Kreta - September 2020 - Haben Schutzengel Bärte?

Kreta - August 2020

Thomas Busch, Tierarzt und 1. Vorsitzender

Er ist der stärkste in unserem Kader. Wenn er seine Kraft in den Asphalt stemmt, kann ihn nichts mehr aufhalten. Unzählige Male half er auf Kreta oder in Deutschland und trug seine Last fast stolz von einem Ort zum anderen. Er half bei Kastrationseinsätzen, holte verletzte Tiere ab und brachte sie geheilt zum Flughafen, um sie in ein neues Leben zu schicken. Er wurde still und heimlich geliebt, gepflegt und war sicherlich einer der Wichtigsten im Team des Tierärztepools. Stets pünktlich, zuverlässig, unaufgeregt.
An seinem letzten Tag breitete er seine aufgeblähten Arme aus und tat das, was Ingenieure ihm beigebracht hatten. Wenn es ernst wird, rette Leben!

Antonia hatte sich bereit erklärt, ihre Assistentin Michelle selber zum Flughafen zu bringen. Die beiden hatten in wochenlang die gesamte Insel bereist und unzählige Tiere kastriert. Sie hatten sich kaum eine Pause gegönnt, zu viel Arbeit wartete, egal wo sie hinkamen, auf sie. Die Nächte waren lang und endeten viel zu schnell in den frühen Morgenstunden.

In dieser Nacht mussten die Beiden besonders früh aufstehen, denn Michelles Flug ging schon frühmorgens. Die beiden Frauen unterhielten sich während der Hinfahrt, lachten und freuten sich am Schalter, dass die Tiere, die Michelle mitnahm, ohne Probleme eingecheckt werden konnten. Eine letzte Umarmung und Antonia klemmte sich hinter das Steuer.

Es sind gute 50 Minuten zurück zum NLR. Die Nacht lag, gleichfalls wie die Straße, dunkel und fast einsam vor ihr. Nach 15 Minuten die rettende Tankstelle. Antonia kroch die Müdigkeit in die Augen. Ein Kaffee könnte da nicht schaden.

Aber die Wirkung hält nicht ewig. Meter für Meter kommt sie ihrem Bett näher. Ob sie sich noch einmal hinlegen kann? Lohnt eigentlich nicht, denn die Stationstiere wollen versorgt werden und wenn sie aufbleibt, kann sie Andi ein bisschen entlasten. Wach bleiben oder das kuschelige Bett? Es sind nur noch wenige Kilometer...

Es knallt entsetzlich. Das Steuer rutscht ihr aus der Hand. Der Wagen tanzt und hüpft einen widerwärtigen Tanz. Glassplitter fliegen ins Innere. Sekunden, die nie wieder zu rekonstruieren sind, sind in Millisekunden vorbei und dauern doch Stunden. Nach einer gefühlten Ewigkeit kommt der Wagen zum Stehen. Es knistert noch irgendwo und qualmt. Antonias Herz rast. Was war passiert? Sie wollte doch eben noch ins Bett gehen? Haben ihre Augenlider ihren Dienst versagt? Raus hier, denkt sie sich und versucht die Tür zu öffnen. Das geht aber nur mit ihrer rechten Hand, die linke tut weh. Sie klettert aus dem Auto, sieht nicht viel, ahnt aber so langsam, was passiert ist. Der große Grüne steht neben ihr, schnauft und raucht, versucht sie aber zu beruhigen. "Ich tat, was ich konnte, um Dich zu retten. Du hast bereits so vielen schwer Verletzten zurück ins Leben geholfen, dass es mir eine Ehre ist, das gleiche heute mit dir getan zu haben", sagt er und stirbt.

Es dämmert am östlichen Horizont. Antonias Beine schlottern noch immer. Sie steht mitten im Buschwerk und weiß nicht, was sie tun soll. Andi! Ihn wird sie um Hilfe bitten.

Als er am Unfallort eintrifft, wird beiden klar, welch großes Glück Antonia im Unglück hatte. Sie kam von der Straße ab, streifte einen von zwei massiven Strommasten, überrollte ein eingemauertes Verkehrsschild, flog über Stock und Steine und über zwei Mülltonnen und kam zwei Meter vor einem Steilhang zum Stehen.
Hätte sie die Strommasten frontal erwischt oder wäre zwei Meter weiter gerutscht…

Ihr ist nichts passiert. Der Mercedes-Bus hat gehalten, was er versprochen hat. Bis auf ein leicht geschwollenes Handgelenk hat Antonia alles gut überstanden.
Der Rest ist Bürokratie.

Zurück bleibt Erfahrung.
Und ein Team, welches bei der Nachricht komplett die Luft anhielt.
Und ein erster Vorsitzender der ebenfalls in den Morgenhimmel starrt und sich dann erinnerte, dass sein damaliger, viel zu früh verstorbener Freund und Vorstandskollege Andre Rössler auch immer ein Frühaufsteher war. Wer weiß, vielleicht hatte Antonia ja nicht nur pures Glück...

Außerdem frischt es die längst verheilte, alte Wunde wieder auf, als sein Leben vor etlichen Jahren auch von einem Vito gerettet wurde.

So ist die Entscheidung klar wie der Morgentau; das nächste Auto wird wieder ein sicheres!
Skeptikern dürften die Argumente ausgehen, die anderen können gerne helfen.

Thomas Busch