Scar - ein Strassenhund auf Kreta - Noveber 2020

Dr. Melanie Stehle - Tierärztin

Scar lebt vor den Toren des ehemaligen Schlachthofes von Ierapetra auf Kreta, in dem wir unsere Kastrationskampagnen durchführen. Als wir mal wieder dort arbeiten, erwartet er uns. Man könnte meinen, er konnte sich noch an uns erinnern, an den Tag von damals, als erneut ein Messer an seinen Körper angelegt wurde. Diesmal aber in Narkose und so, wie es sich für eine Operation gehört. Es war schwierig, ihn einzufangen, denn das Vertrauen zu Menschen hatte gelitten. Wer seine linke Körperhälfte genauer betrachtet, kann sich vorstellen, weshalb.
Nach der Operation wandelte sich seine Einstellung schlagartig. So, wie wir es schon bei vielen Hunden erlebt hatten, hob er seinen Kopf, scannte die Umgebung und war von da an der Auffassung, dass Menschen aus der Nähe viel netter aussehen, als aus weiter Entfernung.
Nach seinem kompletten Wachwerden, hatten wir große Mühe, ihn aus dem OP-Raum herauszuhalten, denn, sobald die Tür auch nur kurz geöffnet wurde, besuchte er uns. Dann wollte er ein Leckerli und legte sich zu uns. Willkommen in meinem Rudel!
Ich ließ ihn zurück, aber meine Gedanken blieben bei ihm. Immer wieder dachte ich kreuz und quer, überlegte, verwarf, vermittelte ihn in Gedanken und fand letztendlich doch kein Zuhause, da es immer wieder dringendere Fälle gab.
Ein Wächter im NLR? Ein Hund für immer? Warum nicht? Auch hier, außerhalb des Schlachthofes rannte er nicht weg, auch hier musste ihn kein Zaun aufhalten oder ihn ein Tor einschließen. Seine Freiheit war ihm offenbar nicht so viel Wert.
Auch heute steht er wieder vor mir. "Wo warst du die ganze Nacht? Ich habe auf dich gewartet" strahlt er mich regelrecht an und verlangt sein Frühstück. Wir beide kuscheln wenige Minuten, die uns beiden unendlich guttun. Dabei schweift mein Blick zu den Hunden im alten Schlachthof, die eingesperrt sind und das Wort Geborgenheit nur erahnen können.
In diesen Momenten ist die Welt so schwer, ihre Ungerechtigkeit so tragisch. Wem sollen wir helfen? Ich drücke Scar und begebe mich in den OP. Hier kann ich helfen!

Heute sitze ich in Deutschland an meinem Schreibtisch und denke mal wieder an all die, die  noch nicht vermittelt worden sind. Die sechs "etwas schwieriger Einschätzbaren aus dem Tierheim Tsivaras. An die Insassen des "Schlachthofes". Aber vor allem an Scar. Liegt er hungrig unter den Olivenbäumen und wartet auf uns? Oder hat er uns längst vergessen, war auch ich nur ein kurzer Lichtstrahl in seinem Leben?
Seine Gedanken werden sein Geheimnis bleiben, gleichfalls wie seine entsetzlichen Narben.
Aber meine Gedanken sind in diesem Moment, in dem ich sie in meinen Computer tippe, kein Geheimnis mehr.
Sollen sie auch nicht. Ich versuche nur zu helfen in einer Zeit, die uns auf Kreta in Fesseln gelegt hat.
Wer also Interesse an Scar haben könnte, darf sich gerne bei mir melden. Natürlich ist das Ganze mit einem großen Risiko behaftet, denn ich kenne Scar nur von kurzen Begegnungen. Und ich weiß nicht einmal, ob er noch lebt und ob er noch im Olivenhain vor dem alten Schlachthof wohnt.
Aber ich bin mir ziemlich sicher, dass er ein liebenswerter Schatz ist, der aufgrund seiner Narben nie wieder etwas Schreckliches erleben sollte.

Ihre Melanie

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melanie@tieraerztepool.de