
Yolanda
Ein Bericht von Dr. Margarethe Keyl | Tierärztin
Die Kastrationsaktion hatte gerade begonnen, die ersten vier Katzen waren erfolgreich kastriert. Ich hatte meinen Tagesrhythmus gefunden, ein Kaffee stand in meinem Thermosbecher auf dem Nebentisch. Ich richtete mich auf einen langen Tag ein, die Tierschützer hatten viel gefangen. Hoffentlich vergeht der Tag ohne Zwischenfälle, die ihn noch weiter in die Länge ziehen, dachte ich bei mir.
Du warst Katze Nummer fünf. „Marga, die Nächste musst du dir mal angucken, die sieht schlimm aus. Ganz dünn!“, hörte ich meine Kollegin Sarah sagen, die das erste Mal mit auf Kreta war, um sich unsere Tierschutzarbeit vor Ort anzuschauen. Ganz dünn ist nie gut, dahinter versteckt sich in den seltensten Fällen „nur“ ein Futtermangel. Meist sind andere, schwerwiegende Erkrankungen der Grund, wie zum Beispiel Nierenversagen im fortgeschrittenen Stadium.
Du lagst bereits in Narkose. Ein Griff an deinen Bauch, und die Diagnose war klar. Eine Diagnose, die man in Deutschland erstmal mit einem Röntgenbild absichern würde, doch ich habe zu viele Fälle dieser Art in meinem Leben gesehen, sodass ich kein Röntgenbild brauchte. Es wäre auch gar nicht möglich gewesen, schnell eins anfertigen zu lassen.
Dein Bauch war leer, kein Dünndarm zu fühlen, keine Milz, nichts. Wenn deine Organe nicht im Bauchraum sind, dort, wo sie hingehören, dann sind sie in der Brusthöhle. Du hattest eine Zwerchfell-Hernie, einen Riss im Zwerchfell, welcher wahrscheinlich durch einen Unfall entstanden ist. Vielleicht war die Hernie auch angeboren, vielleicht hast du schon dein ganzes halbes Jahr auf dieser Erde damit gelebt. Der Darm, der Magen, die Milz und auch Teile der Leber können in den Brustraum vorfallen und drücken dort auf Herz und Lunge. Die Lunge kann sich nicht mehr entfalten, das Atmen muss dir sehr schwergefallen sein. Normalerweise bekommt eine Katze während der Narkose sofort hochgradige Atemnot, doch du atmetest noch einigermaßen normal.
Nun stellt sich in solchen Fällen immer die Frage „Was tun?“. Entdeckt man den Zustand vorher, kann man das Tier in eine Klinik bringen, in der der Bruch operiert werden kann. Dazu wird ein Beatmungsgerät benötigt, denn sobald der Bauch eröffnet wird, strömt Luft in Bauch und Brusthöhle ein und die Lunge kollabiert. Du könntest dann nicht mehr selbstständig atmen. Nun lagst du aber schon in Narkose, ein Transport in eine Klinik war aus verschiedenen Gründen nicht möglich.
Ich hielt Rücksprache mit den Tierschützern, es gab zwei Optionen. Die erste war, dein Leben hier und jetzt zu beenden, denn in dem Zustand hättest du auf der Straße keine Chance auf ein schmerzfreies Leben gehabt. Möglichkeit Nummer zwei: Ich versuche, dich unter den eingeschränkten Bedingungen zu operieren und gebe dir damit eine vielleicht 10%ige Chance zu überleben. Das sind 10% mehr als Möglichkeit Nummer eins. Natürlich mit der Option, dich während der OP unter Narkose gehen zu lassen, falls Komplikationen auftreten sollten – womit ich insgeheim rechnete.
Schnell warst du intubiert, dazu wurde ein kleiner Schlauch in deine Luftröhre geschoben, über den wir dich aktiv beatmen konnten. Nicht mit einer Maschine, sondern per Hand, mit einem Beatmungsbeutel. Ich war froh, eine Tierarztkollegin an meiner Seite zu haben und erklärte ihr kurz, wie wir vorgehen werden. Wenn der Druck beim Beatmen zu groß ist, kann die Lunge dauerhaft Schaden nehmen. Wenn er zu schwach ist, bekommt dein kleiner Körper nicht genug Sauerstoff. Doch Sarah machte einen guten Job. Die OP war nicht einfach, denn nachdem ich den gesamten Darm, den Magen und die Milz wieder zurück in den Bauchraum verlagert hatte, stellte ich fest, dass deine Leber noch fest in der Brusthöhle hing.
Es dauerte eine ganze Weile, bis ich sie zurückverlagern und das Loch im Zwerchfell schließen konnte. Während dieser Zeit konzentrierte sich Sarah voll und ganz auf die Beatmung. Wir haben kein EKG, das wir anschließen können, welches uns deinen Herzschlag anzeigt. Doch ich konnte dein kleines Herz schlagen sehen und es schlug immer weiter - weil du eine kleine Kämpferin warst.
Das hast du auch nach der OP bewiesen, als du langsam aus der Narkose erwacht bist. Ich konnte es selbst kaum glauben, dass du die OP überhaupt überlebt hattest. Über den Berg warst du damit aber noch lange nicht. Wir legten dich auf weiche Decken mit einem Wärmekissen, denn dein kleiner Körper hatte während der OP viel Wärme verloren. Irgendwann, als du schon recht wach warst, entfernte ich den Tubus aus deiner Luftröhre und du hast einfach weitergeatmet. Du bist nicht blau angelaufen, auch Stunden später nicht.
