Vom Scheitern an der Realität - Arbeitspferde Rumänien November 2021

Ein Bericht von Gregor Uhl, Hufschmied

Vögel zwitschern. Hinter mir klopft unermüdlich der Specht an die Baumrinde. In der Ferne sehe ich die Schafe am anderen Berghang mit dem Schäfer ziehen. Ein idyllisches Bild.
Ich sitze auf der Terrasse unseres Gastgebers in Sapartoc, dem kleinen rumänischen Dorf, in dem die zwei Esel ihr Zuhause gefunden haben. Die Sonne scheint mir auf den Rücken, der Raureif verschwindet gerade von den Gräsern.

Ich nehme den Laptop auf meinen bis zu den Knien schlammverschmierten Schoss und blicke auf das Handy. Der Kontrast zur friedlichen Morgenstimmung könnte schärfer nicht sein. Hier ein bukolisches Idyll, in meinem Computer Bilder wie aus einem Kriegsgebiet. Zerfetze Hinterläufe, Tumore, blinde Katzenwelpen. Ich muss das Postfach dringend aufarbeiten. Ein Bericht von Marga ist im Spamordner verschwunden, Nina fragt, wann die Welpen zur Vermittlung online gehen, Antonia bittet mich per SMS, im Labor anzurufen und einen Befund nachzufordern.

Ich lasse die letzte Woche Revue passieren. Wir sind ein weiteres Mal angetreten, um für die Arbeitspferde Verbesserungen zu realisieren. Motiviert, das Auto wie immer voller Spenden - Pferdematerialien, dieses Mal aber auch Kinderkleidung und -schuhe. Die Erfahrung beim letzten Besuch zeigte, dass auch 2021 und in der EU Kinder knöcheltief im Schlamm stehen und vor Kälte zittern. Ein kleiner Aufruf im Umfeld von Thomas, und ruck-zuck türmten sich die Spenden.

Ich würde jetzt gerne von einer effektiven und durchstrukturierten Woche berichten. Kann ich aber nicht. Wir sind dieses Mal ziemlich an der Realität abgeprallt.

Wir fuhren in die Siedlung, um bei den Ärmsten der Armen die Pferde zu beschlagen. Wir kennen den Ort, die Menschen kennen uns. Die ersten Pferde kamen. Das erste, Mircea, ein braver Schimmelwallach, war kein Problem. Er bekam seinen Beschlag und schon zwei Stunden später trabte er mit einem Wagen voller Holz aus dem Wald kommend an uns vorbei. Doch dann kamen die zwei Doras. Dora eins, ein ca. zehnjähriges, leichtes Pferd - eher ein Pony - hatte hinten rechts eine Problematik am Huf, die wir ohne erweiterte Diagnostik nicht exakt einschätzen konnten. Vermutlich ein Bänder- oder Sehnenriss. Das Bein durchtrittig, der Huf ohne jede Stabilisierung. Dann geht das Erklären los. Dieses Pferd sollte nicht mehr arbeiten, wir können nicht helfen. Auch in Deutschland wäre Hilfe bei solch einem Fall schwierig. Die nächste Dora kannten wir inklusive ihrer Lahmheit bereits vom letzten Besuch. Auch hier war es ohne Diagnostik nicht möglich, etwas zu tun. Ein Beschlag mit Platte und Silikonpolster war der Versuch, ihr das Laufen erträglicher zu machen. Auch sie wird arbeiten müssen.

Tierärztin Yvonne verteilte derweil Gebisse, Zäume, Halfter, Decken und Führstricke. Die Situation eskaliert, die Kinderschar bedrängt uns derart massiv und hält keinerlei (immer wieder geduldig eingeforderten) Sicherheitsabstand beim Arbeiten am Pferd ein, sodass wir nach dem dritten Pferd die Arbeiten einstellen. Zu groß die Gefahr für Mensch und Tier, in solch einem angespannten Umfeld zu arbeiten. Unvorstellbar, käme hier jemand zu Schaden.

Die Heimfahrt. Auf dem schmalen Waldweg kommt uns eine Kutsche in vollem Galopp entgegen, beladen mit Holz, drei Teenager auf dem Bock. Sie haben die Kontrolle verloren, wir sind längst rechts zur Seite gefahren - so weit wie möglich - aber das Unheil nimmt seinen Lauf. Wir sehen die Kutsche, ihren vorbestimmten Weg und den Betonschacht, der im Weg ist. Bleiern vergeht eine Sekunde und wir müssen zusehen, wie die Kutsche von der ca. 30 cm hohen Betonkante ausgehebelt wird. Holz und Menschen fliegen durch die Luft und knallen direkt neben unserem Auto zu Boden. Die Kutsche ist nicht gekippt, das Pferd rast ohne Unterlass davon.

Wir helfen den Jungs, das Holz zur Seite zu räumen. Zwei rennen direkt der Kutsche hinterher - mit nur einem Schuh, humpelnd. Der dritte erklärt uns, das Pferd sei "nebun" - verrückt. Also vermutlich durchgegangen.

Der Schock bei uns sitzt tief - an einem Tag zwei wirklich brenzlige Situationen. Abends diskutieren wir, wie wir weitermachen und kommen zu dem Schluss, dass wir nicht nochmal in der Siedlung und im dort entstehenden Chaos arbeiten mögen. Wir sehen die Erlebnisse als Schuss vor den Bug und ziehen die Konsequenzen.

Am nächsten Morgen kommt ein netter junger Mann, den wir bereits länger kennen, mit seinem 14-jährigen Hengst zum Beschlagen nach Sapartoc. Ruhige Worte, kein Chaos, ein entspanntes Pferd, das seinem Besitzer vertraut. Er hat das Pferd vom Fohlen an, und man merkt das enge Verhältnis der Beiden.
So möchte ich mir das vorstellen, Pferd und Besitzer ein Team, die beide füreinander da sind. Der junge Mann erklärt uns, ihm tue der Rücken weh - er arbeitet in Deutschland als Spargelstecher in der Saison. Wir versorgen das Pferd nicht nur mit einem ordentlichen Arbeitsbeschlag, sondern auch mit Decken, einem neuen Fahrzaum und Halfter.

Wie geht's weiter? Wir müssen weiter an den Strukturen arbeiten und einen neutralen Ort schaffen, zu dem die Menschen mit ihren Pferden zum Beschlagen und für tierärztliche Behandlungen kommen können. Ein solcher Ort existiert im Moment leider noch nicht.

Vielen Dank an alle Spender - sowohl von Pferde- als auch von Kindersachen! Die Kindersachen wurden übrigens zur Verteilung an Bekannte hier übergeben, die sich darum kümmern, dass diejenigen, die sie am nötigsten haben, diese bekommen.