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Jeder hat eine Wal

Ein Text von Thomas Busch, 1. Vorsitzender

Die Sonne scheint auf die kretischen Berge hinab, als ich in einer Serpentine ein Lamm entdecke. Es turnt über die Steine und sieht lebendig aus. Sein Geschwisterchen allerdings nicht. Hier oben ist kaum was los und selbst ein Schäfer scheint nicht in der Nähe zu sein. Es gibt nur mich und diese beiden Lämmer. Ich beuge mich zu dem am Boden festliegenden Tier hinab und stelle mich vor. „Tierschützer, Rettungsdienst, Krankenwagen, Tierarzt“. Das beruhigt allerdings mehr mich, als das Lamm und als ich es berühre, merke ich, wie dünn es ist. Egal wo der Schäfer sich aufhält, „kümmern“ sieht für mich anders aus. 

Ich stelle es auf seine vier Beine, untersuche es, aber es kann nicht stehen. Zu schwach. Ich sage ihm nicht, dass ich ein schlechter Tierarzt bin und von Schafen keine Ahnung habe. Dass sein Zustand aber lebensbedrohlich ist, ist jedoch selbst mir klar ersichtlich. Darf ich es einfach mitnehmen? Stehlen sozusagen? Ich darf! Das andere Lamm bleibt zurück und ich bin mir sicher, es findet zu seiner Herde, die auch tatsächlich irgendwo rumblökt.

Ich brauche eine Stunde bis ins NLR. Diese Zeit nutze ich, um mit Fachleuten zu telefonieren. Heutzutage ist es ja nicht wichtig, wie viel man im Kopf hat, sondern wie viel Speicherplatz das Handy bereithält…Dem Tier geht es immer schlechter. Die Stunde dauert ewig und fühlt sich wie ein ganzer Tag an. Als ich endlich im NLR bin, ziehe ich die Spritze auf. „Mörder bzw. Erlöser“ ergänze ich meine Vorstellung in den Bergen und bin traurig.

Aus Kostengründen oder was es sonst noch so für Gründe gibt, sich nicht richtig um seine Tiere zu kümmern, werden Krankheiten oft nicht oder zu spät erkannt. Auch Impfungen sind wichtig, werden aber, trotz Pflicht, nicht immer durchgeführt. In der rauen Welt der Berg gilt „Wer es nicht schafft, hat Pech gehabt.“

Warum erzähle ich Ihnen von meinem Erlebnis in den Bergen von Kreta? Ein Lebewesen ist gestorben, von dem niemand etwas mitbekommen hätte. Ich wiederhole: Niemand!

Es hat gelitten und musste sterben. Es wäre sowieso gestorben, denn es hatte ausschließlich das Ziel, dem Menschen als Leckerbissen zu dienen. So wie es Millionen Tiere tun (müssen). Aber dieses Lamm litt nicht mehr oder weniger als alle anderen auch. Wie die Ferkel, die Kälber, die Küken. Sie alle haben nur einen kleinen Nachteil: sie sind klein und keiner interessiert sich für ihr Schicksal. Sie ziehen keine großen Vereine auf sich. Politiker wussten nicht mal von der Existenz meines kleinen Schafes. Es gab keine „Experten“, die sich über seine Rettung stritten. Es gab auch keine Menschenkette mit Krabbensalat und Heringsbrötchen als Proviant in den Händen, die gegen… ja was eigentlich… protestieren. Gegen sich selbst? Und natürlich auch niemanden, der für seine Rettung hunderttausende Euro ausgeben wollte. Das Lamm schaffte es nicht in die Tagesschau. Es starb, ohne dass die Welt Notiz davon genommen hat.

“Gutmenschen” kommentieren diesen Text bitte nicht mit Tausenden von Kommentaren, die an Schwachsinnigkeit und Ahnungslosigkeit nicht zu überbieten sind. Lichterketten brauchen wir auch nicht.

Was wir aber bauchen, wäre ein bisschen mehr Reflexion. Das Hinterfragen unserer eigenen Handlung. Unserer eigenen Handlung! Nicht die des Nachbarn!!! Passen wir in diese Welt? Schaffen wir es, uns in ihr zu bewegen, ohne andere zu verletzen? Können wir mit unserem Handeln dazu beitragen, sie besser zu verlassen, als wir sie vorgefunden haben? Können wir auch denen Respekt zollen, die sich nicht wehren können und in unserer Nahrungskette das letzte Glied sind? Können wir uns von meiner, immer wieder publizierten, Doppelmoral befreien?

Ich weiß es nicht. Ich weiß es eigentlich nicht mal für mich.

Was ich aber weiß, ist, dass ich mein Lamm gerne „Hope“ oder von mir aus auch „Timmy“ nennen würde. Aber nur, wenn der Tod eines Lebewesens, das eigentlich keine Sau interessiert, und nur dann zu Tränen rührt, wenn es richtig vermarktet wird, einen Sinn ergibt. Alle anderen Tiere, die tagtäglich namenlos hingerichtet werden, sind uns doch eigentlich völlig egal. Auch den Beteiligten, deren Krokodilstränen sich in der Ostsee verlieren.

Thomas Busch