Von Hunden, Menschen und Vorurteilen
Ein Bericht von Dr. Marga Keyl | Tierärztin
Bei einer kürzlich auf Kreta durchgeführten Kastrationsaktion wurde uns eine 14jährige Hündin mit einem riesigen Tumor an der seitlichen Brustwand vorgestellt. Die Hündin war schon vor einigen Jahren kastriert worden, der Besitzer war ein älterer Herr aus einem der umliegenden Dörfer. Er erzählte uns, dass der Tumor seit einem Jahr wächst, aber damals viel kleiner war.
Der Tumor war wirklich riesig, ich glaube es war der größte, den ich jemals operiert habe. Er war nicht abgrenzbar, das heißt er zog in die Brustmuskulatur hinein. Ich erklärte dem Besitzer, dass die Chancen minimal seien. Selbst wenn ich den Tumor entfernen könne, bestünde die Gefahr, dass nicht genug Haut übrig ist, um die Wunde zu verschließen oder dass die Naht nicht hält. Ich sah Tränen in seinen Augen, sah wie er schluckte. Und er bat mich inständig, wenn es auch nur eine minimale Chance gäbe, es zu versuchen. Also versuchte ich es.
Ich schaffte es tatsächlich, den Tumor zu entfernen. Ich musste mehrere Muskeln durchtrennen, die Haut konnte ich nur mit Hilfe von Entlastungsschnitten zusammennähen, denn sie stand unter extremem Zug. Wir entschlossen uns, die Hündin mit ins NLR zur weiteren Versorgung zu nehmen. Ich erklärte dem Besitzer, dass die Naht eventuell aufgehen könne und die Hündin noch weitere Medikamente benötige. 10 Tage lang behielten wir sie bei uns, machten täglich Verbände, cremten die Haut ein, damit sie nicht zu sehr austrocknet und ihre Elastizität nicht verliert.
Am Anfang war das bestimmt sehr schmerzhaft, man sah es ihr an. Sie bewegte sich nicht viel und fraß nur spärlich. Trotzdem begrüßte sie uns jeden Tag schwanzwedelnd an der Zwingertür und wurde immer agiler, bis sie am Ende kaum noch zu halten war. Die Naht hat tatsächlich gehalten, die Wunden der Entlastungsschnitte befinden sich in Heilung. An Tag 10 übergaben wir sie wieder ihrem Besitzer und konnte sehen, dass die beiden ein ganz besonderes Verhältnis haben.
Nun fragen Sie sich sicherlich, warum er nicht schon früher einen Tierarzt aufgesucht hat-und diese Frage stelle ich mir auch. Als Außenstehender ist es einfach zu sagen "Das ist ein schlechter Mensch, er kümmert sich nicht um seinen Hund". Vielleicht war es aber auch Unwissenheit, vielleicht war es Geldmangel. Ich weiß es nicht, doch ich versuche, die Menschen in solchen Situationen nicht vorzuverurteilen.
Was ich gesehen habe war, wie sehr der alte Mann in Sorge um seinen Hund war. Ich habe die Tränen in seinen Augen gesehen und ich weiß, daß er zwischendurch weggegangen ist, um nicht in der Öffentichkeit zu weinen. Wir kennen die Situationen der Menschen nicht, deren Tiere zu uns gebracht werden und manchmal sind wir zu schnell damit, Urteile zu fällen.
Ich bin sehr dankbar, dass wir seiner Hündin eine Chance geben konnten - die Arche Chance - und sie hat sie genutzt.