Kreta Juni 2019

Sonntag. Abflugtag.

Haben Sie Lust, mit nach Kreta zu kommen? Wollen Sie uns begleiten? Dann müssen Sie aber früh aufstehen. Um 7:35 Uhr geht der Flieger. Eine Dienstreise im Touristenbomber. Die Sonne schläft noch, als wir uns aus dem Haus schleichen. Machen wir Krach, wecken wir sämtliche Hunde auf, die inzwischen in der Nachbarschaft ein neues Leben begonnen haben. Ihr altes endete auf Kreta.

 

Nathan wurde heute Nacht von Gregor Uhl abgeholt. Fast hätte seine Anwesenheit unsere Reise gesprengt, denn es will ihn einfach niemand haben. (Nathan, nicht Gregor. Der ist vermittelt.) Dabei ist er zu einem richtigen Schatz geworden (beide). Gregor sprang in letzter Minute ein und kümmert sich um ihn, bis wir zurück sind. Melanie und mich zieht es dahin, wo die Not herrscht. Dort, wo die Hundebetten nicht existieren, die Kaustangen aus altem Holz bestehen und die Futternäpfe immer leer sind. Dorthin, wo die Touristen im Stundentakt Welpen finden und meinen, wir könnten ihnen helfen. Dorthin, wo eine Lösung gefunden werden muss, zwischen den Tierschützern, der Gemeinde, den lokalen Tierärzten und uns. Dorthin, wo im NLR Andi jede Unterstützung gebrauchen kann. Dorthin, wo die Arbeit nie endet.

11 Tage sind reserviert. Am gedeckten Tisch. Am gedeckten OP-Tisch. Melanie löst Antonia ab. Antonia hatte nach kurzer Pause Melanie abgelöst und anschließend ist wieder eine Kastrationspause. Unsere Mitgliederversammlung am Bodensee folgt. Alle Tierärzte und Helfer werden dort sein um Ihnen von den einzelnen Einsätzen hautnah zu berichten. Auch unser Freund und Kollege Dr. Herwig Zach wird über die Kapverden einen Vortrag halten. Zwischen Landung und der Versammlung haben wir einen Tag frei, den wir nutzen werden, um uns in der Schweiz mit dem Vorstand einer Stiftung zu treffen. Wann ich mich auf die Versammlung vorbereite? Ich habe, ehrlich gesagt, keine Ahnung. Aber so ist es ja immer. Die Stimmung ist trotz früher Stunde im Flugzeug toll. Der Kampf um die Handgepäckslücke oberhalb der Sitzreihen ist klassisch, ebenfalls wie das dichte Gedränge am Kofferband nach der Landung. Warum in Gottes Namen kann nicht jeder einen Schritt zurück machen und es wäre Platz genug, um beim Herunterheben der Koffer nicht sämtliche Kniescheiben der Mitreisenden zu demolieren? Ich werde es nie verstehen und bedauere insgeheim, dass wir keine Koffer dabei haben. Die Billigfluglinien, die um diese Jahreszeit Wucherlinien heißen müssten, verlangen ja sogar Geld für ein ordinäres Glas Wasser. Da bleiben die Koffer halt zuhause und wir schicken sie mit dem nächsten LKW-Transport mit. Das ist günstiger. So sitzen wir eingepresst in Sitzreihen und freuen uns auf Antonia. Ich habe sie lange nicht mehr gesehen, schließlich sind unsere Arbeitsplätze mehrere tausend Kilometer auseinander. Auch auf Andi freue ich mich und ich bin mir sicher, unsere Begrüßung beginnt mit einem „Hm“.

„Was ist heute für ein Tag?“, frage ich mindestens drei Mal Melanie. Es ist eben noch früh und ich bin schon 130 km gefahren. „Pfingstsonntag! Am Flughafen, auf Kreta und auch heute Abend noch“, antwortet sie ein bisschen gestresst.

Dann wird morgen in Rethymno operiert. Das wird spannend, denn bei unserem letzten Aufenthalt lernten wir ein junges Tierärzteehepaar kennen, die in Rethymno eine kleine Praxis eröffnet haben. Bei jeder Augenenukleation, was zum Verständnis nichts anderes heißt als „Auge muss raus“, gab es postoperative Probleme. Sie machten Fehler. Aber anstatt dem griechischen Stolz die Treue zu schwören, fragten sie bei uns nach, ob wir ihnen zeigen könnten, wie es lege artis gemacht wird. Und bei dieser gemeinsamen Arbeit entwickelte sich Sympathie. Diese Art des Zusammenfindens zwischen uns und einheimischen Kollegen passierte, verteilt über die Insel, in den letzten Monaten öfters. Eine großartige Entwicklung ohne feindschaftliches Konkurrenzdenken. Dem jungen Pärchen aus Rethymno haben wir angeboten, uns, kommenden Montag, bei der Kastrationsaktion zu begleiten und wir hoffen, dass sie mit dabei sind.

