Skip to main navigation Skip to main content Skip to page footer

NL. New Life - für mich!

Ein Text von Tierärztin Ema Alexandraki

Letztes Jahr befand ich mich in einer der schwierigsten Phasen meines Lebens. Dunkle Wolken waren aufgezogen, Träume stürzten ein, meine Zukunft sah ich nicht mehr. Dafür eine schlimme Vergangenheit. Wegen meiner Kinder musste ich funktionieren, aber ein wirkliches Leben war das nicht. Ich hatte nichts als die Notwendigkeit, irgendwie neu anfangen zu müssen.Ich wandte mich in meiner Verzweiflung an meinen Kollegen Iannis in Rethymno und bat um Arbeit in seiner Tierarztpraxis. Von irgendwas musste ich mich und meine Kinder ja schließlich ernähren. Es bedeutete zwar, von vorne anzufangen, aber Iannis gab mir die Möglichkeit, weiterhin als Tierärztin zu praktizieren, aber auch zu operieren. Was ich für mein Leben gern tue. Danke Iannis!

Eines Tages, als ich in der Praxis arbeitete, lernte ich Thomas und Gerlinde kennen. Wir begannen, über das Programm zu sprechen, das sie mit ortsansässigen Tierärzten durchführen und Tierbesitzer mit bis zu € 50,- unterstützen, ihre Tiere in lokalen Praxen kastrieren zu lassen. Während unseres Gesprächs - und ich hatte wohl gesagt, dass ich gerne operiere - stellte mir Thomas eine Frage, die mich aufhorchen ließ: „Warum schaust Du Dir nicht einmal an, wie wir in den Gemeindekliniken arbeiten?“ Zuerst wollte ich nicht. Ich dachte: Das schaffe ich eh nicht! Ich habe zwei Kinder, keine zusätzliche Zeit, keine Energie. Aber Thomas gab nicht auf: „Komm und schau mal, wie wir kastrieren - vielleicht gefällt es Dir.“

Nach einigem Nachdenken beschloss ich, die Chance zu nutzen. Also fuhr ich nach Zouridi und zwei Minuten nach meiner Ankunft zog ich mir die OP-Handschuhe über. Eineinhalb Stunden später hatte ich drei Hündinnen kastriert. Mich beeindruckte alles hier; das Team arbeitet mit hoher Professionalität und die Ausrüstung war von exzellenter Qualität. Aber auch ich hatte wohl einen bleibenden Eindruck hinterlassen… Das Gefühl, als ich Zouridi verließ, war eines, das ich schon lange nicht mehr erlebt hatte – ich fühlte mich glücklich, zufrieden, neugierig und voller Energie. Ich wollte mehr. Das war der Moment, in dem ich anfing, mit den „Deutschen“ zu arbeiten, dem Team, von dem jeder Tierarzt auf Kreta spricht. Seitdem habe ich viele Operationen durchgeführt, darunter auch Eingriffe, an die ich mich allein nicht herangewagt hätte. Ich wurde Teil eines Teams von exzellenten Tierärzten, die sich gut organisieren, Tiere lieben und mit Leidenschaft für den Tierschutz brennen. Jeder Tierarzt, mit dem ich zusammenarbeitete, lehrte mich ganz viele wertvolle Techniken. Es gab sogar Zeiten, in denen ich mit meinen Kindern, damals neun und sechs Jahre alt, quer durch Kreta reisen durfte. Sie blieben bei mir in den Operationsräumen – spielten mit den Welpen, aßen, halfen und schliefen erschöpft auf den für die Hunde ausgebreiteten Decken ein. Eines Tages sagten meine ältere Tochter zu mir: „Mama, Du siehst wieder glücklich aus, hör nie auf, mit dem Tierärztepool zu arbeiten!“ Eine Gänsehaut legte sich über meinen Körper. Ihre Worte gaben mir noch viel mehr Kraft, weiterzumachen.

