Frohes neues Jahr! Chania Januar 2020

Der alte Mann sitzt stocksteif auf der kleinen Bank. Das harte, einfache Leben hat Spuren in seinem Gesicht hinterlassen. Trotzdem leuchten seine gutmütigen Augen, die feucht werden, als er von seinen beiden Frauen erzählt. „Sie ist ihm noch geblieben“, sagt er und zeigt dabei auf die kleine Hündin neben der Bank. Seine andere Frau ist gerade erst verstorben.
Eine Träne fällt zu Boden, als wir den Rest seiner verbliebenen Familie in den OP tragen. Eine Schwere wie Blei legt sich auf die Schultern der Chirurgen. Ist die Verantwortung doch bei jedem einzelnen Tier hoch, so steigern solche rührigen Geschichten sie in den Himmel. Es wird schon nichts passieren, alles wird gut gehen. Draußen erklären unsere Helfer dem alten Herrn die Sinnhaftigkeit von Kastrationsaktionen, was er offensichtlich versteht. Er findet es großartig, dass Menschen Tieren uneigennützig helfen.
Im OP sitzen die Handgriffe. Falls sich die Konzentration überhaupt noch steigern lässt, so ist dies jetzt der Fall. Seine, ihm gebliebene Frau atmet ruhig, während ein Knoten nach dem anderen die Kastrationswunde verschließt.
Als wir ihm seine Frau zurückgeben, drückt er sie an sich, weint und nichts auf dieser Welt ist ehrlicher, als diese Tränen. Als er sich gefangen hat, fragt er, was er denn bezahlen müsse und als er hört, dass das selbstverständlich gratis ist, weint er erneut.
Kein einziger Cent auf dieser Welt kann wertvoller sein, als diese Tränen.

