Die Suche nach der Normalität

Kreta - August 2020 -

von Dr. Melanie Stehle, Tierärztin und Thomas Busch, Tierarzt und 1. Vorsitzender

Es ist 2:30 Uhr als wir Sulzemoos verlassen. Vereinzelte Nachtschwärmer oder Urlauber, die dem Verkehrschaos am Wochenende ausweichen wollen, teilen sich mit uns die Fahrbahn. Um 12:00 Uhr müssen wir in Ancona sein, was auch gelingt. Allerdings hat der Hafen wegen Corona ein System geschaffen, was selbst von den Mitarbeitern nur schwer verstanden wird. Zuerst muss man sich beim Einchecken in einer Schlange einreihen, die bereits ziemlich lang ist.

Der dickliche, kleine Aufpasser trägt brav eine Uniform und ist wahrscheinlich ein Professor der Virologie. Zumindest plustert er sich so auf, achtet auf den korrekten Abstand und auch auf das korrekte Tragen der Masken. In 20 minütigen Abständen werden immer zehn Menschen in eine weitere Schlange gelassen, die sich quer durch die Halle erstreckt. So geht es immer weiter in Richtung Schalter, an dem sich trotz uniformiertem Professor, immer wieder Menschen vordrängeln, ohne dass es jemanden zu stören scheint, dass die Fähre um 13:30 Uhr ablegt.

Es stört auch niemanden, dass die Menschen, die draußen in der Schlange stehen, unmittelbar neben den auf den Bus Wartenden, natürlich ohne Maske, in oft laute Gespräche vertieft sind. Das Aufgabenfeld des Professors scheint räumlich begrenzt zu sein. Dass jeder den selben Kugelschreiber nutzt um die Gesundheitsbescheinigung auszufüllen, ist ebenfalls unwichtig… Um 13:40 Uhr stehe ich vor dem Schalter um einzuchecken, begleitet von den beruhigenden Worten, dass die Fähre wartet.

Das tut sie auch, aber leider nur bis 13:35 Uhr. Das was wir sehen, als wir am Hafen sind, ist die Laderampe, die gerade eingeklappt wird und LKW Fahrer, die kurz davor sind, einen Mord zu begehen. Es nützt nichts, die Fähre ist weg, aber wir erfahren, dass um 16:30 eine weitere nach Patras ablegt. Nun versucht der Professor mich erneut in die Endlosschleife einzureihen, was ihm aber nicht gelingt. Ich habe Schaum vor dem Mund (was wer wegen des Mundschutzes aber nicht sehen kann), fluche auf Deutsch und ich bin mir sicher, dass er jedes einzelne Wort versteht. Auf jeden Fall darf ich direkt zum Schalter und kann auch ohne Probleme umbuchen.


Der Rest der Fahrt verläuft ohne weitere Verzögerungen und zwei Tage später erreichen wir um 6:00 Uhr Heraklion.
Um keine Panik zu verbreiten, die Menschen an Bord verhalten sich im Großen und Ganzen sehr vernünftig, halten Abstand wo es geht und tragen auch durchweg einen Gesichtsschutz. Das Personal ist bemüht und an den Grenzen haben wir keinerlei Probleme, weil wir sämtliche Bescheinigungen parat haben und vorzeigen können.


Das Einzige, was mir auffällt, sind die Straßenränder. Die letzten Male, als ich mit dem Auto nach Kreta reiste (ich schätze, dies hier ist meine achtzigste Fahrt) waren die Ränder im Winter mit Schnee oder im Frühjahr mit Grünklee bedeckt, der alles überwuchert. Jetzt, mitten im August, ist alles verdörrt und Schnee… (bei 30 Grad?). Demnach liegt überall der Plastikmist rum und ich frage mich frustriert, warum ein pfleglicher Umgang mit der Natur so schwer umsetzbar ist? Wann lernen wir Menschen es endlich, dass außer uns diesen Dreck kein anderer wegräumt und wir auch keine zweite Erde in der Reservekammer haben. Aber immerhin verschont uns das Tierelend, welches lediglich als grauer Schäferhund an einer Bushaltestelle pennt oder als zwei Siamkatzen auf einer Verkehrsinsel. Allerdings mit Futternapf, der die Frage nicht endgültig beantwortet, was diese beiden Katzen auf einer Verkehrsinsel zu suchen haben?

Aber am Ende unserer Tour öffnet sich wie von Geisterhand das Tor unseres NLR und wir sind im Paradies. 22 Jahre reise ich nun schon nach Kreta  und habe eine Minute nach der Ankunft angefangen zu arbeiten und erst wieder aufgehört, als ich mich beeilen musste, die Fähre oder das Flugzeug für die Heimreise rechtzeitig zu erwischen. Jetzt nehme ich Melanie in den Arm und wir beide sind entzückt von der Schönheit unserer kleinen Oase. Christina und Andi haben hier alles im Griff. Die Hundehäuser erstrahlen mit gefliesten Wänden, das Futterlager, welches durch Georges letzte Tour ziemlich aufgefüllt wurde, ist aufgeräumt und das Lager in unserem Haus ist von Andi komplett renoviert worden. Der Garten fasziniert durch ein grünes Lichtspiel und jeder Stein, jeder Baum, jeder Strauch und jede Blühte reiht sich in ein Ensemble ein, welches dem ganzen einen Reiz verleiht, wie ich ihn zuvor in einer Tierstation noch nie gespürt habe.

Es sind im Moment zwar nur wenige Patienten einquartiert aber als Christina uns begrüßt, dauert es nur eine halbe Minute und schon sind wir mittendrin im Tierschutz. Die einzelnen Notaufnahmen stellen wir Euch in den nächsten Tagen vor, heute wird erst einmal das Auto leergeräumt und die wundervolle, friedliche Atmosphäre genossen, die unser NLR ausstrahlt. Andi gesellt sich dazu und ob er es will oder nicht, er muss sich anhören, wie glücklich ich bin, ihn als Mädchen für alles an unserer Seite zu wissen. Diese Meinung vertritt übrigens jeder unserer Mitarbeiter!

Aber wir sind nicht hergekommen um rumzusäuseln, sondern um wichtige Dinge zu klären und Entscheidungen zu treffen. Melanie wird Antonia ablösen, die nach der Corona-Krise als erstes wieder auf Kreta kastrierte. Sie wird sich mit Julia Ricken verabreden, unserem neuen Stern am OP-Tisch.

Wir möchten möglichst viele Partner treffen, um zu hören, wie hart es sie in der Krisenzeit erwischt hat und wie der Förderverein Hilfe leisten kann. Hilfe, die Sie uns anvertrauen. Des Weiteren möchten wir die allgemeine Situation auf Kreta abschätzen können, denn nur so lässt sich eine Zukunftsplanung aufstellen. Wenn das in diesen Zeiten überhaupt möglich ist. Und ich möchte unseren Hausbesitzer treffen, um zu hören, ob ein Verkauf oder zumindest eine weitere Mietverlängerung möglich wäre. Melanie wird vom Ost nach West und wieder zurück fahren, um zu kastrieren was geht.
Liebe Grüße, wir melden uns später wieder,

Melanie und Thomas