Dem Bürgermeister hatte ich einen netten Brief geschrieben, in dem ich die Zahlen der bereits unfruchtbar gemachten Tiere erwähne und mich für die nette Zusammenarbeit bedanke. Er hat sogar geantwortet und wenn wir einen Abend Zeit finden, treffen wir uns zu einem Kaffee. Und was sagt meine Sitznachbarin während des Fluges? Sie freut sich auch schon auf den Strand und das herrliche Wetter. Ich überlege kurz. Hat Kreta Strände…?

Antonia holt uns ab. Es ist schön, sie wiederzusehen. Die Abstände und die Entfernungen zwischen uns sind oftmals einfach zu lang. Aber was sollen wir tun? Sie guckt nach den ersten Sätzen beschämt zu Boden und beginnt mit ihrer Beichte. In ihr, eigentlich perfektes Deutsch baut sie immer mal wieder Wörter oder Sätze ein, die einem jegliche Basis entziehen, böse zu sein. „Ich habe den Vito gekratzt. Aber schon Braunol und ein Pflaster auf die Wunde getan.“

Übersetzt: unser alter Mercedes-Bus hat eine Delle mehr. Er ist inzwischen ein Rund-um-sorglos-Paket geworden, denn es gibt keine Seite die noch ursprünglich aussieht. Jeder unserer, oftmals jüngeren Fahrer(innen) hat ihn bereits nach seiner/ihrer Vorstellung ummoduliert. Mich stört es wenig, denn solange die Insassen heil bleiben ist Blech ersetzbar. Außerdem ist er uralt und darf ein paar Falten tragen. Ich weiß nur, dass neuere Autos erst einmal in Deutschland ihren Dienst tun, bevor sie zum „Kratzen“ nach Kreta dürfen. Und nachdem sie gebeichtet hat werden Vierräder durch Vierbeiner ersetzt. Melanie und ich bekommen, so scheint es zumindest, über JEDES Tier auf Kreta einen Gesundheitsbericht. Da gibt es die alte Katze aus Plakias, die noch lebt. Über die Nierenwerte von Ralle, dem Schäferhund aus Sitia wird fachlich diskutiert und selbstverständlich informiert. Ich bin von der riesigen Festplatte fasziniert, die meine Kolleginnen besitzen. Es scheint so, als wäre jeder Patient, egal wie lange seine Behandlung her ist, im Gehirn gespeichert. Auf ewig. Ich, der sich seit längerer Zeit mehr um die Organisation der Arche kümmert, als um die Patientenakten höre mit einem Ohr zu und schaue gleichzeitig aus dem Fenster und freue mich über die Schönheit der Insel. Ein Teil gefällt mir besonders, nämlich der, den ich sehe, als wir vor dem großen Tor halten. NLR steht dort auf einem Schild und ich fühle mich heimisch. Andi ist nicht da, unsere „Hm-Begrüßung“ muss bis morgen warten, aber seine Handschrift ist deutlich zu erkennen. Es ist noch nicht lange her, da sah ich bei jeder Ankunft die Arbeit, wie sie mich förmlich ansprang. Seitdem Andi mithilft, scheint es so, als könnte ich mich auch um andere Dinge kümmern. Zum Beispiel die Zeit finden, um Sie, liebe Tierfreunde, mitzunehmen.

Miriam und Jemima, zwei Praktikantinnen, haben ein kleines Essen vorbereitet und anschließend fährt ein Teil der Crew an den Strand. Ich muss da nicht mit (auch wenn es meiner Allgemeinbildung gut täte – ja, Kreta hat Strände!) denn ich bin alt und seit 3:00 Uhr auf den Beinen. Stattdessen drehe ich eine erneute Runde durch unsere Station und begrüße die Tiere, die sich hier erholen. Viele sind es nicht und das ist auch gut so. Ich betone es gerne nochmal, das NLR ist kein Tierheim, sondern ein Platz, an dem sich schwer verletzte Tiere von ihren Leiden erholen dürfen.