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Es ist viel passiert in der letzten Zeit…

Immer dann, wenn Sie wenig von uns hören, liegt der Grund in einem immensen Arbeitsaufkommen. Wenn wir von morgens bis abends arbeiten, reicht die Zeit nicht für eine ausführliche Berichterstattung. Es kann auch vorkommen, dass sich Berichte überschneiden. Instagram und Facebook können wir eher bedienen, als ausführliche Dokumentationen für unsere Homepage zu präsentieren. Von daher sehen Sie uns manches Mal einen zeitlichen Versatz nach. Wir bitten um Geduld und Verständnis.

Wir dachten, sie halluziniert noch. Zwei Katzen in einem Krankenhaus…
Jessica Amberg, eine Helferin aus unserem Team, hatte beim letzten Einsatz in Kozani mit schwerer Atmung zu kämpfen. Dr. Melanie Stehle, die diesen Einsatz leitete, packte Jessica ins Auto und fuhr schnurstracks ins Krankenhaus nach Thessaloniki. Die wirklich großartigen Ärzte versetzten Jessi unverzüglich in ein fünf Tage andauerndes, künstliches Koma, um sie intubieren zu können. Eine Lungenembolie mit Lungeninfarkt wurde diagnostiziert und ist wahrlich nicht witzig, sondern lebensbedrohlich. Nach dem Aufwachen - was bei den ersten beiden Versuchen nicht gelang - besuchte ich Jessi und hörte mir an, dass sie zwei Katzen im Krankenhausgang gesehen hätte. Aufwachphasen sind immer kritisch, denn den Schaden, den der Sauerstoffmangel verursacht haben könnte (auch im Gehirn), kann man erst im Laufe der Zeit bewerten. Als ich mich von ihr verabschiede und mich Spiro, ihr Mann, hinausbegleitete, traute ich meinen Augen nicht. Eine Katze saß auf der Treppe in den zweiten Stock. Noch nie habe ich eine Katze auf einer Treppe so angelächelt, wie diese.
Jessica hat inzwischen alles gut überstanden und erholt sich, zusammen mit ihrer Familie, in Deutschland.

Unsere Tierärztin Julia Gruhn und ihre Assistenz Lisa Holl sind heil aus Deutschland mit unserem vollgepackten Vereinsauto in Kozani angekommen. Die beiden werden in den nächsten Tagen hier  mit unserer griechischen Kollegin, Anna Papadimitrakopoulou, kastrieren. Kozani, eine Stadt in Nordgriechenland, ist perfekt organisiert.  Die Klinik, das Equipment, die Tierschützer und die Bürokraten der Stadt hinterlassen einen zukunftsgerichteten Eindruck. Man will, dass sich etwas ändert. Leider spielt das Wetter nicht mit und Regen lässt die Fänger buchstäblich im Nassen sitzen. Die Fallen bleiben leer. Trotzdem werden immer wieder Tiere gebracht und Max Fohrer und ich nutzen die Zeit, um an unserer Dokumentation zu arbeiten.
Immer mal wieder melden sich, meistens private, Fernsehsender bei uns und möchten den Tierärztepool begleiten. Keine schlechte Idee, denn unsere Reichweite zu vergrößern wäre auch unser Ziel. Allerdings ist man diesen Sendern schlichtweg ausgeliefert, hat keinerlei Einfluss auf das, was später gesendet wird und keiner dieser Produzenten hat Interesse am Tierschutz. Auf Quoten kommt es an und was dadurch so alles zusammengeschnitten wird, können wir jeden Tag in der Glotze bewundern. Oder eher bedauern.
Diese Erfahrung der letzten Jahre hat uns dazu bewogen, selber eine Dokumentation über unsere Arbeit zu erstellen. Max Fohrer, „unseren Filmproduzenten“, der als Bedingung nannte, dass er selber das Drehbuch schreiben möchte und unabhängig filmen und schneiden wird, begleite ich zum Bürgermeister. Mehr verrate ich aber nicht. Nur soviel: Es soll kein „Blümchenfilm“ werden, der zum Schluchzen anregt. Wir möchten in der Dokumentation mit ganz vielen Menschen in allen Ländern, in denen wir tätig sind, unsere Arbeit neutral beleuchten um einen ehrlichen und zum Nachdenken anregenden Film in der Vielfalt unserer Tätigkeit zu präsentieren.
Nach dem Interview besprechen wir zu dritt - der Verantwortliche für den Tierschutz ist dazugekommen - die bisherigen Leistungen des Tierärztepools und die zukünftigen Pläne. Ich wäre bereit, einen griechischen Tierarzt, der Interesse hat, die Chirurgie zu erlernen, auszubilden und anschließend in der Gemeindeklinik einzusetzen. Permanent sozusagen, was mehr Kastrationen garantieren würde und vor allem Notfällen gerecht werden könnte. Anna, unsere griechische Kollegin aus Thessaloniki, würde die Ausbildung übernehmen. Wenn „unsere“ einheimischen Kolleginnen die Ausbildung weiterer Tierärzte im eigenen Land voran treiben, sind wir unserem Ziel einen gewaltigen Schritt näher gekommen!
In Kozani werden bei diesem Einsatz 81 Tiere operiert. Insgesamt sind dort seit 16 Monaten vom Tierärztepool 845 Tiere chirurgisch versorgt worden. Zu bedenken gebe ich, dass die meisten dieser Riesen 40 kg aufwärts wiegen und die OP damit um ein Vielfaches anstrengender ist.

