katzenhalter von zuhause kennt. Nur öffnet man zuhause meist nur eine Seite der Drahttür, um eine Katze hinein- oder hinauszubekommen. Um aber eine Katze von einer Katzenfalle in eine Katzenbox zu transferieren, muss die Tür einer Katzenbox herausgenenommen werden, um die Box möglichst dicht an die Falle heranzustellen.

Meist klappt es dann ganz gut, die Katze zu überzeugen, sich in die Transportbox hinüber zu bewegen, da diese dunkler ist. Schwierig ist es allerdings, besagtes Drahtgitter dieser Transportbox wieder in die Box einzusetzen. Die freiheitsliebende Katze wird versuchen, sich durch die entstehende Lücke herauszupressen.

13 mal ist es uns an diesem Tag gelungen, eine Katze zur Kastration einzufangen und zwischendurch immer wieder zum Kastrationsort zu bringen. Besonders in Erinnerung wird mir eine Katze bleiben, die erfolgreich in der Falle festsaß, dann aber beim Umsetzen entkam, als wir das Drahtgitter zu verschließen versuchten. Sie war eine stattliche, graue Katzendame und zwängte sich erfolgreich durch den Minispalt, den wir benötigten, um den Verschluss anzubringen. Geistesgegenwärtig packte ich zu und bekam sie, eigentlich ideal, am Nacken zu fassen. Ich hatte dann aber das Gefühl, statt nach einer Katze in einen Waschmaschinenschleudergang gefasst zu haben. Sie schlug, schrie und wand sich in alle Richtungen, so dass ich sie dann doch lieber losgelassen habe. Mit einem Riesensatz war sie weg und zumindest von uns an diesem Tag nicht wieder gesehen.

Nicht nur waren Gerlinde und ich am Ende des Tages erschöpft, wir waren beide so im Katzeneinfangen aufgegangen, dass wir nicht gemerkt hatten, dass wir nicht nur Katzen sondern uns auch jeweils einen dicken Sonnenbrand eingefangen hatten.
Kurz darauf war meine Zeit beim Tierärztepool vorbei. Vorerst vorbei möchte ich sagen. Nun, da ich solche Erfahrungen gemacht habe, möchte ich weiter helfen, etwas Sinnvolles tun und hinterfrage meinen normalen Büroalltag. Vieles aus meiner „normalen“ Welt wird auf einmal weit weniger wichtig.

Unter diesen herrenlosen Tieren gibt es immer wieder das eine besondere Tier (oder mehrere), das einen besonders anspricht. Natürlich bin ich nicht nach Hause geflogen, ohne vorher nochmal zu meinem früheren Urlaubsdomizil zu fahren, um Chilli, den Kater, mitzunehmen, den ich nicht vergessen hatte. Doch leider hatten ihn die Gäste, die nach uns kamen, nur kurz gesehen, dann war er weg. Wir suchten ihn, fanden ihn aber nicht. Aktuell können wir nur hoffen, dass er nicht auch vergiftet wurde.
Ich habe mit dem Tierärztepool eine intensive Woche verbracht. Man muss es selbst erlebt haben, die Hundeaugen, die einen voller Vertrauen ansehen, der Hund, der nicht vom Arm herunter möchte, die kleine Katze, die zwei entzündete Augen hat.

Intensiv sind auch die besonderen Gerüche, die oftmals alles andere als angenehm sind.
In den ganzen acht Tagen hatte ich das Glück, dass sich jeder Notfall, um den sich der Tierärztepool kümmerte, zum Guten wenden ließ. Das lag wahrscheinlich auch daran, dass Melanie einfach nicht aufgibt. Melanie hat jedem Tier, das den Weg zu uns fand, versucht zu helfen. Wahrscheinlich kann das nicht immer gut ausgehen, aber in „meinen“ acht Tagen war dies die ganze Zeit erfolgreich.
Viele Einzelfälle werden mir in Erinnerung bleiben, wie die eine Katze, die mit Abstand die dünnste Katze war, die ich je gesehen habe oder der überlebensmutige Hund, der nach der Lähmung wieder staksig laufen gelernt hatte und bei dem es mir schwerfiel, ihn zurück zu lassen.

Ich finde es unfassbar beeindruckend, welcher Einsatz durch den Tierärztepool und die vielen ehrenamtlichen Helfer für die Tiere erbracht wird. Ich habe gelernt, dass Tierrettung nicht nebenher zu machen, sondern sehr zeitintensiv ist und alles verlangt, was jemand zu geben bereit ist. Dennoch gibt es so viel Leid, dass Hilfe nie genug sein kann.
Ich bin dankbar für diese intensive Erfahrung und dass ich das große Engagement und den Einsatz des Tierärtzepoolteams sowie seiner Helfer hautnah miterleben durfte. Mir war im Vorfeld nicht klar, wie viel unermüdliche Arbeit dahintersteckt. Ich bewundere die Menschen, die Tag für Tag immer wieder dafür kämpfen, dass die Hunde und Katzen, die keine eigene Stimme und Lobby haben, nachhaltig eine bessere Zukunft bekommen.