Kreta - August 2020 - Während Corona kein Leid?

von Antonia Xatzidiakou - Tierärztin

März 2020

„Ah, das wird schon nicht passieren, Sabrina“, hörte ich mich sagen. „Die können uns doch nicht einsperren. Wir arbeiten einfach weiter“. Drei Tage später suchte Sabrina eiligst nach einem Flug, der sie zurück nach Deutschland bringen würde. „Im schlimmsten Fall bleibst du hier und wir kastrieren heimlich weiter…“

Mai 2020

Sabrina und der Rest der Helfer vom Rhodos-Kastrationsteam hatten die Insel so gerade noch verlassen können. Der Einsatz wurde wegen Corona doch tatsächlich abgesagt. Komische Zeiten durften wir erleben, die man sich zuvor nie hätte vorstellen können. Auf selbstverständliche Freiheiten und Gewohnheiten mussten wir verzichten und warten, bis die Welt wieder normal werden würde.

Juni 2020

Immer noch komische Zeiten. Ein Lächeln wird hinter einer Maske versteckt, und die freundliche Nähe beim Händereichen ist etwas Verbotenes. Trotz allem buchte ich unverzüglich, einen Tag nachdem die Regierung grünes Licht gegeben hatte, meinen Flug nach Kreta. In meinem Kopf schlugen die Zahlen Purzelbäume. Pro Tag hätte das Arche-Team ohne diese blöden Einschränkungen, über 100 Tiere unfruchtbar machen können und damit 500 potentielle Leiden erspart.
Aber uns waren die Hände gebunden. Und gerade deshalb sitze ich jetzt aufgeregter als sonst im Flieger und hoffe auf einen gewohnten Alltag. Mit mir kommen Stavrula und Helgi - zwei Quarantäne-Glücksfälle in Coronazeiten. Sie wurden auf Kreta angefahren und beide erlitten Becken- und Beinfrakturen. Durch Glück und eine gut organisierte Hilfekette wurden sie von Kreta zum Festland transportiert, dort operiert und erholten sich anschließend bei mir. Da ich während dieser Zeit aber keine Flüge nach Deutschland fand, begleiten mich die Beiden jetzt nach Kreta um von dort mit Sabrina zurückzufliegen. Kompliziert, aber möglich. Ist bei uns ja immer so. Und einfach wegschauen, Quarantänezeit hin oder her, war bei uns noch nie angesagt.

NLR

Unserer Station hat die Corona-Zeit nichts anhaben können. Alles ist perfekt wie immer.
Andi war fleißig und hatte trotz der Sperrmonate alles im Griff. Unsere Tiere begrüßen mich rund und gutaussehend und ich freue mich über die gefliesten Wände im Hundetrakt. Nur ein Monster aus Kartons, voll mit Equipment, welches mit dem letzten Transport ankam, hatten wir noch zu besiegen.
Es gab keine Zeit zu verlieren, denn durch die Reisebeschränkungen der letzten Monate waren wir mit unseren Plänen eh etwas in Rückstand geraten. Bis zu der Ankunft von meinen wertvollen Schwestern Sabrina und Christina machte ich mich auf den Weg nach Agios Nikolaos.

Dort begann endlich unsere erste Postcorona-Kastrationsaktion. Alles lief wie gewohnt und jeder war froh, dass es wieder weiterging. Aber leider ging es auch mit den schlechten Gewohnheiten weiter. Unter unserem, als Tierschutz-Auto gut erkennbaren Bus hatte jemand einen Welpen ausgesetzt. Es guckten mich, als Ergebnis unserer monatelangen Abwesenheit, traurige Augen fragend an. Zusammen mit dem Equipment, Stavrula und Helgi packte ich auch kurzerhand den kleinen Timon ein und fuhr zum Flughafen, um meine besten Assistentinnen abzuholen. So konnte die Tour weiter gehen. Sitia, Irapetra, Rethymno, Plakias, Tsivaras und Palleochora warten noch. Wir kamen zu sechst...
Wie eine kleine Familie beim Umziehen haben wir alle unsere Partner besucht und die gewohnten Kastrationsaktionen in den Gemeinden durchgeführt. Es gab wie immer mehr als genug zu tun. Und jetzt erst recht! Die Quarantäne-Zeit war für die Tierschützer katastrophal

Ohne Adoptionen und ohne die Möglichkeit, Tiere auszufliegen, überschritten alle ihre Kapazitäten. Alle Zwinger überfüllt, täglich neue Hilferufe, das Futter für alle war knapp, das Geld ging zur Neige und wegen der aussichtslosen Situation lagen die Nerven der Tierheimbetreuer blank.

Hinter jeder Gemeindekliniktür, die wir betraten, konnte ich die Erleichterung spüren. Mit jedem Nadelstich wusste ich dass wir es wieder hinbekommen würden, zur Normalität zurückzufinden. Die Tage verflogen und aus ihnen wurden Wochen. Vier Wochen, in denen der Wert unserer Arbeit von neuem klar ersichtlich wurde, denn ohne kontinuierliche Kastrationen gewinnen Überpopulation und mit ihr Hunger, Krankheiten und Leiden schnell wieder Überhand. Und eins hatte die Corona-Zeit nicht verändert, es war alles noch genau wie früher: Leid, Hunger, Krankheiten und armselige Kreaturen die nach Rettung suchten.

Wie immer haben wir eine Sammlung von geschwächten, kranken und leidenden Patienten aus jeder Ecke der Insel mitgenommen. Vier Wochen, in den wir endlich weiter machen konnten was wir am besten können: Leben retten und Leben ändern.
Trotz Unsicherheit, trotz Masken, trotz sozialer Distanz, trotz dem Geruch von Antiseptikum bleibt eins ganz sicher: die Dankbarkeit in den Augen der Tiere ist heller als jene dunkle Zeit die wir zusammen mit Eurer Hilfe zurück lassen.
Und jetzt geht’s weiter!
Eure Antonia