Wir fahren weiter nach Veria. Über diese Stadt und ihr Tierheim berichten wir seit vielen Jahren. Die Verbesserungen suche ich mit der Lupe. Sicherlich, die Tiere werden betreut, sind in einem besseren Gesundheitszustand. Aber der Rest…? Von den Verantwortlichen treffe ich niemanden. Entweder krank oder nicht zu sprechen. Der Einzige, der sich Zeit nimmt, ist der Tierschützer Ilias. Ich hatte, ehrlich gesagt, nichts anderes erwartet. Er gefällt mir seit dem ersten Kennenlernen und was er mit seinem kleinen Team leistet, ist unvorstellbar. Jedoch kann ich meine innere Zerrissenheit nicht verheimlichen. Zwischen „wir schmeißen alles hin“ und „der Hoffnung, doch noch etwas nachhaltig ändern zu können“ stehe ich genau in der Mitte. Und wie immer fahre ich weg und die Hoffnung siegt. Kann man Menschen, von denen eine in Thessaloniki mit einer Lungenembolie um ihr Leben kämpft und einer Handvoll engagierter junger Männer die Hilfe verwehren, wenn man genau damit der Gemeinde die Verantwortung abnimmt und diese weiterhin ihre „leckt uns am Ar…Strategie“ fortsetzen kann? Aber wie setzt man diese Bürokraten unter Druck, ohne den anderen in den Rücken zu fallen? Ich komme an meine Grenzen, gerade auch, weil die bisher geleisteten 3616 Operationen, trotz allem, ein voller Erfolg sind.

Kreta.
Fast wie zuhause. Doch dieses Zuhause ist gemietet. Genauer gesagt unsere Station, das NLR. Verhandlungen, ob ein Kauf möglich wäre, führen wir seit gut zwei Jahren. Zuerst wollten die Besitzer nicht verkaufen, inzwischen aber schon. Nur für einen horrenden Preis. Unrealistisch und somit Basis für weitere Verhandlungen. Leider erfolglos und so langsam sehe ich das als ein Zeichen von „oben“. Nur wie wir ohne das NLR in Zukunft arbeiten sollen, wo unser kleines, selbst geschaffenes Paradies so unendlich vielen Zwei- und vor allem Vierbeinern zur Regeneration gedient hat und das auch immer noch tut, ist mir schleierhaft. 3,5 Jahre können wir dort laut Mietvertrag noch wohnen bleiben, aber was danach passiert? Ich habe keine Ahnung.

Wir hatten im letzten „Im Einsatz-Heft“ angekündigt, dass ein junger, griechischer Tierarzt von Kreta Interesse hätte, sich uns anzuschließen. Er bat um ein Gespräch. Ab Oktober beginnt er bei uns die chirurgische Ausbildung, um anschließend den Tierärztepool in seinem eigenen Land, auf seiner Geburtsinsel, zu unterstützen. Wir freuen uns auf Dich, lieber Andreas!

Dr. Marga Keyl fliegt von Kreta nach Hause. Sie hat in dreieinhalb Monaten über 3000 Tiere operiert. Glückwunsch Marga, Deine Leistung ist phänomenal und eigentlich unvorstellbar. Julia und Lisa, die inzwischen von Nordgriechenland kommend Kreta erreicht haben, lösen Marga ab.

Max, der schon irgendwie mit seiner Kamera zum mobilen Inventar gehört, verlässt ebenfalls Kreta. Er wird auf Rhodos Antonia Xatzidiakou, unsere griechische Kollegin, begleiten, die mit „Flying Cats e.V.“ den nächsten Einsatz durchführt.

Zwei weitere Gemeinden auf Kreta haben endlich den Vertrag mit uns unterschrieben. Es sind Paleochora und Chora Sfakion, beide im Süden gelegen. Damit arbeiten wir offiziell mit neun Gemeinden auf Kreta zusammen. Mit zwei weiteren Gemeinden laufen Gespräche. Wie schön, dass weitere Tierärzte zu uns stoßen wollen.

Mit Nina Schöllhorn, unserer Kollegin in Rumänien stehe ich telefonisch in stetem Austausch. Sie arbeitet derzeit in Slatina und kümmert sich, neben den täglichen Kastrationen, aktuell um besonders viele Notfälle. Wann immer möglich, investiert sie zudem Zeit in die Ausbildung junger Tierärzte vor Ort. Parallel zu ihrer eigenen Arbeit, kastrieren kontinuierlich zwei einheimische Tierärzte in ihren eigenen Praxen für den Tierärztepool. Zwei weitere werden hoffentlich bald dazukommen. Auch stehen weitere Pläne für unser Pferdeprojekt kurz vor der Umsetzung. DasThema „Rumänien“ liefert reichlich Stoff für einen separaten Artikel. Aber… lesen Sie den allerersten Satz!

Anna Papadimitrakopoulou fliegt in Kürze für drei Wochen auf die Kapverden, um dem portugiesischen Team von Dr. Herwig Zach, Unterstützung anzubieten.

Seit Beginn des Tierärztepools ist es eine Kunst, die Einsatzorte, die Anzahl der Tierärzte und die Finanzierung so in Waage zu halten, dass alle drei Faktoren wunderbar zusammenpassen. Bis heute hat es geklappt. Tendenz in allen Bereichen: steigend!

Trotz immer wiederkehrender Tiefschläge, die offensichtlich zur Pionierarbeit dazugehören, fühlte sich der Tierärztepool noch nie so lebendig an.

Danke an alle Beteiligten (hier vor allem an unsere exzellenten Assistenten und Partner) und danke für Euer aller Vertrauen.

Thomas Busch