Marga erzählt uns diese Geschichte von den Kapverden und wir alle im OP müssen aufpassen, nicht gleich mit zu heulen. Hat doch jeder von uns ähnlich dankbare Momente schon viele erlebt.
In unseren Herzen ist es dank Margas Erzählungen warm geworden, allerdings nur dort. Der Rest friert, beziehungsweise sucht Schutz unter dicken Jacken und Pullis. Draußen stürmt es und der Regen peitscht sich waagerecht durch die Berge und Täler.
Wir haben uns auf Kreta getroffen. Thomas und ich haben einen zweiten Vereinswagen überführt, was Zeus und Poseidon, Götter des Donners und des Blitzes und Herrscher über das Meer, zu verhindern suchten. Zwei Tage zwangen sie uns in Athen zu bleiben, da Sturm und Regen die Überfahrt nach Kreta nicht zuließen. Somit feierten wir mit tausenden, friedlichen und vor allem nicht wie die Irren ballernden Silvesterfreudigen einen sehr netten Jahresübergang direkt vor dem Parlamentsgebäude. An der Stelle in Athen, an der sonst gerne mal Demonstranten ihren Unmut gegen die eigene Regierung oder ihre Sparmaßnahmen auch mit Gewalt Ausdruck verleihen, mutet durch ein griechisches Silvesterkonzert sehr friedvoll an.
Thomas und ich werten das als schönes Zeichen für ein neues Jahr mit hoffentlich ebenso friedlicher Zusammenarbeit zwischen den griechischen Kollegen und uns.
Am Neujahrstag um 10:00 Uhr legen wir in Piräeus ab und um 19:00 Uhr in Heraklion an. Unsere Zeitplanung ist damit ein bisschen eingeschränkt, denn bereits morgen legen wir los. Kastrationstage, einer nach dem anderen sind streng durchgetaktet.
Christina Schomann und Julia Gruhn begleiten uns als Helfer, Marga ist zum ersten Mal mit offizieller griechischer Genehmigung dabei und wird unser Personalproblem im kommenden Jahr ein bisschen reduzieren. Es ist toll sie endlich mal wiederzusehen und die nächsten und ersten Wochen des neuen Jahres mit ihr gemeinsam zu beginnen. Wir alle staunen nicht schlecht über die Geschwindigkeit, die den OP-Raum erfüllt. Bereits am zweiten Tag sind wir so gut eingespielt, dass 116 Operationen am Ende geschafft sind. Und nein, liebe Skeptiker, wir pfuschen nicht, wir arbeiten konzentriert und wir hatten auch keine Zwischenfälle geschweige denn Tote. Um die Nachsorge kümmern sich die seit Jahren mit dieser Aufgabe bestens vertrauten Tierschützer der Region.
Dieses Tempo ist aber nicht zu halten. Es wird begrenzt durch ein Wetter, welches man seinen ärgsten Feinden nicht wünscht. In dem kleinen Bergdorf, in dem wir als nächstes arbeiten, liegt Schnee. Zwar nur kurz, aber der anschließende Sturm lässt die Müllcontainer durch die einsamen Gassen fliegen, als wären es an einer Schnurr hängende Drachen nach einem missglückten Startversuch. Sie können sich vorstellen, wie viele Streuner man zu sehen bekommt. Keinen einzigen. Trotzdem ist es den Fängerteams möglich am ersten Tag 35 Tiere zu uns zu bringen. Eine wahnsinnige Leistung und teilweise machen wir uns Sorgen, dass ihr eigenes Leben in Gefahr gerät. Bergpässe sind wegen Schnee, umgeknickter Bäume oder abgerutschter Hänge gesperrt aber trotzdem rollt immer mal wieder ein Auto auf den Hof um Tiere zu bringen. Wasser sickert im OP durch die Wände, der Sturm drück permanent einen leichten, aber kalten Windzug durch die Fensterritzen und Stromausfälle durch Überbeanspruchung der schwachen Leitungen lassen es gerade mal zu, dass unser Sterilisator arbeiten darf. Die Heizungsradiatoren fallen immer wieder aus und wärmen nicht wirklich. Irgendjemand bringt einen Generator, so dass wenigstens die medizinischen Geräte funktionieren können.
Es ist unglaublich, mit welchem Einsatz und eisernen Willen, die Tierschützer hier durchhalten. Wir sind ja nur der eine Teil der Aktion und wären völlig arbeitslos, wenn es diese Menschen da draußen  nicht geben würde. Ich ziehe meine OP-Kappe vor euch allen, dass ihr trotz dieses Sauwetters immer und immer wieder auf alle Katastrophen perfekt reagiert und aus welchen Ecken auch immer Tiere einfangen könnt. Wir selber frieren zwar auch ein bisschen, aber erstens wärmt uns der leckere Tee wieder auf und zweitens werden wir nicht nass. Und drittens haben wir Marga mit ihren rührenden Geschichten.
In den nächsten Tagen werden wir auch in Chania arbeiten. Die Anwältin Stella Kotsifaki hat sich bereits zu den Vorbereitungen geäußert und auch wir kennen das Hin und Her dieser Gemeinde mehr als gut. Wir dürfen kommen, aber nur 10 Katzen und 3 Hunde pro Tag operieren, da für mehr Tiere keine Nachsorge geleistet werden kann. Ich freue mich über das plötzliche verantwortungsvolle Denken der Stadt über ihre Straßentiere und führte einige Diskussionen mit Thomas. Er fühlt sich seit Jahrzehnten an der Nase herumgeführt und hält eine Aktion in den anderen Gemeinden auf Kreta, die seit Langem mit uns perfekt zusammenarbeiten, für sinnvoller. Ich kann es ihm nicht verdenken, finde aber, dass den Menschen, die sich bereits so sehr in diese Aktion hineingekniet haben, nicht vor den Kopf gestoßen werden sollte.
Die beiden OP-Tage verlaufen angenehm. Die Kollegin, in deren Praxis wir operieren dürfen, ist sehr nett und die Tierschützer freuen sich über einen Start, der optimistisch in die Zukunft blicken lässt. Die Tierzahl der operierten Tiere ist natürlich nur ein Tropfen auf den heißen Stein, aber Fundamente müssen eben sorgsam gelegt werden. Warten wir ab, was daraus wird.
Marga musste nach 6 gemeinsamen Operationstagen zurückreisen und wird in naher Zukunft wieder zurück kommen. Für mich stehen zwei Kastrationstage erneut in Rethymno an. Zeus und Poseidon meinen es dieses Mal gut mit uns und unsere befreundeten Tierschützer haben mal wieder alles gegeben, um für ein besseres Leben ihrer Schützlinge zu kämpfen. Sie brachten vor allem unglaublich viele Katzen. Manchmal frage ich mich, wie man so viele Katzenboxen in einem kleinen Auto unterbringen kann. Tausend Dank an euch alle, wie ihr unermüdlich nächtelang versucht die Katzen einzufangen. Ohne all eure Zuarbeit wären unsere effektiven Kastrationstage nicht möglich!
Zusammen mit Marga sind seit Anfang Dezember bis zum 15. Januar auf Kreta 1136 Tiere unfruchtbar gemacht worden. Das ist viel, aber immer noch zu wenig. Aber wir werden wiederkommen, auch nach Chania – versprochen.

Eure Melanie