Aber die Reise hörte an dieser Stelle nicht auf. Anfang Januar machten Melanie und Thomas mir einen Vorschlag: etwas anderes, etwas Größeres zu schaffen. Zuerst konnte ich nicht glauben, was sie vorschlugen – eine voll ausgestattete Tierarztpraxis, in der jedes Straßentier rund um die Uhr Hilfe finden könnte. Ich sollte die Leitung übernehmen und auch die Möglichkeit erhalten, mir einen Privat- patientenstamm aufzubauen. Ich hatte natürlich Zweifel, aber für sie war es kein Traum, sondern ein Plan. Ich sprach mit anderen griechischen Kolleginnen und Kollegen, die bereits für die Arche arbeiteten. Alle waren begeistert und sehr zufrieden. Ich gewöhnte mich daran, dass die Menschen, die bei der Arche arbeiten, das meinen, was sie sagen. Mein Kopfkino drehte sich tagelang, aber irgendwann ergab ich mich. Was sollte passieren? Schlechter als zu dem Zeitpunkt, an dem ich der Arche das erste Mal begegnete, konnte es mir nicht ergehen. Ich stimmte zu. Als wir dann auch noch überraschend schnell zu vermietende Geschäftsräume fanden, war meine neue Zukunft besiegelt.

Voller Begeisterung begannen Andi und Thomas mit den Umbauideen. Sie sprühten vor Energie, planten stundenlang, verwarfen, überlegten neu und alberten viel. Ich stand ungläubig daneben, unfähig die Sprache zu verstehen, sog aber den im Raum schwebenden Optimismus auf, den die beiden versprühten. Zu Beginn hatte ich absolut keine Vorstellung, welch wundervolles Paradies diese beiden Männer erschaffen würden. Etwas klarer wurde mein Blick, als der Anhänger entladen wurde, den Ilona - die “einfach so” ihre geliebte Praxis an die Arche verschenkte - mit Thomas “mal eben” nach Kreta gezogen hatten. Andis Perfektionismus und seine handwerkliche Vielfalt beeindrucken mich bis heute. Etwas schüchtern - da ich eh nicht helfen konnte - schaute ich immer mal wieder vorbei und mein Herz tat jedes Mal begeisterte Sprünge, wenn die Sachen von Ilona zu neuem Leben erweckt wurden. Irgendwann realisierte ich, dass dieser Traum Wirklichkeit werden würde und ich mittendrin stand.

Neun Monate später gibt es in Rethymno einen Ort namens NLP – “New Life Practice”. Das NL steht für ein neues Leben und wird jedem Hund unter den Bauch tätowiert, welcher kastriert wurde. Ein wunderschöner Zukunftswunsch, der ihnen nach ihrer Freilassung mitgegeben wird. Für mich bedeutet dieses NL ebenfalls ein neues Leben – sowohl persönlich als auch beruflich. Seit dem 11. September gibt es in Rethymno nun eine offiziell genehmigte Gemeinschaftspraxis, in der Straßentiere alles erhalten können, was sie brauchen: für mich!

Behandlungen, Operationen, Röntgenaufnahmen, Ultraschall und Notfallversorgung. Etwas, was streng genommen auf ganz Kreta und in vielen Teilen des Landes fehlt, existiert jetzt. Ich weiß, dass die Arche die Zusammenarbeit mit meinen anderen Kolleginnen und Kollegen in Rethymno weiterhin fördert und sich freut, ortsansässige Tierärzte in die Tierschutzarbeit mit einzubeziehen. Gleichsam wie die Gemeinde, die von dieser Hilfe extrem profitiert, aber auch permanent durch Verhandlungen an ihre Verantwortung erinnert wird. Nie war mir klarer, dass ein “Gemeinsam” weit erfolgreicher ist als ein “Gegeneinander”. Mit der NLP kann Tieren 24/7 geholfen werden. Zuvor waren die Teams des Tierärztepools so gut sie konnten dafür da, aber sie waren halt auch viel auf der Insel unterwegs und eben nicht immer im Raum Rethymno. Ich hingegen bin permanent vor Ort und freue mich, eine Ergänzung dieses starken Teams zu sein.

Vor allem aber bin ich zutiefst dankbar. Dankbar, diesen außergewöhnlichen und leidenschaftlichen Tierschützern begegnet zu sein, die als Team vereint sind und mit Respekt, Professionalität und Leidenschaft daran arbeiten, das Beste für jedes Tier zu erreichen, um das sie sich kümmern. Ich bin dankbar, so viel von ihnen lernen zu dürfen und hoffe, zukünftige Erwartungen erfüllen zu können. Dieser Schritt hat mein ganzes Leben verändert und mich aus dem Regen in die Sonne geführt.

Ich bin glücklich und neugierig, wie sich alles entwickeln wird. Ich bin begierig darauf, mehr zu tun, mit diesem Team zu wachsen und die Chance, die ich erhalten habe, in noch größere Projekte umzusetzen. Das ist erst der Anfang – und ich bin bereit für alles, was als nächstes kommt.

Ihre Ema