Wir wussten nicht, ob du zahm oder wild bist. Wir kannten dich ja nur in Narkose. Du wusstest es glaube ich selbst nicht so genau. Für die verbleibenden zwei Tage der Kastrationsaktion bekamst du ein weiches Bett und immer tauschte jemand deine Wärmflasche, wenn sie zu kühl wurde. Wenn ich dich vorsichtig streicheln wollte oder deine Infusion wechseln wollte, hast du mich angefaucht. Aber anfassen durfte ich dich trotzdem. Du warst ja aber auch sehr schwach.
Die folgenden Tage hast du angefangen zu fressen. Ganz langsam, denn dein Magen-Darm-Trakt war so etwas nicht gewohnt. Vorher war ja kaum Platz für das Futter, da Magen und Darm sich nicht ausdehnen konnten.
Wir nahmen dich selbstverständlich mit ins NLR zur Nachsorge. Du warst schon relativ fit und wurdest ein kleines bisschen biestiger, aber du hattest von den Tagen am Tropf noch den Venenkatheter im Bein. Der musste entfernt werden, denn sonst entzündet sich die Vene. Das wolltest du aber nicht und daher mussten wir dich kurz fixieren, denn gebissen werden wollten wir wiederum nicht.
Als ich am nächsten Morgen auf die Station kam, sank mir das Herz in die Knie. Du saßt apathisch in deiner Box, hast nur durch den Mund geatmet, ja fast gehechelt hast du. „Jetzt ist bei der Aktion gestern Abend irgendwas kaputtgegangen“, dachte ich. Vielleicht ist die Naht wieder aufgegangen, vielleicht ist Luft in den Brustkorb eingedrungen, vielleicht hast du doch durch die OP eine Infektion des Brustfells bekommen. Ich hielt Rücksprache mit einer befreundeten Kollegin in Deutschland und wir erörterten die Möglichkeiten.
Dich in dem Zustand zum Tierarzt zu bringen, um ein Röntgenbild anfertigen zu lassen, habe ich mich nicht getraut. Daher haben wir abgewartet, dir viel Ruhe gelassen, dich warmgehalten. Jede freie Minute verbrachte ich neben deiner Box, bot dir alle möglichen Futtersorten an, die wir vorrätig hatten, in der Hoffnung, du würdest irgendetwas davon probieren. Wenn ich dein kleines Köpfchen streichelte, fingst du an zu schnurren. Dieses Gefühl, wenn eine zunächst „wilde“ Katze plötzlich merkt, wie schön es ist, gestreichelt zu werden und anfängt zu schnurren – das ist unbeschreiblich.
Christina hat für Fälle wie dich im Gefrierfach Hühnchen eingefroren. Wenn sonst nichts geht – Hühnchen geht immer. Und wenn Hühnchen nicht geht, dann ist es schlimm. Ich wärmte dir etwas davon fachgerecht in der Mikrowelle auf. Du glaubst nicht, was mein Herz für einen Sprung gemacht hat, als ich es dir auf einem Tellerchen servierte, du dran geschnuppert hast und dir vorsichtig ein großes Stück einverleibt hast. Das war für mich das Zeichen, dass es doch noch Hoffnung gibt. Mehrmals täglich habe ich danach Hühnchenfleisch erwärmt, es war das Einzige, das du gegessen hast. „Yolanda wie soll denn das werden, ich muss morgen nach Deutschland zurückfliegen, aber du musst dich anstrengen hier! Es kann doch nicht jemand den ganzen Tag neben dir sitzen und dich füttern…“ Ich wollte nicht weg. Nicht, wenn es dir noch nicht gut geht.
Aber inzwischen war meine Kollegin Julia Gruhn eingetroffen und ich wusste auch, dass du bei ihr in den besten Händen bist. Sie versprach, gut auf dich aufzupassen und mir natürlich zu berichten. Noch in der Nacht verabschiedete ich mich von dir, legte dir noch verschiedene Futtersorten in deine Box. Mein Flug ging früh morgens um 7h, was den Vorteil hat, dass ich schon um 11h vormittags in Hamburg lande. Sogleich trudelte eine Nachricht von Julia ein mit einem Foto von deinem Buffet: du hattest ALLES aufgegessen, was ich dir in der Nacht auf den Teller gelegt hatte. Mein Herz machte einen riesigen Satz, die Erleichterung war groß. Lange habe ich nicht mehr mit einem Tier so mitgelitten, wie mit dir, Yolanda. Die Aufs und Abs, die Sorgen und die Freude… aber was soll denn nun noch passieren, dachte ich mir, sie frisst endlich wieder!
Hier könnte diese Geschichte nun eigentlich mit einem Happy End enden, doch das wahre Leben verläuft bekanntlich oft anders. Ungefähr eine Woche später erzählte Julia mir, dass es dir immer schlechter ginge. Du hattest aufgehört zu fressen, zeigtest Erbrechen, hattest Durchfall. Trotz Wärmelampe und Wärmflasche konnte Julia deine Körpertemperatur kaum auf normalem Niveau halten. Was war passiert? Hatte sich dein geschwächter, kleiner Körper einen Virus eingefangen? Hattest du dich mit Giardien angesteckt? Kein Medikament, keine Therapie brachte Besserung. Du wurdest immer schwächer, dein Körper hatte keine Reserven mehr. Schweren Herzens entschlossen wir uns, dich gehen zu lassen. Damit du nicht länger leiden musst.
Lange ist mir der Tod eines Tieres nicht mehr so zu Herzen gegangen, wie deiner, kleine Yolanda. Wieder einmal bleibt nur der Trost, dass du den Tod nicht irgendwo auf der Straße gefunden hast. Dass du in den letzten zwei Wochen deines Lebens noch Liebe und Geborgenheit erfahren hast, die du auch genossen hast. Ich hätte dir so sehr ein langes und geschütztes Leben gewünscht. So bleibt nur der kleine Pfotenabdruck, den du in meinem Herzen hinterlassen hast.
Deine Marga