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Mangala

Ein Text von Tierärztin Nina Schöllhorn

Sonntage sind gefährlich in Rumänien. Das weiß jeder, der schon einmal mit uns vor Ort war. Denn sonntags steht man nicht am OP Tisch, sondern hat Zeit für Erledigungen. Je mehr Zeit man allerdings auf Rumäniens Straßen verbringt, desto mehr steigt die Chance auf Elend zu treffen, das sofortiges Handeln erfordert. Doch eigentlich ist genau dies, gerade nicht der Sinn eines freien Tages...

Es ist also Sonntag und wir wollen nur eben mal schnell auf den Markt. Auf halber Strecke liegt ein Hund am Rande der Fahrbahn, der von weitem tot aussieht. Wie immer fahren wir sehr langsam an überfahrenen Tieren vorbei, um sicherzugehen, dass Hilfe auch wirklich zu spät kommt. Da ruft Gabriel: "Er atmet!".

Dies sind die Momente, in denen alles still steht, alles andere ausgeblendet wird und nur eines zählt: Es gilt dieses Leben zu retten!

Er ist eine sie. Eine an sich stolze, schöne Windhündin. Leider aber schon bevor sie verunfallte  in erbärmlichem Zustand, abgemagert, voller Parasiten und Narben. Schon auf den ersten Blick ist eine offene Fraktur des Vorderbeins zu erkennen. Eine genauere Untersuchung ergibt, dass sie sich darüber hinaus aber, Gott sei Dank, keine lebensbedrohlichen Verletzungen zugezogen hat. Wir nehmen sie also mit zu uns und stabilisieren ihren Zustand.

Auf dem Weg nach Hause trafen wir übrigens auf noch weitere drei Notfälle, die wir aufnehmen mussten, um ihren sicheren Tot zu verhindern...

Wir nennen die Hündin Mangala und erfreulicherweise wird sie wacher und nimmt auch eine Weile später Nahrung zu sich. Doch sie leidet unter starken Schmerzen und ihre Fraktur ist offensichtlich kompliziert und erfordert schnelles Handeln. "Ich brauche den besten Chirurgen Rumäniens, wenn wir dieses Bein retten wollen", schießt es mir durch den Kopf und sogleich beginne ich mich auf die Suche zu machen. Nach einiger Recherche lande ich immer bei derselben Adresse. Immer sind die Worte ähnlich: "They are the best. And the most expensive..." Na gut, wenn jemand wirklich etwas kann, dann ist es auch sein Geld wert und eine Operation in Rumänien ist ohnehin billiger als in Deutschland.

Wir organisieren also den Transport ins drei Stunden entfernte Bukarest. Ab dann liegt die Verantwortung in anderen Händen. Ich muss vielleicht erwähnen, dass Windhunde, was Frakturen angeht, aufgrund ihrer anatomischen Besonderheiten, keine dankbaren Patienten sind. Ist eine Fraktur offen, verschlechtert das die Prognose zusätzlich. Und Mangalas Bein war zudem mehrfach gebrochen.

Während also die Speziallisten die Operation planen, kümmere ich mich um die Beschaffung der Spenden zur Deckung der Kosten. Dann bleibt nur noch, die Daumen zu drücken.

Schließlich die erleichterde Nachricht, dass die Operation erfolgreich verlaufen ist. Es war jedoch eine sehr lange und aufwändige Operation und da mit Wundheilungsstörungen zu rechnen ist, soll Mangala noch etwas länger in der Klinik bleiben. Aus ein paar Tagen, werden schließlich vier Wochen. Vier Wochen, in denen die Ärzte und Mitarbeiter der Klinik sich liebevoll um sie kümmern und uns auf dem Laufenden halten. Stets bekommen wir zu hören, was Mangala für eine tolle Patientin und überhaupt ein wunderbarer Hund sei.

Es war von Anfang an klar, dass die zuständigen Tierärzte das beste Resultat für diesen Hund erzielen wollten. Sie stellten sich der Aufgabe, das Ganze zu einem guten Ende zu bringen, auch wenn dies Mühe und Aufwand erforderte. Schließlich konnten die Wundheilungsstörungen unter Kontrolle gebracht werden und Mangala konnte entlassen werden. Für vier Wochen Betreuung in der Klinik haben wir nicht einen Euro bezahlt!

Ich habe nicht nur die besten Tierärzte für diese Herausforderung gefunden, sondern auch welche mit einem großen Herzen!

Mangala tritt also die 5-stündige Reise nach Sighisoara an, wo wir mittlerweile arbeiten. Völlig überfordert ist die Gute zunächst mit dem bunten Treiben in unserem Hof, wo sich diverse andere Notfälle tummeln. Offensichtlich kennt sie das Zusammenleben mit Artgenossen nicht in dieser Form. Doch schon oft, haben wir festgestellt, dass unser, sich immer wieder anders zusammensetzendes, Rudel aus Verletzten, verstoßenen und sich Erholenden, eine besondere Wirkung auf Neuankömmlinge hat. Sie scheinen sehr schnell zu spüren, dass sie in Sicherheit sind und wachsen schnell zusammen. Jeder findet seinen Platz und alle kommen körperlich und seelisch zu Kräften. Es entstehen Freundschaften und interessante Dynamiken. Dies zu beobachten, ist mit der schönste Teil meiner Arbeit.

Inzwischen sind drei Monate vergangen. Mangala hat sich prächtig entwickelt! Sie ist nicht nur wunderschön, sondern hat auch ein ganz wundervolles Wesen. Wie könnte es auch bei einem Windhund anders sein. :-)

Ihr Bein heilt zufriedenstellend. Es wird immer etwas ein Thema bleiben in ihrem Leben. Doch da sie kein übertrieben lebendiger Hund ist, wird sie gut damit zurechtkommen. 

Wieder einmal bin ich sehr dankbar, zur rechten Zeit am rechten Ort gewesen zu sein. Und versuche nicht darüber nachzudenken, wie die Geschichte ansonsten verlaufen wäre.

Vielen Dank an kids4dogs für die Übernahme der Operationskosten und alle einzelnen Spender, die uns hierbei unterstützt haben!

Vielen Dank an die Klinik Brains and Bones, für die fachlich und menschlich tolle Arbeit!

Und zu guter Letzt kommt der Moment, wo ich feststellen muss, dass ich als Tierarzt alles getan habe für einen Patienten, der mit sehr ans Herz gewachsen ist. Es ist der Moment, wo es keinen Vorwand mehr gibt, diesen Patienten nicht anderen Menschen anzuvertrauen, die ein endgültiges Zuhause bieten können.

Sollten bei Ihnen also das weltbeste Zuhause für Mangala sein, dann melden Sie sich gerne. Ein paar Wünsche hätte ich allerdings: Gesellschaft zu Artgenossen, einen eingezäunten Garten, mindestens einen Sofaplatz, viel Ausdauer im Streicheln, .... :-)